- vor 5 Tagen
Die Outtakes (36): Mit 1 Schwätzer in der Hölle, 1 Horror ohne Schrecken und 1 ungünstig befüllten Schublade

Gelassenes Bad im glühenden Pool
Kommt ein Motivations-Guru in die Hölle. Klingt lustig? Ist es auch – vielleicht. Denn hin gehören sie da ganz zweifellos, Heilsversprecher, Kryptoclowns, Abzocker, Betrüger wie Ismael Posta, der gelackte Held des Bandes „Willkommen in Pandemonia“: Der erstickt an einer Cocktail-Olive und fährt mit dem Expresszug zum Teufel. Anfangs ist das sehr reizvoll, diese satirische, von Diego Agrimbau entworfene und von Gabriel Ippoliti umgesetzte Horror-Fantasy-Opulenz, die sich vor Ort als nervtötende Bürokratie entpuppt. Aber alle Torturen scheitern an Postas Billigsprüchen, und jetzt entscheidet sich’s für Sie: Akzeptieren Sie das? Dass Posta ungerührt im Glüh-Pool sitzt, obwohl alle anderen es nicht ertragen? Warum ist ausgerechnet der Schwätzer, der es sich zeitlebens leicht gemacht hat, plötzlich so superleidensfähig? Bei den „Simpsons“ klappt das Prinzip, weil der Teufel sich für Homer die falsche Folter ausdenkt: endlos Donuts. Agrimbau/Ippoliti haben übersehen, dass diese Story eine anders arbeitende Hölle bräuchte, und das versemmelt mir leider den Witz. Aber wenn Sie sagen: Mir wurscht, für mich geht das auch so in Ordnung, dann winkt Ihnen ein seelenheilloses Vergnügen.
Schwebender Waldfisch

Gerade wird Daria Schmitts verführerisch aussehender Band „Der Totenkopf aus Schweden“ angekündigt, und ich denke mir: Warum eigentlich nicht reingucken? Dann fällt mein Blick auf den ähnlich attraktiven Vorgänger „Das Traumbestiarium des Mr. Providence“. Der auch schon alles hatte, was neugierig macht: Ein Sonderling in einem schwarz-weißen Wald, in dem gigantische Fische schweben, sieht das nicht aus wie Poe und Lovecraft und alles? Aber während all das optisch innen tatsächlich stattfindet, jede Menge weitere seltsamer Tiere in wunderlichen Größen und Farben durchs Bild huschen, hebt die Story nicht und nicht und immer noch nicht ab. Verschrobene Figuren kommen und gehen, wunderliche Szenen auch, doch Schmitt gewinnt daraus weder Spannung noch Grusel noch Horror noch Humor. Tatsächlich wäre viele Bilder wie der bizarre Wald aus Augen effektiver, würde Schmitt nichts dazuschreiben. Aber leider quatscht sie dann doch dauernd rein. Und ich denke: Ach ja, deshalb.
Erdrückendes Vorbild

Katharina Greve ist in eine ungeeignete Schublade geraten: die der Cartoonistin. Warum? Weil ihr großartiges „Hochhaus“ so handlich war, als Tageshäppchen und im Stück konsumierbar. Greves Stärken: Design, Vielseitigkeit und das Finden einer Form, die Tragik, Komik, Wunderliches verarbeiten kann. Die Süddeutsche, die politische Cartoons so fachkundig betreut wie ChatGPT die Realität, fehlschloss daraus, Greves Stärke sei „kurz und bissig“ und machte ihr ein Angebot, das kaum ein Comic-Künstler in Deutschland ablehnen könnte. Aber die Pflicht zum Witz ist nicht ihr Ding. Wie der neue Band „Meine Geschichten von Mutter und Tochter“ belegt. Gedacht als Hommage an E.O. Plauens Cartoonserie „Vater und Sohn“, arbeitet Greve sich am erdrückenden Vorbild ab. Die modernisierte Optik überzeugt sofort, doch genauso spürt man die Mühe bei der Suche nach Pointen. Zehn, elf Panels braucht sie oft, etwa für den Insektenhotel-Gag, der dann allenfalls Mainzelmännchenlevel erreicht. Mehrere Themen variiert sie doppelt, den Bildschirm-Gag gleich viermal, das fällt auf bei insgesamt nur 42 Strips. Von denen gerade die ruhigeren zeigen, wie gut Greve ist – sobald sie eben nicht am Witzefließband stehen muss.
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- 25. Dez. 2025
Wunderlicher Jubel um einen Multikulti-Krimi: In „Emma und Amir“ verliebt sich eine Berlinerin in ihren muslimischen Kidnapper

Sorry, dass ich so ins Fest reingrätsche, aber vielleicht brauchen Sie ja vor lauter Weihnachtsfrieden etwas Zunderzoff? Da hätt ich was: Derzeit sorgt ein Comic für erstaunliche Begeisterung in der Fachwelt und für nachhaltige Verwunderung – bei mir. Der Comic heißt „Emma und Amir“ und stammt von Bianca Schaalburg, die durch ein Aufenthaltsstipendium auf Kosten des Berliner Senats mehrere Monate in Paris war. Was an sich okay ist.
Berliner Schnauze und Baguette
Aufenthaltsstipendien sind schöner sind als hohe Hotelrechnungen. Und möglicherweise liefert Frau Schaalburg deshalb, was höfliche Stipendiaten öfter liefern: eine nette Geschichte, in der sich die Gastgeber-Orte vorteilhaft wiederfinden. Mit prominenten Ecken, Berliner Schnauze, Currywurst, Baguette, allet klar? In einem launig-aufgekratzten Plot rund um die junge Berlinerin Emma und den Iraker Amir. So weit, so noch immer okay.

Was passiert nun? Emma und Amir begegnen sich, als Amir nach einem islamistischen Anschlag unschuldig ins Radar der Berliner Polizei gerät und Emma als Geisel nimmt. Daraufhin verliebt sich Emma in ihn, dann werden sie ein Liebesteam und fahren nach Paris und – Moment: Schreibe ich das gerade wirklich?
Moralisches Schleudertrauma
Ich meine: Amir nimmt sofort eine Geisel? Wieso? Würd' ich nicht machen, Sie auch nicht. Weil Iraker eben so sind? Iraker imma: Haste Ärger, nimmste Geisel? Echt jetzt? Der feuchte Traum von Alice Weidel und dem Dobrindvieh? Und warum sollte sich Emma in ihn verlieben? Weil er so herrlich ungeschickt ist? Weil Berlinerinnen Geiselnehmer ungefährlich und süß finden? Weil die Bedrohung (Weihnachtsmärkte etc.) zwar real ist, aber man nicht immer alles so ernst nehmen soll? Und überhaupt: Bedeutet „Nein“ jetzt plötzlich doch manchmal „Ja“? Nimm mich, du schnuckliger Geiselnehmer, fahr mit mir nach Paris! Ja, dorthin, wo sie mit islamistischen Attentaten ja besonders lustige Erfahrungen gemacht haben?!?

Man kann’s nicht anders sagen: Dieses moralische Schleudertrauma hat, nüchtern betrachtet, alle Zutaten für einen Shitstorm, Kategorie: Hurricane Katrina. Aber was passiert? Deutschlandfunk, Arte, der NDR und Alfonz kriegen sich vor Glück nicht mehr ein. Die „Tagesspiegel“-Experten setzten ihn auf Platz fünf der besten Comics des Quartals. Keine Frauengruppe protestiert, auch kein Integrationsbeauftragter, keine Geschmackspolizei.
WOTzeFACK?!?!
Shitstorm-Potenzial meets Kritikerglück
Wenn Sie eine Erklärung dafür möchten, vermute ich mal Folgendes: Alle Beteiligten sind überzeugt, dass Frau Schaalburg irgendwie lieb ist und auf der richtigen Seite steht (was wohl stimmt). Und weil alle eine multikulturelle Versöhnungsgeschichte herbeisehnen, nimmt keiner mehr zur Kenntnis, dass Schaalburg diese (durchaus wünschenswerte) Geschichte überhaupt nicht liefert. Sondern ideenreich gezeichneten Zuckerquatsch, so gut gemeint wie eilig verkleistert. Nein, das ist kein Riesenskandal. Aber man staunt manchmal schon, worüber die Branche so jubelt.
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- 16. Apr. 2025
Die Outtakes (27) : Diesmal mit sehr kleinen Kleinigkeiten, sehr großen Wassermengen und einem richtigen Haufen Müll

Quantenfiziert
Hübsch, aber nicht recht überzeugend: „Loops“ von Luca Pozzi und Elisa Macellari dreht das ganz große Ding: Was ist die Welt? Pozzi ist physikbegeisterter Künstler und versteht sich gut mit dem Quantenphysiker Carlo Rovelli, weshalb beide einen Comic zusammengezimmert haben, der einen leider kaum weiterbringt. Da helfen auch die schönen Illustrationen von Pozzis Frau Elisa nicht. Am stärksten ist der Band noch bei der Aufarbeitung antiker Theorien: Anaximander schließt aus der Beobachtung der Welt nicht auf ein Weltbild – sondern dass wir offenbar Teil eines Prozesses sind, den wir womöglich nicht mal begreifen können. Ist auch ohne Bild erklärbar, richtig? Rovelli hingegen zaubert eine Welt aus interagierenden Raumquanten („Loops“) aus dem Hut. Begründung? Fehlt, was blöd ist, weil man Loops (anders als Anaximanders Welt) nicht mehr beobachten kann. Sind sie bewiesen oder Theorie? Egal. Eine Reihe schöner, aber schiefer Bilder verwirrt nun mehr als sie erklärt, und hinterher klopfen sich alle Beteiligten die Schultern wund. Man hätte stutzig werden können/sollen, als der Künstler auf Seite 15 im Wald einem einzelnen Moskito mit der Sprühdose hinterhergiftet. Aber vielleicht sollte man das auch nicht so ernst nehmen: Wir sind ja alle nur Raumquanten.
BrrrrrroooooSCHHH

Das ist mal ein ganz starker Anfang: Bea Davies geht in „Supergau“ gleich richtig in die Vollen, ein Mann erlebt das Erdbeben samt Tsunami von Fukushima von einer Telefonzelle aus, inklusive anrollender Fluwelle, BrrrrrOOOOSCH! Und gleich darauf eine sagenhafte Traumsequenz, der Flugtraum einer jungen Frau über dem überfluteten Berlin, und dann ihr Blick unter die Wasseroberfläche, wo Dutzende Menschen treiben wie schlafend. Ab da wollte ich natürlich wissen, wie das weitergeht, wie Bea Davies da Berliner Schicksale mit Fukushima verknödelt. Und tatsächlich hält Davies das auch durch – aber leider nur optisch. Ja, sie entwickelt schöne Szenen, gute Dialoge, tolle Berlin-Eindrücke. Aber die Geschichten, die sie verquicken will, sind etwas fad. Vielleicht liegt’s aber nur am Gegensatz: Davies kann aus einer „Kaufland“-Fassade was Besonderes rauskitzeln, aus kleinen Beobachtungen wie einem Kind samt Eichhörnchen, und sie pickt aus der großen Katastrophe eindrücklich-gruselige Bilder in variantenreichem Schwarz-Weiß mutig weitgewinkelt. Vielleicht fällt eben deshalb auf, dass sie Schicksale und Schicksälchen ihrer Protagonisten nicht genauso großartig aufbereitet. Kann aber noch kommen.
Ab in die Tonne!

Unterhaltsam und dennoch Outtake, weil: „Trashed“ gibt’s nur auf englisch. Derf Backderf, der mit dem spannenden „Mein Freund Dahmer“ seine Schulzeit mit dem Serienkiller Jeffrey Dahmer beleuchtete, hat 2015 seine Erfahrungen als US-Müllmann verarbeitet. Wie man weiß: Eklige Stories sind oft auch spannende Stories, „Trashed“ fällt genau in diese Kategorie. Einerseits empörend, weil in den USA noch furchtbarer mit Müll umgegangen wird als bei uns, andererseits lässt Backderf mit berufsbedingtem Zynismus immer wieder Dampf ab. Wer sich an Backderfs Don-Martin-Stil nicht stört, dem steht ein erfrischendes Lesemissvergnügen bevor, aber, wie gesagt: eben nur auf Englisch.
