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Comicverfuehrer

Die Outtakes (43): Mit 1 Hauptstadt-Horror, 1 Horvath-Hommage und 1 fetteckigen Bubenstück


Illustration: Reinhard Kleist/Tobias O. Meißner - Carlsen
Illustration: Reinhard Kleist/Tobias O. Meißner - Carlsen

Einmal Berlin, bitte noch blutig

Weil grad die neue Vampirserie „City of Blood“ an den Start geht, bringt der Carlsen-Verlag auch den Comic raus, auf dem sie basiert: „Berlinoir“ aus dem Jahr 2003. Ein Dreiteiler, der Vampire Berlin regieren lässt, indem sie den Menschen wahlweise ewiges (Nacht-)Leben oder einen Job besorgen. Ich lese sie heute zum ersten Mal, und meine Begeisterung ist limitiert. Ich entdecke ein solides „Vampire auf Deutsch“-Produkt, das sich (wie manche „Zombies auf Deutsch“-Produkte) im Verpflanzen erschöpft – sei es in Berliner S-Bahnen, Straßen oder jenem Weimarer Setting, das zwischenzeitlich „Babylon Berlin“ so verkäuflich gemacht hat. Szenen und Farben sind attraktiv, Menschen weniger, aber Boxcomic-Ikone Reinhard Kleist war eben auch 23 Jahre jünger. Der Hauptnachteil: So lustvoll die Story Berlin, Vampire und Friedrich Murnau verquirlt, so unwichtig ist ihr das Fundament. Die Vampire kriegen im Tausch für Blutspenden „Rentenprobleme, Wohnungs- und Arbeitsmarkt“ in den Griff – aber wie? Und warum freut sich die Bevölkerung dann nicht? Müssten vampirbekämpfende Helden dann nicht in den Augen der Normalmenschen völlig verstrahlte Irre sein, die den funktionierenden Staat ruinieren? Die Antworten könnten ein cleveres Spiel eröffnen, aber Kleist und Texter Tobias O. Meißner interessieren mehr geile Stimmung und Bilder. Genau das macht es vermutlich für TV-Produzenten so attraktiv. Reinhard Kleist (Zeichnungen), Tobias O. Meissner (Text), Berlinoir, Carlsen, 30 Euro

Vorsicht, Herzenssache!


Illustration: Laura Stadtegger/Dieter Kirsch - Allitera Verlag
Illustration: Laura Stadtegger/Dieter Kirsch - Allitera Verlag

Das hier ist eindeutig die Kategorie „Zu dicht dran“. „Ödön von Horváth“ ist spürbar ein Herzensanliegen von Texter Dieter Kirsch, der sich dazu die Illustratorin Laura Stadtegger gesucht hat. Letzteres ist eine gute, eine kluge, ansehnliche Wahl, weil Stadtegger sich schön leicht, deftig und derart schlicht wie mutig durch die Szenen schmiert, dass man auf die Pointen förmlich lauert. Leider setzt Kirsch vom Leser zuviel voraus: Er zitiert, schildert und deutet an, als würde jeder die Biografie und Texte von Horváth so auswendig kennen wie er. Ich beispielsweise tu das aber nicht, leider, muss ich sagen, weil ich dann vermutlich viel Freude an dem Band hätte. So habe ich ständig das Gefühl, dass ich was verpasse – oder was nachschlagen muss. Aber neugierig auf Stadtegger bin ich jedenfalls geworden, herzlichen Dank! Dieter Kirsch (Text), Laura Stadtegger (Zeichnungen), Ödön von Horváth, Allitera Verlag, 25 Euro


Beuys will be Beuys

Illustration: Lenz Mosbacher  - avant-verlag
Illustration: Lenz Mosbacher - avant-verlag

Beuys, kennste? Fettecke? Wo man nie genau weiß: Kunst oder Quatsch? Jaaa, genau, der mit dem Hut. Ist auch schon 40 Jahre tot, und Lenz Mosbacher hat jetzt einen ziemlich cleveren Comic dazu gemacht. Der ist schon gut, aaber… sicher nicht für jeden. Weil Mosbacher mutig keine einfache Nacherzählung aller Best-ofs abliefert, sondern sich mit der Person auseinandersetzen will. Heißt: es hilft, wenn der Leser schon eine grobe Ahnung mitbringt. Wenn er weiß, dass Beuys nicht nur Fettecken machte, sondern viel Aktionskunst. Sich mit Kojoten in einen Käfig sperren lassen. Toten Hasen Bilder erklären. In guten Momenten ist Beuys originell und witzig, wie hier. Und wenn er ins Dozieren kommt, ein wendiger, aber anstrengender Kopf mit anstrengendem Sendungsbewusstsein. Das ist das Tolle an Mosbachers Comic: Man kriegt einen exzellenten Eindruck vom Typen Beuys. Aber wenn man vorher nichts über den Künstler und sein Werk weiß, ist man hinterher nicht viel schlauer. Jetzt können Sie sich’s aussuchen. Lenz Mosbacher, Beuys – Die Erfindung der Wahrheit, avant-verlag, 30 Euro



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Die Outtakes (42): mit 1 beutelosen Verbrechergenie, 1 apokalyptischen Ritual und 1 TV-Show mit Job-Hauptgewinn


Illustration: Jesús Alonso Iglesisa/Doug Headline/Donald E. Westlake - Schreiber & Leser
Illustration: Jesús Alonso Iglesisa/Doug Headline/Donald E. Westlake - Schreiber & Leser

Erfolgloses Genie


Alles sieht richtig aus – aber es fehlt was: „Dortmunder“ ist ein weiterer Zweig der „Parker“-Schiene, die harte Krimis im Look der 60er und 70er Jahre serviert. Dortmunder, der Protagonist, und die zugehörigen Romane stammen auch aus derselben Feder von Donald E. Westlake. Aber Dortmunder ist zugleich Spoof: eine komödiantische Variante, und der Held (den immerhin schon mal Robert Redford spielte) ist ein Genie, das immer Pech hat. Klingt lustig, oder? Bis man mal drüber nachdenkt, wie in einer ergebnisorientierten Verbrecherwelt jemand Leute anheuern soll, der nie Beute vorzuweisen hat. Vielleicht klappt das ja im Roman, im Comic bin ich nur noch am Kopfschütteln. Dortmunders Gruppe klaut eine Behelfsbank im Container, um anschließend mühsam die ganze Bank abtransportieren (!) und verstecken (!!) zu müssen. Klar könnte ein Genie merken, dass es leichter ist, vor Ort ein Loch in die Blechwand zu sägen und den Safe zu klauen, aber Westlake war halt scharf auf den eigentlich titeltauglichen Heist-Gag mit der geklauten Bank. Und so zerbröselt mit jedem Logikfehler der Spaß an der Komödie mehr. Aber die an Darwyn Cooke geschulte Optik von Jesús Alonso Iglesias ist anheimelnd kühl, und wer den Kopf immer wieder ausschaltet, kann mit „Dortmunder“ durchaus seinen Spaß haben.




Pinkblaues Bezahl-Debüt

Illustration: Thomas Gronle/Legron - Edition 52
Illustration: Thomas Gronle/Legron - Edition 52

Thomas Gronles „Das Ritual“ kommt mit allerhand Vorschusslorbeeren, aber ich fürchte: Sie sind ein wenig mit Sympathie gedüngt. Gronle ist Teil der wunderbaren Moga Mobo-Einrichtung, die mit ansteckender Begeisterung die Republik mit selbstgemachten Gratis-Comics versorgt. Und wer etwas 30 Jahre lang macht, lernt dabei reichlich – was sich sehr gut an Titus Ackermanns „Was vom Leben übrig bleibt“ beobachten ließ. Gronles Pay-per-Graphic-Novel-Debüt überzeugt etwa mit beeindruckender Optik samt Retro-Aroma, die Schwarz-Weiß mit grellem Pink/Blau kombiniert. Seine Story bevölkert er mit scherenschnittschwarzen Monstern, in einem Haus soll ein apokalyptisches Ritual stattfinden, damit die Götter die Menschheit vor einer noch größeren Katastrophe verschonen – der Held ist Jan, der Page vom Hotel gegenüber. Aber so entschlossen Gronle seinen Comic designt, so unentschieden erzählt er seine Geschichte. Soll sie absurd sein oder bedrohlich? Menschelnd oder actiongetrieben? Gronle mag sich nicht entscheiden, wirft erzählerisch alles in die Suppe und erntet so allenfalls die Hälfte von dem, was dringewesen wäre. Aber trotzdem: Diese Suppe sieht toll aus!



Bitte keine Vorwürfe!

Illustration: Nele Jongeling - Reprodukt
Illustration: Nele Jongeling - Reprodukt

Was für eine wunderliche Überraschung: Für mich signalisiert alles an Nele Jongelings neuem Comic „verschrobener Humor“. Nicht zuletzt der trotzige Titel „Ich will nicht arbeiten“, aber auch die Max-Baitinger-Optik, die verzerrten Figuren, die halb Funny Animal sind und halb weichgewordene Gummigiraffen. Dazu die strenge blau-orange Kombination, die akkuraten Perspektiven, die bizarre Geschichte eines „Bundesbüros für Beruf“, das in einer Art TV-Show fünf Menschen um einen maßgeschneiderten Traumjob kämpfen lässt. Aber Seltsamkeit: Jongeling mag davon wenig nutzen. Den Wettbewerb mag sie weder spannend noch skurril ausarbeiten. Die Kandidaten diskutieren recht ernsthaft die Probleme junger Menschen mit den Anforderungen des real existierenden Berufslebens – was Jongeling weder kritisiert noch unterstützt noch irgendwie reflektiert, also eigentlich nur: runterbetet. Und zum Schluss jobbt die Protagonistin Edit als (unterbezahlte? ausgebeutete?) Bedienung in einem Café und ist glücklich, solange sie sich keine Vorwürfe macht. Ich weiß nicht so recht, wem das weiterhelfen soll, ich weiß aber, wen das irgendwie gar nicht mal so gut unterhält. Nele Jongeling, Ich will nicht arbeiten, Reprodukt, 29 Euro





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11. Juli

Horror aus dem Hühnerstall: Renren Galenos Graphic-Gockel „Sa Wala“ ist ziemlich sicher die Grusel-Überraschung des Jahres

Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag
Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag

So aufgeregt hab ich Häuptling Berufener Mund selten erlebt. Er sagt mehrfach „unglaublich“ und „der Hammer“, und „da haut die das einfach raus, mit 23!“ Und wenn der Häuptling, der schon manch Büffelherde hat vorüberziehen sehen, so aus dem Zeltchen ist, dann muss man das natürlich prüfen: Der Hammer heißt „Sa Wala“, stammt von der Filipina Renren Galeno – und ist tatsächlich ein sehr ungewöhnliches Stückchen Horror.


Neustart nach dem Hühnertod


Ein junger Hahn wird auf einer Hühnerfarm geboren, wächst nicht besonders gut auf und nimmt ein rasches, vielleicht sogar leckeres Ende – sollte man meinen. Aber diesmal bleibt die Küche kalt, auf rätselhafte Weise gelingt ihm die Flucht und die Hühnerfarm geht in Flammen auf. Kurze Zeit später bremst der Taxifahrer Anding mitten in der Nacht: Auf der Straße steht ein herrenloser Hahn.

Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag
Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag

So aufgeregt hab ich Häuptling Berufener Mund selten erlebt. Er sagt mehrfach „unglaublich“ und „der Hammer“, und „da haut die das einfach raus, mit 23!“ Und wenn der Häuptling, der schon manch Büffelherde hat vorüberziehen sehen, so aus dem Zeltchen ist, dann muss man das natürlich prüfen: Der Hammer heißt „Sa Wala“, stammt von der Filipina Renren Galeno – und ist tatsächlich ein sehr ungewöhnliches Stückchen Horror.


Neustart nach dem Hühnertod


Ein junger Hahn wird auf einer Hühnerfarm geboren, wächst nicht besonders gut auf und nimmt ein rasches, vielleicht sogar leckeres Ende – sollte man meinen. Aber diesmal bleibt die Küche kalt, auf rätselhafte Weise gelingt ihm die Flucht und die Hühnerfarm geht in Flammen auf. Kurze Zeit später bremst der Taxifahrer Anding mitten in der Nacht: Auf der Straße steht ein herrenloser Hahn.

Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag
Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag

Wie schon hier nachdrücklich gesehen, sind auf den Philippinen Hühner präsenter als bei uns. Daher ist es recht normal, dass Anding den Hahn mitnimmt und zuhause erst mal in einem Karton vor die Tür stellt. Aber es zeigt sich rasch, dass dieser Hahn einen sehr eigenen Kopf hat. Als sich Anding nach dem Familienfrühstück um ihn kümmern will, hat er schon das Kätzchen der jüngsten Tochter Amor zerfetzt.


Entdecke die Möglichkeiten

Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag
Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag

Gruslig ist das, auch durch Galenos Regie. Vieles zeigt sie nicht eindeutig: Wenn man mehr Umgebung sehen mag, zoomt sie stattdessen extranah ran. Oder sie zeigt statt dem Entsetzlichen lieber das Entsetzen der Beobachter. Wie der Hahn die Hühnerfarm überlebt, ist nicht klar. Er müsste ein Zombiehahn sein, aber Galeno verweigert die konkrete Einsortierung. Was ihr mehr Freiheiten für den Plot schenkt. Der Hahn wird noch Dinge tun, die man von Zombies eher nicht kennt – wer sich nicht festlegt, muss hinterher nicht mit den Experten diskutieren.


Der Herzenshahn


Amor schließt den Hahn ins Herz, und der Hahn das Mädchen. Sie trägt ihn begeistert auf dem Kopf herum, niemand sagt ihr, dass er die Katze auf dem Gewissen hat. Die Katzenreste wurden heimlich in einer Plastiktüte in den örtlichen Bach geschmissen. Dort häufen sich allmählich die Tüten, weil Anding den Hahn weiter mit Katzen versorgt. Es hat sich gezeigt, dass man mit ihm Geld verdienen kann: Bei Hahnenkämpfen ist er eine Killermaschine. Doch zuhause ist er immer schwieriger zu kontrollieren…


Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag
Illustration: Renren Galeno - Dantes Verlag

Hier will ich gar nicht zuviel verraten. Wenn Sie auch nur ein bisschen Spaß an Horrorfilmen haben, geben Sie dem Hahn eine Chance, entdecken Sie es selbst – im wahrsten Sinne des Wortes, weil Renren Galeno immer wieder über weite Strecken ohne Text arbeitet, da soll und muss man genau hinsehen, auf Details in den Bildern achten.


Mehr als nur Geflügel?


Häuptling Berufener Mund hat natürlich noch eine zweite Ebene gefunden, das gibt's im Horrorgenre ja öfter: „Der Hahn“, sagt er mit einem weiten Blick über die Erlanger Prärie, „der Hahn ist der Kapitalismus.“ Ich bin da weniger entschlossen, ich finde, der Hahn kann genausogut die KI sein. Aber vielleicht ist der Hahn auch einfach nur ein Hahn. Viel Spaß beim Gruseln!


  


 


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