- vor 10 Stunden
So viele schwermütige Themen! Und alle irgendwie wichtig! Kurz und schmerzlos: Was muss man lesen, was kann man weglassen?

Ich weiß ja nicht, wie's Ihnen geht, aber ich hätte jetzt gern was Unterhaltsames. Dürfte auch unpolitisch sein, man mag ja die Zeitung schon gar nicht mehr aufschlagen. Aber was kommt grad eimerweise neu auf den Comicmarkt? Ernst und ernst und noch ernster. Und die Themen sind ja auch alle wichtig und sinnvoll, aber man hat so absolut null Bock drauf.
Und doch: Wir sind ja erwachsen, oder? Wir laufen nicht vor den Dingen davon, nicht wahr?
Also bringen wir's hinter uns, wie Erwachsene eben. Kurz und schmerzarm. Muss ja. Und außerdem wird sich zeigen: Manches kann man durchaus weglassen
Das Runde muss ins Vergitterte
Wann kriegen wir eigentlich mal wieder eine Fußball-WM in einem Land ohne Todesstrafe? Ohne die Maklervisage Infantino, bei der man jedesmal als erstes denkt: Das Runde muss ins Vergitterte! Man hat schon gar keine Lust mehr, einzuschalten – und genau deshalb ist „Eine kurze Geschichte des Fußballs“ so besonders: Weil sie nicht blind feiert, sondern genau diesen Gedanken sofort ausspricht. Und dann die Wurzeln des Fußballs ausleuchtet. Vom Bauernsport zum Adelsspaß zum Arbeitervergnügen zur Möglichkeit, dem Überwachungsstaat etwas zu entkommen – man erfährt eine Menge Unbekanntes. Russland, Brasilien, Argentinien und Ägypten kriegen Extrakapitel, und nur manchmal wird zuviel Maradona und Pelé gefeiert. Der Fließtext verteilt sich sehr locker über die Illustrationen von Lelio Bonaccorso, das sieht gut aus und liest sich angenehm, auch weil die Szenaristen Mickaël Correia und Jean-Christophe Deveney dankenswerterweise kaum Dialoge oder Spielszenen erfinden. Man kann also auch im WM-Geldverdientaumel das Thema „Fußball“ aufgreifen, ohne den Kopf auszuschalten. Sehr gut. Weiterspielen!
Die Folgen der Neutralität

Jaja, Spanischer Bürgerkrieg. Schon wieder. Warum? Weil’s zuletzt ums Danach ging. Jetzt aber, in „Kriegsfotografen“, geht’s ums Davor und ums Weshalb und unser Jetzt. Und das nicht nur, weil die Protagonisten Deutsche sind.
„Das ist auch unser Krieg“
Szenarist Raynal Pellicer und Zeichner Titwane (Pierre-Antoine Thierry) liefern ein Doppel-Biopic: die Story der Pressefotografen Hans Namuth und Georg Reisner, die 1936 in Spanien die linke Alternative zu Hitlers Olympia ablichten wollen. Doch dann putscht das Militär unter dem Faschisten Franco. Die gewählte Regierung wehrt sich, man könnte jetzt wieder heimfahren, weil: Sport fällt ja aus. Aber Namuth/Reisner bleiben, weil „das auch unser Krieg ist“. Wie recht sie damit haben, zeigt sich bald.

Zunächst vergiftet der Krieg nur die Spanier. In Barcelona wird der Putsch niedergeschlagen, es kommt landesweit zu Gewaltexzessen, bei denen man nicht nur Putschisten hinrichtet, sondern auch Haus- oder Landbesitzer. Um sich deren Besitz zu krallen. Aber die Kämpfe enden nicht: Francos Truppen werden von Hitler und Mussolini massiv unterstützt. Europas Demokratien hingegen verhalten sich strikt neutral. Das hat fatale Folgen.
Zerrieben zwischen Stalin und Hitler
Die Sowjetunion wird einziger Waffenlieferant der Republik. Und mit diesem Machthebel krempelt sie sofort die republikanische Seite um. Es wird durchgesäubert, stalinistisch-skrupellose Statthalter werden installiert – was für Demokraten genauso inakzeptabel ist. Die republikanischen Kräften spalten sich und unterliegen.

Ab hier ist ein demokratisches Ende des Bürgerkriegs unmöglich. „Kriegsfotografen“ dröselt das sachlich auf, illustriert mit Titwanes Varianten von Namuth/Reisner-Fotos. Es stimmt: Der Krieg der Spanier war tatsächlich auch ihrer. Nach dem Ende verschwindet ihr Exil auf Mallorca, das freie Frankreich, die Sicherheit in ganz Europa. Und die USA sind kaum noch zu erreichen. Das Raushalten der Demokratien war die falsche Option.
Heißes Thema lauwarm serviert

Menschen ohne Papiere haben es schwer. Klar. Aber warum haben sie keine Papiere? Die Gründe sind unterschiedlich, weshalb B. Traven in „Das Totenschiff“ dafür sorgte, dass seinem Protagonisten die Papiere geklaut werden: Er wollte jemanden, der unschuldig in Not ist. Welche Protagonisten wählen nun Jonas Seufert und Lisa Frühbeis in „Schattenleben“?
Das Problem erklärt an: Leuten ohne Problem
Brienne erfuhr in Thailand als Prostituierte, dass man in Deutschland viel mehr verdienen könnte, wenn man sich bei zwielichtigen Typen über 20.000 Euro verschuldet. Charlotte musste irgendwann Kamerun verlassen, weil sie nicht „in Kamerun bleiben“ konnte (Begründung fehlt). Dâu reiste zum Studieren ein, wusste aber nicht, dass man hier auch Miete zahlen muss. Nasir ließ seine vorhandenen Papiere (!) ablaufen. Ein Mix aus Missbrauch, Behördenbeton und viel Sorg- und Ahnungslosigkeit plus Selbstmitverschulden. Und trotzdem, trotz der blöden Bürokratie sind alle vier heute – noch immer in Deutschland? Und in einer weit besseren Lage als zuvor?!? Hä?!? Um für ein Problem zu interessieren, das „Hunderttausende“ betrifft, nehmen wir vier Leute, die kein Problem mehr haben? Da muss der alte Boulevardjournalist einfach fragen: Gab’s wirklich keine besseren Beispiele?
Zum Lesen zuwenig

Ich bin ein bisschen baff. Vor mir liegt „Al Fazia“, eine Comic-Reportage von Tobi Dahmen über und mit Akram Al Saud, der aus Syrien geflohen ist. Ein Bericht aus syrischen Gefängnissen, ein wichtiges, grauenhaftes Thema. Trotzdem nur ein schmaler Band, 120 Seiten. Und dann endet der Comic selbst schon auf Seite 77. Hä?!?
Ist's Materialmangel? Wohl kaum: Ich habe hier „Hakim’s Odyssey“ vorgestellt, Fabien Toulmé hat drei Bände prall gefüllt. Die irrsinnige, grundlose Folter, die endlose Ungewissheit im Gefängnis, die noch unlogischere Freilassung, das Durchschlagen danach, die mühsame Flucht, das noch mühsamere Organisieren des Geldes dafür, die Frustration, die Depression. Vieles davon findet sich auch in „Al Fazia“, aber hier wirkt es wie ein Schnelldurchlauf.
70 Seiten Comic, 50 Seiten Anhang
Etwas mehr Zeit widmet Dahmen der Folter und der sardinendosenartigen Haft, aber schon die Entlassung, die danach wie ein Wunder gewirkt haben muss, scheint kaum wichtig. Al Saud flieht nach Aleppo, als die Bombardements dort unerträglich werden, rettet er sich via Schlepper nach Griechenland, das ist in fünf Seiten erledigt, war wohl nicht so schwer. Oder nicht so interessant. Aber dezidiert noch uninteressanter ist: der 48(!)-seitige, extrem luftig gesetzte Anhang danach.
Das Fotoalbum zum „Making of“?
Neun (!) große Fotos von Dahmen mit Al Saud, ein Fremdwörterbuch. Vieles wird nochmals erläutert, Dahmen wiederholt, was er schon im Comic sagt. Alle verraten, was sie wann wie gedacht haben, und zuletzt hagelt es vier Seiten Danksagungen und Schulterklopfen im Kreis herum. In einem Halbsatz erwähnt Dahmen, er hätte „nur 30 Seiten“. Jetzt sind’s zwar 72, aber immer noch zum Lesen zu wenig. Darf man das so sagen? Man darf: Auch Barbara Yelin hatte für „Emmie Arbel“ erst nur 40 Seiten, die sie dann aber zu einer sehens- und lesenswerten Comicbiografie mit 160 Seiten ausarbeitete. Es geht also besser, und die Herausgeber von „Al Fazia“ sollten es wissen: Es sind dieselben.
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- 2. Aug.
Lou Lubie und der Kampf mit ihren Locken: Ein Comic erklärt, was Haare mit Rassismus zu tun haben - und wie sich die Opfer zu Komplizen machen

Man kann einen Comic mit Haaren füllen. Und zwar so, dass auch jemand mit eher wenigen Haaren (wie ich) davon profitiert. Obwohl ich mich zuerst sogar drüber geärgert habe. Der Comic heißt „Meine Wurzeln“ und geht recht lustig los: die französische Comic-Autorin und -Zeichnerin Lou Lubie berichtet vom Kampf mit ihren krausen, ausufernden Haaren, der sie seit ihrer Kindheit begleitet. Das ist amüsant, selbstironisch, aber bald denkt man: „Schon gut, sind doch nur Haare!“ Eben nicht: Es steckt mehr dahinter.
Menschenmix auf La Réunion
Man erfährt vom Bevölkerungsmischmasch auf La Réunion, der Insel, von der Lubie stammt. Von den verschiedenen Haaren der Menschen aus verschiedenen Regionen. Von den verschiedenen Optionen, krauses Haar einzudämmen. Und wie wichtig es ist, das zu tun: aus zweierlei Sorten von Rassismus.

Denn mit den Haaren wird man zugleich zugeordnet, sagt Lubie. Das gilt auch bei ihr, obwohl sie keine dunkle Haut hat. Sie ist Kreolin, und mit glatten Haaren ginge sie problemlos als weiß durch, als „echte Französin“. Was die eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite ist: Indem sich Lubie diesem Denken unterwirft, wertet sie es zugleich auf. Sie ist Opfer und Verstärker zugleich, und je länger der Comic erzählt, desto deutlicher wird das.
Wie wird man weniger nichtweiß?
Lubie stützt ihre Geschichte mit Zahlen. Sie zeigt die Methoden des Glättens, die ganze Industrie dahinter. Wie viel Geld man als nichtweiße Frau in Frankreich dafür ausgibt, weniger nichtweiß zu sein. In günstigeren Salons, in teureren, mit Pflegeprodukten, die für Frauen nochmal mehr kosten. Weil Aussehen für Frauen wichtiger – ist? Wichtiger gemacht wird? Und von wem?

Hier wird der Comic richtig spannend. Lubie führt zusammen, wie viel Geld mit der Angst gemacht wird, „irgendwie anders“ bzw. „irgendwie minderwertig“ auszusehen. Diese Angst hat fast jeder, sogar der künftige Bundestrainer. Frauen haben sie mehr als Männer, nichtweiße Frauen offenbar noch mehr als weiße Frauen. Und erneut werden die beiden Seiten der Medaille erkennbar.
Gönn dir ein Stück von der Rassistentorte
Zweifellos stecken hinter diesem Druck politische und wirtschaftliche Interessen. Aber er wäre nichts wert, wenn die Zielgruppe nicht eifrig mitarbeiten würde. Wenn sich die Zielgruppen nicht gegenseitig in den Wahnsinn treiben würden. Wenn die Zielgruppe nicht durch eifriges Mitspielen versuchen würde, sich selbst eine Scheibe von der profitablen rassistischen/sexistischen Torte zu sichern.

Lubie verschweigt das nicht: Mit dem Glätten der Haare angefangen haben offenbar schwarze Sklavinnen in den Südstaaten, die damit versucht haben, für die weiße Damen- und Herrenschaft erträglicher zu wirken: Und zwar erträglicher verglichen mit der schwarzen krausen Konkurrenz. Die Konsequenz kann eigentlich nur eine sein – und Lou Lubie zieht sie am Buchende auch: Scheiß drauf, Haar ist Haar, steh dazu!
Mitspielen ist leichter als Aufbegehren
Was bei genauerer Betrachtung für viele weitere vermeintliche Unzulänglichkeiten gilt und gar keine so sensationelle Erkenntnis ist. Aber Lou Lubie zeigt dabei informativ und unterhaltsam, wie vertrackt, wie verheddert diese Mechanismen sind, wie tief sie sitzen – und warum so viele eben doch mitspielen.
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- 14. Juni
Zweimal packt die Französin Magali Le Huche heiße Eisen an, aber nur einmal funktioniert's: Warum der Text bei Comics so wichtig ist

Was predige ich jedes Mal wie eine tibetanische Gebetsmühle? Für die Comicqualität ist das Szenario wichtiger als die Zeichnung. Weil gute Szenarien auch mäßige Zeichnungen vertragen, die besten Zeichnungen aber kein schlechtes Szenario retten, sondern allenfalls aufhübschen. Zeichnung macht schön, Szenario macht gut. Und das kann man gerade gut zeigen: An Magali Le Huche, die derzeit zwei Comics am Start hat.
Es geht um die Wurst

Magali Le Huche, Jahrgang 1979, zeichnet lockere Figuren, ein bisschen kommerziell, aber nicht zu konventionell – man nimmt sie gern in die Hand. Noch lieber, wenn das Thema vielversprechend ist: Sie hat sich „Die kleinen Königinnen“ vorgenommen, einen Roman von Clémentine Beauvais, der spannenden Zündstoff verspricht.
Mobbing, Hater: heiße Themen stark vereinfacht
Drei Mädchen werden im Schulchat online zu den hässlichsten Würsten des Jahres erklärt. Wir sind beim Thema Mobbing, Hatespeech, Soziale Medien, lauter wichtige Sachen also. Aber so dringend ich mir gute Comics zu diesem Thema wünsche – die „kleinen Königinnen“ gehören nicht dazu. Weil alles so grauenhaft simplifiziert daherkommt.

Denn statt sich mit dem realen Problem zu befassen, weicht der Roman lieber auf ein fantastisches aus: Die Wurstwahl wird hier zum Medienevent, vor dem sämtliche Behörden kapitulieren, weil es „im Internet“ stattfindet (als würde jeder zusehen, wie 50.000 Leute es liken, dass Minderjährige fertiggemacht werden). Und der Ausweg: Die drei Würste beschließen nach Paris zu radeln, zur Präsidentin, und plötzlich jubeln ihnen alle zu. Das ist schlichtweg Bullshit.

Sollen alle Opfer von Online-Hass sich zu Objekten des Online-Jubels mausern? Wie man seit dem „Drachengame“ weiß, sind Hater kaum umzupolen. Und bei der frechen Mireille klappt das ja auch nur, weil’s Autorin Beauvais so will. Tatsächlich läuft derlei aber anders ab: im (geschlossenen?) Klassen- oder Schulchat, mit so wenig Aufmerksamkeit, dass kein Hahn und kein Präsident danach kräht. Nein, eine Präsidentin auch nicht. Radeln ist hier keine Lösung, und dagegen kann Magali Le Huche nicht anzeichnen. Das Ergebnis ist fröhlicher Quatsch, der sich Phantasieauswege zurechtträumt, mehr nicht.
Jetzt wird's persönlich

Für den zweiten Band hat Magali Le Huche das Szenario selbst entwickelt, auch weil es sie selbst betrifft: In „Punk mit Brust“ setzt sich Le Huche mit ihrer Brustkrebserkrankung auseinander. Und prompt gelingt ihr das sehr, sehr gut.

Der Unterschied liegt im Szenario, und der Vorteil ist, dass man für dieses Szenario nicht zaubern muss. Es hat Hand und Fuß, weil die Krankheit die Geschichte vorgibt: die sorglose Zeit, die Diagnose, die Ängste, die OP. Nie käme Le Huche hier auf die Idee, eine rettende Präsidentin einzubauen. Sie bleibt bei der Realität, und die stellt Le Huche eine Aufgabe, für die ihre Zeichenkunst ideal ist.
Berührung als Schlüssel
Denn man will so einen Comic nicht einfach runtererzählen. Man möchte den Leser und noch mehr die Leserin berühren, auch dann, wenn sie bislang weder mit der Erkrankung noch mit Erkrankten zu tun hatten. Für diese Berührung braucht man Bilder, und das ist ein Job für Le Huche. Jetzt, wo das Konzept passt, kann die Zeichnung mehr als übertünchen, sie kann glänzen. Le Huche findet eine Menge guter Bilder.

Der namensgebende Punk ist dabei nicht mal das Beste: Die Schiene des mutmachenden Joe Strummer bleibt mir fremd, weil ich kein Clash-Fan bin. Aber ich sehe natürlich ein, dass die von Le Huche (und mir) vielgeliebten Beatles zu gutgelaunt sind für mutmachenden Krawall gegen die ungerechte Krankheit, da ist stärkerer Stoff angebracht. Und wie Le Huche in sich hineintaucht , als sie vor der Diagnose in ihren suspekt gewordenen Körper hineinhorcht, das ist schon ziemlich gut.
Der Körper im Schlepptau
Die schwarze Wolke der Angst, oder das seltsame Bild, den Leib separat von sich zu betrachten, was darin mündet, dass Le Huche ihren operierten Körper auf einem Rollwägelchen hinter sich herzieht – wie auch ihre Leidensgenossinnen. Deren Schicksale Le Huche ebenfalls streift, damit klar wird, dass Brustkrebs unterschiedliche Formen annehmen kann und unterschiedlich therapiert wird.

Manchmal wirkt das Ganze einen Hauch zu mutmacherisch, aber das kann man angesichts des Themas kaum tadeln: zum Verzagen braucht man keinen Comic zeichnen, die häufig gegenwärtige Schwarze Wolke mit allen Ängsten macht das mehr als deutlich. Unterm Strich liest sich der Band trotz des schweren Stoffs erstaunlich leicht, er nutzt geschickt den Kampf um Leben und Tod und hat trotz vieler Informationen nichts Ratgeberhaftes. Stimmt der Text, dann klappt's auch mit dem Comic.

