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Comicverfuehrer

Im Himmel wartet die Cloud: Der kluge Debattencomic „Die Summe seiner Teile“ macht Verstorbene verfügbar

Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt
Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt

Dies ist eine kleine Rarität, und deshalb muss sie hier rein – obwohl sie auch Schwächen hat: „Die Summe seiner Teile“ ist ein deutscher Comic, der richtig hinlangt. Was ich meine? Naja, deutsche Comics sind gern vorsichtig, abwägend, behutsam. Entschlossen sind sie meist nur, wenn sie sich auf der richtigen, der „guten“ Seite fühlen. Aber das ist bei diesem Thema noch nicht möglich: das künstliche Leben nach dem Tod. Trotzdem gehen Julia Zejn und Matthias Lehmann richtig in die vollen. Sehr schön!


Der ganz persönliche Upload


Wir sind ein bisschen in der Zukunft. Joshua wird sterben. Aber es besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einem Pilotprojekt: Empfinden und Denken würden in einen Computer hochgeladen. Und stünden dann seiner Freundin Mara zur Verfügung. Joshua sagt ja. Mara auch. Los geht’s, fast schon halsbrecherisch.


Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt
Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt

Dies ist eine kleine Rarität, und deshalb muss sie hier rein – obwohl sie auch Schwächen hat: „Die Summe seiner Teile“ ist ein deutscher Comic, der richtig hinlangt. Was ich meine? Naja, deutsche Comics sind gern vorsichtig, abwägend, behutsam. Entschlossen sind sie meist nur, wenn sie sich auf der richtigen, der „guten“ Seite fühlen. Aber das ist bei diesem Thema noch nicht möglich: das künstliche Leben nach dem Tod. Trotzdem gehen Julia Zejn und Matthias Lehmann richtig in die vollen. Sehr schön!


Der ganz persönliche Upload


Wir sind ein bisschen in der Zukunft. Joshua wird sterben. Aber es besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einem Pilotprojekt: Empfinden und Denken würden in einen Computer hochgeladen. Und stünden dann seiner Freundin Mara zur Verfügung. Joshua sagt ja. Mara auch. Los geht’s, fast schon halsbrecherisch.


Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt
Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt

Denn die Zeit ist reif. Die Sehnsucht, geliebte Sterbende zu behalten, ist ein superstarkes Motiv, das weiß jeder, der in der Situation war. Es wird aber nicht so oft genutzt, wenn man von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ absieht. Plus: Heute braucht’s keine Magie mehr. Menschen halten Beziehungen zur KI für möglich, manche führen sie bereits. Zejn/Lehmann halten sich also nicht lange mit dem „wie“ auf. Sie spielen drauflos. Vieles ist gut gemacht.


Am Toten wird noch gerechnet


Zum Beispiel die Lustangst. Es dauert ein bisschen, bis der digitale Joshua fertiggerechnet ist. Bis man ihn auf den Laptop geladen hat. Mara wartet erst ungeduldig, hat dann Angst ob es klappt und wie es klappt. Dann kriegt sie Joshua am Bildschirm. Die KI rechnet dort seine Bewegungen hoch, das ist schon mal verlockend. Und gut gemacht ist, was Zajn/Lehmann alles NICHT erklären.

Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt
Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt

Denn selbst in den gelungensten Momenten ist Joshua keine eigenständige Person mehr, sondern jemand, der immer da ist, wenn man ihn einschaltet. Der vieles Nervtötende echter Menschen gar nicht tun kann, wie die Spülmaschine falsch einzuräumen. Zejn/Lehmann wollen auch real bleiben, also kriegt Joshua kein Horror-Eigenleben. Es bleibt schwer zu sagen, was er tut, wenn Mara ihn nicht anknipst – stattdessen bleibt der Comic bei dem, was wir wissen: Wie verhält sich Mara?


Gute Fragen statt halbgarer Lösungen


Über manche Lösungen kann man streiten: Wäre es besser gewesen, auch noch einen Körper hinzuzufügen? Warum fragt Mara Joshua so wenig nach dem, was er „macht“? Warum fragt Joshua Mara so wenig nach dem, was sie denkt, während sie mit dem Bildschirm/Kopfhörer redet? Aber genau darum geht’s doch: Frag dich selbst. Was würdest du anders machen, was besser, was genauso?

Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt
Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt

Die rund 120 Seiten sind dafür eine richtige Länge. Es reicht, um die Frage ernsthaft aufzuwerfen und dann an den Leserkopf zu übergeben. Lehmanns kräftige Zeichnungen, halb Reinhard Kleist, halb Bastien Vivès, lassen viel Platz für Interpretation und Gefühl, weil sie zugleich auch nicht zugetextet sind. Noch so eine weise Entscheidung: keine endlosen Debatten, stattdessen präsentiert der Comic die Motive, die zu dieser Situation führen.

Mitreden, bevor die Musks entscheiden

Aber was ist jetzt richtig? Wo ist jetzt die Gebrauchsanweisung?

Genau das ist der Punkt: Wir müssen sie selbst entwickeln. Und wenn wir es nicht tun, kriegen wir das angeboten, was bizarre Figuren wie Elon Musk oder Peter Thiel für die beste Lösung halten. Die wird dann definitiv eines nicht sein: gut.





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Die Outtakes (40): Mit vielen schönen Autos, 1 mysteriösen Absturz und 1 pupsenden Hofnarren

Illustration: Matz/Philippe Xavier - Splitter Verlag
Illustration: Matz/Philippe Xavier - Splitter Verlag

Fuzzys Comeback


Vielleicht war’s die Sehnsucht nach gutem alten Radau? Vielleicht der schnittige klassische Plymouth Fury auf dem attraktiven Cover? „Der Schatz der Geisterstadt“ verführt jedenfalls zum Reingucken, stellt aber erzählerisch nur mäßig zufrieden. Obwohl sich Szenarist Matz diesmal textlich mehr zurückhält als im Vorgänger „Die Schlange und der Kojote“ – was die Geschichte stellenweise eleganter wirken lässt als sie ist. Klug ist es auch, die Stärken von Zeichner Philippe Xavier auszuspielen: Dialoge, Action sind nicht so sein Ding, aber Landschaften, schöne Seitenaufteilungen und Autos – da blüht er auf. Und so liest man sich halb hingezogen durch die Gangsterballade. Ob’s was für Sie ist? Ich mach’s mal an der (überholten/nostalgischen) Figur des spinnerten Alten fest, die hier fröhliche Urständ feiert: Wenn Sie sowas nicht stört, wenn's gar den Spaß erhöht, wenn Sie mit Freuden Sam Hawkens oder Fuzzy Jones auf der Leinwand verfolgen, greifen Sie zu.



Der Crash von Flug 111

Illustration: Talel Aronowicz - Helvetiq
Illustration: Talel Aronowicz - Helvetiq

Familiäres Verhalten kann rätselhaft sein, spannend, Schweigen ist dabei oft besonders geheimnisvoll. Verpflichtend ist das allerdings nicht: In „Flug 111“ erörtert Talel Aronowicz das Verhalten ihrer Familie nach dem Tod ihrer Großeltern bei einem tragischen Swissair-Absturz 1998. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Es gibt Mitreißenderes. Woran’s liegt? Vor allem daran, dass Aronowicz die Folgen entweder nicht klar ausarbeitet oder, weit wahrscheinlicher, diese eher unscheinbar sind. Das Thema „Schweigen“ wurde bisher meist beim Holocaust, bei Misshandlungen oder Familiendramen thematisiert, hier haben wir einen Unfall, für den niemand was kann. Ja, keiner redet groß drüber, aber es gibt auch nicht viel zu enthüllen. Weshalb anschließend auch keine besondere Katharsis zu beobachten ist. Klar: Jeder soll und darf trauern, wie er will. Die Gesetze des Buchmarkts hebelt das aber nicht aus.


Fassungslos belustigt

Illustration: Ville Ranta - Reprodukt
Illustration: Ville Ranta - Reprodukt

Wo soll man diesen Ville Ranta einsortieren? „Wie ich Frankreich erobert habe“ war eine schöne, zielstrebige Frechheit, so einfach macht es einem „Wie der König den Kopf verlor“ nicht. Ranta erzählt ein modernes Märchen von einem König in einem maroden Schloss, er hängt Episode an Episode, alle führen nirgendwo so recht hin. Aber gleichzeitig vermitteln seine sfarhaft hingeschluderten munteren Zeichnungen einen rücksichtslosen, obszönen, derben, rüpelhaften Plauderton, dass man fassungslos belustigt zusieht, wie die halbverweste Königinmutter durchs Loch im Toilettenboden in die Schlosskloake stürzt. Eine unerwartete Mischung, die man weder als Quatsch abtun noch als weise bejubeln kann. Man muss den Autor und den Verlag zum Mut beglückwünschen, aber – Himmel, wo sortiert man sowas ein??


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Die Outtakes (39): Diesmal mit 1 Comic-Legende, 1 gezeichneten Zwölftonmusik und 1 kinderfreundlichen Wuchtbrumme


Illustration: Moebius - avant-verlag
Illustration: Moebius - avant-verlag

Nerdiger Garagenfund


Moebius und ich finden wohl nicht mehr so recht zusammen. Das ist auch bei „Die hermetische Garage - Jäger und Gejagter“ nicht anders, einer deutschen Erstveröffentlichung. Optisch klappt das alles noch gut, den skurrilen Landschaften und Personen der Comic-Legende folgt man gern. Aber die Handlung… das ist schon nerdy im Quadrat. Hauptfigur Major Gruber muss sich einer mentalen „Nachsteuerung“ unterziehen, die dafür zuständige „Steuerfrau“ nimmt „eine Osmoplastase paradoxaler Sequenz vor“, und so geht das weiter. Moebius kippt eimerweise erfundenes Fachchinesisch über den Lesern aus, es erinnert an die Geheimsprachen von Teenagern: Wer sie nicht kennt, kann halt nicht lachen, Pech für alle, die den Begriff der „hermetischen Garage“ nicht für einen unglaublichen Brüller halten. Es hilft auch nicht gerade, dass Moebius soviele Künstler beeinflusst hat, die einem ständig einfallen – und die mehr aus seiner Kunst gemacht haben. Geof Darrow hat die absurden Bildwelten auf die Spitze getrieben und mit schwarzhumoriger Gewalt geschickt unterfüttert. Charles Burns hat das unheimlich-beklommene perfektioniert, Enki Bilal und Star Wars haben den Stil gewieft kommerzialisiert, Gerhard Seyfried anarchisch humorisiert. Für Moebius selbst bleiben da nur die Verdienste des sehenswerten Pioniers.



Wo sich der Kult vom Weizen trennt

Illustration: Anke Feuchtenberger - Reprodukt
Illustration: Anke Feuchtenberger - Reprodukt

Feuchtenberger spaltet diesmal gleich doppelt, wegen dem Titel: „Der Spalt“. Gesammelte Kurzgeschichten im Großformat sind drin, Feuchtenberger assoziiert recht frei zu Aufenthalten in Paris, Rom, ihrem Hund. Es ist wieder sehr viel Kunst und Kunstwille im gar nicht mal so bunten Kessel, aber das gehört hier halt zum Konzept: dass das Publikum nicht immer die erste Priorität hat. Gibt’s ja öfter, bei Film, Malerei, Theater, Pop. Ist ein bisschen wie bei der Zwölftonmusik. Aber da trennt sich halt auch der Kult vom Weizen: Entweder man ist Fan. Oder man reibt sich das Kinn und sagt: „Hmm, interessant.“ Oder man tut nicht mal das. Weil es so viele Comics gibt, die unterhaltsamer sind und trotzdem nicht komplett kunstfrei.


Gas geben statt Nachdenken

ZURÜCK ZUR NATUR MIT 18.000 PS          Illustration: Jakob Martin Strid - Antje Kunstmann Verlag
ZURÜCK ZUR NATUR MIT 18.000 PS Illustration: Jakob Martin Strid - Antje Kunstmann Verlag

Ein Phänomen: Dieser Band ist so schön wie verheerend, kein richtiger Comic, aber geht in die Richtung und, vor allem, verkauft er sich trotz Hochpreis (68 Euro) wie geschnitten Brot. Es könnte also was für Sie sein! Weil: Die Optik ist beeindruckend, Robert Crumb meets Janosch meets Ali Mitgutsch. Der Däne Jakob Martin Strid nimmt uns in „Der fantastische Bus“ mit in eine Stadt der Zukunft, die aussieht wie eine der Gegenwart, böse Unternehmer reißen die Häuser der Guten einfach ab, die daraufhin mit einem Superbus wegfahren, um nebenbei eine Wunderblume zu finden, mit der alle Menschen gesund werden. An vielem dabei kann man sich kaum sattsehen, im Gigaformat werden Häuser und vor allem der Bus ausgebreitet, zerlegt, mit so vielen Details, wie man es sich als jetziges und einstiges Kind nur wünscht. Zugleich ist der Band ein derartiger Batz von Wohlfühlquatsch und Realitätsverweigerung, dass einem die Augen tränen. Und das nicht nur, weil er in einer Welt spielt, die problemlos einen Atomkrieg überlebt hat. Er beklagt die Umweltverschmutzung der Städte und findet die Lösung in einem Bus mit gigantischen Diesel- und Benzinmotoren, die auch eine Klimaanlage befeuern. Mit dem Mega-Treibhaustriebwerk fahren wir alle aufs Land in die herrliche Natur, dort rauchen wir einen Joint und alles ist gut, weil… ??? Wieso fahren eigentlich nicht längst alle in die herrliche Natur? Und warum liegt nach dem Ende der Welt die ganze Natur noch so herrlich herum? Man darf angesichts der überwältigenden Ausführung vor allem eins nicht: nachdenken. Weil einem dann der Mund offen stehen bleibt, wie Strid hier ohne Not lauter Probleme halbgar bis scheinbar anspricht und dann mit 18.000 PS überrollt. Aber Nachdenken ist ja kein Muss. Wer mag, gibt einfach Gas.






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