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Comicverfuehrer

Zweimal packt die Französin Magali Le Huche heiße Eisen an, aber nur einmal funktioniert's: Warum der Text bei Comics so wichtig ist

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Was predige ich jedes Mal wie eine tibetanische Gebetsmühle? Für die Comicqualität ist das Szenario wichtiger als die Zeichnung. Weil gute Szenarien auch mäßige Zeichnungen vertragen, die besten Zeichnungen aber kein schlechtes Szenario retten, sondern allenfalls aufhübschen. Zeichnung macht schön, Szenario macht gut. Und das kann man gerade gut zeigen: An Magali Le Huche, die derzeit zwei Comics am Start hat.


Es geht um die Wurst

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Magali Le Huche, Jahrgang 1979, zeichnet lockere Figuren, ein bisschen kommerziell, aber nicht zu konventionell – man nimmt sie gern in die Hand. Noch lieber, wenn das Thema vielversprechend ist: Sie hat sich „Die kleinen Königinnen“ vorgenommen, einen Roman von Clémentine Beauvais, der spannenden Zündstoff verspricht.


Mobbing, Hater: heiße Themen stark vereinfacht


Drei Mädchen werden im Schulchat online zu den hässlichsten Würsten des Jahres erklärt. Wir sind beim Thema Mobbing, Hatespeech, Soziale Medien, lauter wichtige Sachen also. Aber so dringend ich mir gute Comics zu diesem Thema wünsche – die „kleinen Königinnen“ gehören nicht dazu. Weil alles so grauenhaft simplifiziert daherkommt.

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Denn statt sich mit dem realen Problem zu befassen, weicht der Roman lieber auf ein fantastisches aus: Die Wurstwahl wird hier zum Medienevent, vor dem sämtliche Behörden kapitulieren, weil es „im Internet“ stattfindet (als würde jeder zusehen, wie 50.000 Leute es liken, dass Minderjährige fertiggemacht werden). Und der Ausweg: Die drei Würste beschließen nach Paris zu radeln, zur Präsidentin, und plötzlich jubeln ihnen alle zu. Das ist schlichtweg Bullshit.


Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Sollen alle Opfer von Online-Hass sich zu Objekten des Online-Jubels mausern? Wie man seit dem „Drachengame“ weiß, sind Hater kaum umzupolen. Und bei der frechen Mireille klappt das ja auch nur, weil’s Autorin Beauvais so will. Tatsächlich läuft derlei aber anders ab: im (geschlossenen?) Klassen- oder Schulchat, mit so wenig Aufmerksamkeit, dass kein Hahn und kein Präsident danach kräht. Nein, eine Präsidentin auch nicht. Radeln ist hier keine Lösung, und dagegen kann Magali Le Huche nicht anzeichnen. Das Ergebnis ist fröhlicher Quatsch, der sich Phantasieauswege zurechtträumt, mehr nicht.  


Jetzt wird's persönlich

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Für den zweiten Band hat Magali Le Huche das Szenario selbst entwickelt, auch weil es sie selbst betrifft: In „Punk mit Brust“ setzt sich Le Huche mit ihrer Brustkrebserkrankung auseinander. Und prompt gelingt ihr das sehr, sehr gut.

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Der Unterschied liegt im Szenario, und der Vorteil ist, dass man für dieses Szenario nicht zaubern muss. Es hat Hand und Fuß, weil die Krankheit die Geschichte vorgibt: die sorglose Zeit, die Diagnose, die Ängste, die OP. Nie käme Le Huche hier auf die Idee, eine rettende Präsidentin einzubauen. Sie bleibt bei der Realität, und die stellt Le Huche eine Aufgabe, für die ihre Zeichenkunst ideal ist.


Berührung als Schlüssel


Denn man will so einen Comic nicht einfach runtererzählen. Man möchte den Leser und noch mehr die Leserin berühren, auch dann, wenn sie bislang weder mit der Erkrankung noch mit Erkrankten zu tun hatten. Für diese Berührung braucht man Bilder, und das ist ein Job für Le Huche. Jetzt, wo das Konzept passt, kann die Zeichnung mehr als übertünchen, sie kann glänzen. Le Huche findet eine Menge guter Bilder.

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Der namensgebende Punk ist dabei nicht mal das Beste: Die Schiene des mutmachenden Joe Strummer bleibt mir fremd, weil ich kein Clash-Fan bin. Aber ich sehe natürlich ein, dass die von Le Huche (und mir) vielgeliebten Beatles zu gutgelaunt sind für mutmachenden Krawall gegen die ungerechte Krankheit, da ist stärkerer Stoff angebracht. Und wie Le Huche in sich hineintaucht , als sie vor der Diagnose in ihren suspekt gewordenen Körper hineinhorcht, das ist schon ziemlich gut.


Der Körper im Schlepptau


Die schwarze Wolke der Angst, oder das seltsame Bild, den Leib separat von sich zu betrachten, was darin mündet, dass Le Huche ihren operierten Körper auf einem Rollwägelchen hinter sich herzieht – wie auch ihre Leidensgenossinnen. Deren Schicksale Le Huche ebenfalls streift, damit klar wird, dass Brustkrebs unterschiedliche Formen annehmen kann und unterschiedlich therapiert wird.

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Manchmal wirkt das Ganze einen Hauch zu mutmacherisch, aber das kann man angesichts des Themas kaum tadeln: zum Verzagen braucht man keinen Comic zeichnen, die häufig gegenwärtige Schwarze Wolke mit allen Ängsten macht das mehr als deutlich. Unterm Strich liest sich der Band trotz des schweren Stoffs erstaunlich leicht, er nutzt geschickt den Kampf um Leben und Tod und hat trotz vieler Informationen nichts Ratgeberhaftes. Stimmt der Text, dann klappt's auch mit dem Comic.


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Witzig, spannend, klug durchdacht: Wie Benjamin Flao rund um einen kleinen Jungen ein perfektes Kenia-Abenteuer strickt

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Kürzlich habe ich hier von Benjamin Flaos „Auf dem Wasser“ geschwärmt. Das Schöne: Stöbert man in Flaos Vergangenheit, findet man sogar etwas noch Besseres: die Zwei-Band-Angelegenheit „Kililana Song“. Die obendrein im immer mehr herumdüsternden Winter besonders lesenswert ist, weil sie im sonnigen Kenia spielt. Jajaja, sofort der Gedanke: „sonniges Kenia“ – darf man denn so touristisch-sorglos...? Eins nach dem anderen, erst mal: Worum geht’s?


Schulschwänzer als Fremdenführer


Flao hat in Kenia und Eritrea einige Zeit verbracht. Seine Beobachtungen und Unterhaltungen hat er zu einer charmanten Erzählung verrührt. Und wie er das macht, ist immer wieder so gekonnt, dass man sich die Augen reibt.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Drei Szenen leiten die Story ein. A) Ein Schiff bleibt nachts mit Maschinenschaden vor Kenia liegen. Als die Cops nachfragen, wirft der Kapitän rasch Schmuggelgut über Bord. B) Ein Einsiedler wacht in seiner Hütte auf und fährt mit einem Boot weg. C) Die Hauptfigur, der kleine Naim, drückt sich vor der Koranschule und flitzt seinem religiösen Bruder Hassan davon. Jede Szene zeigt Flao in Topform.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Das Schiff: bei Nacht im Mondlicht, großartiges Meer. Die Dialoge des Kapitäns: schnell, rüde, knapp, zynisch – nicht zuletzt lustig. Der Einsiedler: Still, geweckt von einem Huhn, das in seine Hütte gackert, augenzwinkernd, aber nicht spöttisch, in großzügigen Panels. Und Naims Flucht: mitreißend, zugleich illustriert sie für den Leser Naims kleines Heimatdorf, und seine knappen, frechen Gedanken machen den Zehnjährigen mit der Strickmütze sofort sympathisch.


Arm, aber nicht elend


Wir bleiben zunächst bei Naim. Wir sehen, wie er sein weniges Geld verdient, wen er im Ort trifft. Das erinnert in seiner Beiläufigkeit an „Aya aus Youpogon“. Flao spitzt die Handlung kaum zu, weil er weiß, dass diese Welt für sich interessant genug ist. Welche Drogen man nimmt, wie Naim bei seiner Tante wohnt, was man isst, die Boote im kleinen Hafen, die Touristen, alles wird zur Story, die sich um Naim rankt. Der arm ist, aber nicht im Elend lebt, der auch Spaß hat, wenn er Brettspielern im Café auf den Kopf spuckt.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Eine frische, immer leicht ironisch gebrochene Geschichte, bei der man erst gar nicht merkt, was für eine Rarität sie ist: Kürzlich hat ja Comic-Historiker Alexander Braun in Ausstellung und Katalog bei den Black Comics festgestellt, dass es garnicht sooo viel aus rein schwarzer Perspektive oder mit schwarzen Protagonisten gibt. Und hier: eine aufgeweckte, rasante Erzählung, unbefangen und deutlich unblutiger als Matthias Schultheiss’ „Haie von Lagos“. Darf man das, als Weißer?


Mehr als eine Exotik-Schote?


Verboten ist es nicht. Die bessere Frage wäre vielleicht: Macht Flao mehr draus als eine Exotik-Schote wie das „Traumschiff“? Touristisiert er sich die (real existierende) Öko-Idylle Lamu so zurecht wie deutsche TV-Krimis Istanbul, wo Zuschauer inzwischen verhaftete Oberbürgermeister ausblenden müssen? Antwort: nein. Allerdings zieht er erst in Teil Zwei die dramatischen, politischen Schrauben so richtig an.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Gewalt, Korruption, der Ausverkauf des Landes an China und überhaupt jede Art von Investor, hier spielt die spannende Kinderstory definitiv nicht mehr auf einer Insel der Seligen. Nicht im Vortragsmodus, sondern mit harter Action, scharfen Dialogen und weiterhin extrem bildgewaltig. Höhepunkt: Eine der besten Schiff-im-Sturm-Sequenzen, die ich je gesehen habe, da tastet man aufm Sofa nach dem Rettungsring...


Comic-Granate für den Baumpapst


Kleiner Fun-Fact zum Schluss: Beide Titel, „Auf dem Wasser“ und „Kililana Song“ sind vermutlich nicht Flaos deutsche Topseller. 2023 kamen die Franzosen auf die Idee, den Wald-und-Welt-Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“* vom deutschen Baumpapst Peter Wohlleben zum Comic umzufunktionieren. Das hat er tadellos gemacht, der Titel erschien auch auf Deutsch, aber ich nehme an: kaum jemand (inklusive mir) hat gemerkt, welche Comic-Granate sie da für den Baumpeter organisiert haben!


* Der Korrektheit halber: Den Wohlleben-Comic hat die Frau übersetzt, die mit mir in der Wohnung wohnt.



Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser


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  • 31. Juli 2025

Die Outtakes (30): Kindgerechte Gespenster, Kneipen-Konversationen und Wünschen mit kleinen Fehlern

Illustration: Taiyo Matsumoto - Reprodukt
Illustration: Taiyo Matsumoto - Reprodukt

Mürkwerdig


Tja, ich mag Taiyo Matsumoto, einen Preis der japanischen Mangazeichnervereinigung hat „Gogo-Monster“ auch gekriegt, aber ich weiß trotzdem leider nicht recht wofür. Es geht wieder mal um Kinder, eines von ihnen glaubt Kontakt zu Geistern zu haben, die im gesperrten dritten Stock der Schule wohnen. Die anderen Kinder denken, der Junge hätte ein Rad ab, zwei von ihnen mögen den Geisterbuben dennoch ganz gern. Eines dieser beiden rennt den ganzen Tag mit einem Pappkarton über dem Kopf herum. Und so weiter und so fort. Wir Leser sehen weder die Geister noch wird überhaupt klar, wohin die Geschichte führt, die ich Matsumoto zuliebe bis zum Schluss durchgelesen habe. Dann begriff ich: Ich weiß es immer noch nicht. Und Matsumotos sonstige Stärke, die kleinen großen Gefühle, sind ihm diesmal auch irgendwie durch die Finger gerutscht. Merkwürdig, mürkwerdig, mürb werd ick. Aber immerhin: Der Einband ist hübsch.

 


Flasche nicht leer

Illustration: Deena Mohamed - Schreiber & Leser
Illustration: Deena Mohamed - Schreiber & Leser

Ordentlich exotisch: Deena Mohameds „Shubeik Lubeik“ kommt aus Ägypten, liest sich mangahaft von rechts nach links, ist märchenhaft und ansehnlich und über 500 Seiten dick. Alles ist bereit für den Überraschungserfolg, der leider ausbleibt, obwohl es launig losgeht. Mohamed erzählt aus einem orientalischen Land, in dem man Wünsche kaufen kann. Billige, die beim Erfüllen mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Teure, die wesentlich präziser funktionieren. Dazwischen malt Mohamed immer wieder reizvoll aus, wie der Staat Herstellung, Verkauf und Umgang mit den Wünschen zu regeln versucht. Das ist teils satirisch, teils ernst, was sich ergänzen könnte, aber hier gegenseitig verwässert. Die eigentliche Handlung eiert ebenfalls halbentschlossen zwischen herzzerreißend und Satire (wie ja überhaupt die ganze Wünscherei auch den orientalischen Umgang mit modernen Freiheiten spiegeln möchte). Am meisten bremsen indessen Mohameds endlose Erwägungen, Debatten, Bedenken rund ums Problem des kaufbaren Wunschs die Lesefreude aus. Die sind selbst als Parabel für moderne Sehnsüchte arg langatmig geraten. Oder es ist landestypischer Stil: Dann möge zugreifen, wer ihn mag.

 


100 Bullets, gewaltfreie Version

Illustration: Carlos Sampayo/José Munoz - avant-verlag
Illustration: Carlos Sampayo/José Munoz - avant-verlag

Eindeutig gut, aber auch eindeutig spröde: Die Wiederveröffentlichung von „Joe’s Bar“ macht es dem Leser nicht leicht. So sind die Geschichten rund um Bar, Besucher und Betreiber allerdings auch nicht gedacht: Die Argentinier José Munoz (Zeichnungen) und Carlos Sampayo (Text) rücken immer wieder Passanten, Fremde, Mittrinker samt ihren Gesprächsfetzen in den Vordergrund, wechseln ständig das Personal, so dass man oft schon Mühe hat, die Hauptfigur rauszufinden. Das ist liebevoll und boshaft gezeichnet, durchdacht angelegt – aber auch so kunstwillig, dass ich mir ständig vorkomme, als sähe ich statt einer Erfolgsserie nur das Spin-Off einer Nebenfigur, von der ich leider noch nie gehört habe. Tatsächlich erinnern die je 20-seitigen Tauchgänge ins pralle Leben stark an die Serien „100 Bullets“ und „Sin City“ – aber eben ohne die kommerziell hilfreiche Gewaltzutat.






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