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Comicverfuehrer

Drogen! Diebstahl! Kulturrecycling! Fälschung! Kinoglanz! Die ganze Welt der gewitzten Information – in einer Handvoll Sachcomics

Illustration: Antoine Vitkine/Sébastien Borgeaud/Èric Liberge - Knesebeck
Illustration: Antoine Vitkine/Sébastien Borgeaud/Èric Liberge - Knesebeck

Es gibt Comics, die möchte man schon empfehlen – aber für so eine richtige eigene Geschichte sind sie dann doch zu speziell. Aber genau für diesen Fall hat der liebe Gott die Sammelgeschichte erfunden. Und so eine kommt jetzt: Mit fünf sehr, sehr ordentlichen Sachcomics. Ab dafür!

Der Thriller um den „Vielleicht-Leonardo“

Nummer 1 dreht sich um ein Thema, von dem hat man habe ich zwar öfter gehört, aber eigentlich nie gecheckt, wie gut die Story dahinter ist: „Salvator Mundi“. Das teuerste Gemälde der Welt, mit dem irgendwas nicht in Ordnung ist oder so, komplizierter Kram eben. Außer, wenn man die Aufarbeitung von Sébastien Borgeaud und Antoine Vitkine in die Finger kriegt: dann wird’s ein erstklassiger Thriller.

Illustration: Antoine Vitkine/Sébastien Borgeaud/Èric Liberge - Knesebeck
Illustration: Antoine Vitkine/Sébastien Borgeaud/Èric Liberge - Knesebeck

Der geht so: Kunsthändler ersteigert altes Bild für wenig Geld und hofft, es wäre von Leonardo da Vinci: Denn vom „Mona Lisa“-Genie gibt's nur 20 Bilder weltweit, alle unverkäuflich. Im einzigen Leonardo am Markt würde also ein Vermögen stecken, wenn ... er echt wäre. Das könnte man leicht herausfinden, indem man das stark beschädigte Bild Experten zeigt. Was der Kunsthändler natürlich ... nicht macht. Erst lässt er es restaurieren. Und als die Restauratorin anbietet, den Vorgang Schritt für Schritt mit Fotos zu dokumentieren, lehnt er ab. Damit starten die Autoren den Thriller-Plot.


Verkauft: für 450 Mio an den Zerstückel-Scheich


Unser Händler will's ja gerade eben nicht so genau wissen. Wie bringt man nun ein zweifelhaftes Bild möglichst nah ans „könnte sein“ und vermeidet dabei auf jeden Fall ein „sicher nicht“?

Illustration: Antoine Vitkine/Sébastien Borgeaud/Èric Liberge - Knesebeck
Illustration: Antoine Vitkine/Sébastien Borgeaud/Èric Liberge - Knesebeck

Ohne ins Detail zu gehen: Man braucht ein Auktionshaus vom Kaliber „Sotheby’s“, wenigstens einen Halbexperten, damit man es für 450 Millionen Dollar an jemanden verkaufen kann, der dann vor demselben Problem steht – aber mit anderen Optionen: Dieser Jemand ist der saudische Scheich Mohammed Bin Salman, der bei Bedarf Leute töten und zerstückeln lässt. Klingt gut? Ist es auch. Es ist umfassend recherchiert, dann auch noch geschickt und stringent aufbereitet und sehr solide gezeichnet. Was man auch deshalb erwähnen muss, weil das Cover von einem anderen Zeichner geradezu bizarr unterdurchschnittlich geworden ist.

Tarantinos Ideen-Fundgrube


Illustration: Amazing Ameziane - Splitter Verlag
Illustration: Amazing Ameziane - Splitter Verlag

Was tun, wenn man schon alle Filme von Quentin Tarantino gesehen hat? Man guckt Zusatzmaterial, Dokumentationen. Die schlechteren reiten auf den ikonischen Szenen herum und sülzen einem die Ohren voll mit den gegenseitigen Lobhudeleien aller Beteiligten. Die besseren verraten Hintergründe, Details, Zitate. „Quentin Tarantino“ von Amazing Ameziane gehört eindeutig zu den besseren. Supernerds werden wohl die meisten Informationen kennen, aber so Halbnerds wie ich bekommen hier Anregungen, Tarantinos Inspirationsquellen zu verfolgen – und zwar die Quellen zu allen Filmen auf einmal. Was praktischer ist, als sich die Interviews zu Filmen einzeln zusammenzusuchen. Die Aufbereitung ist nicht weltbewegend, aber abwechslungsreich und geschickt, was den Halbnerd freut. Nicht ganz überraschend, denn der Franzose Ameziane bewirtschaftet den Geschäftszweig schon länger: Er hat bereits Martin Scorsese so bearbeitet, demnächst erscheint „Steven Spielberg“, und wenn ich raten sollte, wird wohl als alsbald Ridley Scott an der Reihe sein. Ist aber falsch: Online seh ich, dass Sergio Leone auf englisch schon fertig ist.



Die Karrieren der Drogen

Illustration: Jean-Pierre Pécau/Nicolas Otero - Splitter-Verlag
Illustration: Jean-Pierre Pécau/Nicolas Otero - Splitter-Verlag

Gewitzt, frech und informativ: „Die Geschichte der Drogen“ schlägt einen cleveren Bogen von der Opioid-Krise der USA hin zu einer Weltchronik des Drogenkonsums. Was gibt’s zu lernen? Etwa eine neue Bedeutung des Begriffs „Drogenkarriere“: Die Stoffe selbst beginnen nämlich häufig als gutgemeinte Schmerzmittel, vorzugsweise für verletzte Soldaten, suppen nach dem jeweiligen Krieg über das Militär in die Gesellschaft und werden dort so gefragt, dass Profiverbrecher den Markt bedienen. Oder die Tatsache, dass die Staaten gern mal dran mitverdienen: Die (legalen) Grundstoffe für das in den USA verhökerte Fentanyl kommen nämlich gern mal aus China. Dort erinnert man sich wiederum gut an die Zeit Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, als die imperialistischen Staaten China mit Waffengewalt ihr Opium aufzwangen. Szenarist Jean-Pierre Pécau stellt in 18 handlichen Kapiteln überraschende und unterhaltsame Zusammenhänge her, die Nicolas Otero mal sachlich, mal provokativ illustriert. 130 Seiten, die sich ratzfatz weglesen und klüger machen. Mehr davon! Jean-Pierre Pécau (Text), Nicolas Otero (Zeichnungen), Tanja Krämling (Üs.), Die Geschichte der Drogen, Splitter Verlag, 25 Euro


... und täglich grüßt das Kulturmeltier

Illustration: Hanco Kolk - avant-verlag
Illustration: Hanco Kolk - avant-verlag

Und gleich nochmal eine Popkultur-Verwertung: Hanco Kolk ergründet in „Remake“ die Wurzeln bekannter Genres. Wie alt sind Detektivromane, woher kommen Aschenputtel, Batman oder Mickey Mouse? Das erste Kapitel ist besonders stark: Kolk folgt der Herkunft von „Romeo & Julia“ sozusagen rückwärts in die Vergangenheit, was mit jeder Variante den zusätzlichen Spannungseffekt bringt, ob und wann man denn nun am Ausgangspunkt ist. Dieses Schema hätte man eigentlich nur bei allen Kapiteln anwenden müssen, aber Kolk wählt stattdessen meist die chronologische Variante. Das ist in Ordnung und immer noch informativ, verschenkt aber den Mitrate-Effekt. Auch sind nicht alle Kapitel gleich reizvoll, die Detektiv-Historie ist eher brav, die psychologischen Ausdeutungen von Aschenputtel eröffnen da schon ungewöhnlichere Perspektiven. Auch hier gilt: Kennern der Einzelfelder ist vermutlich nichts davon neu, aber die Zusammenführung unter dem „Popkultur“-Etikett macht es zu einem reizvollen Genusspaket. Hanco Kolk, Katrin Herzberg (Üs.), Remake, avant-verlag, 29 Euro

Der ganz normale Widerstand


Illustration: Andrea Offermann - Carlsen
Illustration: Andrea Offermann - Carlsen

Clever gemacht, brandaktuell: Andrea Offermanns 100-Seiter „Herr Werner wird zum Dieb“ kommt als Kindercomic daher, ist aber tatsächlich eine superverständliche Erzählung über den Widerstand eines ganz normalen Menschen im Dritten Reich. Wilhelm Werner hatte als Hausmeister in der Hamburger Kunsthalle viele Künstler kennengelernt, ihnen im Alltag geholfen und mochte ihre Bilder. Als nun die Nazis anfingen, „entartete Kunst“ auszusortieren und/oder zu stehlen, versteckte er sieben Bilder der Jüdin Anita Rée in seiner Wohnung. Was sehr wohl auffiel: Nach den Bildern wurde gesucht, Werner riskierte Freiheit und Leben, hatte aber Glück. Nach dem Krieg ließ er die Bilder genauso heimlich wieder auftauchen und hielt bis zu seinem Tod die Klappe. Offermann erklärt verständlich, zeichnet die Bilder, die Grundrisse der Wohnung und des Museums. Was wirkt wie ein Kindercomic, taugt genauso zur erwachsenen Geschichtsreportage mit gut gemachten Grafiken. Und als Ermutigung für Bundesländer, in denen „die vornehmste Aufgabe aller Kunst“ neuerdings wieder darin gesehen wird, „kulturelle Identität zu pflegen“. Andrea Offermann, Herr Werner wird zum Dieb, Carlsen, 15 Euro


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Zwei neue Bände des Italieners Zerocalcare zeigen: Es gibt Antifaschismus auch ohne Blockdenken – aber mit Hirn und Witz

Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Hab ich nicht kürzlich geschimpft, dass man eigentlich dringend was gegen Nazis tun müsste/wollte – dass aber unter dem Label „Antifaschismus“ meist völlig verstrahlter Propagandaquatsch kommt? Und was tut Gott? Jetzt gibt es auch Antifa mit Kopf.


Selbstironie hilft


Der mir bislang unbekannte Letatlin Verlag hat zwei schöne Comics im Regal: „Im Nest der Schlangen“ und „Diese Nacht wird keine kurze sein“. Von einem wohlbekannten Künstler: Zerocalcare. Und – bitte? Warum der besser sein soll? Ich sag mal so: Selbstironie hilft.

Staunen über deutsche Comic-Fans.      Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Staunen über deutsche Comic-Fans. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Man bedenke: Zerocalcare greift oft unattraktive Themen auf. Kurden, Minderheiten, diesmal die Prozesse gegen Linke in (damals noch Orbans) Budapest. Aber bei genau dieser Unlust holt Zerocalcare seine Leser ab. Er sagt nicht: „Lies das Zeug, es ist gesund und lehrreich!“ Er bemüht sich um die Leser, und das sehr, sehr witzig. Allein. Das. Tut. Schon. SOOO. Gut!


Wissen, dass man nicht automatisch recht hat

Dazu kommt: Er macht es einfach, aber nicht unterkomplex. Er erklärt, was los ist, und warum es ihn ärgert. Parteiisch, aber fair: Zerocalcare ist ganz offen superlinks. Aber anders als viele Antifaschisten folgert er nicht daraus, dass er automatisch recht hat, sondern dass er im Gegenteil seinen Standpunkt besonders schlüssig und nachvollziehbar begründen muss. Dass nicht die Prozesse gegen Maja T. und Ilaria Salis problematisch sind. Sondern dass (damals?) keine fairen Prozesse zu erwarten sind.

Diskussion mit Wall-E.   Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Diskussion mit Wall-E. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Warum? Zum Beispiel, weil vor dem Gerichtsgebäude Rechtsradikale und Polizei Hand in Hand arbeiten. Hier geht Zerocalcare wie ein Comicjournalist vor, er reist nach Budapest, stellt sich ein bisschen naiv und berichtet sehr aufmerksam, was er sieht. Und warum soll das witzig sein?


Ein gezeichneter Stand-up

Weil das an Zerocalcare das Besondere ist: Er erzählt grotesk, erschütternd, humorvoll. Er stellt sich selbst in Frage, karikiert das gleichzeitig noch, debattiert mit Gestalten aus seiner Fantasie wie Pixars Recyclingroboter Wall-E. Diese ständigen Gedankensprünge halten wach und aufmerksam, letztlich verfolgt man ein gezeichnetes Stand-up-Programm oder ein Youtube-Debattenvideo à la Rezo (wobei Zerocalcare das schon seit 2003 macht). Und doch ist es diesmal sogar besonders.

Die Ausnahmen.       Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Die Ausnahmen. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Im Original erzählt Zerocalcare im römischen Dialekt. Der avant-verlag hat das bei seinen (bisher drei) Übersetzungen als unübersetzbar weggelassen. Letatlin haben es mithilfe des Linksrappers Nico Seyfrid mutig und ausgesprochen mitreißend ins Berlinerische übersetzt. Det passt (darf man das hier sagen?) wie de Faust uffs Ooge.


Allzeit gesprächsbereit


Die Folge ist: Zerocalcares Berichte lesen sich mit Genuss, auch für Konservative. Weil man Argumente kriegt, über die man streiten kann, und weil der ganze Stil signalisiert, dass da jemand ins Gespräch kommen möchte. Und nicht zuletzt, weil man auch als durchschnittlicher Zeitungsleser Informationen bekommt, die einem durch die Lappen gegangen sind. Sie erinnern sich an die von den NSU-Rassisten ermordete Polizistin Michèle Kiesewetter?

Gute gemachte Aufregung.        Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Gute gemachte Aufregung. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Einer ihrer Vorgesetzten war Mitglied im deutschen Ku-Klux-Klan. Das klingt wie linke Paranoia, aber sobald man recherchiert, bestätigen es seriöse Quellen. Nein, hier will einen niemand zum Betonkommunismus übertölpeln oder unter der Hand fragwürdige Anarchien verticken. Da will jemand vor allem gegen Nazis vereinen. Und das macht er, indem er sachliche Argumente frech und witzig präsentiert. Warum gibt’s davon nicht mehr?



Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag


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Wie man via Social Media gezielt Wut anzapft, Logik schreddert und Menschen in die Sucht treibt: Der Sachcomic „Strong Men“ ist zum Fürchten gut

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Die Stärke von Sachcomics variiert: Sie können Bekanntes verdeutlichen. Sie können Trockenes attraktiver gestalten. Sie können Unbekanntes vermitteln und Zusammenhänge aufzeigen, wie ein klassisches Sachbuch – und das ist die Stärke des erschreckenden Bandes „Strong Men“ von Meikel Mathias.

Gefeierter Körperklaus

Vom Thema „Manosphere“ haben wohl die meisten schon gehört, Jüngere und/oder Social-Media-Junkies sowieso, und eine absurde Facette davon kennt praktisch jeder: die Selbst-Inszenierung von Donald Trump als Super-Mann. Sie ist optisch und inhaltlich durch nichts gedeckt, wie kann man also überhaupt auf die Idee kommen, diesen Körperklaus abzufeiern? Auf dem Rückcover bringt Mathias es auf den Punkt...

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Ein Mann sitzt auf einem Pferd. Ein anderer Mann übertrumpft ihn auf einem größeren Pferd – aus Holz. Also eigentlich überhaupt nicht. Und doch wird dieses Übertrumpfen durch schiere Behauptung derzeit weltweit praktiziert. Wie geht das??? Mathias erklärt’s. Es braucht ein bisschen Geduld, er fängt bei den alten Griechen an, beim Männlichkeitsvorbild Alexander. Aber relativ schnell kommt er zum Fall Andrew Tate.


Internet-Imperium aus Rumänien


Ein Zuhälter und Frauenschläger, der nach Rumänien geflohen ist und dort sein Internetimperium betreibt: Er schickt Frauen vor die Kamera. Nebenher gibt er Männlichkeitsseminare, in denen man für teuer Geld Videos kauft, die sagen, dass es Zeitverschwendung ist, im Internet für teuer Geld Videos zu kaufen. Verglichen mit Alexanders Leistung (Weltreich) klingt das reichlich dürftig, oder? Wieso klappt das? Auftritt Charles Atlas.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Atlas ist der klassische Merchandising-Bodybuilder, er ist der Typ hinter den Comic-Kleinanzeigen in den 50/60ern, die Jungs zu Muskelmännern pimpen sollten. Atlas zeigte, wie man ein echter, männlicher Amerikaner wird, und er musste es wissen, weil er selbst keiner war: Geboren wurde Atlas als Angelo Siciliano in Agri, Süditalien. Das Geschäftsmodell war dasselbe: Man verkauft den Wunsch, dazuzugehören und bei Frauen anzukommen. Den Wunsch, wohlgemerkt. Über Erfolge ist bei Atlas nichts bekannt.

Sicherheitslücke in der menschlichen Software

Warum ist diese Sehnsucht so easy anzuzapfen? Das ist so erklärbar (Wunschtraum vom Sex-Appeal) wie unerklärbar (superdurchsichtig). Eine kaum reparierbare Sicherheitslücke in der menschlichen Software. Auch Mathias gibt die Ursachenforschung auf, was erst ärgert, dann einleuchtet: Tate und Co. suchen genausowenig nach Ursachen, im Gegenteil. Steve Bannon, Wahlkampfmanager von Trump, sah neben dem immensen Wutpotential vor allem genau das: Dass Logik verzichtbar ist.

Ab hier wird es wirklich gruslig.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Denn dadurch verlassen wir die Welt der Argumentation. Und tauchen in die Welt der Provokation. Jetzt heißt die Währung nicht mehr „Argument“, sondern „Aufmerksamkeit“. Ja, jeder kennt wohl Shitstorms, Trollen, viele unangenehme Folgen digitaler Kommunikation, aber Mathias zeigt das System und die Energie dahinter auf. Eine Ahnung bekommt, wer mal Mathias' Beispiele im Netz betrachtet. Sie sind superleicht zu finden, meist beim (schön mitverdienenden) Youtube, und sie haben Klickzahlen, dass einem himmelangst werden kann. Weil es zeigt, dass in vielen Bereichen Debatten kaum noch möglich sind.

Erfundenes und Reales werden austauschbar

Hier ist die gemeinsame Basis der Logik ausgehebelt. In dieser bizarren Welt zählt Scheiße genausoviel wie ein überlegtes Argument. Wie der „White Power Gruß“ zeigt: Eine reine Erfindung rechter Trolle, die von den Medien genauso aufgegriffen wurde wie von rechten Schwachköpfen. Die den erfundenen Gruß durch schiere Blödheit in die Realität überführten und nicht mehr ablegen. Erfundenes und Existierendes werden austauschbar.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Genauso wie Denken und Wie-denkend-Aussehen: Man übt einfach, das „Sigma-Face“ aufzusetzen, das reicht. Genau diese Austauschbarkeit war ja auch das erklärte Ziel von Steve Bannon: „Flood the zone with shit“, überschwemme die öffentliche Debatte mit Scheißdreck, bis in der Brühe nichts mehr unterscheidbar ist. Dann ist zwar dein Scheißdreck nicht besser, aber trotzdem plötzlich konkurrenzfähig.


Klug wirken dank „Sigma-Face“


Wie man ein derart beschissenes Produkt vertreten kann, gehört ebenfalls zu den Mysterien der braunen neuen Welt. Aber die Frage ist auch: Ist die Zustimmung real? Wieviel von dieser Aufmerksamkeit ist echt? Der „Gold-Digger Prank“ ist dafür ein spannendes Beispiel.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Der Ursprung ist ein 8-Minuten-Video, in dem ein Mann eine Frau plump anmacht. Sie weist ihn ab, bis sie sein teures Auto sieht. Jetzt will sie plötzlich dringend was mit ihm anfangen, aber: Jetzt weist, haha, er sie ab. Inzwischen gibt es einen Youtube-Kanal, der von diesem Video 1500 weitere Varianten vorhält. Diese magazinartigen Beiträge sind inzwischen über eine Stunde lang, in jedem werden rund zehn Frauen abgefertigt, die erkennbar gecastet sind. Die Handlung hat ein paar Optionen mehr, aber letztlich stellen alle Frauen sich als geldgierige Schlampen heraus. Jedes Video hat sechsstellige Klickzahlen.


Zehntausend geldgeile Schlampen


Ist das vorstellbar? Zehntausend Mal derselbe Gag mit Dialogen auf Porno-Niveau? Wer schaut das an? Wenn wir Glück haben: nur Bots. Wenn wir Pech haben, sind große Teile der Menschheit bereits tatsächlich in diesem Zustand. Übrigens nicht nur der männlichen Menschheit: Frauen lassen sich ähnlich abzocken, aussaugen, für dumm verkaufen oder als „Tradwife“ am Männerwahn beteiligen. Es ist zum Fürchten. Meikel Mathias, Strong Men, avant-verlag, 26 Euro



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