top of page

Comicverfuehrer

Eine selten hässliche Comic-Sensation: Mathieu Bablets „Silent Jenny“ sucht nach Hoffnung für eine dahinvegetierende Menschheit

Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag
Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag

Science Fiction kann man grob in zwei Sorten trennen: Die eine ist geil, weil die Raumschiffe so gut aussehen (Star Trek, Star Wars). Und die andere ist geil, weil die Raumschiffe so schrottig sind (Alien, Millenium Falcon). Mathieu Bablets Comic „Silent Jenny“ gehört eindeutig zu letzteren. Mit dem Unterschied, dass der ganze Band so geil ist, weil er so abgrundtief deprimiert.


Zwei Kilo Comic

Uff, sagt man auch erst mal, wenn man ihn zur Hand nimmt: Albumformat, ja, aber 300 Seiten dick, knapp zwei Kilo Comic. Wie startet man so einen Wälzer am besten? Mit einer Verfolgungsjagd.

Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag
Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag

Ein Mensch in Raumfahrermontur hastet durch Gänge auf eine Art Brücke. Plötzlich sind die Verfolger vor ihm. Ich blättere ein paarmal zurück, bis ich checke: Hinter ihm sind welche, vor ihm aber auch! Der Mensch springt in eine Spalte, zwängt sich zu – einer Riesenbiene. Die ist in eine Art Harz eingeschmolzen, er nimmt eine Probe, flieht weiter zu einem Technikpunkt, wo er sich in letzter Sekunde vergrößert. Die Verfolger bleiben insektenklein zurück. Hm.

Fahrende Dörfer in der Wüste

Der Mensch steigt in eine Art Bob mit Rädern und Segel und fährt zu einem gewaltigen langsam fahrenden Kasten: Es ist das Dorfschiff, in dem er wohnt. Und hier steige ich gerne mal aus. Denn diese Zukunft, in der alle Leute in irgendwas Großem rumfahren, ist tückisch.

Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag
Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag

Man denke an „Snowpiercer“ (alle Leute fahren in einem Zug): nette Idee, aber woher kommt die Energie? Zumal wir hier wie dort in einer Welt leben, die komplett am Ende ist. Die Welt von „Silent Jenny“ ist eine gigantische Wüste, da wächst null. Aaaber: Ich lese trotzdem weiter, weil einige Dinge den Unterschied ausmachen.


Behelmter Kindergarten


Bablet nimmt sich Zeit. Und er nimmt in Kauf, dass ich nicht gleich alles verstehe. Der Anzugmensch ist die Titelheldin. Jenny sucht nach Genmaterial von Bienen. Und auf ihrer Rückfahrt im Segelbob habe ich gesehen, warum: diese Welt ist endlos und hässlich. Die Luft ist so schlecht, dass die Kinder in dem fahrenden Dorfschiff Hautschutzhelme tragen müssen, weil man sonst entsetzliche Ausschläge kriegt.


Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag
Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag

Deshalb züchten sie auf dem Dorfschiff mühsam irgendwas zu essen, das sie alles per Hand bestäuben. All das zeigt Bablet geduldig und in passenden Szenen, und hinterher ist mir das Fahrschiff egal. Ein festes Dorf würde zwar genauso funktionieren, aber wenn er es rumfahrend geiler findet: Schwamm drüber. Denn: Geil ist eigentlich trotzdem nichts.


Fusel für die Depri-Welt


Das Schiff ist ein Wrack. Genauso wie die anderen Dorfschiffe, zusammengehalten von rostenden Schrauben und Klebeband oder Schnüren. Damit die Stimmung nicht total kippt, kommt gelegentlich der Destillateur vorbei, der aus irgendwas Fusel braut. Manchmal stirbt jemand, dann wird er in einer Zeremonie in einem Säuresee versenkt. Und wieder zeigt Bablet all derlei angemessen lang. Andere Bände hätten das rasch aberklärt, damit man wieder zur Action kommt. Bablet will aber diese deprimierend verheerende Welt ausbreiten.

Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag
Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag

Es gibt ein paar Alternativen zu den Dorfschiffen. Manche Menschen schrumpfen sich klein, um auf Friedhöfen von Leichenprotein zu leben. Manche ziehen in Elendssekten umher. Ja, es gibt ein paar Städte, aber in denen leben die Leute von Brei aus Riesenschnecken. Die geordnetste Ansiedlung ist die Zentrale der Firma Pyrrhocorp.


Per Schrumpfkur zur Bienen-DNA


Ein bürokratischer Alptraum a la „Brazil“, der aber immerhin die Aufträge und die Ausrüstung vergibt, mit der Leute wie Jenny sich schrumpfen lassen und die Welt abschnittsweise nach Bienen-DNA durchsuchen können. Andere, wie Jennys Verfolger, haben sich dabei um den Verstand geschrumpft und sind durch die Luftbelastung entstellt wie Joseph Merrick, der „Elefantenmensch“.

Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag
Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag

Seit der gigantischen Tech-Ruinenwelt von „Blame“ hat mich keine Zukunft mehr so gepackt. Gerade weil sie einen nicht nur mitreißt, sondern vor allem mitnimmt. Weil sie nicht als Space-Cowboy-Hintergrund dient. Obwohl Mathieu Bablet sie sehr wohl in faszinierenden Bildern ausbreitet.


Vom Leben angedrückt und zurückgelegt


Die Verfolgung ist so erstklassig wie die Kaper-Attacken auf die Dorfschiffe. Seine Landschaften sind trostlos, seine maroden Maschinen sehenswert morbid. Seine realistischen Figuren zeichnet er verzerrt, vom Leben angedrückt und zurückgelegt wie Pfirsiche im Supermarkt. Und den Platz, den er hat, setzt er geschickt ein, abwechslungsreich.


Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag
Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag

Wir sehen nicht nur die Landschaften auf doppelseitigen Riesensplashes, sondern auch Jennys Landkarten für die DNA-Suche im Originalformat. Action verteilt er zwar sparsam, dann aber richtig. Und einen Hauch Humor gibt’s auch.


Trost durch kleine Logiklücken


Diese verstörende Welt von „Silent Jenny“ ist uns nähergekommen in den letzten Jahren. In den 80ern hätte man den Grusel noch mehr genießen können, jetzt, in einer Gegenwart mit Ernterückgängen, Bienenmangel, Schlammlawinen und 16.000 Hitzetoten wirkt er umso beklemmender. Und es dauert, bis man tröstliche Logiklücken findet: Wenn's keine Pflanzen mehr gibt, wer produziert dann den Sauerstoff? Und wie können so wenige Menschen eine ganze Welt verseuchen?


Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag
Illustration: Mathieu Bablet - Splitter Verlag

Aber wer nach 300 Seiten begeistert (und erleichtert!) aus der faszinierenden Ökohölle auftaucht, ahnt: Für die letzten beiden Probleme fällt der Menschheit garantiert was ein.





Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:






21. Dez. 2025

5 Mangas in 5 Minuten (Finale): Mit 1 Messer im Kopf, 1 Gruselklinik, 1 Dreier, 1 Grünstich und Kuchen statt Brot

Illustration: Masaya Hokazono/Seima Taniguchi - Manga Cult
Illustration: Masaya Hokazono/Seima Taniguchi - Manga Cult

Die Rache des Opfers


Zwiespältig, aber eigen: In „Pumpkin Night“ bricht ein einst gemobbtes Mädchen aus der Psychiatrie aus und tötet – maskiert mit einem Kürbiskopf – die früheren Mitschüler. Kritisieren kann man daran allerhand: Die Konstruktion ist etwas hölzern (wie auch die Zeichnungen), das Mobbing etwas platt (wg. Sprachfehler, Fröhlichkeit). Und die Rachemorde sind irrsinnig detailliert dargestellt, da fahren Messer durchs Auge ins Hirn, da wächst kein Gras mehr. Trotzdem: die Erzählung ist cleverer als erwartet. Die Rückblenden geben den Grausamkeiten der Mobber genauso viel Raum wie dem Opfer/Monster selbst. Und man kann sagen, dass dadurch in den besten Momenten die Gewaltexzesse von heute auch die Tiefe der Verletzungen, die Häme der Mobber von einst illustrieren, die dem Mädchen etwa Knallfrösche in die Kürbismaske stopften. Schade ist, dass die Rechnung nicht durchgehend aufgeht. Aber um mit dem Weisen Jim Steinman zu sprechen: Two out of three ain’t bad.



5000 Liegestütze


Illustration: Takuma Tokashiki - Egmont Manga
Illustration: Takuma Tokashiki - Egmont Manga

Ganz so leicht ist es eben doch nicht: Man nehme superviel Gewalt, solide Horroroptik, bizarre Dystopie und eine Prise Wehleidigkeit, stecke alles in einen Sack und prügle darauf ein, raus kommt  – „Lili-Men“. Auf Seite 1 werden schon arg verhungerte Gestalten in einer Klinik aus Schläuchen ernährt. Regelmäßig untersuchen Krankenschwestern sie auf ihre „Gesellschaftstauglichkeit“. Alle entwickeln Superkräfte und werden als tauglich entlassen, nur nicht Nito, obwohl er täglich 500mal liegestützt. „Was soll ich denn noch tun?“, fragt er, Antwort: „Mach 5000 Liegestütze.“ Machte er eben 5000. Hilft auch nix. Heulheul, ich habe gehört, außen gibt es Brot und Katzen zum Streicheln. Das wird auch so erzählt, pitsch-patsch-knall-auf-fall, jetzt geh ich in den Keller, huch, da sind die Entlassenen ganz spinnenmäßig eingewebt, und die Krankenschwester ist ein spooky Alien und jetzt hat Nito auch Superkräfte (warum? egal), dann wird Nito zerhackt und lebt aber weiter. Unfreiwillig komisch, ja, aber alles andere als lustig.

 



Drei sind einer zuviel


Illustration: Shinoa - Egmont Manga
Illustration: Shinoa - Egmont Manga

Lust auf eine hübsche Harmlosigkeit? Das tut ja manchmal ganz gut. Hier empfiehlt sich Shinoas „There Is No Love Wishing Upon A Star“. Ein sehr zart gezeichnetes, extrem mildes Drama, wo drei einer zuviel sind. Wir haben zwei Mädels und einen Buben, Mädel 1 liebt Mädel 2, aber Mädel 2 hat sich dazu entschlossen, mit Bubi zu gehen. Und dann kriegt das Mädel 1 mit, und will nicht im Wege stehen, aber alle drei mögen sich so gern und keiner will niemand wehtun und achgottachgott. Es wirft mich nicht wirklich vom Sitz, aber es sieht recht nett und zart aus und Mangas haben derlei schon viiiel, viiiel furchtbarer verwurstet. Wie gesagt: eine hübsche Harmlosigkeit.



Grün-dlichkeit


Illustration: Sumiko Arai - Hayabusa
Illustration: Sumiko Arai - Hayabusa

„The guy she was interested in wasn’t a guy at all“ ist trotz der innovativen Ergänzungsfarbe grün eine erzählerische Abrissbirne. Der Titel sagt, worum’s geht, alle die nicht englisch können, kriegen ihn innen übersetzt, die nicht vorhandene Pointe wird auf Seite 14 dreifach grün-dlich erklärt. Naja. Irgendwann ist der Gag dann tatsächlich durch, wird auch nicht mehr gebraucht, es kommt das übliche „huch, was denkt sie?“ und „hach, wieso nicht?“ Wohlgemerkt: Es gibt Mangas, die winzige Details unglaublich spannend zelebrieren und dehnen – der hier ist das gezeichnete Äquivalent zu einer Unterhaltung mit einer stocktauben Großmutter. Und wird mir dann auch noch Bon Jovis Radiorotz als ausgesuchter Alternative Rock untergejubelt, dann juckt mich „the guy she was interested in“ überhaupt not more. Und fliegt trotz aller gezeichneter Niedlichkeit in the green Tonne.

 


Sparsamer Klassiker


Illustration: Riyoko Ikeda - panini manga
Illustration: Riyoko Ikeda - panini manga

Ein Klassiker, wenn ich’s recht sehe: In den 70ern startete Riyoko Ikeda ihren Manga „Lady Oscar – Die Rose von Versailles“. Wir sind am Hof König Ludwigs XV., es trifft die junge, schöne, wilde Marie Antoinette aus Österreich ein und heiratet den Kronprinzen, später wird sie dann der Bevölkerung Kuchen als Brotersatz vorschlagen. Soweit sind wir hier nicht, Ikeda nutzt die Ankunft als munteren Intrigantenstadel im Märchenschloss, mit der Mätresse DuBarry als Gegenspielerin und der Titelheldin, einer rätselhaften schönen Gardeoffizierin, als Dreingabe. Eine Freude ist’s trotzdem nur bedingt. Die Optik altert nicht gut, die Zeichnungen sind sparsam und Ideen sind rar: Im Wesentlich hält jeder, der was sagt, halt dazu sein Gesicht ins Panel. Dann wird alles so breit erklärt und verdeutlicht, dass man neben dem Mangalesen eigentlich auch noch was anderes machen kann, ohne viel zu verpassen. Wie Bügeln, Fernsehen oder einen anderen Manga lesen.

 


Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:







16. Nov. 2025

Wasser, soweit das Auge reicht: Benjamin Flao blickt mit wohltuendem Pragmatismus in eine apokalyptische Zukunft

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Machen wir’s kurz: Der Typ ist gut. Aber mal richtig, richtig gut. UEFA-Cup-Qualität, mitunter sogar noch besser. Über Jahre hinweg. Und jetzt ist die ideale Gelegenheit zum Kennenlernen. Denn gerade erscheint Benjamin Flaos Finale seines Zweiteilers „Auf dem Wasser“. Der mir eigentlich vom Start weg gegen den Strich geht.


Radikal eingewöhnt


Denn Flao beginnt mit einem telepathisch begabten blauen Hund als Erzähler. Was ich sofort gar nicht begriffen habe. Ich dachte, das sei symbolisch oder so, und die Hundegedanken wären einfach ein anonymer Erzähler. Was im Prinzip ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, aber Flao kürzt die Gewöhnungszeit radikal ab: durch seine verführerischen Bilder.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Er startet supergroßzügig, mit gewaltigen Splashes von Gegenden und Stadtlandschaften. Erst verkommene Wohnungen, dann die Außenwelt, völlig überflutet. Wir sind in der Zukunft, irgendwo in Europa, in der Dystopie-Variante, in der die Wasserspiegel gestiegen sind. Und das sieht, sorry, einfach großartig aus. Obwohl diese Welt eine schauerliche ist.


Waterworld by Wilhelm Busch


Aber diese Weiten, aus denen ein paar Dächer ragen, Baumwipfel, in denen sich das kleine Motorboot von Hans verliert, das Licht, die Wolken, die Wälder – leben will man da nicht, aber zusehen ganz gewiss. Auch, als Hans ankommt, in der Sumpfhütte seiner Mutter Jeanne, und dort den telepathischen Hund knuddelt. Erstens, weil dieses Hundknuddeln selten so gut eingefangen wurde. Und zweitens, weil die Menschen, die Dialogszenen, etwas ungemein Vertrautes haben. Irgendwie … a touch of Wilhelm Busch.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Nicht wegen der Pointen, es liegt mehr an der Kombination aus dicken schwarzen Strichen, ergänzt mit wenigen dünnen schwarzen Kratzern. Sie ergeben zerknautschte, realistische Menschen, und in den komischen Momenten – dochdoch, das ist buschhaft. Dazu große Farbflächen und reichlich Weiß, man liest gerne weiter.


Gut gelaunter Untergang


Trotzdem es dann schon manches zu bekritteln gibt. Der Hund etwa klappt nicht so gut, weil es auch Szenen gibt, in denen er nicht dabei ist. Wer erzählt uns die? Und auch bei der Konstruktion der Wasserwelt ist manches eher halbgar: Lebensmittel, Treibstoff, alles wird knapp – aber dafür sind die Charaktere noch zu gut gelaunt (verglichen mit Gipis „Welt der Söhne“) oder zu gut versorgt (verglichen mit Merwans „Mechanica Caelestium“).

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Auch ist nicht ganz klar, warum eine Regierung die verstreut lebenden Menschen vertreiben will. Und die Wasserlandschaft selbst: Die kann eigentlich nicht so tief sein, dass Blauwale reinpassen. Aber Flao geht es offenbar nicht um präzise politische Aussagen. Stattdessen erzählt er von einer erträglichen Form der Apokalypse, einer Zeit, in der man einfach mal mit weniger auskommt und die Menschen Menschen sein lässt. Denen er liebevoll zusehen und zuhören will.


Herzlich in der Hölle


Das macht er wiederum ganz ausgezeichnet: Wortarm, ruppig, herzlich, im Grunde könnten die Leute alle aus der kleinen Kneipe in unserer Straße stammen. Man kann es gut aushalten in dieser höllischen Welt. Was auch mal ganz guttut, weil die Realität wohl eher aussieht wie bei Gipi.



Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:






 

Suchwortvorschläge
Kategorien

Keinen Beitrag mehr verpassen!

Gute Entscheidung! Du wirst keinen Beitrag mehr verpassen.

News-Alarm
Schlagwörter
Suchwortvorschläge
Kategorie
bottom of page