- 28. Juni
Schön doof und brandgefährlich: In „Der Traum ist aus, Charly P.“ gelingt Lisa Neun eine bitterkomische Abrechnung mit den 80ern

Zugegeben: Dass Lisa Neun ihr Grapic-Novel-Debüt in NürnbergFürthErlangen ansiedelt, meiner alten Heimat, das war ein Köder, an dem ich nicht vorbei konnte. Aber Köder sind okay, wenn sie dir kein schlechtes Produkt andrehen. Und „Der Traum ist aus, Charly P.“ ist auf den ersten Blick gut. Und auf den zweiten noch besser. Obwohl oder weil der Band so schlicht daherkommt.
Der unpolitische Politaktivist
Der Anti-Held ist Charly P., wir begegnen ihm in den 80ern, er ist so Mitte 20, Bierbauch, blonde Haarmatte, Schnurrbart. Charly würde sich als links bezeichnen, aber eigentlich heißt das nur, dass er in linken Kneipen sein Bier trinkt, linke Sprüche klopft und gerne kifft. Der Kleindealer interessiert sich nicht für Politik, nicht für seine Frau, nicht für sein Kind.

Solidarisch ist Charly nur mit sich selbst, und als es darum geht, Geld für andere Linke vor Gericht aufzutreiben, organisiert Charly nur deshalb dafür eine Riesenladung Haschisch aus Rom, weil er ein Fünftel davon in die eigene Tasche stecken will. Man kann sagen: Charly ist ein Arschloch. Was schon unterhaltsam ist, aber weil Lisa Neun weiß, dass unterhaltsamer noch besser ist, ist Charly auch ein Idiot.
Dumm stellen ist dumm gelaufen
Als der Schmuggel auffliegt, will Charly das Verhör überstehen, indem er sich dumm stellt, ist aber tatsächlich blöd genug, sich dabei mehrfach zu widersprechen. Charly wird umgedreht, er soll künftig als V-Mann in der Szene arbeiten. Da sind wir etwa auf Seite 60, und Lisa Neun hat schon eine Menge wundervoller Dinge wundervoll serviert.

Erstens gibt es in dem ganzen Comic keinen einzigen sympathischen Menschen. Charlys Elke ist ein gutartiges Kamel, das zwar jammert, aber ansonsten Charly hinterherwischt und in jeder Minute die Frauenbewegung um Jahre zurückwirft. Charlys Kumpel Dieter ist zwar Idealist, bewundert aber vor allem Charly, weil der so breitbeinig daherkommt und die tolle Elke abgekriegt hat.
Statt Gameboyspielen: Bomben basteln
Zweitens entlarven sich all diese Knallkörper fortwährend selbst: Weil Lisa Neun ihnen schön dusselige Dialoge hindichtet: Wie Charly etwa seinem Sohn den verblödenden Gameboy wegnimmt, um ihm stattdessen zu zeigen, wie man Bomben bastelt. Drittens: Weil Lisa Neun die Handlung elegant zuspitzt.

Um als Spitzel nicht zu enttäuschen, muss sich Charly irgendwie für gewaltbereite Kreise empfehlen. Der Plan dazu ist wie üblich idiotisch, aber die Bombe ist echt, und Lisa Neun holt aus ihr genug bedrohlichen Ernst, um ins Bittere abzukippen, sobald die Komödie ausgereizt ist. Eine Abrechnung mit den 80ern – oder ist da mehr?
Die Bilanz ist bitter, aber nicht unversöhnlich
Wer will, kann’s bei der Story belassen. Aber da ist mehr. Da ist natürlich unverkennbar auch Nostalgie, wenn Lisa Neun die beschmierten Häuser und Kneipen zeichnet, ich sehe altes Erlangen, ich sehe altes Gostenhof, da kann auch Fürther Südstadt drin sein, da schwingt eindeutig auch Zuneigung mit, die diese Abrechnung vor der Unversöhnlichkeit bewahrt. Aber da ist noch etwas, und wer so 50, 60 Jahre alt ist, kann es unmöglich übersehen.

Es sind die Polit-Formeln und ihre Selbstverständlichkeit. Charly benutzt sie, Elke benutzt sie, Dieter trägt sie vor sich her, aber im Alltag bedeuten sie ihnen nichts. Charly sind heute alle zu woke, wenn er sich über den Veganismus seiner Tochter ärgert, wiegelt Elke den Konflikt brav ab. Preisfrage: War das damals genauso, bei den Charlys, Elkes und Dieters der 68er? Wird in 40 Jahren die Korrektheitsgemeinde von heute ihren Ansprüchen gerecht geworden sein? Und was davon wird dann Phrase sein? Heute wissen wir’s noch nicht, aber die Lisa Neuns von 2066, die werden’s boshaft genau aufschreiben.
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Nicht klein beigeben, auch wenn alles scheiße ist: Zwei Comics aus Südkorea widmen sich zwei ungewöhnlich starken Frauen.

Wie man so hört, brauchen die Menschen mehr Ehrlichkeit, man soll sie wie Erwachsene behandeln. Daher geb' ich Ihnen nicht noch einen wirkungslosen Tankrabatt, sondern ich sage Ihnen knallhart die Wahrheit: Jetzt kommen zwei ernste Themen. Nämlich Frauen und Korea. In zwei ernsten Comics, das sind dann gefühlt vier ernste Themen. Und damit Ihnen vor lauter Ehrlichkeit der Kopf brummt, sag ich auch noch: in Schwarz-Weiß. Schwarz-weiße Comics zählen dreifach ernst, dann sind's schon zwölf! Sind Sie bereit?
Los geht's!
Sehr gut, sehr deprimierend
Vor längerer Zeit hab ich mich angesichts ihres eher chaotischen Nordkorea-Comics leise gewundert, wie Keum Suk Gendry-Kim einen Harvey-Award abstauben konnte. Jetzt weiß ich’s: Mit dem behutsam-präzisen, erschütternden Band „Gras“, der nun erstmals auf deutsch erscheint. Doch so gut der Band auch ist, eine Freude kann man ihn beim besten Willen nicht nennen. Was am Thema liegt.

Gendry-Kim beleuchtet das Schicksal von Lee Ok-seon, einer ehemaligen „Trostfrau“. Darunter versteht man Zwangsprostituierte fürs japanische Militär in den 30er und 40er Jahren, als die Japaner in China einfielen. Was Gendry-Kims Band so besonders macht, ist der erweiterte Blick. Der Lee Ok-seons Erfahrungen zugleich präziser wiedergibt, aber auch universeller macht.
Weniger Kinder, weniger Kosten
Gendry-Kim beginnt mit Ok-seons Kindheit: Eines von neun Geschwistern, in Zeiten enormer Armut. Die Eltern haben kaum Arbeit, die Kinder fallen gelegentlich vor Hunger in Ohnmacht. Bildung für Mädchen entfällt. Also wird Lee, die älteste Tochter, weggegeben. Zu irgendwelchen Leuten, die nicht ganz so arm sind, aber trotzdem am Essen sparen und Kinder als kostenlose Arbeitskraft sehen.

Bereits hier funktioniert Gendry-Kims Ansatz: Denn diese Armut war einerseits bedingt durch die erbarmungslose Besatzung der Japaner. Aber diese Mechanismen, dass etwa weniger Arme auch noch ihrerseits die ganz Armen ausbeuten, die greifen natürlich auch bei Armut aus anderen Gründen. Während dieser ersten Zwangsarbeit wird die 14-Jährige Lee bei einem Botengang von Koreanern entführt. Sie sammeln Mädchen für ein Militärbordell in China. Und hier potenzieren sich dann die Auswirkungen.
Ausgenutzt wie Legehühner
Das Militärbordell ist das Prostitutionsäquivalent einer Legebatterie: Die Frauen leben in verdunkelten Verschlägen und bedienen 30, 40 Männer pro Tag. Die medizinische Fürsorge besteht darin, die Nutzbarkeit zu erhalten, aber prinzipiell sind die jungen Frauen alle ersetzbar. Müssen sie auch sein, denn die Soldaten zahlen nicht viel, auch der Bordellbetreiber wird nicht wirklich reich, die ganze Maschinerie ist überhaupt nur denkbar durch den Krieg und durch die Verfügbarkeit billiger Menschen/Frauen.

Das Entsetzlichste hier ist womöglich, dass erzählerisch nichts eskaliert. Es gibt kein „immer noch schlimmer“, es wird nicht immer Übleres verlangt. Die Frauen vegetieren in stumpfer Resignation, die Männer besuchen den Verschlag mehr routiniert als freudig, es herrscht eine derartige schwarzgraue Gleichgültigkeit, dass sich die Männer weder durch Güte, Bosheit, Perfidie oder Perversität unterscheiden lassen.
Was Liebe noch am nächsten kommt
Einmal empfindet Ok-seon etwas wie einen Wärmehauch in dieser Eiswelt: als ihr ein koreanischer Zwangsarbeiter gelegentlich Essen zusteckt, gegen Sex, natürlich. Sie wird ihn nach dem Krieg heiraten, weil er halbwegs anständig wirkt (oder wie immer man das nennen soll). Er wird es ihr nicht danken.

Keum Suk Gendry-Kim erzählt all das geduldig, mit schlichten Figuren, bitteren Landschaften, in düsterem Schwarz und kaltem Weiß. Immer wieder streut sie großartige Bilder von Bäumen und Büschen ein, sie lässt sozusagen Gras drüber wachsen, sie zeigt, dass es nicht zuletzt auch die zeitliche Distanz ist, die Ok-seon vier Jahre vor ihrem Tod 2022 ermöglichte, davon ruhig zu erzählen. Und uns, diese Erzählungen aushalten zu können.
Unter den Wellen ist die Freiheit wohl grenzenlos

Die zweite Geschichte aus Südkorea ist optimistischer, obwohl auch Jeong-in Muns „Langer Atem“ in tiefer Armut beginnt. Wir sind in den 60er Jahren, die junge Chunja hat drei Kinder und keinen Mann mehr. Der ging zum Geldverdienen aufs Festland und setzte sich dann ab (das kennt man auch aus „Gras“). Chunja hat nichts mehr zu essen für die Kinder. Also macht sie, was damals viele Frauen ihres Orts tun: Sie geht zum Muljil.
Früchte vom Meeresboden
So nennen sie dort das gemeinsame Tauchen vor der Küste. Man nimmt eine Taucherbrille, ein Netz und eine Boje. Die Boje befestigen die Frauen mit einem Seil am Boden, das Netz hängt unter Wasser dran, und dann tauchen sie mit dem Messer nach Meeresfrüchten am Meeresgrund, nach Seeigeln, Krebsen, Abalonen, Meeresschnecken. Davon kann man leben – wenn man gut ist.

Chunja ist Anfängerin und sieht frustriert, wie die anderen Frauen weiter draußen tauchen, länger unter Wasser bleiben, viel effizienter ihre Netze bis zum Rand füllen. Doch Chunja ist zäh und gibt nicht auf. Sie weiß, dass all das nur Übungssache ist. Und sie hat ein Ziel: Sie will ihre Kinder ernähren, sie will sie zur Schule schicken und auf die Uni.
Schlichte Geschichte, universell deutbar
Jeong-in Mun erzählt Chunjas Geschichte in akkuraten Schwarz-Weiß-Panels, die erst unscheinbar wirken, aber zusammen mit Muns Konzept einen ganz eigenen Zauber entfalten. Weil Mun eine ganze Reihe von Aspekten aufgefallen ist, die aus der schlichten Geschichte so viel mehr machen.

Zunächst mal ist sie wahr: Diese Tauchfrauen, die sich „Haenyeo“ nennen, gibt es, auch heute noch, Muns Oma gehört dazu. Sie tauchen bis zu 20 Meter tief ohne Geräte, halten die Luft bis zu vier Minuten lang an und sind inzwischen als Weltkulturerbe anerkannt. Gut, oder?
Weltkulturerbe aus Untersee
Sie wurden aber und werden nicht gut bezahlt. Sie hatten keinen Urlaub, sie tauchten Tag für Tag, ihre Kinder erlebten eine gestresste, abgerackerte Mutter, die sich nichts gönnte und bei der man jeden Abend fürchten musste, sie käme nicht lebend zurück. Der Scheißtyp von Mann wurde nie zur Rechenschaft gezogen, und der Klimawandel sorgt dafür, dass sie bei jedem Tauchgang weniger Meerestiere fanden und finden. Schlecht, oder?

Aber die Frauen sind stolz auf sich und ihren Job. Mun bewundert ihre Oma, die übrigens auch heute noch tauchen geht. Diese Frauen haben sich selbst geholfen, Muns Oma hat alle ihre Kinder sattgekriegt und ihnen eine gute Ausbildung ermöglicht, und diese selbstbewusste Ruhe strahlt sie auch heute noch aus. Gut, oder?
Gut oder schlecht oder was?
Mun deckt all diese Facetten ab, in dem sie mal aus den 60ern berichtet, mal von heute. Mal in wortlos schönen Tauchgängen, mal in ruhigen Dialogen. Mal aus dem Blickwinkel der tauchenden Mutter, mal aus dem der neugierigen Enkelin, der einsamen Kinder, für die Regenwetter das Schönste ist: weil das die seltenen Tage sind, an denen Mutti daheim bleibt. Und: Mun inszeniert nicht zuletzt auch das Essen, dass mit Omas Fang gekocht wird. Sieht lecker aus.

Eine direkte Forderung, ein Fazit gibt’s nicht, aber die Parallelen drängen sich auf, und das nicht nur für Frauen: Jammer nicht immer sofort. Wenn du was nicht kannst, dann lern’s. Und üb’s. Klage nicht, dass alles Mist ist. Warte nicht, bis dir jemand einen Tankrabatt schenkt, mach dich unabhängig….
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- 23. Apr.
Die Outtakes (39): Diesmal mit 1 Comic-Legende, 1 gezeichneten Zwölftonmusik und 1 kinderfreundlichen Wuchtbrumme

Nerdiger Garagenfund
Moebius und ich finden wohl nicht mehr so recht zusammen. Das ist auch bei „Die hermetische Garage - Jäger und Gejagter“ nicht anders, einer deutschen Erstveröffentlichung. Optisch klappt das alles noch gut, den skurrilen Landschaften und Personen der Comic-Legende folgt man gern. Aber die Handlung… das ist schon nerdy im Quadrat. Hauptfigur Major Gruber muss sich einer mentalen „Nachsteuerung“ unterziehen, die dafür zuständige „Steuerfrau“ nimmt „eine Osmoplastase paradoxaler Sequenz vor“, und so geht das weiter. Moebius kippt eimerweise erfundenes Fachchinesisch über den Lesern aus, es erinnert an die Geheimsprachen von Teenagern: Wer sie nicht kennt, kann halt nicht lachen, Pech für alle, die den Begriff der „hermetischen Garage“ nicht für einen unglaublichen Brüller halten. Es hilft auch nicht gerade, dass Moebius soviele Künstler beeinflusst hat, die einem ständig einfallen – und die mehr aus seiner Kunst gemacht haben. Geof Darrow hat die absurden Bildwelten auf die Spitze getrieben und mit schwarzhumoriger Gewalt geschickt unterfüttert. Charles Burns hat das unheimlich-beklommene perfektioniert, Enki Bilal und Star Wars haben den Stil gewieft kommerzialisiert, Gerhard Seyfried anarchisch humorisiert. Für Moebius selbst bleiben da nur die Verdienste des sehenswerten Pioniers.
Wo sich der Kult vom Weizen trennt

Feuchtenberger spaltet diesmal gleich doppelt, wegen dem Titel: „Der Spalt“. Gesammelte Kurzgeschichten im Großformat sind drin, Feuchtenberger assoziiert recht frei zu Aufenthalten in Paris, Rom, ihrem Hund. Es ist wieder sehr viel Kunst und Kunstwille im gar nicht mal so bunten Kessel, aber das gehört hier halt zum Konzept: dass das Publikum nicht immer die erste Priorität hat. Gibt’s ja öfter, bei Film, Malerei, Theater, Pop. Ist ein bisschen wie bei der Zwölftonmusik. Aber da trennt sich halt auch der Kult vom Weizen: Entweder man ist Fan. Oder man reibt sich das Kinn und sagt: „Hmm, interessant.“ Oder man tut nicht mal das. Weil es so viele Comics gibt, die unterhaltsamer sind und trotzdem nicht komplett kunstfrei.
Gas geben statt Nachdenken

Ein Phänomen: Dieser Band ist so schön wie verheerend, kein richtiger Comic, aber geht in die Richtung und, vor allem, verkauft er sich trotz Hochpreis (68 Euro) wie geschnitten Brot. Es könnte also was für Sie sein! Weil: Die Optik ist beeindruckend, Robert Crumb meets Janosch meets Ali Mitgutsch. Der Däne Jakob Martin Strid nimmt uns in „Der fantastische Bus“ mit in eine Stadt der Zukunft, die aussieht wie eine der Gegenwart, böse Unternehmer reißen die Häuser der Guten einfach ab, die daraufhin mit einem Superbus wegfahren, um nebenbei eine Wunderblume zu finden, mit der alle Menschen gesund werden. An vielem dabei kann man sich kaum sattsehen, im Gigaformat werden Häuser und vor allem der Bus ausgebreitet, zerlegt, mit so vielen Details, wie man es sich als jetziges und einstiges Kind nur wünscht. Zugleich ist der Band ein derartiger Batz von Wohlfühlquatsch und Realitätsverweigerung, dass einem die Augen tränen. Und das nicht nur, weil er in einer Welt spielt, die problemlos einen Atomkrieg überlebt hat. Er beklagt die Umweltverschmutzung der Städte und findet die Lösung in einem Bus mit gigantischen Diesel- und Benzinmotoren, die auch eine Klimaanlage befeuern. Mit dem Mega-Treibhaustriebwerk fahren wir alle aufs Land in die herrliche Natur, dort rauchen wir einen Joint und alles ist gut, weil… ??? Wieso fahren eigentlich nicht längst alle in die herrliche Natur? Und warum liegt nach dem Ende der Welt die ganze Natur noch so herrlich herum? Man darf angesichts der überwältigenden Ausführung vor allem eins nicht: nachdenken. Weil einem dann der Mund offen stehen bleibt, wie Strid hier ohne Not lauter Probleme halbgar bis scheinbar anspricht und dann mit 18.000 PS überrollt. Aber Nachdenken ist ja kein Muss. Wer mag, gibt einfach Gas.
