Die heimlichen Bestseller (VI): „Charles Darwin“ überzeugt nach dem Motto „Harmlos anfangen, dann ordentlich aufdrehen“

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Braver Beginn
Acht Auflagen seit 2019, das ist eine Hausnummer. Da wird umgerechnet jedes Jahr nachgedruckt. Und doch habe ich mit „Charles Darwin“ zu kämpfen: wegen der Ligne Claire. Kennen Sie, oder? Im Prinzip der „Tim & Struppi“-Stil, den Jérémie Royer für das Szenario von Fabien Grolleau sparsam anpasst. Die Farben sind etwas abgetönter, nicht ganz so bonbonhaft, aber die Optik wirkt sehr jugendorientiert. Was man mit dem Text abfangen könnte, aber Grolleau fängt auch kindgerecht an...

Der alte Charles Darwin sitzt mit seinen Kindern am Tisch und erzählt von früher, von seiner Reise mit der HMS Beagle. Das wirkt arg brav, dabei kann man sich eigentlich nicht recht beschweren: Es ist alles drin. Darwin kommt eher zufällig aufs Schiff, als intellektueller Gesprächspartner für den Kapitän – der Trip ist auf drei Jahre angelegt (und wird fünf dauern), da will man den Kapitän bei Laune halten. Doch vor Ort zeigt sich Darwins aufgewecktes Talent.
Optik, die langsam Fahrt aufnimmt
Der Jungforscher beobachtet, sammelt, sortiert, zieht Schlüsse, die Evolutionstheorie wird daraus entstehen. Und wir erleben eine Weltreise im Segelschiff, Ozeane, exotische Landschaften, das sind alles tolle Motive. Zu denen ich mir die Überwältigungsoptik von Emmanuel Lepage wünsche – und stattdessen sowas wie einen sehr unironischen Walter Trier kriege. Das ist nicht schlecht, aber man muss sich erstmal daran gewöhnen. Ich brauche etwa 50 Seiten.

Auf Seite 44 schicken sie Darwin erstmals in den Urwald, und hier breitet sich Royer erstmals über die Doppelseite aus. Gleich viel besser. Und ihm kommen zunehmend mehr Ideen, wie das als Cover genutzte Motiv mit dem winzigen Segelschiff über einer Tiefsee voller Meeresgetier.
Schöpfung in sieben Tagen?
Auch schön: Mit wachsender Erfahrung wird Darwin komplexer, man kann mehr mit ihm anfangen, als ihn unbeholfen an Deck über Seile stolpern zu lassen. Und die aufkommenden Zweifel an der bisherigen Schöpfungslehre lassen sich vielschichtiger inszenieren als seine Ablehnung von Sklaverei und Rassismus (die geradezu predigthaft daherkommt). Als Darwin zuhause ankommt, bin ich tatsächlich traurig, dass die Reise endet. Jetzt fühle ich mich bei Grolleau/Royer gut aufgehoben.

Es gibt noch ein Nachwort, das die Notwendigkeiten einer geglätteten Erzählung erläutert, darauf hinweist, dass man vielleicht für richtig akkurate Informationen zusätzlich Darwins Tagebücher lesen sollte. Sachlich ist damit alles auf der sicheren Seite, der Unterrichtseinsatz bietet sich erkennbar an. Und ein weiteres Mal zeigt sich ein Rezept für einen Dauerbrenner: man erkennt und besetzt eine Nische hochwertig. Auf dem deutschsprachigen Markt gibt es derzeit keinen zweiten Darwin-Comic. Gut möglich, dass es auf absehbare Zeit dabei bleibt.
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Die heimlichen Bestseller (II): „Das Geheimnis der Quantenwelt“ macht die Teilchenphysik erstaunlich nachvollziehbar

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Sechs Auflagen in zehn Jahren
Bei bestimmten Sachcomics bin ich skeptisch: Nämlich bei jenen, die versprechen, irgendwas Kompliziertes gut zu erklären. Nicht, dass das nicht möglich wäre, aaaber: Wenn’s so einfach geht – warum hat’s dann nicht schon jemand gemacht? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass jemand einfach noch einen weiteren Titel zum Zeitparadoxon raushaut, weil der Bedarf immer noch so groß ist? Es spricht also viel gegen „Das Geheimnis der Quantenwelt“ – mit einer Ausnahme: der Auflage. 2017 hat der Knesebeck-Verlag den Titel von Thibault Damour und Mathieu Burniat erstmals übersetzt, inzwischen haben die Münchner sechs weitere Auflagen nachgedruckt. Der Titel behauptet sich also nachhaltig am Markt. Wieso?

Der Start ist nicht so verheißungsvoll: Wir haben eine Art „Tim und Struppi“-Paarung, Bob und Rick, Helden einer fiktiven Comicserie – bis Rick bei einem Unglück stirbt. Der ausgestopfte Hundekumpel endet beim trauernden Bob auf dem Kaminsims (was mir schon besser gefällt) und treibt ihn posthum zur Quantenermittlung. Die führt durch eine Fantasywelt, bei der Bob lauter prominente Physiker trifft. Erzählerisch ist das recht konventionell, entscheidend ist jetzt: Bringen uns die Dialoge weiter?
Die Wasserwelle als Eiswürfelstrahl
Mal sehen: Von Max Planck lernen wir, dass Energie in Teilchen vorkommt. Sie fließt nicht stufenlos wie Wasser aus dem Hahn, sondern abgepackt, wie genormte Eiswürfel. Von Einstein kommt der Input, dass dies beim Licht nicht anders ist. Licht benimmt sich aber nicht nur wie ein Eiswürfelstrahl, sondern zugleich wie eine Flüssigwasserwelle.

Spannend wird’s, wenn man sich das im Labor ansieht: Wer einen Stein ins Wasser wirft, sieht, dass sich Wellen kreisförmig ausbreiten. Wer aber ein Teilchen beschießt, das von eiem Kreis von Detektoren umzingelt ist, merkt, dass nicht alle Detektoren auf die Welle reagieren, sondern immer nur einer. Und nicht mal immer derselbe, sondern immer ein anderer. Wie kann das sein?
Das Roulette der Realität
Eine Menge kluger Köpfe haben dafür eine gewitzte Erklärung gefunden: Sie sagen, dass alle Detektoren reagieren – aber wir kriegen’s immer nur von einem mit. Weil jede Veränderung dafür sorgt, dass das gesamte System anders schwingt. Es ist ein bisschen wie beim Roulette: Sie wählen unter den 36 Nummern die „15“, und es entstehen 37 (Zero nicht vergessen!) Welten. In einer davon haben Sie gewonnen, in 36 nicht.

Der verführerische Vorteil der Erklärung: Es gibt keinen Zufall mehr, kein Glück, kein Pech. Und Gott spielt auch nicht mehr mit. Alles, was passieren kann, passiert. Die Frage lautet nicht mehr: Wie wahrscheinlich ist ein Sechser im Lotto? Sondern: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in derjenigen Welt sind, in der Ihre Zahlen stimmen? Denn rund 14 Millionen Varianten von Ihnen gewinnen nicht.
Geduldige Zusammenfasser
Nicht immer versteht man alles, aber meistens doch recht viel. Was auch daran liegt, dass das Team aus Quantenphysiker (Damour) und Zeichner (Burniat) geduldig bleibt. Beide greifen nicht nur zuverlässig den Faden wieder auf, sondern fassen dabei öfter auch nochmal das bisher Erklärte in anderen Worten zusammen. Der Tonfall ist plaudernd, mild dozierend, ein Hauch Ironie ist dabei, ich bin sehr angenehm überrascht und hinterher kann ich Ihnen was drüber erzählen, das vielleicht sogar stimmt. Das Geheimnis eines dauerhaft erfolgreichen Buchs ist nicht zuletzt, dass die Kundschaft zufrieden ist. Das kann ich hier sehr gut nachvollziehen.
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Nazis light, wäre das so furchtbar? Drei Comics zeigen die NS-Welt vor dem Holocaust. Schauen Sie doch mal, ob Sie Lust drauf haben

Gründe für ein AfD-Verbot gibt’s genug, aber nötig ist es nur, weil deren Wähler hartnäckig die Folgen ihrer Wahl kleinreden: Wer sagt denn, dass alle Nazis immer nur Konzentrationslager bauen? Also gut, schauen wir in die Zeit vorher. Als die Nazis noch nicht alles ermordeten, sondern den Irrsinn erst in die Wege leiteten. Drei Comics zeigen einen Einblick in jene Epoche, die derzeit scheinbar eine Menge Menschen wieder für akzeptabel halten. Als alles noch nicht „zum Schlimmsten“ gekommen war. Weshalb in allen drei Bänden kein Konzentrationslager vorkommt. Und wenn ich die Rechtswähler richtig verstehe, ist dann ja alles irgendwie akzeptabel, nicht wahr?
Migrationspolitik 1938

„Die Irrfahrt der St. Louis“ ist eine historische Episode am Vorabend des Holocaust: Knapp 1000 jüdische Flüchtlinge wollten 1938 legal aus Nazideutschland nach Kuba entkommen. Eine bittere Geschichte, die gerade heute eine Menge Querverweise zulässt: Denn es blüht ja nicht nur der Antisemitismus wieder auf, sondern auch die Bereitschaft, Flüchtlinge und Migranten ab-, weg- und weiterzuschieben, ungeachtet aller Verdienste und Gefahren. Damals wurden die Juden vorher noch staatlich ausgeplündert, wollen wir wetten, dass die Remigrations-Experten von heute auch schon mal nachrechnen, was da zu holen ist? Und auch die heutige Aufnahmebereitschaft des Auslands ist der damaligen vergleichbar. Weshalb fast alle Passagiere der St. Louis nach Wochen auf See wieder im belgischen Antwerpen landeten – Kuba, die USA und Kanada verweigerten die Anlandung. 250 Passagiere starben letztlich in deutschen Händen. Schade nur, dass der Band von Sara Dellabella und Alessio Lo Manto nicht recht abhebt. Am etwas kindgerechten Stil liegt das weniger, mehr schon daran, dass Lo Mantos Schiff gern immer mal anders aussieht. Oder daran, dass Dellabellas Szenario eher chronologisch abarbeitet als dramaturgisch aufbereitet. Oder am arg platt eingebauten Bordnazi. Das ist solides Doku-Fernsehspiel-Niveau, nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.
Anne Frank on the road

Band zwei kommt aus dem Subgenre „Überleben im Untergrund“. 2011 erschienen die Erinnerungen von Joseph Joffo, der sich als jüdisches Kind im besetzten Frankreich abenteuerlichst durchschlug. Sozusagen Anne Frank on the road. Das Ergebnis sind 126 bitter-spannende, hervorragend von Vincent Bailly illustrierte Seiten, die wieder mal zeigen, wie flexibel, einfallsreich, reaktionsschnell man sein muss, um nicht umgebracht (Nazis), in Minneapolis erschossen (Trump) oder den Taliban ausgeliefert (Merz) zu werden. Ob man diese Fähigkeiten (Vorschriften befolgen gehört übrigens explizit nicht dazu!) selbst hätte? Ich wohl eher nicht. Leider erschien das Buch nie in Deutschland als Comic – ich nehme mal an, es war den Verlagen nicht graphicnoveldick genug. Es gibt den Band aber auf französisch, italienisch und (in meinem Fall) auch englisch.
Die ganz normalen Kriegswirren

Der tschechische Comic „Sudetenlove“ ist fiktiv, lässt sich aber von wahren Gegebenheiten inspirieren. Im Zentrum steht die Liebe von Hedwig und Fritz, die sich 1937 beim Skifahren kennenlernen. Fritz ist halb Tscheche, Hedwig eine sudetendeutsche Tschechin. Doch die NS-Begehrlichkeiten zeichnen sich bereits jenseits der Grenze ab. Juden überlegen, ob man das Land verlassen sollte, und Hedwigs Eltern schicken ihre Tochter angesichts der unruhigen Zeiten nach Belgien. Weshalb der verliebte Fritz per Fahrrad quer durch Deutschland fährt, um sie zu besuchen. An der belgischen Grenze finden ihn die Deutschen zu tschechisch und verhaften ihn als Spion. Bis ihnen die Soldaten ausgehen. Da ist Fritz plötzlich deutsch genug: Er wird als Soldat an die Ostfront entlassen. Fritz desertiert und schlägt sich mühsam nach Hause durch, wo man nach Kriegsende die Deutschen enteignet. Hedwig flieht mit ihrer Familie nach Bayern. Fritz, der jetzt den Tschechen zu deutsch ist, bleibt... Der Grafiker Filip Raif hat die Geschichte ansprechend, aber nicht anbiedernd umgesetzt. Die Fiktion nimmt ihr die Superschwere: Wem sie nicht tödlich genug ist, der kann sie auch als „Kriegswirren“ wegdrücken. Aber das bedeutet exakt: So sieht's aus, wenn es „nicht zum Schlimmsten kommt“. Was also von dieser minder schweren, komplett unnötigen Scheiße will man haben? Was davon ist besser als im Deutschland von 1932? Oder von heute?
