Das Grauen in Wohlfühlfarben: Der Western „Blood Brother’s Mother“ zeigt das Leben der Schwachen in einer Welt der Stärkeren

Schön, dass man sich noch auf manches verlassen kann: Auf das Team Brian Azzarello/Eduardo Risso beispielsweise. Die hart besaiteten „100 Bullets“-Väter haben vor geraumer Zeit eine neue Mini-Serie gestartet, jetzt liegt sie gesammelt auf deutsch vor – wenn ich’s recht sehe, sogar schneller als in den USA. „Blood Brother’s Mother“ ist nicht brillant, aber sehr, sehr gut. Und bietet sogar ein paar neue Stärken.
Zahlen, bitte!
Hab ich eigentlich schon gesagt, worum’s diesmal geht? Wir sind wieder mal im Weste(r)n unterwegs. Ein Mann kommt aus dem Knast, und was will er als erstes? Jawohl, eine Rechnung begleichen, wie man das eben so macht. Er will seine Frau zurück, die inzwischen einen Prediger geheiratet hat, und mit den drei kleinen Söhnen bei ihm lebt. Der Mann und seine zwei Buddies töten den Prediger, nehmen die Frau mit und lassen die drei Knirpse zurück. Die sich an ihre Fersen heften, weil sie ihre Mutter zurückwollen.

Das ist, wie meist bei Azzarello, arg nahe an der Persiflage. Wie hart denn noch? Wie einsam der Wolf, wie rauchend der Colt? Azzarello kriegt die Kurve, indem er die Buben in den Vordergrund rückt: Er wirft die drei schutz- und ahnungslosen Jungs in eine rücksichtslose Welt.
Statt Mitleid: krude Gerechtigkeit
Schon der erste Mensch, den sie treffen, beklaut sie, dabei müsste er am meisten Mitleid haben: Er ist selber höchstens zwei, drei Jahre älter als die Jungs. Aber Mitleid gibt’s nicht viel in Azzarellos Westen. Das Beste, was man hier kriegt, ist eine sehr krude Gerechtigkeit.

Ich meine: Der Ex-Knacki, der doch den Prediger killt und die Kinder (vermutlich seine!) aussetzt, hat gerade erst die neuen Freunde seiner beiden Buddies umgebracht. Nicht, weil die neuen Freunde ein paar Siedler ermordet haben. Sondern weil sie danach deren Frauen entsetzlich misshandelten und vergewaltigten. Wie muss man sich das vorstellen? Prediger töten: Passt. Siedler töten: Auch. Frauen vergewaltigen: Geht gar nicht? Hm.
Mutti ist kein Engel
Vielleicht ist’s ein Kommentar zur Gegenwart, in der Glaube und mörderische Rücksichtslosigkeit bei den US-Superchristen genauso Hand in Hand gehen wie bei den Islamisten. Beide Religionen stilisieren dabei ja auch die Frau zu einer Art fruchtbarer Nonne. Dazu würde denn auch die Volte passen, dass Mutti bei Azzarello (so viel sei verraten) alles ist, nur eben kein Engel.

Die Welt ist jedenfalls reichlich aus den Fugen, und Eduardo Risso tut alles, um diese Hölle kongenial zu inszenieren. Die Brutalität ist überall: Nicht nur bei gefolterten Frauen, skalpierten Indianern, Kugeln, die durch Hinterköpfe aus Augenhöhlen zischen, oder Kopfgeldjägern, die man in ausgeweidete Pferde gestopft für die Kojoten zurücklässt. Sondern auch unter Kindern, wenn sie Kröten zerquetschen.
Kühlblaue Nächte, orangerote Stürme
Und als wäre das nicht genug, kontrastiert Risso, der sonst so in Schatten schwelgt, die kaum erträglichen Bilder mit helleren, harmonischen Farben, Aquarellorgien im Sonnenlicht, wunderschön kühlblauen Nächten, blutrot-orangenen Sandstürmen. Kombiniert mit seinen verlässlich einfallsreichen Bild-Arrangements, bei denen er gerne verschiedene kleine Detail-Panels über große Splashes verteilt wie verstreute Fotos auf dem Fußboden, entsteht ein Farb- und Bilderstrudel, in dem man sich wohlfühlen könnte, wenn er nicht so entsetzlich wäre.

Nur manchmal ist etwas Sand im Getriebe: Bei (beiden) Schießereien mit vielen Beteiligten ist manchmal nicht ganz klar, welche Kugel in welcher Reihenfolge wo einschlägt und von wem sie kommt. Da muss man (oder nur ich?) nochmal zurückblättern. Aber insgesamt geht die Rechnung auf: Die garstige Saga unterhält verstörend gut bis zum End. Wird es happy? Oder wäre für ein Happier End eine Welt nötig, in der man die Dinge vielleicht etwas anders regelt?
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Französische Spätlese: Es gibt noch mehr von Cyril Pedrosa – dem Mann, der weiß, dass auch bei „Food for thoughts“ das Auge mitisst

Ich schulde Ihnen noch was. Ich wollte ja mehr Pedrosa lesen. Hab ich auch gemacht. Hat sich auch gelohnt. Und das Ende vom Lied? Jetzt muss ich noch mehr empfehlen. Hört das denn nie auf?
Beklemmender Wohlfühl-Horror

Wie soll man das nennen? Beklemmenden Wohlfühl-Horror? Pedrosas „Drei Schatten“ sind in jedem Fall eine eigenwillige Mischung. Die Story beginnt so glücklich, dass es persiflierend wirkt und man ahnt: So geht es nicht weiter mit der kleinen Bauernfamilie inmitten der „klaren Luft“ und „dem grünen Duft des Flusses“.
Bitterkeit in XXL
Der kleine Joachim bemerkt das Unheil als erstes: Drei Reiter in der Ferne, die näher kommen, aber nichts sagen. Ratlos geht die Mutter in die Stadt, zur Ortsweisen, die ihr verrät: die Drei sind so etwas wie Boten des Todes, und ihr Ziel ist Joachim, der einzige Sohn. Ihr Rat an die Eltern: Versucht nicht, gegen die Schatten zu kämpfen. Genießt die verbleibende Zeit. Geht’s bitterer?

Andererseits garniert Pedrosa die Erzählung immer wieder mit ungewöhnlichem Humor. Seine Zeichnungen haben zwar oft einen murnauhaften Nosferatu-Touch, überzeichnen jedoch gern, mal die Figuren, mal die Szene, mit einer grotesken, fast verzweifelten Fröhlichkeit, die zunächst oft garnicht passt, dann aber wiederum garnicht – so schlecht. Denn die Verzweiflung ist Bestandteil der Story.
Überraschender Dreh ins Tröstliche
Natürlich packt der Vater sofort den Sohn und flieht mit ihm so weit die Füße tragen. Durch den Wald. Über den Fluss, der so breit ist, dass die Überquerung drei Tage dauert. Und immer die drei Schatten im Nacken. Das Segelschiff, das voller Flüchtlinge ist, liegt schon am ersten Tag in einer Flaute fest. Man muss kein Pessimist sein um hier zu ahnen, dass es schlecht aussieht für ein Happy End. Aber es passt zu diesem wunderlichen Comic, dass er es dennoch schafft, die Kurve ins Tröstliche zu kriegen. Ich sag’s ja: Eine eigenwillige Mischung, aber definitiv gut.
Selbstfindung in Echtzeit

Kennen Sie das, Filme in Echtzeit? Also: Filmen, was da ist, und zwar so wie’s passiert? Man merkt rasch, dass Spielfilme und Bücher aus gutem Grund ihre Handlung künstlich verdichten: Die Realität kann sich arg ziehen. Und das ist das Problem mit Pedrosas „Portugal“. Tatsächlich erzählt er hier so melancholisch und geduldig, dass seine großartigen Bilder das kaum noch auffangen.
„Deine Sorgen und Bezos' Geld“
Die Story: Comiczeichner Simon hat eine Schaffenskrise, trennt sich von seiner Frau, entdeckt die Familie wieder und deren portugiesische Emigrations-Vergangenheit. Das liest und betrachtet sich so, wie man's als Kritiker gern „stimmungsvoll“ nennt. Aber die Stimmung ist halt oft getragen, nachdenklich. Was Simon in aller epischen Breite aus der Vergangenheit entdeckt, ist kaum sensationell, und seine Selbstfindungsprobleme hätten für meine Eltern zweifellos zur Kategorie „Deine Sorgen und Bezos' Geld“ gehört. Aaaaber.

Immer wieder gelingen Pedrosa großartige Szenen. Simon besucht eine Familienhochzeit, trifft dort einen Haufen Verwandte. Es gibt Gespräche in warmer Sommernacht, sanft angetrunken, und wie er diese Gerüche, Gefühle, Personen, Spannungen einfängt und in Bilder verwandelt, ist zum Niederknien schön. Stets fällt dabei der Willen zur Authentizität auf: Das echte Leben hält in solchen Momenten ja seltenst große Enthüllungen bereit. Und grad im Familienkreis wird viel öfter alter Schmarren wiedergekäut, alte Verletzungen, oft für Außenstehende lächerlich gering. Was Pedrosa in „Jäger und Sammler“ noch unauffällig zuspitzt, serviert er hier lebensecht zäh. Oder ist’s wie bei Eric Rohmer?
Ein zeichnender Rohmer?
Der war für mich stets der Inbegriff des französischen Laberfilms. Doch Rohmer hat glühende Fans, und falls Sie zu denen gehören: Greifen Sie zu, Pedrosas „Portugal“ könnte Sie glücklich machen!
Kurz und kräftig

Noch was Kurzes gibt’s von Pedrosa. Leicht konsumierbar und spannend, auch wenn’s vielleicht nicht jedem passt. Mit „Auto-Bio“ hat er eine Serie von unterhaltsamen Ein- bis Zweiseitern geschrieben, über sein Leben als Kleinstadtbewohner. Das ist launig, impulsiv und selbstironisch, aber klar wird auch: Pedrosa würde wohl eher Habeck wählen. Genau hier wird es spannend: Denn selbst wenn Sie sich irgendwo zwischen CSU und Hubert Aiwanger verorten – in Pedrosas anderen Comics kriegen Sie nicht mit, dass er politisch anders tickt als Sie. Da erzählt er für alle gleichermaßen. Und allein schon wegen dieser Gemeinsamkeit lohnt sich auch „Auto-Bio“ für alle.
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Zweimal packt die Französin Magali Le Huche heiße Eisen an, aber nur einmal funktioniert's: Warum der Text bei Comics so wichtig ist

Was predige ich jedes Mal wie eine tibetanische Gebetsmühle? Für die Comicqualität ist das Szenario wichtiger als die Zeichnung. Weil gute Szenarien auch mäßige Zeichnungen vertragen, die besten Zeichnungen aber kein schlechtes Szenario retten, sondern allenfalls aufhübschen. Zeichnung macht schön, Szenario macht gut. Und das kann man gerade gut zeigen: An Magali Le Huche, die derzeit zwei Comics am Start hat.
Es geht um die Wurst

Magali Le Huche, Jahrgang 1979, zeichnet lockere Figuren, ein bisschen kommerziell, aber nicht zu konventionell – man nimmt sie gern in die Hand. Noch lieber, wenn das Thema vielversprechend ist: Sie hat sich „Die kleinen Königinnen“ vorgenommen, einen Roman von Clémentine Beauvais, der spannenden Zündstoff verspricht.
Mobbing, Hater: heiße Themen stark vereinfacht
Drei Mädchen werden im Schulchat online zu den hässlichsten Würsten des Jahres erklärt. Wir sind beim Thema Mobbing, Hatespeech, Soziale Medien, lauter wichtige Sachen also. Aber so dringend ich mir gute Comics zu diesem Thema wünsche – die „kleinen Königinnen“ gehören nicht dazu. Weil alles so grauenhaft simplifiziert daherkommt.

Denn statt sich mit dem realen Problem zu befassen, weicht der Roman lieber auf ein fantastisches aus: Die Wurstwahl wird hier zum Medienevent, vor dem sämtliche Behörden kapitulieren, weil es „im Internet“ stattfindet (als würde jeder zusehen, wie 50.000 Leute es liken, dass Minderjährige fertiggemacht werden). Und der Ausweg: Die drei Würste beschließen nach Paris zu radeln, zur Präsidentin, und plötzlich jubeln ihnen alle zu. Das ist schlichtweg Bullshit.

Sollen alle Opfer von Online-Hass sich zu Objekten des Online-Jubels mausern? Wie man seit dem „Drachengame“ weiß, sind Hater kaum umzupolen. Und bei der frechen Mireille klappt das ja auch nur, weil’s Autorin Beauvais so will. Tatsächlich läuft derlei aber anders ab: im (geschlossenen?) Klassen- oder Schulchat, mit so wenig Aufmerksamkeit, dass kein Hahn und kein Präsident danach kräht. Nein, eine Präsidentin auch nicht. Radeln ist hier keine Lösung, und dagegen kann Magali Le Huche nicht anzeichnen. Das Ergebnis ist fröhlicher Quatsch, der sich Phantasieauswege zurechtträumt, mehr nicht.
Jetzt wird's persönlich

Für den zweiten Band hat Magali Le Huche das Szenario selbst entwickelt, auch weil es sie selbst betrifft: In „Punk mit Brust“ setzt sich Le Huche mit ihrer Brustkrebserkrankung auseinander. Und prompt gelingt ihr das sehr, sehr gut.

Der Unterschied liegt im Szenario, und der Vorteil ist, dass man für dieses Szenario nicht zaubern muss. Es hat Hand und Fuß, weil die Krankheit die Geschichte vorgibt: die sorglose Zeit, die Diagnose, die Ängste, die OP. Nie käme Le Huche hier auf die Idee, eine rettende Präsidentin einzubauen. Sie bleibt bei der Realität, und die stellt Le Huche eine Aufgabe, für die ihre Zeichenkunst ideal ist.
Berührung als Schlüssel
Denn man will so einen Comic nicht einfach runtererzählen. Man möchte den Leser und noch mehr die Leserin berühren, auch dann, wenn sie bislang weder mit der Erkrankung noch mit Erkrankten zu tun hatten. Für diese Berührung braucht man Bilder, und das ist ein Job für Le Huche. Jetzt, wo das Konzept passt, kann die Zeichnung mehr als übertünchen, sie kann glänzen. Le Huche findet eine Menge guter Bilder.

Der namensgebende Punk ist dabei nicht mal das Beste: Die Schiene des mutmachenden Joe Strummer bleibt mir fremd, weil ich kein Clash-Fan bin. Aber ich sehe natürlich ein, dass die von Le Huche (und mir) vielgeliebten Beatles zu gutgelaunt sind für mutmachenden Krawall gegen die ungerechte Krankheit, da ist stärkerer Stoff angebracht. Und wie Le Huche in sich hineintaucht , als sie vor der Diagnose in ihren suspekt gewordenen Körper hineinhorcht, das ist schon ziemlich gut.
Der Körper im Schlepptau
Die schwarze Wolke der Angst, oder das seltsame Bild, den Leib separat von sich zu betrachten, was darin mündet, dass Le Huche ihren operierten Körper auf einem Rollwägelchen hinter sich herzieht – wie auch ihre Leidensgenossinnen. Deren Schicksale Le Huche ebenfalls streift, damit klar wird, dass Brustkrebs unterschiedliche Formen annehmen kann und unterschiedlich therapiert wird.

Manchmal wirkt das Ganze einen Hauch zu mutmacherisch, aber das kann man angesichts des Themas kaum tadeln: zum Verzagen braucht man keinen Comic zeichnen, die häufig gegenwärtige Schwarze Wolke mit allen Ängsten macht das mehr als deutlich. Unterm Strich liest sich der Band trotz des schweren Stoffs erstaunlich leicht, er nutzt geschickt den Kampf um Leben und Tod und hat trotz vieler Informationen nichts Ratgeberhaftes. Stimmt der Text, dann klappt's auch mit dem Comic.
