- 15. Feb.
Nazis light, wäre das so furchtbar? Drei Comics zeigen die NS-Welt vor dem Holocaust. Schauen Sie doch mal, ob Sie Lust drauf haben

Gründe für ein AfD-Verbot gibt’s genug, aber nötig ist es nur, weil deren Wähler hartnäckig die Folgen ihrer Wahl kleinreden: Wer sagt denn, dass alle Nazis immer nur Konzentrationslager bauen? Also gut, schauen wir in die Zeit vorher. Als die Nazis noch nicht alles ermordeten, sondern den Irrsinn erst in die Wege leiteten. Drei Comics zeigen einen Einblick in jene Epoche, die derzeit scheinbar eine Menge Menschen wieder für akzeptabel halten. Als alles noch nicht „zum Schlimmsten“ gekommen war. Weshalb in allen drei Bänden kein Konzentrationslager vorkommt. Und wenn ich die Rechtswähler richtig verstehe, ist dann ja alles irgendwie akzeptabel, nicht wahr?
Migrationspolitik 1938

„Die Irrfahrt der St. Louis“ ist eine historische Episode am Vorabend des Holocaust: Knapp 1000 jüdische Flüchtlinge wollten 1938 legal aus Nazideutschland nach Kuba entkommen. Eine bittere Geschichte, die gerade heute eine Menge Querverweise zulässt: Denn es blüht ja nicht nur der Antisemitismus wieder auf, sondern auch die Bereitschaft, Flüchtlinge und Migranten ab-, weg- und weiterzuschieben, ungeachtet aller Verdienste und Gefahren. Damals wurden die Juden vorher noch staatlich ausgeplündert, wollen wir wetten, dass die Remigrations-Experten von heute auch schon mal nachrechnen, was da zu holen ist? Und auch die heutige Aufnahmebereitschaft des Auslands ist der damaligen vergleichbar. Weshalb fast alle Passagiere der St. Louis nach Wochen auf See wieder im belgischen Antwerpen landeten – Kuba, die USA und Kanada verweigerten die Anlandung. 250 Passagiere starben letztlich in deutschen Händen. Schade nur, dass der Band von Sara Dellabella und Alessio Lo Manto nicht recht abhebt. Am etwas kindgerechten Stil liegt das weniger, mehr schon daran, dass Lo Mantos Schiff gern immer mal anders aussieht. Oder daran, dass Dellabellas Szenario eher chronologisch abarbeitet als dramaturgisch aufbereitet. Oder am arg platt eingebauten Bordnazi. Das ist solides Doku-Fernsehspiel-Niveau, nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.
Anne Frank on the road

Band zwei kommt aus dem Subgenre „Überleben im Untergrund“. 2011 erschienen die Erinnerungen von Joseph Joffo, der sich als jüdisches Kind im besetzten Frankreich abenteuerlichst durchschlug. Sozusagen Anne Frank on the road. Das Ergebnis sind 126 bitter-spannende, hervorragend von Vincent Bailly illustrierte Seiten, die wieder mal zeigen, wie flexibel, einfallsreich, reaktionsschnell man sein muss, um nicht umgebracht (Nazis), in Minneapolis erschossen (Trump) oder den Taliban ausgeliefert (Merz) zu werden. Ob man diese Fähigkeiten (Vorschriften befolgen gehört übrigens explizit nicht dazu!) selbst hätte? Ich wohl eher nicht. Leider erschien das Buch nie in Deutschland als Comic – ich nehme mal an, es war den Verlagen nicht graphicnoveldick genug. Es gibt den Band aber auf französisch, italienisch und (in meinem Fall) auch englisch.
Die ganz normalen Kriegswirren

Der tschechische Comic „Sudetenlove“ ist fiktiv, lässt sich aber von wahren Gegebenheiten inspirieren. Im Zentrum steht die Liebe von Hedwig und Fritz, die sich 1937 beim Skifahren kennenlernen. Fritz ist halb Tscheche, Hedwig eine sudetendeutsche Tschechin. Doch die NS-Begehrlichkeiten zeichnen sich bereits jenseits der Grenze ab. Juden überlegen, ob man das Land verlassen sollte, und Hedwigs Eltern schicken ihre Tochter angesichts der unruhigen Zeiten nach Belgien. Weshalb der verliebte Fritz per Fahrrad quer durch Deutschland fährt, um sie zu besuchen. An der belgischen Grenze finden ihn die Deutschen zu tschechisch und verhaften ihn als Spion. Bis ihnen die Soldaten ausgehen. Da ist Fritz plötzlich deutsch genug: Er wird als Soldat an die Ostfront entlassen. Fritz desertiert und schlägt sich mühsam nach Hause durch, wo man nach Kriegsende die Deutschen enteignet. Hedwig flieht mit ihrer Familie nach Bayern. Fritz, der jetzt den Tschechen zu deutsch ist, bleibt... Der Grafiker Filip Raif hat die Geschichte ansprechend, aber nicht anbiedernd umgesetzt. Die Fiktion nimmt ihr die Superschwere: Wem sie nicht tödlich genug ist, der kann sie auch als „Kriegswirren“ wegdrücken. Aber das bedeutet exakt: So sieht's aus, wenn es „nicht zum Schlimmsten kommt“. Was also von dieser minder schweren, komplett unnötigen Scheiße will man haben? Was davon ist besser als im Deutschland von 1932? Oder von heute?
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- 13. Nov. 2025
Die Outtakes (34): Mit 1 attraktiven, aber schiefen Vergleich, 1 rassigen Zweitaufguss und 1 unentschlossenen Paradies

Fliegen an der Windschutzscheibe
Erwarte ich zuviel von Roberto Grossi? Der will in „Die große Verdrängung“ die großen Krisen der Gegenwart auf den Punkt bringen. Weil ihm die Menschheit vorkommt wie ein Schwimmer, auf den ein Hai zurast – und während ihn alle von der Jacht aus warnen, schaut er lieber zu den Luxus-Hochhäusern am Strand. Und es sieht lange gut aus, weil Grossi wirklich überraschende Bilder findet – das Cover ist nur eines davon. Aber dann zeigen sich Mängel. Dass er etwa einen Großteil der Fehler beim Kapitalismus verortet – obwohl sich andere Wirtschaftsformen auch nicht umweltfreundlicher gezeigt haben. Bis auf: Armut (die sich übrigens auch keiner der Armen freiwillig ausgesucht hat). Dann dämmert einem auch langsam, dass das Hai-Bild nur klappt, wenn man den Klimawandel akzeptiert: Den Hai kann man nicht bestreiten, weil er sofort beißt. Das Klima aber beißt weit weniger deutlich. Am stärksten ist der Band daher, wenn er so argumentiert, dass man rational nicht widersprechen kann. Etwa mit der schönen Beobachtung von Windschutzscheiben. Wer in den 80ern im Auto nach Italien rauschte, sah spätestens ab der Po-Ebene vor toten Insekten kaum noch die Straße. Und heute? Aber wer heute um die 20 ist, kann natürlich behaupten, so viele Insekten hätte es nie gegeben.
Haustiere in der Nazigeschichte

Das war’s irgendwie nicht. Dabei hat „Lebenborn“ ein spannendes Thema: die Zuchtprogramme der Nazis. Nicht nur war Hitler der Ansicht, man könne rassisch verbesserungsfähige Gegenden „aufnorden“, indem man ein paar Einheiten notgeiler junger Soldaten, vorzugsweise SS, hinschickt. Sondern man kümmerte sich auch um die auftretenden unehelichen Kinder. „Lebensborn“-Heime sorgten für eine unkomplizierte Geburt. Eines dieser Kinder ist die Mutter von „Lebensborn“-Autorin Isabelle Maroger (welche den Stoff selbst schon als Buch verarbeitet hat). Jetzt wagt die Tochter die Zweitverwertung, wobei sie den brisanten Stoff allerdings häufig entschärft. Etwa durch den niedlichen Stil, bei dem an allen Ecken süße Haustiere durchs Bild springen. Oder durch die Betonung der Familienfindung (die sich jedoch von der herkömmlicher Adoptivkinder wenig unterscheidet). Vor allem aber, weil sie die politische Brisanz kaum erfasst. Denn letztlich haben die Nazis hier exakt das gemacht, was ihre Nachfolger heute der Politik vorwerfen: Bevölkerungsaustausch. Was die ideale Brücke zum Heute gewesen wäre: Dass man nämlich auf so eine absurde Idee vermutlich überhaupt nur dann kommt, wenn man sie selbst insgeheim prima findet.
Schlange im Eintopf

Auch schon wieder 13 Jahre her: Ville Ranta, der Finne, der kürzlich so pointiert wie selbstironisch den französischen Proficomic-Betrieb schilderte, hat 2012 den schmalen Band „Paradies“ herausgegeben. Eine freche Adam-und-Eva-Erzählung, bei der weder Adam noch Eva noch Gott oder Schlange gut wegkommen. Das sieht flott aus, ziemlich joann-sfar-geschult, ist skurril und auch unverschämt, aber eben dadurch auch nicht so ganz schlüssig. Natürlich können alle Beteiligten einen an der Klatsche haben, aber seltsamerweise zündet der Einfalts-Eintopf dann nicht so recht. Wohl, weil man zur Identifikation jemand Halbnormales braucht, um an den Deppen verzweifeln zu können.
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- 27. Aug. 2025
Wie eine Doku über die Deutschen mit und unter den Nazis Illustration und Animation sinnvoll einsetzt

Von Mimi von Minz angeregt, hab ich kurz in die ARD Mediathek geguckt, in die Serie „Hitlers Volk“, die hier deshalb reinpasst, weil sie teilanimiert ist, also mit einer Comic/Trickfilm-Optik arbeitet. Ist das nun gut, schlecht, sinnvoll?
Antwort: gut und sinnvoll.
Weil man ja aus vielen Dokus inzwischen die Spielszenen kennt, in denen eine überforderte Regie überforderte Schauspieler überfordert. Ergebnis: Napoleon/Cäsar/Goethe schaut nachdenklich ausm Fenster. „Hitlers Volk“ entgeht dem Dilemma durch schlichte Animation, die den Zuschauer das Schauspielen ergänzen lässt, und zwar genau so, wie er/sie es für richtig hält.
Doppelt erfreulich ist, dass die Serie auch eine gute Erzählperspektive einnimmt: Sie illustriert acht deutsche Tagebücher rund um die NS-Zeit, Aufzeichnungen einer konservativen Frau, eines HJ-Fans, eines deutschen Juden usw. Hier trifft also guter Ansatz auf gute Umsetzung – und das Ergebnis ist so hochwertig, dass einem vom Zuschauen richtig gut schlecht wird.
Oder wie immer man das nennen will. Anschauen!
