Wie man via Social Media gezielt Wut anzapft, Logik schreddert und Menschen in die Sucht treibt: Der Sachcomic „Strong Men“ ist zum Fürchten gut

Die Stärke von Sachcomics variiert: Sie können Bekanntes verdeutlichen. Sie können Trockenes attraktiver gestalten. Sie können Unbekanntes vermitteln und Zusammenhänge aufzeigen, wie ein klassisches Sachbuch – und das ist die Stärke des erschreckenden Bandes „Strong Men“ von Meikel Mathias.
Gefeierter Körperklaus
Vom Thema „Manosphere“ haben wohl die meisten schon gehört, Jüngere und/oder Social-Media-Junkies sowieso, und eine absurde Facette davon kennt praktisch jeder: die Selbst-Inszenierung von Donald Trump als Super-Mann. Sie ist optisch und inhaltlich durch nichts gedeckt, wie kann man also überhaupt auf die Idee kommen, diesen Körperklaus abzufeiern? Auf dem Rückcover bringt Mathias es auf den Punkt...

Ein Mann sitzt auf einem Pferd. Ein anderer Mann übertrumpft ihn auf einem größeren Pferd – aus Holz. Also eigentlich überhaupt nicht. Und doch wird dieses Übertrumpfen durch schiere Behauptung derzeit weltweit praktiziert. Wie geht das??? Mathias erklärt’s. Es braucht ein bisschen Geduld, er fängt bei den alten Griechen an, beim Männlichkeitsvorbild Alexander. Aber relativ schnell kommt er zum Fall Andrew Tate.
Internet-Imperium aus Rumänien
Ein Zuhälter und Frauenschläger, der nach Rumänien geflohen ist und dort sein Internetimperium betreibt: Er schickt Frauen vor die Kamera. Nebenher gibt er Männlichkeitsseminare, in denen man für teuer Geld Videos kauft, die sagen, dass es Zeitverschwendung ist, im Internet für teuer Geld Videos zu kaufen. Verglichen mit Alexanders Leistung (Weltreich) klingt das reichlich dürftig, oder? Wieso klappt das?
Auftritt Charles Atlas.

Atlas ist der klassische Merchandising-Bodybuilder, er ist der Typ hinter den Comic-Kleinanzeigen in den 50/60ern, die Jungs zu Muskelmännern pimpen sollten. Atlas zeigte, wie man ein echter, männlicher Amerikaner wird, und er musste es wissen, weil er selbst keiner war: Geboren wurde Atlas als Angelo Siciliano in Agri, Süditalien. Das Geschäftsmodell war dasselbe: Man verkauft den Wunsch, dazuzugehören und bei Frauen anzukommen. Den Wunsch, wohlgemerkt. Über Erfolge ist bei Atlas nichts bekannt.
Sicherheitslücke in der menschlichen Software
Warum ist diese Sehnsucht so easy anzuzapfen? Das ist so erklärbar (Wunschtraum vom Sex-Appeal) wie unerklärbar (superdurchsichtig). Eine kaum reparierbare Sicherheitslücke in der menschlichen Software. Auch Mathias gibt die Ursachenforschung auf, was erst ärgert, dann einleuchtet: Tate und Co. suchen genausowenig nach Ursachen, im Gegenteil. Steve Bannon, Wahlkampfmanager von Trump, sah neben dem immensen Wutpotential vor allem genau das: Dass Logik verzichtbar ist.
Ab hier wird es wirklich gruslig.

Denn dadurch verlassen wir die Welt der Argumentation. Und tauchen in die Welt der Provokation. Jetzt heißt die Währung nicht mehr „Argument“, sondern „Aufmerksamkeit“. Ja, jeder kennt wohl Shitstorms, Trollen, viele unangenehme Folgen digitaler Kommunikation, aber Mathias zeigt das System und die Energie dahinter auf. Eine Ahnung bekommt, wer mal Mathias' Beispiele im Netz betrachtet. Sie sind superleicht zu finden, meist beim (schön mitverdienenden) Youtube, und sie haben Klickzahlen, dass einem himmelangst werden kann. Weil es zeigt, dass in vielen Bereichen Debatten kaum noch möglich sind.
Erfundenes und Reales werden austauschbar
Hier ist die gemeinsame Basis der Logik ausgehebelt. In dieser bizarren Welt zählt Scheiße genausoviel wie ein überlegtes Argument. Wie der „White Power Gruß“ zeigt: Eine reine Erfindung rechter Trolle, die von den Medien genauso aufgegriffen wurde wie von rechten Schwachköpfen. Die den erfundenen Gruß durch schiere Blödheit in die Realität überführten und nicht mehr ablegen. Erfundenes und Existierendes werden austauschbar.

Genauso wie Denken und Wie-denkend-Aussehen: Man übt einfach, das „Sigma-Face“ aufzusetzen, das reicht. Genau diese Austauschbarkeit war ja auch das erklärte Ziel von Steve Bannon: „Flood the zone with shit“, überschwemme die öffentliche Debatte mit Scheißdreck, bis in der Brühe nichts mehr unterscheidbar ist. Dann ist zwar dein Scheißdreck nicht besser, aber trotzdem plötzlich konkurrenzfähig.
Klug wirken dank „Sigma-Face“
Wie man ein derart beschissenes Produkt vertreten kann, gehört ebenfalls zu den Mysterien der braunen neuen Welt. Aber die Frage ist auch: Ist die Zustimmung real? Wieviel von dieser Aufmerksamkeit ist echt? Der „Gold-Digger Prank“ ist dafür ein spannendes Beispiel.

Der Ursprung ist ein 8-Minuten-Video, in dem ein Mann eine Frau plump anmacht. Sie weist ihn ab, bis sie sein teures Auto sieht. Jetzt will sie plötzlich dringend was mit ihm anfangen, aber: Jetzt weist, haha, er sie ab. Inzwischen gibt es einen Youtube-Kanal, der von diesem Video 1500 weitere Varianten vorhält. Diese magazinartigen Beiträge sind inzwischen über eine Stunde lang, in jedem werden rund zehn Frauen abgefertigt, die erkennbar gecastet sind. Die Handlung hat ein paar Optionen mehr, aber letztlich stellen alle Frauen sich als geldgierige Schlampen heraus. Jedes Video hat sechsstellige Klickzahlen.
Zehntausend geldgeile Schlampen
Ist das vorstellbar? Zehntausend Mal derselbe Gag mit Dialogen auf Porno-Niveau? Wer schaut das an? Wenn wir Glück haben: nur Bots. Wenn wir Pech haben, sind große Teile der Menschheit bereits tatsächlich in diesem Zustand. Übrigens nicht nur der männlichen Menschheit: Frauen lassen sich ähnlich abzocken, aussaugen, für dumm verkaufen oder als „Tradwife“ am Männerwahn beteiligen.
Es ist zum Fürchten.
Meikel Mathias, Strong Men, avant-verlag, 26 Euro
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Die Outtakes (41): Mit 1 erfrierungsfreien Antarktis-Urlaub, 1 vorgetäuschten Schwangerschaft und 1 Abflug ohne Starterlaubnis

Oberflächennah tiefgeschürft
Mit Emmanuel Lepage ist es immer so eine Sache, und daran, dass „Mit dem Wind tanzen“ zu den Outtakes kommt, kann man ahnen, dass er wieder zuviel von dem gemacht hat, was nicht seine Stärke ist. Lepage, der einen Narren an der antarktischen Welt gefressen hat, ist grandios im Erfassen und Wiedergeben von Landschaften, von Meer und den zugehörigen Viechern. Diesmal begleitet er ein Kamerateam auf das von ihm geliebte, sehr spannend-abgeschiedene Kerguelen-Archipel. Und jedes Mal, wenn er Gegend, Mensch, Tier und Technik inszeniert, begeistert er zuverlässig. Felsen, Schiff und Vögel, Pinguinkolonien, Raketenreste an menschenleeren Felsstränden, da macht es dann auch nichts aus, wenn er anfängt, dazu eher oberflächennah tiefzuschürfen. Doch wenn er sich mit den Menschen befasst, lässt er sie labern und porträtiert sich wund. Klar: Dieser Südpol-Zirkel, den muss man schon pflegen, damit man nächstes Mal wieder dabei sein darf. Aber das so unterzubringen, dass auch der Leser was davon hat, dazu fehlen Lepage erzählerische und journalistische Mittel. Die Gegend und Stimmung bringt er einem jedoch nahe wie kein zweiter: Mindestens der halbe Band entführt grandios und erfrierungsfrei an die kälteste Region der Welt, und dafür sehe ich ihm vieles nach.
Die Leichenfleddererin

Fungirl ist zurück, sogar im Dickformat: „Fungirl Forever“ enthält 320 Seiten mit der wandelnden Katastrophenkreation von Elizabeth Pich. Doch obwohl launig tote Tiere und menschliche Leichen gefleddert werden, hebt der Band für mich nur in ein, zwei Momenten richtig ab: Etwa als wir Fungirls Drecks-Auto kennenlernen oder in der sehr schön schlecht vorgetäuschten Schwangerschaft. Was daran liegt, dass ich die Stärke von „Fungirl“ nie im Verursachen von Slapstick-Chaos sah, sondern im Alltag: Denn im Chaos sind alle gleich hilflos, aber im Alltag bringt Fungirls Perspektiv- und Rücksichtslosigkeit nur die normalen Menschen an ihre Grenzen – nämlich uns Leser. Ist aber, wie gesagt, nur meine Interpretation. Wer sich hingegen über die lustvoll-abgedrehten Tabubrüche freut, wird hier – gar keine Frage! – erstklassig beliefert. Übrigens: Der erste Band erscheint jetzt in der dritten Auflage: Das ist ja dann fast schon einer der deutschen „heimlichen Bestseller“! International hingegen kriegen Pich und „Fungirl“ bereits Ausstellungen.
Der die Fliege macht

Schnell, flott, aber auch ein bisschen dünn: Madita Schwenkes „Drifting“ hat alles, was man braucht – spart aber an einem entscheidenden Punkt. Die Studentin Annie zieht in eine Wohngemeinschaft: Blitzschnell skizziert Schwenke das WG-Gefühl, baut drei Charaktere mit ihren Eigenheiten auf, das konsumiert sich wunderbar weg. Dank leichter Manga-Optik, mit Blau aufgefrischter Schwarz-Weiß-Panels und des rätselhaften vierten Mitbewohners: Nie da, schneit nur immer kurz durchs Fenster – er kann nämlich fliegen. Da könnte man vieles machen, ich hab angesichts der Leichtigkeit auf was Gruseliges oder Verstörendes gehofft. Aber Schwenke nimmt das ständige (Weg-)Fliegen nur als Parabel für Konfliktunfähigkeit, für allerlei Ausweichstrategien. Wie man eben auch in Videowelten flieht, oder in Social Media, Drogen. Und dann…? Reden wir darüber, und alles ist halbwegs gelöst. Das geht zu einfach, ist zu durchschaubar und vor allem schade: Weil deutlich mehr drin gewesen wäre. Vielleicht ja beim nächsten Mal: Denn wiedersehen möchte ich Schwenkes leichten Stil auf jeden Fall.
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Im Himmel wartet die Cloud: Der kluge Debattencomic „Die Summe seiner Teile“ macht Verstorbene verfügbar

Dies ist eine kleine Rarität, und deshalb muss sie hier rein – obwohl sie auch Schwächen hat: „Die Summe seiner Teile“ ist ein deutscher Comic, der richtig hinlangt. Was ich meine? Naja, deutsche Comics sind gern vorsichtig, abwägend, behutsam. Entschlossen sind sie meist nur, wenn sie sich auf der richtigen, der „guten“ Seite fühlen. Aber das ist bei diesem Thema noch nicht möglich: das künstliche Leben nach dem Tod. Trotzdem gehen Julia Zejn und Matthias Lehmann richtig in die vollen. Sehr schön!
Der ganz persönliche Upload
Wir sind ein bisschen in der Zukunft. Joshua wird sterben. Aber es besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einem Pilotprojekt: Empfinden und Denken würden in einen Computer hochgeladen. Und stünden dann seiner Freundin Mara zur Verfügung. Joshua sagt ja. Mara auch. Los geht’s, fast schon halsbrecherisch.

Denn die Zeit ist reif. Die Sehnsucht, geliebte Sterbende zu behalten, ist ein superstarkes Motiv, das weiß jeder, der in der Situation war. Es wird aber nicht so oft genutzt, wenn man von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ absieht. Plus: Heute braucht’s keine Magie mehr. Menschen halten Beziehungen zur KI für möglich, manche führen sie bereits. Zejn/Lehmann halten sich also nicht lange mit dem „wie“ auf. Sie spielen drauflos. Vieles ist gut gemacht.
Am Toten wird noch gerechnet
Zum Beispiel die Lustangst. Es dauert ein bisschen, bis der digitale Joshua fertiggerechnet ist. Bis man ihn auf den Laptop geladen hat. Mara wartet erst ungeduldig, hat dann Angst ob es klappt und wie es klappt. Dann kriegt sie Joshua am Bildschirm. Die KI rechnet dort seine Bewegungen hoch, das ist schon mal verlockend. Und gut gemacht ist, was Zajn/Lehmann alles NICHT erklären.

Denn selbst in den gelungensten Momenten ist Joshua keine eigenständige Person mehr, sondern jemand, der immer da ist, wenn man ihn einschaltet. Der vieles Nervtötende echter Menschen gar nicht tun kann, wie die Spülmaschine falsch einzuräumen. Zejn/Lehmann wollen auch real bleiben, also kriegt Joshua kein Horror-Eigenleben. Es bleibt schwer zu sagen, was er tut, wenn Mara ihn nicht anknipst – stattdessen bleibt der Comic bei dem, was wir wissen: Wie verhält sich Mara?
Gute Fragen statt halbgarer Lösungen
Über manche Lösungen kann man streiten: Wäre es besser gewesen, auch noch einen Körper hinzuzufügen? Warum fragt Mara Joshua so wenig nach dem, was er „macht“? Warum fragt Joshua Mara so wenig nach dem, was sie denkt, während sie mit dem Bildschirm/Kopfhörer redet? Aber genau darum geht’s doch: Frag dich selbst. Was würdest du anders machen, was besser, was genauso?

Die rund 120 Seiten sind dafür eine richtige Länge. Es reicht, um die Frage ernsthaft aufzuwerfen und dann an den Leserkopf zu übergeben. Lehmanns kräftige Zeichnungen, halb Reinhard Kleist, halb Bastien Vivès, lassen viel Platz für Interpretation und Gefühl, weil sie zugleich auch nicht zugetextet sind. Noch so eine weise Entscheidung: keine endlosen Debatten, stattdessen präsentiert der Comic die Motive, die zu dieser Situation führen.
Mitreden, bevor die Musks entscheiden
Aber was ist jetzt richtig? Wo ist jetzt die Gebrauchsanweisung?
Genau das ist der Punkt: Wir müssen sie selbst entwickeln. Und wenn wir es nicht tun, kriegen wir das angeboten, was bizarre Figuren wie Elon Musk oder Peter Thiel für die beste Lösung halten. Die wird dann definitiv eines nicht sein: gut.
