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Comicverfuehrer

,Drittes Reich – schon wieder? „Wintons Kinder“ umgeht die Wiederholungsgefahr mit neuem Erzählstoff und Countdown-Raffinesse


Eines der Phänomene rund um den zweiten Weltkrieg und Nazideutschland ist, dass es neben den Standardgeschichten (Kriegsverlauf, Holocaust, Hitlers Mitarbeiter) immer wieder möglich ist, ungewöhnlichere Stories zu entdecken und zu erzählen. Also: Nicht richtig neu, aber doch mit einem besonderen Touch. Zu diesen Stories gehört „Wintons Kinder“ von Tereza Verecká und Mikuláš Podprocký.


Das Fiasko von München


Dahinter steckt eine Art Variante von „Schindlers Liste“, aber nicht mitten im Krieg, sondern am Vorabend: Der britische Börsenmakler Nicholas Winton kommt 1938 in die zerschlagene Tschechoslowakei. Das Münchner Abkommen hat dem Land große Teile genommen, Hitler hat sich das Sudetenland gesichert, was bereits eine große Flüchtlingskrise verursacht. Aber mehr und mehr wird klar, dass der Diktator sich damit nicht zufrieden geben wird.

Illustration: Tereza Verecká/Mikuláš Podprocký - Knesebeck Verlag
Illustration: Tereza Verecká/Mikuláš Podprocký - Knesebeck Verlag

Er wird sich den Rest des Landes auch noch einverleiben, und dabei werden die Nazis sich mit Freude auf die Kinder stürzen – als Druckmittel gegen alle unliebsamen Personen. Ein Freund lotst Winton in dessen Urlaub ins Land, weil er weiß, dass der Geschäftsmann ein Organisationstalent ist. Er zeigt ihm das Elend, und wie erwartet beißt der pragmatische Optimist Winton an. Er wird sich ab sofort um das Unmögliche kümmern: Möglichst viele Kinder außer Landes zu schaffen.

Schnellballschlacht auf der Flucht


Verecká hat daraus einen spannenden Bürokratie-Thriller gedrechselt, mit Ticking Clock im Hintergrund (weil viele Leser ja wissen, dass der Einmarsch tatsächlich kommen wird). Dabei spielt sie geschickt mit der Logistik (Züge, Flüge), dem Beschaffen von Papieren (echt und falsch), der Kunst, die oft Untergetauchten rechtzeitig zum Abreisepunkt zu bringen, und natürlich gehören auch die Verhandlungen mit den Machthabern und Vorboten der Nazis dazu. Immer wieder konstruiert sie hochspannende Momente: Wie lotst man möglichst leise eine Flüchtlingskolonne an Nazipatrouillen vorbei, wenn plötzlich einige der Kinder die unerwartete Gelegenheit draußen nutzen, um eine Schneeballschlacht zu beginnen?


Illustration: Tereza Verecká/Mikuláš Podprocký - Knesebeck Verlag
Illustration: Tereza Verecká/Mikuláš Podprocký - Knesebeck Verlag

Ein wenig enttäuscht war ich zunächst vom recht zweckdienlichen Stil Mikuláš Podprockýs, aber seine Stärke sind weniger die Zeichnungen als die Layouts, das Arrangieren der Szenen, die er immer wieder fesselnd über doppelseitige Splashes führt. Dabei verdeutlichen aufreißende Erdspalten und Abgründe den unüberbrückbaren Riss zwischen den Zurückgelassenen und dem sicheren Ausland. Erneut bin ich erstaunt, wie rasch man sich einem Zeichenstil anvertraut, der zuvor noch Grund zur Skepsis war. Nicht zuletzt dank eines clever-rührenden Ein- und Ausstiegs.







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Zwei neue Bände des Italieners Zerocalcare zeigen: Es gibt Antifaschismus auch ohne Blockdenken – aber mit Hirn und Witz

Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Hab ich nicht kürzlich geschimpft, dass man eigentlich dringend was gegen Nazis tun müsste/wollte – dass aber unter dem Label „Antifaschismus“ meist völlig verstrahlter Propagandaquatsch kommt? Und was tut Gott? Jetzt gibt es auch Antifa mit Kopf.


Selbstironie hilft


Der mir bislang unbekannte Letatlin Verlag hat zwei schöne Comics im Regal: „Im Nest der Schlangen“ und „Diese Nacht wird keine kurze sein“. Von einem wohlbekannten Künstler: Zerocalcare. Und – bitte? Warum der besser sein soll? Ich sag mal so: Selbstironie hilft.

Staunen über deutsche Comic-Fans.      Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Staunen über deutsche Comic-Fans. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Man bedenke: Zerocalcare greift oft unattraktive Themen auf. Kurden, Minderheiten, diesmal die Prozesse gegen Linke in (damals noch Orbans) Budapest. Aber bei genau dieser Unlust holt Zerocalcare seine Leser ab. Er sagt nicht: „Lies das Zeug, es ist gesund und lehrreich!“ Er bemüht sich um die Leser, und das sehr, sehr witzig. Allein. Das. Tut. Schon. SOOO. Gut!


Wissen, dass man nicht automatisch recht hat

Dazu kommt: Er macht es einfach, aber nicht unterkomplex. Er erklärt, was los ist, und warum es ihn ärgert. Parteiisch, aber fair: Zerocalcare ist ganz offen superlinks. Aber anders als viele Antifaschisten folgert er nicht daraus, dass er automatisch recht hat, sondern dass er im Gegenteil seinen Standpunkt besonders schlüssig und nachvollziehbar begründen muss. Dass nicht die Prozesse gegen Maja T. und Ilaria Salis problematisch sind. Sondern dass (damals?) keine fairen Prozesse zu erwarten sind.

Diskussion mit Wall-E.   Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Diskussion mit Wall-E. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Warum? Zum Beispiel, weil vor dem Gerichtsgebäude Rechtsradikale und Polizei Hand in Hand arbeiten. Hier geht Zerocalcare wie ein Comicjournalist vor, er reist nach Budapest, stellt sich ein bisschen naiv und berichtet sehr aufmerksam, was er sieht. Und warum soll das witzig sein?


Ein gezeichneter Stand-up

Weil das an Zerocalcare das Besondere ist: Er erzählt grotesk, erschütternd, humorvoll. Er stellt sich selbst in Frage, karikiert das gleichzeitig noch, debattiert mit Gestalten aus seiner Fantasie wie Pixars Recyclingroboter Wall-E. Diese ständigen Gedankensprünge halten wach und aufmerksam, letztlich verfolgt man ein gezeichnetes Stand-up-Programm oder ein Youtube-Debattenvideo à la Rezo (wobei Zerocalcare das schon seit 2003 macht). Und doch ist es diesmal sogar besonders.

Die Ausnahmen.       Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Die Ausnahmen. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Im Original erzählt Zerocalcare im römischen Dialekt. Der avant-verlag hat das bei seinen (bisher drei) Übersetzungen als unübersetzbar weggelassen. Letatlin haben es mithilfe des Linksrappers Nico Seyfrid mutig und ausgesprochen mitreißend ins Berlinerische übersetzt. Det passt (darf man das hier sagen?) wie de Faust uffs Ooge.


Allzeit gesprächsbereit


Die Folge ist: Zerocalcares Berichte lesen sich mit Genuss, auch für Konservative. Weil man Argumente kriegt, über die man streiten kann, und weil der ganze Stil signalisiert, dass da jemand ins Gespräch kommen möchte. Und nicht zuletzt, weil man auch als durchschnittlicher Zeitungsleser Informationen bekommt, die einem durch die Lappen gegangen sind. Sie erinnern sich an die von den NSU-Rassisten ermordete Polizistin Michèle Kiesewetter?

Gute gemachte Aufregung.        Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Gute gemachte Aufregung. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Einer ihrer Vorgesetzten war Mitglied im deutschen Ku-Klux-Klan. Das klingt wie linke Paranoia, aber sobald man recherchiert, bestätigen es seriöse Quellen. Nein, hier will einen niemand zum Betonkommunismus übertölpeln oder unter der Hand fragwürdige Anarchien verticken. Da will jemand vor allem gegen Nazis vereinen. Und das macht er, indem er sachliche Argumente frech und witzig präsentiert. Warum gibt’s davon nicht mehr?



Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag


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Wie man via Social Media gezielt Wut anzapft, Logik schreddert und Menschen in die Sucht treibt: Der Sachcomic „Strong Men“ ist zum Fürchten gut

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Die Stärke von Sachcomics variiert: Sie können Bekanntes verdeutlichen. Sie können Trockenes attraktiver gestalten. Sie können Unbekanntes vermitteln und Zusammenhänge aufzeigen, wie ein klassisches Sachbuch – und das ist die Stärke des erschreckenden Bandes „Strong Men“ von Meikel Mathias.

Gefeierter Körperklaus

Vom Thema „Manosphere“ haben wohl die meisten schon gehört, Jüngere und/oder Social-Media-Junkies sowieso, und eine absurde Facette davon kennt praktisch jeder: die Selbst-Inszenierung von Donald Trump als Super-Mann. Sie ist optisch und inhaltlich durch nichts gedeckt, wie kann man also überhaupt auf die Idee kommen, diesen Körperklaus abzufeiern? Auf dem Rückcover bringt Mathias es auf den Punkt...

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Ein Mann sitzt auf einem Pferd. Ein anderer Mann übertrumpft ihn auf einem größeren Pferd – aus Holz. Also eigentlich überhaupt nicht. Und doch wird dieses Übertrumpfen durch schiere Behauptung derzeit weltweit praktiziert. Wie geht das??? Mathias erklärt’s. Es braucht ein bisschen Geduld, er fängt bei den alten Griechen an, beim Männlichkeitsvorbild Alexander. Aber relativ schnell kommt er zum Fall Andrew Tate.


Internet-Imperium aus Rumänien


Ein Zuhälter und Frauenschläger, der nach Rumänien geflohen ist und dort sein Internetimperium betreibt: Er schickt Frauen vor die Kamera. Nebenher gibt er Männlichkeitsseminare, in denen man für teuer Geld Videos kauft, die sagen, dass es Zeitverschwendung ist, im Internet für teuer Geld Videos zu kaufen. Verglichen mit Alexanders Leistung (Weltreich) klingt das reichlich dürftig, oder? Wieso klappt das? Auftritt Charles Atlas.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Atlas ist der klassische Merchandising-Bodybuilder, er ist der Typ hinter den Comic-Kleinanzeigen in den 50/60ern, die Jungs zu Muskelmännern pimpen sollten. Atlas zeigte, wie man ein echter, männlicher Amerikaner wird, und er musste es wissen, weil er selbst keiner war: Geboren wurde Atlas als Angelo Siciliano in Agri, Süditalien. Das Geschäftsmodell war dasselbe: Man verkauft den Wunsch, dazuzugehören und bei Frauen anzukommen. Den Wunsch, wohlgemerkt. Über Erfolge ist bei Atlas nichts bekannt.

Sicherheitslücke in der menschlichen Software

Warum ist diese Sehnsucht so easy anzuzapfen? Das ist so erklärbar (Wunschtraum vom Sex-Appeal) wie unerklärbar (superdurchsichtig). Eine kaum reparierbare Sicherheitslücke in der menschlichen Software. Auch Mathias gibt die Ursachenforschung auf, was erst ärgert, dann einleuchtet: Tate und Co. suchen genausowenig nach Ursachen, im Gegenteil. Steve Bannon, Wahlkampfmanager von Trump, sah neben dem immensen Wutpotential vor allem genau das: Dass Logik verzichtbar ist.

Ab hier wird es wirklich gruslig.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Denn dadurch verlassen wir die Welt der Argumentation. Und tauchen in die Welt der Provokation. Jetzt heißt die Währung nicht mehr „Argument“, sondern „Aufmerksamkeit“. Ja, jeder kennt wohl Shitstorms, Trollen, viele unangenehme Folgen digitaler Kommunikation, aber Mathias zeigt das System und die Energie dahinter auf. Eine Ahnung bekommt, wer mal Mathias' Beispiele im Netz betrachtet. Sie sind superleicht zu finden, meist beim (schön mitverdienenden) Youtube, und sie haben Klickzahlen, dass einem himmelangst werden kann. Weil es zeigt, dass in vielen Bereichen Debatten kaum noch möglich sind.

Erfundenes und Reales werden austauschbar

Hier ist die gemeinsame Basis der Logik ausgehebelt. In dieser bizarren Welt zählt Scheiße genausoviel wie ein überlegtes Argument. Wie der „White Power Gruß“ zeigt: Eine reine Erfindung rechter Trolle, die von den Medien genauso aufgegriffen wurde wie von rechten Schwachköpfen. Die den erfundenen Gruß durch schiere Blödheit in die Realität überführten und nicht mehr ablegen. Erfundenes und Existierendes werden austauschbar.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Genauso wie Denken und Wie-denkend-Aussehen: Man übt einfach, das „Sigma-Face“ aufzusetzen, das reicht. Genau diese Austauschbarkeit war ja auch das erklärte Ziel von Steve Bannon: „Flood the zone with shit“, überschwemme die öffentliche Debatte mit Scheißdreck, bis in der Brühe nichts mehr unterscheidbar ist. Dann ist zwar dein Scheißdreck nicht besser, aber trotzdem plötzlich konkurrenzfähig.


Klug wirken dank „Sigma-Face“


Wie man ein derart beschissenes Produkt vertreten kann, gehört ebenfalls zu den Mysterien der braunen neuen Welt. Aber die Frage ist auch: Ist die Zustimmung real? Wieviel von dieser Aufmerksamkeit ist echt? Der „Gold-Digger Prank“ ist dafür ein spannendes Beispiel.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Der Ursprung ist ein 8-Minuten-Video, in dem ein Mann eine Frau plump anmacht. Sie weist ihn ab, bis sie sein teures Auto sieht. Jetzt will sie plötzlich dringend was mit ihm anfangen, aber: Jetzt weist, haha, er sie ab. Inzwischen gibt es einen Youtube-Kanal, der von diesem Video 1500 weitere Varianten vorhält. Diese magazinartigen Beiträge sind inzwischen über eine Stunde lang, in jedem werden rund zehn Frauen abgefertigt, die erkennbar gecastet sind. Die Handlung hat ein paar Optionen mehr, aber letztlich stellen alle Frauen sich als geldgierige Schlampen heraus. Jedes Video hat sechsstellige Klickzahlen.


Zehntausend geldgeile Schlampen


Ist das vorstellbar? Zehntausend Mal derselbe Gag mit Dialogen auf Porno-Niveau? Wer schaut das an? Wenn wir Glück haben: nur Bots. Wenn wir Pech haben, sind große Teile der Menschheit bereits tatsächlich in diesem Zustand. Übrigens nicht nur der männlichen Menschheit: Frauen lassen sich ähnlich abzocken, aussaugen, für dumm verkaufen oder als „Tradwife“ am Männerwahn beteiligen. Es ist zum Fürchten. Meikel Mathias, Strong Men, avant-verlag, 26 Euro



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