Drogen! Diebstahl! Kulturrecycling! Fälschung! Kinoglanz! Die ganze Welt der gewitzten Information – in einer Handvoll Sachcomics

Es gibt Comics, die möchte man schon empfehlen – aber für so eine richtige eigene Geschichte sind sie dann doch zu speziell. Aber genau für diesen Fall hat der liebe Gott die Sammelgeschichte erfunden. Und so eine kommt jetzt: Mit fünf sehr, sehr ordentlichen Sachcomics. Ab dafür!
Der Thriller um den „Vielleicht-Leonardo“
Nummer 1 dreht sich um ein Thema, von dem hat man habe ich zwar öfter gehört, aber eigentlich nie gecheckt, wie gut die Story dahinter ist: „Salvator Mundi“. Das teuerste Gemälde der Welt, mit dem irgendwas nicht in Ordnung ist oder so, komplizierter Kram eben. Außer, wenn man die Aufarbeitung von Sébastien Borgeaud und Antoine Vitkine in die Finger kriegt: dann wird’s ein erstklassiger Thriller.

Der geht so: Kunsthändler ersteigert altes Bild für wenig Geld und hofft, es wäre von Leonardo da Vinci: Denn vom „Mona Lisa“-Genie gibt's nur 20 Bilder weltweit, alle unverkäuflich. Im einzigen Leonardo am Markt würde also ein Vermögen stecken, wenn ... er echt wäre. Das könnte man leicht herausfinden, indem man das stark beschädigte Bild Experten zeigt. Was der Kunsthändler natürlich ... nicht macht. Erst lässt er es restaurieren. Und als die Restauratorin anbietet, den Vorgang Schritt für Schritt mit Fotos zu dokumentieren, lehnt er ab. Damit starten die Autoren den Thriller-Plot.
Verkauft: für 450 Mio an den Zerstückel-Scheich
Unser Händler will's ja gerade eben nicht so genau wissen. Wie bringt man nun ein zweifelhaftes Bild möglichst nah ans „könnte sein“ und vermeidet dabei auf jeden Fall ein „sicher nicht“?

Ohne ins Detail zu gehen: Man braucht ein Auktionshaus vom Kaliber „Sotheby’s“, wenigstens einen Halbexperten, damit man es für 450 Millionen Dollar an jemanden verkaufen kann, der dann vor demselben Problem steht – aber mit anderen Optionen: Dieser Jemand ist der saudische Scheich Mohammed Bin Salman, der bei Bedarf Leute töten und zerstückeln lässt. Klingt gut? Ist es auch. Es ist umfassend recherchiert, dann auch noch geschickt und stringent aufbereitet und sehr solide gezeichnet. Was man auch deshalb erwähnen muss, weil das Cover von einem anderen Zeichner geradezu bizarr unterdurchschnittlich geworden ist.
Tarantinos Ideen-Fundgrube

Was tun, wenn man schon alle Filme von Quentin Tarantino gesehen hat? Man guckt Zusatzmaterial, Dokumentationen. Die schlechteren reiten auf den ikonischen Szenen herum und sülzen einem die Ohren voll mit den gegenseitigen Lobhudeleien aller Beteiligten. Die besseren verraten Hintergründe, Details, Zitate. „Quentin Tarantino“ von Amazing Ameziane gehört eindeutig zu den besseren. Supernerds werden wohl die meisten Informationen kennen, aber so Halbnerds wie ich bekommen hier Anregungen, Tarantinos Inspirationsquellen zu verfolgen – und zwar die Quellen zu allen Filmen auf einmal. Was praktischer ist, als sich die Interviews zu Filmen einzeln zusammenzusuchen. Die Aufbereitung ist nicht weltbewegend, aber abwechslungsreich und geschickt, was den Halbnerd freut. Nicht ganz überraschend, denn der Franzose Ameziane bewirtschaftet den Geschäftszweig schon länger: Er hat bereits Martin Scorsese so bearbeitet, demnächst erscheint „Steven Spielberg“, und wenn ich raten sollte, wird wohl als alsbald Ridley Scott an der Reihe sein. Ist aber falsch: Online seh ich, dass Sergio Leone auf englisch schon fertig ist.
Die Karrieren der Drogen

Gewitzt, frech und informativ: „Die Geschichte der Drogen“ schlägt einen cleveren Bogen von der Opioid-Krise der USA hin zu einer Weltchronik des Drogenkonsums. Was gibt’s zu lernen? Etwa eine neue Bedeutung des Begriffs „Drogenkarriere“: Die Stoffe selbst beginnen nämlich häufig als gutgemeinte Schmerzmittel, vorzugsweise für verletzte Soldaten, suppen nach dem jeweiligen Krieg über das Militär in die Gesellschaft und werden dort so gefragt, dass Profiverbrecher den Markt bedienen. Oder die Tatsache, dass die Staaten gern mal dran mitverdienen: Die (legalen) Grundstoffe für das in den USA verhökerte Fentanyl kommen nämlich gern mal aus China. Dort erinnert man sich wiederum gut an die Zeit Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, als die imperialistischen Staaten China mit Waffengewalt ihr Opium aufzwangen. Szenarist Jean-Pierre Pécau stellt in 18 handlichen Kapiteln überraschende und unterhaltsame Zusammenhänge her, die Nicolas Otero mal sachlich, mal provokativ illustriert. 130 Seiten, die sich ratzfatz weglesen und klüger machen. Mehr davon! Jean-Pierre Pécau (Text), Nicolas Otero (Zeichnungen), Tanja Krämling (Üs.), Die Geschichte der Drogen, Splitter Verlag, 25 Euro
... und täglich grüßt das Kulturmeltier

Und gleich nochmal eine Popkultur-Verwertung: Hanco Kolk ergründet in „Remake“ die Wurzeln bekannter Genres. Wie alt sind Detektivromane, woher kommen Aschenputtel, Batman oder Mickey Mouse? Das erste Kapitel ist besonders stark: Kolk folgt der Herkunft von „Romeo & Julia“ sozusagen rückwärts in die Vergangenheit, was mit jeder Variante den zusätzlichen Spannungseffekt bringt, ob und wann man denn nun am Ausgangspunkt ist. Dieses Schema hätte man eigentlich nur bei allen Kapiteln anwenden müssen, aber Kolk wählt stattdessen meist die chronologische Variante. Das ist in Ordnung und immer noch informativ, verschenkt aber den Mitrate-Effekt. Auch sind nicht alle Kapitel gleich reizvoll, die Detektiv-Historie ist eher brav, die psychologischen Ausdeutungen von Aschenputtel eröffnen da schon ungewöhnlichere Perspektiven. Auch hier gilt: Kennern der Einzelfelder ist vermutlich nichts davon neu, aber die Zusammenführung unter dem „Popkultur“-Etikett macht es zu einem reizvollen Genusspaket.
Hanco Kolk, Katrin Herzberg (Üs.), Remake, avant-verlag, 29 Euro
Der ganz normale Widerstand

Clever gemacht, brandaktuell: Andrea Offermanns 100-Seiter „Herr Werner wird zum Dieb“ kommt als Kindercomic daher, ist aber tatsächlich eine superverständliche Erzählung über den Widerstand eines ganz normalen Menschen im Dritten Reich. Wilhelm Werner hatte als Hausmeister in der Hamburger Kunsthalle viele Künstler kennengelernt, ihnen im Alltag geholfen und mochte ihre Bilder. Als nun die Nazis anfingen, „entartete Kunst“ auszusortieren und/oder zu stehlen, versteckte er sieben Bilder der Jüdin Anita Rée in seiner Wohnung. Was sehr wohl auffiel: Nach den Bildern wurde gesucht, Werner riskierte Freiheit und Leben, hatte aber Glück. Nach dem Krieg ließ er die Bilder genauso heimlich wieder auftauchen und hielt bis zu seinem Tod die Klappe. Offermann erklärt verständlich, zeichnet die Bilder, die Grundrisse der Wohnung und des Museums. Was wirkt wie ein Kindercomic, taugt genauso zur erwachsenen Geschichtsreportage mit gut gemachten Grafiken. Und als Ermutigung für Bundesländer, in denen „die vornehmste Aufgabe aller Kunst“ neuerdings wieder darin gesehen wird, „kulturelle Identität zu pflegen“.
Andrea Offermann, Herr Werner wird zum Dieb, Carlsen, 15 Euro
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Eine selten hässliche Comic-Sensation: Mathieu Bablets „Silent Jenny“ sucht nach Hoffnung für eine dahinvegetierende Menschheit

Science Fiction kann man grob in zwei Sorten trennen: Die eine ist geil, weil die Raumschiffe so gut aussehen (Star Trek, Star Wars). Und die andere ist geil, weil die Raumschiffe so schrottig sind (Alien, Millenium Falcon). Mathieu Bablets Comic „Silent Jenny“ gehört eindeutig zu letzteren. Mit dem Unterschied, dass der ganze Band so geil ist, weil er so abgrundtief deprimiert.
Zwei Kilo Comic
Uff, sagt man auch erst mal, wenn man ihn zur Hand nimmt: Albumformat, ja, aber 300 Seiten dick, knapp zwei Kilo Comic. Wie startet man so einen Wälzer am besten? Mit einer Verfolgungsjagd.

Ein Mensch in Raumfahrermontur hastet durch Gänge auf eine Art Brücke. Plötzlich sind die Verfolger vor ihm. Ich blättere ein paarmal zurück, bis ich checke: Hinter ihm sind welche, vor ihm aber auch! Der Mensch springt in eine Spalte, zwängt sich zu – einer Riesenbiene. Die ist in eine Art Harz eingeschmolzen, er nimmt eine Probe, flieht weiter zu einem Technikpunkt, wo er sich in letzter Sekunde vergrößert. Die Verfolger bleiben insektenklein zurück. Hm.
Fahrende Dörfer in der Wüste
Der Mensch steigt in eine Art Bob mit Rädern und Segel und fährt zu einem gewaltigen langsam fahrenden Kasten: Es ist das Dorfschiff, in dem er wohnt. Und hier steige ich gerne mal aus. Denn diese Zukunft, in der alle Leute in irgendwas Großem rumfahren, ist tückisch.

Man denke an „Snowpiercer“ (alle Leute fahren in einem Zug): nette Idee, aber woher kommt die Energie? Zumal wir hier wie dort in einer Welt leben, die komplett am Ende ist. Die Welt von „Silent Jenny“ ist eine gigantische Wüste, da wächst null. Aaaber: Ich lese trotzdem weiter, weil einige Dinge den Unterschied ausmachen.
Behelmter Kindergarten
Bablet nimmt sich Zeit. Und er nimmt in Kauf, dass ich nicht gleich alles verstehe. Der Anzugmensch ist die Titelheldin. Jenny sucht nach Genmaterial von Bienen. Und auf ihrer Rückfahrt im Segelbob habe ich gesehen, warum: diese Welt ist endlos und hässlich. Die Luft ist so schlecht, dass die Kinder in dem fahrenden Dorfschiff Hautschutzhelme tragen müssen, weil man sonst entsetzliche Ausschläge kriegt.

Deshalb züchten sie auf dem Dorfschiff mühsam irgendwas zu essen, das sie alles per Hand bestäuben. All das zeigt Bablet geduldig und in passenden Szenen, und hinterher ist mir das Fahrschiff egal. Ein festes Dorf würde zwar genauso funktionieren, aber wenn er es rumfahrend geiler findet: Schwamm drüber. Denn: Geil ist eigentlich trotzdem nichts.
Fusel für die Depri-Welt
Das Schiff ist ein Wrack. Genauso wie die anderen Dorfschiffe, zusammengehalten von rostenden Schrauben und Klebeband oder Schnüren. Damit die Stimmung nicht total kippt, kommt gelegentlich der Destillateur vorbei, der aus irgendwas Fusel braut. Manchmal stirbt jemand, dann wird er in einer Zeremonie in einem Säuresee versenkt. Und wieder zeigt Bablet all derlei angemessen lang. Andere Bände hätten das rasch aberklärt, damit man wieder zur Action kommt. Bablet will aber diese deprimierend verheerende Welt ausbreiten.

Es gibt ein paar Alternativen zu den Dorfschiffen. Manche Menschen schrumpfen sich klein, um auf Friedhöfen von Leichenprotein zu leben. Manche ziehen in Elendssekten umher. Ja, es gibt ein paar Städte, aber in denen leben die Leute von Brei aus Riesenschnecken. Die geordnetste Ansiedlung ist die Zentrale der Firma Pyrrhocorp.
Per Schrumpfkur zur Bienen-DNA
Ein bürokratischer Alptraum a la „Brazil“, der aber immerhin die Aufträge und die Ausrüstung vergibt, mit der Leute wie Jenny sich schrumpfen lassen und die Welt abschnittsweise nach Bienen-DNA durchsuchen können. Andere, wie Jennys Verfolger, haben sich dabei um den Verstand geschrumpft und sind durch die Luftbelastung entstellt wie Joseph Merrick, der „Elefantenmensch“.

Seit der gigantischen Tech-Ruinenwelt von „Blame“ hat mich keine Zukunft mehr so gepackt. Gerade weil sie einen nicht nur mitreißt, sondern vor allem mitnimmt. Weil sie nicht als Space-Cowboy-Hintergrund dient. Obwohl Mathieu Bablet sie sehr wohl in faszinierenden Bildern ausbreitet.
Vom Leben angedrückt und zurückgelegt
Die Verfolgung ist so erstklassig wie die Kaper-Attacken auf die Dorfschiffe. Seine Landschaften sind trostlos, seine maroden Maschinen sehenswert morbid. Seine realistischen Figuren zeichnet er verzerrt, vom Leben angedrückt und zurückgelegt wie Pfirsiche im Supermarkt. Und den Platz, den er hat, setzt er geschickt ein, abwechslungsreich.

Wir sehen nicht nur die Landschaften auf doppelseitigen Riesensplashes, sondern auch Jennys Landkarten für die DNA-Suche im Originalformat. Action verteilt er zwar sparsam, dann aber richtig. Und einen Hauch Humor gibt’s auch.
Trost durch kleine Logiklücken
Diese verstörende Welt von „Silent Jenny“ ist uns nähergekommen in den letzten Jahren. In den 80ern hätte man den Grusel noch mehr genießen können, jetzt, in einer Gegenwart mit Ernterückgängen, Bienenmangel, Schlammlawinen und 16.000 Hitzetoten wirkt er umso beklemmender. Und es dauert, bis man tröstliche Logiklücken findet: Wenn's keine Pflanzen mehr gibt, wer produziert dann den Sauerstoff? Und wie können so wenige Menschen eine ganze Welt verseuchen?

Aber wer nach 300 Seiten begeistert (und erleichtert!) aus der faszinierenden Ökohölle auftaucht, ahnt: Für die letzten beiden Probleme fällt der Menschheit garantiert was ein.
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So viele schwermütige Themen! Und alle irgendwie wichtig! Kurz und schmerzlos: Was muss man lesen, was kann man weglassen?

Ich weiß ja nicht, wie's Ihnen geht, aber ich hätte jetzt gern was Unterhaltsames. Dürfte auch unpolitisch sein, man mag ja die Zeitung schon gar nicht mehr aufschlagen. Aber was kommt grad eimerweise neu auf den Comicmarkt? Ernst und ernst und noch ernster. Und die Themen sind ja auch alle wichtig und sinnvoll, aber man hat so absolut null Bock drauf.
Und doch: Wir sind ja erwachsen, oder? Wir laufen nicht vor den Dingen davon, nicht wahr?
Also bringen wir's hinter uns, wie Erwachsene eben. Kurz und schmerzarm. Muss ja. Und außerdem wird sich zeigen: Manches kann man durchaus weglassen
Das Runde muss ins Vergitterte
Wann kriegen wir eigentlich mal wieder eine Fußball-WM in einem Land ohne Todesstrafe? Ohne die Maklervisage Infantino, bei der man jedesmal als erstes denkt: Das Runde muss ins Vergitterte! Man hat schon gar keine Lust mehr, einzuschalten – und genau deshalb ist „Eine kurze Geschichte des Fußballs“ so besonders: Weil sie nicht blind feiert, sondern genau diesen Gedanken sofort ausspricht. Und dann die Wurzeln des Fußballs ausleuchtet. Vom Bauernsport zum Adelsspaß zum Arbeitervergnügen zur Möglichkeit, dem Überwachungsstaat etwas zu entkommen – man erfährt eine Menge Unbekanntes. Russland, Brasilien, Argentinien und Ägypten kriegen Extrakapitel, und nur manchmal wird zuviel Maradona und Pelé gefeiert. Der Fließtext verteilt sich sehr locker über die Illustrationen von Lelio Bonaccorso, das sieht gut aus und liest sich angenehm, auch weil die Szenaristen Mickaël Correia und Jean-Christophe Deveney dankenswerterweise kaum Dialoge oder Spielszenen erfinden. Man kann also auch im WM-Geldverdientaumel das Thema „Fußball“ aufgreifen, ohne den Kopf auszuschalten. Sehr gut. Weiterspielen!
Die Folgen der Neutralität

Jaja, Spanischer Bürgerkrieg. Schon wieder. Warum? Weil’s zuletzt ums Danach ging. Jetzt aber, in „Kriegsfotografen“, geht’s ums Davor und ums Weshalb und unser Jetzt. Und das nicht nur, weil die Protagonisten Deutsche sind.
„Das ist auch unser Krieg“
Szenarist Raynal Pellicer und Zeichner Titwane (Pierre-Antoine Thierry) liefern ein Doppel-Biopic: die Story der Pressefotografen Hans Namuth und Georg Reisner, die 1936 in Spanien die linke Alternative zu Hitlers Olympia ablichten wollen. Doch dann putscht das Militär unter dem Faschisten Franco. Die gewählte Regierung wehrt sich, man könnte jetzt wieder heimfahren, weil: Sport fällt ja aus. Aber Namuth/Reisner bleiben, weil „das auch unser Krieg ist“. Wie recht sie damit haben, zeigt sich bald.

Zunächst vergiftet der Krieg nur die Spanier. In Barcelona wird der Putsch niedergeschlagen, es kommt landesweit zu Gewaltexzessen, bei denen man nicht nur Putschisten hinrichtet, sondern auch Haus- oder Landbesitzer. Um sich deren Besitz zu krallen. Aber die Kämpfe enden nicht: Francos Truppen werden von Hitler und Mussolini massiv unterstützt. Europas Demokratien hingegen verhalten sich strikt neutral. Das hat fatale Folgen.
Zerrieben zwischen Stalin und Hitler
Die Sowjetunion wird einziger Waffenlieferant der Republik. Und mit diesem Machthebel krempelt sie sofort die republikanische Seite um. Es wird durchgesäubert, stalinistisch-skrupellose Statthalter werden installiert – was für Demokraten genauso inakzeptabel ist. Die republikanischen Kräften spalten sich und unterliegen.

Ab hier ist ein demokratisches Ende des Bürgerkriegs unmöglich. „Kriegsfotografen“ dröselt das sachlich auf, illustriert mit Titwanes Varianten von Namuth/Reisner-Fotos. Es stimmt: Der Krieg der Spanier war tatsächlich auch ihrer. Nach dem Ende verschwindet ihr Exil auf Mallorca, das freie Frankreich, die Sicherheit in ganz Europa. Und die USA sind kaum noch zu erreichen. Das Raushalten der Demokratien war die falsche Option.
Heißes Thema lauwarm serviert

Menschen ohne Papiere haben es schwer. Klar. Aber warum haben sie keine Papiere? Die Gründe sind unterschiedlich, weshalb B. Traven in „Das Totenschiff“ dafür sorgte, dass seinem Protagonisten die Papiere geklaut werden: Er wollte jemanden, der unschuldig in Not ist. Welche Protagonisten wählen nun Jonas Seufert und Lisa Frühbeis in „Schattenleben“?
Das Problem erklärt an: Leuten ohne Problem
Brienne erfuhr in Thailand als Prostituierte, dass man in Deutschland viel mehr verdienen könnte, wenn man sich bei zwielichtigen Typen über 20.000 Euro verschuldet. Charlotte musste irgendwann Kamerun verlassen, weil sie nicht „in Kamerun bleiben“ konnte (Begründung fehlt). Dâu reiste zum Studieren ein, wusste aber nicht, dass man hier auch Miete zahlen muss. Nasir ließ seine vorhandenen Papiere (!) ablaufen. Ein Mix aus Missbrauch, Behördenbeton und viel Sorg- und Ahnungslosigkeit plus Selbstmitverschulden. Und trotzdem, trotz der blöden Bürokratie sind alle vier heute – noch immer in Deutschland? Und in einer weit besseren Lage als zuvor?!? Hä?!? Um für ein Problem zu interessieren, das „Hunderttausende“ betrifft, nehmen wir vier Leute, die kein Problem mehr haben? Da muss der alte Boulevardjournalist einfach fragen: Gab’s wirklich keine besseren Beispiele?
Zum Lesen zuwenig

Ich bin ein bisschen baff. Vor mir liegt „Al Fazia“, eine Comic-Reportage von Tobi Dahmen über und mit Akram Al Saud, der aus Syrien geflohen ist. Ein Bericht aus syrischen Gefängnissen, ein wichtiges, grauenhaftes Thema. Trotzdem nur ein schmaler Band, 120 Seiten. Und dann endet der Comic selbst schon auf Seite 77. Hä?!?
Ist's Materialmangel? Wohl kaum: Ich habe hier „Hakim’s Odyssey“ vorgestellt, Fabien Toulmé hat drei Bände prall gefüllt. Die irrsinnige, grundlose Folter, die endlose Ungewissheit im Gefängnis, die noch unlogischere Freilassung, das Durchschlagen danach, die mühsame Flucht, das noch mühsamere Organisieren des Geldes dafür, die Frustration, die Depression. Vieles davon findet sich auch in „Al Fazia“, aber hier wirkt es wie ein Schnelldurchlauf.
70 Seiten Comic, 50 Seiten Anhang
Etwas mehr Zeit widmet Dahmen der Folter und der sardinendosenartigen Haft, aber schon die Entlassung, die danach wie ein Wunder gewirkt haben muss, scheint kaum wichtig. Al Saud flieht nach Aleppo, als die Bombardements dort unerträglich werden, rettet er sich via Schlepper nach Griechenland, das ist in fünf Seiten erledigt, war wohl nicht so schwer. Oder nicht so interessant. Aber dezidiert noch uninteressanter ist: der 48(!)-seitige, extrem luftig gesetzte Anhang danach.
Das Fotoalbum zum „Making of“?
Neun (!) große Fotos von Dahmen mit Al Saud, ein Fremdwörterbuch. Vieles wird nochmals erläutert, Dahmen wiederholt, was er schon im Comic sagt. Alle verraten, was sie wann wie gedacht haben, und zuletzt hagelt es vier Seiten Danksagungen und Schulterklopfen im Kreis herum. In einem Halbsatz erwähnt Dahmen, er hätte „nur 30 Seiten“. Jetzt sind’s zwar 72, aber immer noch zum Lesen zu wenig. Darf man das so sagen? Man darf: Auch Barbara Yelin hatte für „Emmie Arbel“ erst nur 40 Seiten, die sie dann aber zu einer sehens- und lesenswerten Comicbiografie mit 160 Seiten ausarbeitete. Es geht also besser, und die Herausgeber von „Al Fazia“ sollten es wissen: Es sind dieselben.
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