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Comicverfuehrer

Die Premium-Klasse des politischen Cartoons: Was der Band „Zensur in Amerika“ über Zustand und Zukunft der USA verrät


Wenn Sie wissen wollen, was politische Karikatur kann (und was nicht), gibt es gerade kaum Besseres als den Band „Zensur in Amerika“. Wobei der Titel ein wenig irreführend ist: Die Cartoons darin durften alle erscheinen. Etwas anderes dagegen zeigt der Band um so präziser.


Cartoon-Cancelling


Erstellt haben ihn Ann Telnaes und Patrick Chappatté. Chappatté ist Schweizer, zeichnet(e) für NZZ oder New York Times, bis letztere ihre Cartoons komplett einstellte. Ann Telnaes ist die Karikaturistin, die nach dem Start von Trump 2.0 die Tech-Riesen (und Jeff Bezos) für deren Kniefall cartoonistisch anprangerte, was ihre Hauszeitung „Washington Post“ (gehört Bezos) nicht veröffentlichte. Weshalb Telnaes kündigte. Chappatté ist oft richtig gut. Aber die eigentliche Entdeckung ist Telnaes.

Illustration: Ann Telnaes - Splitter Verlag
Illustration: Ann Telnaes - Splitter Verlag

Jemand, der seit 1996 regelmäßig Preise einheimst, muss entdeckt werden? Ja, auch weil deutsche Medien (gern/zu Recht/gewohnheitsmäßig?) regionale Cartoons nehmen. Und von denen (aus Ahnungslosigkeit? Zimperlichkeit?) nicht verlangen, was sie bei Telnaes lernen könnten: die Kunst des erbarmungslosen, zielsicheren, bitter-schmerzhaften Cartoons.


Des Kaisers alte neue Kleider


Illustration: Ann Telnaes - Splitter Verlag
Illustration: Ann Telnaes - Splitter Verlag

Eine Ahnung davon vermittelt schon Telnaes’ Trump: Ein klobiges Sinnbild der verbitterten, sackartigen Missgunst mit einem karpfenartigen Kopfklumpen unter schlecht verteilten Haarflusen. Und gerade weil es so präzise zeigt, was doch jeder sieht, spüren Speichellecker hier schon beim ersten Blick, dass sie seit zehn (!) Jahren über des Kaisers neue Kleider hinwegsehen. Aber das Porträt ist bei Telnaes nur die Pflicht. Die Kür ist das Bild.

Illustration: Patrick Chappatté - Splitter Verlag
Illustration: Patrick Chappatté - Splitter Verlag

Deutsche Karikaturisten bevorzugen meist schriftliche Pointen. Das ist okay, aber verschenkt enorm viel Potential, Geschwindigkeit, Wirkung. Wenn hingegen bei Telnaes Uncle Sam in einem steuerlosen Winzboot in Trumps aufgerissenen Rachen treibt, wird klar: Kein Text könnte so schnell funktionieren. Und derlei liefert Telnaes immer wieder: Weil sie ihre gewohnheitsmäßig vom Bild her denkt.


Der menschgewordene Molotowcocktail


Trump, der die Weltkugel mit vorgehaltenem Revolver als Geisel nimmt. Die Freiheitsstatue haut mit Rollköfferchen ab. Der gigantische Trump auf einer winzigen Kloschüssel, daneben die Welt als Toilettenpapier. Trump als menschgewordener Molotow-Cocktail. Telnaes Trefferquote ist atemberaubend. Und wird noch besser, weil der direkt im Vergleich zu ihr zeichnende Chappatté zwar tapfer dagegenhält und immer wieder richtig stark punktet, aber dennoch so eindeutig auf Platz zwei landet. So viel zum Erfreulichen.


Illustration: Patrick Chappatté - Splitter Verlag
Illustration: Patrick Chappatté - Splitter Verlag

Unerfreulicher ist: Telnaes zeigt auch den Zustand der USA. Präziser, härter kann man nicht zeichnen, Telnaes liefert Cartoons aus Adamantium. Was bedeutet: Wer hier nicht den Schalter umlegt, der will es einfach nicht. Wir Deutschen können das nachvollziehen: Wir wollten es ja auch nicht, bis das Land aussah wie im Mai 1945.







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Die Outtakes (36): Mit 1 Schwätzer in der Hölle, 1 Horror ohne Schrecken und 1 ungünstig befüllten Schublade

Illustration: Diego Agrimbau/Gabriel Ippoliti - Schreiber & Leser
Illustration: Diego Agrimbau/Gabriel Ippoliti - Schreiber & Leser

Gelassenes Bad im glühenden Pool

Kommt ein Motivations-Guru in die Hölle. Klingt lustig? Ist es auch – vielleicht. Denn hin gehören sie da ganz zweifellos, Heilsversprecher, Kryptoclowns, Abzocker, Betrüger wie Ismael Posta, der gelackte Held des Bandes „Willkommen in Pandemonia“: Der erstickt an einer Cocktail-Olive und fährt mit dem Expresszug zum Teufel. Anfangs ist das sehr reizvoll, diese satirische, von Diego Agrimbau entworfene und von Gabriel Ippoliti umgesetzte Horror-Fantasy-Opulenz, die sich vor Ort als nervtötende Bürokratie entpuppt. Aber alle Torturen scheitern an Postas Billigsprüchen, und jetzt entscheidet sich’s für Sie: Akzeptieren Sie das? Dass Posta ungerührt im Glüh-Pool sitzt, obwohl alle anderen es nicht ertragen? Warum ist ausgerechnet der Schwätzer, der es sich zeitlebens leicht gemacht hat, plötzlich so superleidensfähig? Bei den „Simpsons“ klappt das Prinzip, weil der Teufel sich für Homer die falsche Folter ausdenkt: endlos Donuts. Agrimbau/Ippoliti haben übersehen, dass diese Story eine anders arbeitende Hölle bräuchte, und das versemmelt mir leider den Witz. Aber wenn Sie sagen: Mir wurscht, für mich geht das auch so in Ordnung, dann winkt Ihnen ein seelenheilloses Vergnügen.



Schwebender Waldfisch

Illustration: Daria Schmitt - Splitter Verlag
Illustration: Daria Schmitt - Splitter Verlag

Gerade wird Daria Schmitts verführerisch aussehender Band „Der Totenkopf aus Schweden“ angekündigt, und ich denke mir: Warum eigentlich nicht reingucken? Dann fällt mein Blick auf den ähnlich attraktiven Vorgänger „Das Traumbestiarium des Mr. Providence“. Der auch schon alles hatte, was neugierig macht: Ein Sonderling in einem schwarz-weißen Wald, in dem gigantische Fische schweben, sieht das nicht aus wie Poe und Lovecraft und alles? Aber während all das optisch innen tatsächlich stattfindet, jede Menge weitere seltsamer Tiere in wunderlichen Größen und Farben durchs Bild huschen, hebt die Story nicht und nicht und immer noch nicht ab. Verschrobene Figuren kommen und gehen, wunderliche Szenen auch, doch Schmitt gewinnt daraus weder Spannung noch Grusel noch Horror noch Humor. Tatsächlich wäre viele Bilder wie der bizarre Wald aus Augen effektiver, würde Schmitt nichts dazuschreiben. Aber leider quatscht sie dann doch dauernd rein. Und ich denke: Ach ja, deshalb.



Erdrückendes Vorbild

Illustration: Katharina Greve - avant-verlag
Illustration: Katharina Greve - avant-verlag

Katharina Greve ist in eine ungeeignete Schublade geraten: die der Cartoonistin. Warum? Weil ihr großartiges „Hochhaus“ so handlich war, als Tageshäppchen und im Stück konsumierbar. Greves Stärken: Design, Vielseitigkeit und das Finden einer Form, die Tragik, Komik, Wunderliches verarbeiten kann. Die Süddeutsche, die politische Cartoons so fachkundig betreut wie ChatGPT die Realität, fehlschloss daraus, Greves Stärke sei „kurz und bissig“ und machte ihr ein Angebot, das kaum ein Comic-Künstler in Deutschland ablehnen könnte. Aber die Pflicht zum Witz ist nicht ihr Ding. Wie der neue Band „Meine Geschichten von Mutter und Tochter“ belegt. Gedacht als Hommage an E.O. Plauens Cartoonserie „Vater und Sohn“, arbeitet Greve sich am erdrückenden Vorbild ab. Die modernisierte Optik überzeugt sofort, doch genauso spürt man die Mühe bei der Suche nach Pointen. Zehn, elf Panels braucht sie oft, etwa für den Insektenhotel-Gag, der dann allenfalls Mainzelmännchenlevel erreicht. Mehrere Themen variiert sie doppelt, den Bildschirm-Gag gleich viermal, das fällt auf bei insgesamt nur 42 Strips. Von denen gerade die ruhigeren zeigen, wie gut Greve ist – sobald sie eben nicht am Witzefließband stehen muss.






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Perlen aus der Nische statt abgehangene Best-of-Parade: Ralf König gönnt sich und den Comic-Fans zum 65. einen Geburtstags-Band


Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection
Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection

Sowas empfehle ich eigentlich eher ungern: Ein Buch über einen einzelnen Comic-Autor. Weil ja oft Leute finden: „Lesen reicht. Wie der seinen Kram herstellt, ist mir schnurz.“ Dieses Buch verbindet aber Neues von „seinem Kram“ mit einem munter plaudernden Interview zu einer arg unterhaltsamen Mischform: „Pflaumensturz und Sahneschnitten“ von Ralf König mit hilfreicher Hand von Comic-Journalist Alex Jakubowski.


Perlen aus der Nische


Anlass ist Königs 65. Geburtstag, und dankenswerter Weise hatte der Jubilar keine Lust auf eine gut abgehangene Best-of-Witzeparade. Aber es schlummerte einiges in übersehenen Nischen. Wie die Serie „Spargel“, die König in einem schwulen Gratisblatt veröffentlichte –wer das nicht in die Finger kriegte, hatte bisher halt Pech. 100 Seiten sind drin, bisher noch nie auf Deutsch in Buchform veröffentlicht. Woraus Skeptiker gern schließen, dass das Zeug halt nicht sooo toll sei. Was uns zur Besonderheit namens „Ralf König“ bringt.

Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection
Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection

Ist ein bisschen wie bei Dennis Chambers. Kennen Sie den?

Sitzt Chambers am Schlagzeug, kriegt man stets grandioses Handwerk und oft geniale Momente. Aber nie: lauwarmen Mist. So etwa muss man sich König wohl vorstellen, nur nicht am Schlag-, sondern am Schreibzeug: Die Kreativmaschine läuft zuverlässig und auf dieser Grundlage lotet er hellwach alle Möglichkeiten aus. Mit Pointen fing es Anfang der 80er an, die er rasch mit unerbittlicher Präzision ausarbeitete, aber seit längerem transportiert er Nachdenkliches und sogar Tragisches genauso zwingend. Und dazwischen? Gibt es ein „Dazwischen“ bei Dennis Chambers?


Lauwarm langweilt


Wir reden hier von Leuten, die Lauwarmes selber langweilt. Also liefern sie Kunst auf Kochtemperatur: Blasen tauchen da nicht zufällig oder gelegentlich auf – das fortwährende Blubbern ist der eigentliche Vorgang. Die einzigen Grenzen bestehen darin, dass Chambers nie Geige spielen wird, und König – äh, da fehlt mir jetzt die Analogie, aber geigen wird er wohl auch nicht.  

Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection
Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection

Zu quengeln gibt's kaum. Das Interview mit Jakubowski ist eventuell ein wenig systematisch geraten, doch es liest sich leicht, mit wenig Fachsimpelei und wird obendrein flott bebildert und abwechslungsreich layoutet. Zudem nimmt sich Jakubowski klug zurück, lässt König sprudeln, weil er weiß, dass der vor allem einen sachkundigen Stichwortgeber braucht. So kommt alles frisch aus Tapet, inklusive Königs Vorbildern, von denen allenfalls James Finlayson fehlt. Oder das Lob für den Innovator König, der meines Wissens die umgebogene Panel-Ecke oben links zum eleganten Symbol für „neue Szene“ entwickelte, wenn nicht gar erfand.


Beängstigend präsidententauglich


Die Mischung aus frechem Witz, schwuler Selbstironie und dezent angedeuteter Altersweisheit führt dazu, dass König so beängstigend sympathisch rüberkommt, dass man fast unwillkürlich beginnt, ihn sich als Bundespräsidenten zu wünschen. Das geht aber vorbei. In jedem Fall trägt die lockerpikante Stimmung entspannt durch die rund 200 Seiten. Und während derlei Fachliteratur sonst mehr was für Nerds ist, können Comic-Normalos Königs Protagonisten und Pimmel hier so gut genießen wie kennenlernen.





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