- 6. Aug.
Die Outtakes (42): mit 1 beutelosen Verbrechergenie, 1 apokalyptischen Ritual und 1 TV-Show mit Job-Hauptgewinn

Erfolgloses Genie
Alles sieht richtig aus – aber es fehlt was: „Dortmunder“ ist ein weiterer Zweig der „Parker“-Schiene, die harte Krimis im Look der 60er und 70er Jahre serviert. Dortmunder, der Protagonist, und die zugehörigen Romane stammen auch aus derselben Feder von Donald E. Westlake. Aber Dortmunder ist zugleich Spoof: eine komödiantische Variante, und der Held (den immerhin schon mal Robert Redford spielte) ist ein Genie, das immer Pech hat. Klingt lustig, oder? Bis man mal drüber nachdenkt, wie in einer ergebnisorientierten Verbrecherwelt jemand Leute anheuern soll, der nie Beute vorzuweisen hat. Vielleicht klappt das ja im Roman, im Comic bin ich nur noch am Kopfschütteln. Dortmunders Gruppe klaut eine Behelfsbank im Container, um anschließend mühsam die ganze Bank abtransportieren (!) und verstecken (!!) zu müssen. Klar könnte ein Genie merken, dass es leichter ist, vor Ort ein Loch in die Blechwand zu sägen und den Safe zu klauen, aber Westlake war halt scharf auf den eigentlich titeltauglichen Heist-Gag mit der geklauten Bank. Und so zerbröselt mit jedem Logikfehler der Spaß an der Komödie mehr. Aber die an Darwyn Cooke geschulte Optik von Jesús Alonso Iglesias ist anheimelnd kühl, und wer den Kopf immer wieder ausschaltet, kann mit „Dortmunder“ durchaus seinen Spaß haben.
Pinkblaues Bezahl-Debüt

Thomas Gronles „Das Ritual“ kommt mit allerhand Vorschusslorbeeren, aber ich fürchte: Sie sind ein wenig mit Sympathie gedüngt. Gronle ist Teil der wunderbaren Moga Mobo-Einrichtung, die mit ansteckender Begeisterung die Republik mit selbstgemachten Gratis-Comics versorgt. Und wer etwas 30 Jahre lang macht, lernt dabei reichlich – was sich sehr gut an Titus Ackermanns „Was vom Leben übrig bleibt“ beobachten ließ. Gronles Pay-per-Graphic-Novel-Debüt überzeugt etwa mit beeindruckender Optik samt Retro-Aroma, die Schwarz-Weiß mit grellem Pink/Blau kombiniert. Seine Story bevölkert er mit scherenschnittschwarzen Monstern, in einem Haus soll ein apokalyptisches Ritual stattfinden, damit die Götter die Menschheit vor einer noch größeren Katastrophe verschonen – der Held ist Jan, der Page vom Hotel gegenüber. Aber so entschlossen Gronle seinen Comic designt, so unentschieden erzählt er seine Geschichte. Soll sie absurd sein oder bedrohlich? Menschelnd oder actiongetrieben? Gronle mag sich nicht entscheiden, wirft erzählerisch alles in die Suppe und erntet so allenfalls die Hälfte von dem, was dringewesen wäre. Aber trotzdem: Diese Suppe sieht toll aus!
Bitte keine Vorwürfe!

Was für eine wunderliche Überraschung: Für mich signalisiert alles an Nele Jongelings neuem Comic „verschrobener Humor“. Nicht zuletzt der trotzige Titel „Ich will nicht arbeiten“, aber auch die Max-Baitinger-Optik, die verzerrten Figuren, die halb Funny Animal sind und halb weichgewordene Gummigiraffen. Dazu die strenge blau-orange Kombination, die akkuraten Perspektiven, die bizarre Geschichte eines „Bundesbüros für Beruf“, das in einer Art TV-Show fünf Menschen um einen maßgeschneiderten Traumjob kämpfen lässt. Aber Seltsamkeit: Jongeling mag davon wenig nutzen. Den Wettbewerb mag sie weder spannend noch skurril ausarbeiten. Die Kandidaten diskutieren recht ernsthaft die Probleme junger Menschen mit den Anforderungen des real existierenden Berufslebens – was Jongeling weder kritisiert noch unterstützt noch irgendwie reflektiert, also eigentlich nur: runterbetet. Und zum Schluss jobbt die Protagonistin Edit als (unterbezahlte? ausgebeutete?) Bedienung in einem Café und ist glücklich, solange sie sich keine Vorwürfe macht. Ich weiß nicht so recht, wem das weiterhelfen soll, ich weiß aber, wen das irgendwie gar nicht mal so gut unterhält. Nele Jongeling, Ich will nicht arbeiten, Reprodukt, 29 Euro
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- 12. Juli
Horror aus dem Hühnerstall: Renren Galenos Graphic-Gockel „Sa Wala“ ist ziemlich sicher die Grusel-Überraschung des Jahres

So aufgeregt hab ich Häuptling Berufener Mund selten erlebt. Er sagt mehrfach „unglaublich“ und „der Hammer“, und „da haut die das einfach raus, mit 23!“ Und wenn der Häuptling, der schon manch Büffelherde hat vorüberziehen sehen, so aus dem Zeltchen ist, dann muss man das natürlich prüfen: Der Hammer heißt „Sa Wala“, stammt von der Filipina Renren Galeno – und ist tatsächlich ein sehr ungewöhnliches Stückchen Horror.
Neustart nach dem Hühnertod
Ein junger Hahn wird auf einer Hühnerfarm geboren, wächst nicht besonders gut auf und nimmt ein rasches, vielleicht sogar leckeres Ende – sollte man meinen. Aber diesmal bleibt die Küche kalt, auf rätselhafte Weise gelingt ihm die Flucht und die Hühnerfarm geht in Flammen auf. Kurze Zeit später bremst der Taxifahrer Anding mitten in der Nacht: Auf der Straße steht ein herrenloser Hahn.

So aufgeregt hab ich Häuptling Berufener Mund selten erlebt. Er sagt mehrfach „unglaublich“ und „der Hammer“, und „da haut die das einfach raus, mit 23!“ Und wenn der Häuptling, der schon manch Büffelherde hat vorüberziehen sehen, so aus dem Zeltchen ist, dann muss man das natürlich prüfen: Der Hammer heißt „Sa Wala“, stammt von der Filipina Renren Galeno – und ist tatsächlich ein sehr ungewöhnliches Stückchen Horror.
Neustart nach dem Hühnertod
Ein junger Hahn wird auf einer Hühnerfarm geboren, wächst nicht besonders gut auf und nimmt ein rasches, vielleicht sogar leckeres Ende – sollte man meinen. Aber diesmal bleibt die Küche kalt, auf rätselhafte Weise gelingt ihm die Flucht und die Hühnerfarm geht in Flammen auf. Kurze Zeit später bremst der Taxifahrer Anding mitten in der Nacht: Auf der Straße steht ein herrenloser Hahn.

Wie schon hier nachdrücklich gesehen, sind auf den Philippinen Hühner präsenter als bei uns. Daher ist es recht normal, dass Anding den Hahn mitnimmt und zuhause erst mal in einem Karton vor die Tür stellt. Aber es zeigt sich rasch, dass dieser Hahn einen sehr eigenen Kopf hat. Als sich Anding nach dem Familienfrühstück um ihn kümmern will, hat er schon das Kätzchen der jüngsten Tochter Amor zerfetzt.
Entdecke die Möglichkeiten

Gruslig ist das, auch durch Galenos Regie. Vieles zeigt sie nicht eindeutig: Wenn man mehr Umgebung sehen mag, zoomt sie stattdessen extranah ran. Oder sie zeigt statt dem Entsetzlichen lieber das Entsetzen der Beobachter. Wie der Hahn die Hühnerfarm überlebt, ist nicht klar. Er müsste ein Zombiehahn sein, aber Galeno verweigert die konkrete Einsortierung. Was ihr mehr Freiheiten für den Plot schenkt. Der Hahn wird noch Dinge tun, die man von Zombies eher nicht kennt – wer sich nicht festlegt, muss hinterher nicht mit den Experten diskutieren.
Der Herzenshahn
Amor schließt den Hahn ins Herz, und der Hahn das Mädchen. Sie trägt ihn begeistert auf dem Kopf herum, niemand sagt ihr, dass er die Katze auf dem Gewissen hat. Die Katzenreste wurden heimlich in einer Plastiktüte in den örtlichen Bach geschmissen. Dort häufen sich allmählich die Tüten, weil Anding den Hahn weiter mit Katzen versorgt. Es hat sich gezeigt, dass man mit ihm Geld verdienen kann: Bei Hahnenkämpfen ist er eine Killermaschine. Doch zuhause ist er immer schwieriger zu kontrollieren…

Hier will ich gar nicht zuviel verraten. Wenn Sie auch nur ein bisschen Spaß an Horrorfilmen haben, geben Sie dem Hahn eine Chance, entdecken Sie es selbst – im wahrsten Sinne des Wortes, weil Renren Galeno immer wieder über weite Strecken ohne Text arbeitet, da soll und muss man genau hinsehen, auf Details in den Bildern achten.
Mehr als nur Geflügel?
Häuptling Berufener Mund hat natürlich noch eine zweite Ebene gefunden, das gibt's im Horrorgenre ja öfter: „Der Hahn“, sagt er mit einem weiten Blick über die Erlanger Prärie, „der Hahn ist der Kapitalismus.“ Ich bin da weniger entschlossen, ich finde, der Hahn kann genausogut die KI sein. Aber vielleicht ist der Hahn auch einfach nur ein Hahn. Viel Spaß beim Gruseln!
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- 12. Feb.
Die Outtakes (37): Mit 1 autobiografischen Nahtoderfahrung, 1 dämonischen Ziege und 1 gefrühstückten Prediger

Der Tod sieht hübsch aus. Also: Der Nahtod in Frenk Meeuwsens „Rufus“. Ein nicht mehr ganz junger Vater, mehr 50 als 40, lebt mit seinem niedlichen Sohn und seiner Frau und kriegt einen Herzinfarkt. Das war’s im Prinzip schon. Meeuwsen arbeitet autobiographisch, „Rufus“ ist praktisch das Sequel zur Vaterschaft vor vier Jahren. Gut ist er immer dann, wenn ihm berührende oder absurde Momente gelingen: Die pragmatische Herangehensweise seines Sohnes an die Sterblichkeit etwa, oder die abgedrehten Welten, in die Koma und Narkose seine Realität umformen. Aber dennoch ist die Story recht erwartbar: Vati wird krank, kommt in die Klinik und wieder heraus – da fehlt noch was, nicht wahr? Oder geht das nur mir so? In Heiner Lünstedts kaffeelosem Comic-Café hab ich gelernt, dass Meeuwsen das Narkose-Erlebnis offenbar sehr überzeugend wiedergibt. Das mag sein, aber dann kann ich's (noch) nicht beurteilen.
Geil und verhext

Dass man bei Sole Oteros Graphic Novels ein bisschen zum Reinkommen braucht, hab ich schon bei „Napthalin“ gemerkt, und auch, dass man einige ihrer klobigen Figuren leicht verwechselt. Aber aus „Napthalin“ habe ich mehr mitgenommen als aus dem neuen Band „Hexenkunst“, obwohl der eigentlich geiler ist, wortwörtlich. Die Argentinierin Otero erzählt aus verschiedenen Zeitebenen und Blickwinkeln die Geschichte eines Hexentrios, das Frauen medizinisch-magisch hilft und Männer zum Erhalt der eigenen Kräfte (und einer dämonischen Ziege) benutzt. Das ist mal gruselig, mal deftig-skurril, mal bedrohlich, also lauter prima Geschmacksrichtungen, die aber leider kein Ganzes ergeben, weil man beim Lesen zu beschäftigt ist: mit dem Sortieren der Infos. Wenn ein Spanner seinem Kumpel von den merkwürdigen Orgien erzählt, die er da im Hexenhaus beobachtet, geht das noch. Aber wenn in einer Episode eine junge Internet-Einsiedlerin, die seit Jahren nicht mehr vor die Tür geht, via E-Mail vom Tierarzt ihrer Katze angebaggert wird, ungeschickt, weil der Tierarzt eine komplizierte Familie hat, nämlich eben die drei Hexen – sehen Sie, das dauert lang, bis man schnallt, dass es gar nicht um die Verhuschte geht, sondern um den Doc, und das bremst ziemlich aus. Andererseits: Wenn’s denn mal klappt, klappt es recht gut.
Der Standard der 50er

Ein Comic kann Komplexes veranschaulichen. Warum Reiche reich sind und Arme arm, beispielsweise. Er kann aber auch Vorträge halten wie jemand, der keinen Clown gefrühstückt hat, sondern einen Prediger. Was exakt das Problem der Comic-Version von „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ ist. Erschwerend hinzu kommt linke Betriebsblindheit: Wer vom eigenen Rechthaben so überzeugt ist, dass alles von selbst einleuchtet, vermittelt nicht mehr und liefert statt Karikaturen ärgerliche Klischees. Im Wortsinne, weil hier die Reichen und Industriellen wieder mal feist sind und sogar beim Squash-Spielen noch T-Shirts mit Zylindern drauf tragen. Da ist’s nicht mehr weit bis zu Melone und Zigarre, den kapitalistischen Standard-Attributen der 50er. Selbst wenn die Analysen zutreffen: sie kommen als mäßig spaßiges Info-Cartoon-Konvolut daher, das als Sachtext möglicherweise griffiger wäre. Dazu müsste man aber das Buch von Thomas Piketty kennen.
