- 11. Jan.
Vielzeichner, Klassiker, Szenarist: Aus Hugo Pratts Archiven lässt sich's gut wiederveröffentlichen. Doch der Altmeister bleibt dreifach Geschmackssache

Hugo Pratt ist zweifellos einer der großen Namen, insbesondere für viele Leute, die schon ein paar Jahresringe unter den Augen haben. Wer den 1995 verstorbenen Vater von „Corto Maltese“ eher spät entdeckt, kann darüber manchmal etwas ins Grübeln kommen. Aber das ist ja das Spannende, wenn eher unbekannte Titel des Vielschreiberzeichners neu erscheinen. Man nähert sich ihnen unvoreingenommener als beim sakrosankten „Corto“ – und hofft auf Lesen wie früher. Wie derzeit bei den Bänden „Cato Zulu“, „El Gaucho“ und „Sgt. Kirk“. Klappt der Zeitsprung zurück?
Abenteuer, ungefiltert
Von der ersten Seite weg steht schon mal fest, dass ich „Cato Zulu“ auf jeden Fall gern in die Finger gekriegt hätte, als ich jünger war. Thema ist die Kolonialzeit in Ostafrika, deren Spannung/Dramatik sich in den 80ern noch genauso unhinterfragt als Abenteuerszenerie genießen ließ wie der Wilde Westen. Zudem gibt’s eine Menge Info- und Hintergrundmaterial, Landkarten, Fotos der Beteiligten, alles, was Seriosität signalisiert.

Die Bilder sind ohnehin erfreulich, obwohl auch jungen Leser auffallen kann, dass Pratt schon mal detaillierter gezeichnet hat. Aber die Weite Afrikas verzeiht vieles, zudem sind Waffen, Uniformen, furchterregende ausstaffierte Krieger mit ihren Schilden im Übermaß vorhanden, es wird gekämpft, gestorben, Abenteuer ohne Karl-May-Film-Filter. Aber wer älter ist, merkt rasch: Erzählerisch ist auch der Pratt von 1984 keine Offenbarung.
Fluchen wie Sam Hawkens
Das fängt bei Dialogen an, die Bildinhalte doppeln, bei denen Leute noch als „Höllenhunde“ charakterisiert werden und man gern Flüche ausstößt, als wäre man mit Käpt’n Haddock oder Sam Hawkens unterwegs, wenn ich mich nicht irre. Oft wirkt es auch, als würde nur was gesagt, damit mal wieder Sprechblasen befüllt werden.

Dann kriegt man lieblose Ja-Nein-egal-Debatten wie diese hier: „Wir müssen eingreifen!“ – „Wir sind viel zu wenige!“ – „Vorwärts, Attacke!“ Oder einen über zwei Seiten hinweggedehnten minderlustigen Kacka-Dialog. Was den Spaß dann schon erheblich reduziert, weil man eine gewisse Lieblosigkeit spürt. Beim deutlich älteren „Sgt. Kirk“ ist das anders.
Feiner getuscht, besser choreographiert
Den Sergeanten hat der Argentinier Héctor Oesterheld für Pratt in den 50er Jahren verfasst. Und Oesterheld hatte erzählerisch einen größeren Ehrgeiz: Er wollte eine gebrochene Figur haben, einen Sergeanten, der seit 20 Jahren in der US-Kavallerie dient und nach einem Massaker an den Tchatooga den Sinn seiner Arbeit in Frage stellt.

Pratt tuscht hier oft etwas feiner, er gibt sich auch mehr Mühe mit unterschiedlich großen Panels, Vorder- und Hintergründen, Perspektiven und besser choreographierten Kämpfen. Allerdings führt das hohe Produktionstempo (Pratt selbst sprach von 500-600 Panels pro Woche) oft auch zu Weißanteilen, die einige meiner Kunstlehrer eher bequem gefunden hätten.
Held mit Gewissen
Oesterheld gibt seinem Helden auch bessere Konflikte: Kirk desertiert, als ein Indianerstamm „ausradiert“ werden soll und flieht zu exakt jenem Stamm, den er einst blutig überfiel. Es wird über die Berechtigung der Gewalt der Weißen diskutiert, ohne den Konflikt mit einem billigen Spruch zu entschärfen.

„Sgt. Kirk“ wird so zu einem actiongeladenen, aber dabei recht anspruchsvollen Erlebnis – und das in den 50er Jahren, als die Kinoleinwände weltweit noch voller böser Rothäute waren. Tatsächlich klappt hier die Sache mit dem alten Lesevergnügen auch deshalb, weil Oesterhelds Voice-Over in einem heimelig veralteten Präteritum erzählt: Es entschleunigt, versachlicht, klingt zugleich ein bisschen langweilig und doch erstaunlich passend. „Sgt. Kirk“ eignet sich zur Comic-Zeitreise besser, mit allen Vor- und Nachteilen.
Aufwändig erzählt, leichte Porno-Präferenz

Erstaunlich zwiespältig altert „El Gaucho“, eine jetzt wiederveröffentlichte Kooperation der Altmeister Milo Manara und Hugo Pratt aus dem Jahr 1991. Erstaunlich, weil, so vieles eigentlich heute nicht mehr geht in dieser Story um einen jungen englischen Soldaten und eine Handvoll irischer Huren samt ihrem wendungsreichen Weg ins umkämpfte Buenos Aires Anfang des 19. Jahrhunderts. Zum Beispiel die schönfärberische Freude, mit der die irischen Huren ihrer Tätigkeit nachgehen. Und überhaupt der Voyeurismus, der Manara ‘91 immer wieder aus dem Zeichenstift rutscht wie die Brüste seiner Darstellerinnen aus dem Dekolletée: ein Erbe der 68er, in denen Pornografie als Reaktion auf die 50er nachvollziehbarer war. Acht Jahre vorher, im „Indianischen Sommer“, hatte Manara das noch besser unter Kontrolle. Erstaunlich, weil sich bei allem Kopfschütteln auch viel Versöhnliches findet: Die aufwändig erzählte Geschichte mit viel Zeitkolorit, grandiosen Ansichten von Sümpfen, Segelschiffen, Städten. Viel Action, tragenden Nebenrollen für Schwarze und Körperbehinderte, all das tempo- und ideenreich inszeniert. Weshalb man um so mehr staunt, wenn sich bei dieser Ernsthaftigkeit dann doch immer wieder unmotiviert irgendwelche Schenkel öffnen. Die Zeitreisefähigkeit von „El Gaucho“ ähnelt der von „Sgt. Kirk“, aber die Höhen und Tiefen sind extremer.
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- 14. Dez. 2025
Schlimmer Titel, reißerisch aufgemacht: „Auf den Hund gekommen“ wirkt wie eine Comic-Katastrophe – und entpuppt sich als Krimi-Perle

Das Cover lässt Übles fürchten: Niedlicher Hund schaut mitleiderregend, dazu eine Automatikpistole und Blutspritzer. Was immer man sich da zusammenreimt, gut wird's nicht. Billige Angstmache um den armen Hund? Und wenn nicht, ist es Comedy? Killer mit Hund, sowas in der Art? Aber das klingt dann so plakativ-platt, mangamäßig, Schwertkämpfer mit Goldfisch, Halunke mit Hamster. Und dann noch der Spaßtitel: „Auf den Hund gekommen“! Hilfe!
Doch: weit gefehlt.
Einmal nach Schema F, zweimal dagegen

Los geht es ins Schema passend: mit einem Mord. Der Täter ist eine Dame um die 60, die im Renault R 5 auf ihr Opfer wartet. Sie hat ihren Hund dabei, arbeitet eiskalt, blitzschnell und mit einer Schalldämpferpistole – sie macht sie sowas scheint's öfter, vielleicht sogar beruflich. Ungewöhnlich ist, dass sie nicht nur das Opfer tötet, sondern auch dessen Dackel. Das kommt in diesem Genre nicht so oft vor. Und dann wird es gleich zweifach interessant.
Außer Kontrolle
Der ermittelnde, selbst nicht mehr junge Kommissar besucht seinen Vater, der offenbar in die Senilität abgleitet, und dessen Pflegerin. Hatten wir noch nicht so oft. Und wir erfahren: die Hundekillerin war auf eigene Faust tätig, sie ist also Teil einer Organisation – und irgendwie außer Kontrolle. Besonders schön: Wir erfahren all das mit wenig Geschwafel. Denn weil Bild und Text so gut ineinander greifen, klingen die Protagonisten nicht wie Fernsehkommissare, sondern können und dürfen reden wie normale Menschen.
Kill your darlings gründlich
Ab da zieht Lemaitre die Schrauben richtig gut an. Ich will auf keinen Fall zuviel verraten, aber es wird a) brutal und b) hat Lemaitre überhaupt kein Problem, Leute zu opfern, die man als Leser eigentlich für unverzichtbar hält. Was c) bedeutet, dass die Handlung (wenigstens für mich) richtig, richtig überraschend ist.

Dazu kommt überdurchschnittliches Artwork von Dominique Monféry: Keine gefällige Standardware, sondern etwas ruppiger, grober. Kombiniert mit sehr filmischen Einstellungen, Close-Ups, Draufsicht von der Zimmerdecke, Zoom aufs Detail, eine Prise Witz, nur eine ganz kleine, weil das hier eben nicht noch zur xten ach so schwarzen Komödie abgleiten soll. Szenarist Lemaitre hat sich ja auch nicht den blödsinnigen Titel ausgedacht: das Original heißt „Le serpent majuscule“, deutsch ganz grob „die große Schlange“, Hundeanteil null. Aber was soll's, Titel, Schmitel: Das hier ist eine echte, rundum gelungene Überraschung, ein richtiges Krimi-Juwel.

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- 2. März 2025
Zwei Bände beleben ein altes Genre neu: Der Star ist das Tier – und die Zähne hat dabei nicht nur der Haifisch

Feiern Tier-Comics ein Comeback? Okay, weg waren sie nie so ganz: Mangas mit niedlichen Katzen gibt’s schon länger tonnenweise, Hunde etwas weniger, aber das ist ja alles Zuckerzeug. Was ich meine ist die Story, wo „das geil aussehende Tier“ der Star ist. Ohne vermenschlicht zu werden. Und davon gibt’s gerade zwei neue Comics: den „geil aussehenden Tiger“ und den „geil aussehenden Hai“. Comics, bei denen schon das Cover sagt: Der Star ist die Bestie! Und das will ausprobiert sein!
Mafia auf dem Holzweg

Gutes Cover, oder? Und tatsächlich,
bei „Tiger“ der Comic dahinter hält alles, was es verspricht: Der Stil ist tadellos konsumierbar, franko-belgischer Realismus, es gibt reichlich Action und natürlich ordentlich Tigerbilder. Die Story spielt in Sibirien, beleuchtet den Holzab- und Holzraubbau, eine (deutsche) Doku-Filmerin reist an, will Tiger beobachten und dabei geraten sie und ihr Team der Holzmafia in den Weg – und alle zusammen einem Sibirischen Tiger in die Quere. Etwa die Hälfte braucht das Doppel-Album für die Exposition, aber dann fackeln Texter Gregorio Muro Harriet und Zeichner Alex Macho ein Art „Weißer Hai an Land“-Szenario ab.
Alles für die Killerkatz
Für meinen Geschmack stiefeln dabei immer wieder einige Leute etwas zu plakativ allein in den Wald, so wie bei Zombiefilmen immer irgendwer allein in den Keller latscht – aber dafür gehen Harriet/Macho schön rücksichtslos zu Werke und für jeden Knalleffekt ordentlich über Leichen, Motto: Alles für die Killerkatz. Und, ja: Vor allem in Hälfte zwei gibt es jede Menge aufregender Tigerbilder, im Sprung, mit Biss. Ich hab mich schon mal mehr gelangweilt. Dafür gibt's schon mal ein: Hoch die Tatzen!

Flossen hoch!
Noch eine Spur weiter gehen Christophe Bec und sein Zeichner Paolo Antiga in „Megalodon“. Erstens, weil sie nicht nur irgendeinen Hai zum Star machen, sondern gleich den titelgebenden Superhai der Vorzeit (dreimal größer als Spielbergs Beißfisch). Und zweitens, weil sie eine Perspektive wählen, die ich zuletzt in alten Jugendbüchern gesehen habe: Die Story kommt ohne menschliches Hilfspersonal aus, der Hai erzählt selbst. Übrigens sehr konsequent: Der Hai schwafelt nicht, er ist nachvollziehbar wortkarg. Recht so! Und was erzählt er uns?

Unser Megalodon ist Teil einer Gruppe, wär gern der Chef, packt’s aber (noch) nicht so ganz. Wir sehen ihn, wie er jagt, sich paart und im Kampf gegen andere Meeresmonster. Und all das ist erstaunlich gut gemacht: Denn wenn man all die ruhigen Phasen aus einem Hai-Life entfernt, kann der Rest schnell mal zum lieblosen „Best-of-Actionszenen“ werden. Nicht hier, Bec/Antiga bleiben solide im erträglichen Bereich und spielen im Gegenzug rücksichtslos die Stärke des Themas aus: Endlose blaue Weiten mit dreidimensionaler Tiefe, blutige Beißereien, furchtbare Viecher, und durch den Zeitsprung gibt’s ja auch lauter unbekannte Gegnervarianten.
Effektbewusst statt effekthascherisch
Das Wichtigste: Antiga ist nicht brillant, aber ein sehr guter Tierzeichner, und zusammen mit seiner Fähigkeit, geschickt Szenen in Panels zu arrangieren, das Richtige nur im richtigen Moment aufzublasen, ergibt das ein schönes Spektakel, noch nicht effekthascherisch, aber auf jeden Fall sehr effektbewusst. Was will man mehr?

Eines: Ein Making-of, der Anhang wäre diesmal tatsächlich schön gewesen. Wie nahe sind wir am erforschten Wissensstand, ob man modernes Haiverhalten auf Vorzeithaie übertragen darf, das fragt man sich hinterher schon ein bisschen, deshalb hätte man den Leser gerne mal mit den üblichen Blicken hinter die Kulissen versorgen können. Aber sonst: alles tierisch gut.

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