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Comicverfuehrer

Wie man via Social Media gezielt Wut anzapft, Logik schreddert und Menschen in die Sucht treibt: Der Sachcomic „Strong Men“ ist zum Fürchten gut

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Die Stärke von Sachcomics variiert: Sie können Bekanntes verdeutlichen. Sie können Trockenes attraktiver gestalten. Sie können Unbekanntes vermitteln und Zusammenhänge aufzeigen, wie ein klassisches Sachbuch – und das ist die Stärke des erschreckenden Bandes „Strong Men“ von Meikel Mathias.

Gefeierter Körperklaus

Vom Thema „Manosphere“ haben wohl die meisten schon gehört, Jüngere und/oder Social-Media-Junkies sowieso, und eine absurde Facette davon kennt praktisch jeder: die Selbst-Inszenierung von Donald Trump als Super-Mann. Sie ist optisch und inhaltlich durch nichts gedeckt, wie kann man also überhaupt auf die Idee kommen, diesen Körperklaus abzufeiern? Auf dem Rückcover bringt Mathias es auf den Punkt...

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Ein Mann sitzt auf einem Pferd. Ein anderer Mann übertrumpft ihn auf einem größeren Pferd – aus Holz. Also eigentlich überhaupt nicht. Und doch wird dieses Übertrumpfen durch schiere Behauptung derzeit weltweit praktiziert. Wie geht das??? Mathias erklärt’s. Es braucht ein bisschen Geduld, er fängt bei den alten Griechen an, beim Männlichkeitsvorbild Alexander. Aber relativ schnell kommt er zum Fall Andrew Tate.


Internet-Imperium aus Rumänien


Ein Zuhälter und Frauenschläger, der nach Rumänien geflohen ist und dort sein Internetimperium betreibt: Er schickt Frauen vor die Kamera. Nebenher gibt er Männlichkeitsseminare, in denen man für teuer Geld Videos kauft, die sagen, dass es Zeitverschwendung ist, im Internet für teuer Geld Videos zu kaufen. Verglichen mit Alexanders Leistung (Weltreich) klingt das reichlich dürftig, oder? Wieso klappt das? Auftritt Charles Atlas.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Atlas ist der klassische Merchandising-Bodybuilder, er ist der Typ hinter den Comic-Kleinanzeigen in den 50/60ern, die Jungs zu Muskelmännern pimpen sollten. Atlas zeigte, wie man ein echter, männlicher Amerikaner wird, und er musste es wissen, weil er selbst keiner war: Geboren wurde Atlas als Angelo Siciliano in Agri, Süditalien. Das Geschäftsmodell war dasselbe: Man verkauft den Wunsch, dazuzugehören und bei Frauen anzukommen. Den Wunsch, wohlgemerkt. Über Erfolge ist bei Atlas nichts bekannt.

Sicherheitslücke in der menschlichen Software

Warum ist diese Sehnsucht so easy anzuzapfen? Das ist so erklärbar (Wunschtraum vom Sex-Appeal) wie unerklärbar (superdurchsichtig). Eine kaum reparierbare Sicherheitslücke in der menschlichen Software. Auch Mathias gibt die Ursachenforschung auf, was erst ärgert, dann einleuchtet: Tate und Co. suchen genausowenig nach Ursachen, im Gegenteil. Steve Bannon, Wahlkampfmanager von Trump, sah neben dem immensen Wutpotential vor allem genau das: Dass Logik verzichtbar ist.

Ab hier wird es wirklich gruslig.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Denn dadurch verlassen wir die Welt der Argumentation. Und tauchen in die Welt der Provokation. Jetzt heißt die Währung nicht mehr „Argument“, sondern „Aufmerksamkeit“. Ja, jeder kennt wohl Shitstorms, Trollen, viele unangenehme Folgen digitaler Kommunikation, aber Mathias zeigt das System und die Energie dahinter auf. Eine Ahnung bekommt, wer mal Mathias' Beispiele im Netz betrachtet. Sie sind superleicht zu finden, meist beim (schön mitverdienenden) Youtube, und sie haben Klickzahlen, dass einem himmelangst werden kann. Weil es zeigt, dass in vielen Bereichen Debatten kaum noch möglich sind.

Erfundenes und Reales werden austauschbar

Hier ist die gemeinsame Basis der Logik ausgehebelt. In dieser bizarren Welt zählt Scheiße genausoviel wie ein überlegtes Argument. Wie der „White Power Gruß“ zeigt: Eine reine Erfindung rechter Trolle, die von den Medien genauso aufgegriffen wurde wie von rechten Schwachköpfen. Die den erfundenen Gruß durch schiere Blödheit in die Realität überführten und nicht mehr ablegen. Erfundenes und Existierendes werden austauschbar.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Genauso wie Denken und Wie-denkend-Aussehen: Man übt einfach, das „Sigma-Face“ aufzusetzen, das reicht. Genau diese Austauschbarkeit war ja auch das erklärte Ziel von Steve Bannon: „Flood the zone with shit“, überschwemme die öffentliche Debatte mit Scheißdreck, bis in der Brühe nichts mehr unterscheidbar ist. Dann ist zwar dein Scheißdreck nicht besser, aber trotzdem plötzlich konkurrenzfähig.


Klug wirken dank „Sigma-Face“


Wie man ein derart beschissenes Produkt vertreten kann, gehört ebenfalls zu den Mysterien der braunen neuen Welt. Aber die Frage ist auch: Ist die Zustimmung real? Wieviel von dieser Aufmerksamkeit ist echt? Der „Gold-Digger Prank“ ist dafür ein spannendes Beispiel.

Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag
Illustration: Meikel Mathias - avant-verlag

Der Ursprung ist ein 8-Minuten-Video, in dem ein Mann eine Frau plump anmacht. Sie weist ihn ab, bis sie sein teures Auto sieht. Jetzt will sie plötzlich dringend was mit ihm anfangen, aber: Jetzt weist, haha, er sie ab. Inzwischen gibt es einen Youtube-Kanal, der von diesem Video 1500 weitere Varianten vorhält. Diese magazinartigen Beiträge sind inzwischen über eine Stunde lang, in jedem werden rund zehn Frauen abgefertigt, die erkennbar gecastet sind. Die Handlung hat ein paar Optionen mehr, aber letztlich stellen alle Frauen sich als geldgierige Schlampen heraus. Jedes Video hat sechsstellige Klickzahlen.


Zehntausend geldgeile Schlampen


Ist das vorstellbar? Zehntausend Mal derselbe Gag mit Dialogen auf Porno-Niveau? Wer schaut das an? Wenn wir Glück haben: nur Bots. Wenn wir Pech haben, sind große Teile der Menschheit bereits tatsächlich in diesem Zustand. Übrigens nicht nur der männlichen Menschheit: Frauen lassen sich ähnlich abzocken, aussaugen, für dumm verkaufen oder als „Tradwife“ am Männerwahn beteiligen. Es ist zum Fürchten. Meikel Mathias, Strong Men, avant-verlag, 26 Euro



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Lou Lubie und der Kampf mit ihren Locken: Ein Comic erklärt, was Haare mit Rassismus zu tun haben - und wie sich die Opfer zu Komplizen machen

Illustration: Lou Lubie - Helvetiq
Illustration: Lou Lubie - Helvetiq

Man kann einen Comic mit Haaren füllen. Und zwar so, dass auch jemand mit eher wenigen Haaren (wie ich) davon profitiert. Obwohl ich mich zuerst sogar drüber geärgert habe. Der Comic heißt „Meine Wurzeln“ und geht recht lustig los: die französische Comic-Autorin und -Zeichnerin Lou Lubie berichtet vom Kampf mit ihren krausen, ausufernden Haaren, der sie seit ihrer Kindheit begleitet. Das ist amüsant, selbstironisch, aber bald denkt man: „Schon gut, sind doch nur Haare!“ Eben nicht: Es steckt mehr dahinter.

Menschenmix auf La Réunion


Man erfährt vom Bevölkerungsmischmasch auf La Réunion, der Insel, von der Lubie stammt. Von den verschiedenen Haaren der Menschen aus verschiedenen Regionen. Von den verschiedenen Optionen, krauses Haar einzudämmen. Und wie wichtig es ist, das zu tun: aus zweierlei Sorten von Rassismus.

Illustration: Lou Lubie - Helvetiq
Illustration: Lou Lubie - Helvetiq

Denn mit den Haaren wird man zugleich zugeordnet, sagt Lubie. Das gilt auch bei ihr, obwohl sie keine dunkle Haut hat. Sie ist Kreolin, und mit glatten Haaren ginge sie problemlos als weiß durch, als „echte Französin“. Was die eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite ist: Indem sich Lubie diesem Denken unterwirft, wertet sie es zugleich auf. Sie ist Opfer und Verstärker zugleich, und je länger der Comic erzählt, desto deutlicher wird das.


Wie wird man weniger nichtweiß?


Lubie stützt ihre Geschichte mit Zahlen. Sie zeigt die Methoden des Glättens, die ganze Industrie dahinter. Wie viel Geld man als nichtweiße Frau in Frankreich dafür ausgibt, weniger nichtweiß zu sein. In günstigeren Salons, in teureren, mit Pflegeprodukten, die für Frauen nochmal mehr kosten. Weil Aussehen für Frauen wichtiger – ist? Wichtiger gemacht wird? Und von wem?

Illustration: Lou Lubie - Helvetiq
Illustration: Lou Lubie - Helvetiq

Hier wird der Comic richtig spannend. Lubie führt zusammen, wie viel Geld mit der Angst gemacht wird, „irgendwie anders“ bzw. „irgendwie minderwertig“ auszusehen. Diese Angst hat fast jeder, sogar der künftige Bundestrainer. Frauen haben sie mehr als Männer, nichtweiße Frauen offenbar noch mehr als weiße Frauen. Und erneut werden die beiden Seiten der Medaille erkennbar.


Gönn dir ein Stück von der Rassistentorte


Zweifellos stecken hinter diesem Druck politische und wirtschaftliche Interessen. Aber er wäre nichts wert, wenn die Zielgruppe nicht eifrig mitarbeiten würde. Wenn sich die Zielgruppen nicht gegenseitig in den Wahnsinn treiben würden. Wenn die Zielgruppe nicht durch eifriges Mitspielen versuchen würde, sich selbst eine Scheibe von der profitablen rassistischen/sexistischen Torte zu sichern.

Illustration: Lou Lubie - Helvetiq
Illustration: Lou Lubie - Helvetiq

Lubie verschweigt das nicht: Mit dem Glätten der Haare angefangen haben offenbar schwarze Sklavinnen in den Südstaaten, die damit versucht haben, für die weiße Damen- und Herrenschaft erträglicher zu wirken: Und zwar erträglicher verglichen mit der schwarzen krausen Konkurrenz. Die Konsequenz kann eigentlich nur eine sein – und Lou Lubie zieht sie am Buchende auch: Scheiß drauf, Haar ist Haar, steh dazu!

Mitspielen ist leichter als Aufbegehren


Was bei genauerer Betrachtung für viele weitere vermeintliche Unzulänglichkeiten gilt und gar keine so sensationelle Erkenntnis ist. Aber Lou Lubie zeigt dabei informativ und unterhaltsam, wie vertrackt, wie verheddert diese Mechanismen sind, wie tief sie sitzen – und warum so viele eben doch mitspielen.





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Die Outtakes (32): Mit einem schaufelnden Superhelden, klatschnassen Regenwäldlern und einer nahöstlichen Momentaufnahme

Illustration: Meghan Fitzmartin/Karl Mostert - Panini Comics
Illustration: Meghan Fitzmartin/Karl Mostert - Panini Comics

Fledermaus im Untergrund


Wunder gibt es immer wieder, aber nicht dauernd: Die häufig großartige Mariko Tamaki hat sich 2021-2022 federführend meines alten Lieblings Batman angenommen, aber auch sie hat aus dem dunklen Ritter nichts Besonders und, leiderleider, noch viel weniger was Zeitgemäßes hervorgezaubert. Batman ist offenbar grad nicht mehr so reich (was okay ist), aber dass er sich selbst im Alleingang mit der Spitzhacke seine Bathöhlen in die Kanalisation maulwurft, ist schon mal herzlich blöd. Der Rest ist Business als usual, Batman befasst sich mit allem, was kein richtiges Problem ist. Denn, nur fürs Protokoll, 2021 haben wir gerade vier Jahre Trump hinter uns und eine reale Pandemie. Und Batman jagt Mutanten, den bemonokelten Pinguin und erzählerische Notlösungen wie Lady Clayface? Wen soll das interessieren?


Kinderlos im Regenwald

Illustration: Bastien Vivès - Schreiber & Leser
Illustration: Bastien Vivès - Schreiber & Leser

Einerseits mag ich Bastien Vivès’ Serie „Honeymoon“, weil sie so unbekümmert ist. Wegen des dezidiert dämlichen Kniffs, dem Helden-Ehepaar Sophie und Quentin zwei Kinder anzudichten, die a) nie auftauchen, weil sie b) praktischerweise bei der Oma sind oder sonstwo – denn sonst könnte man das Paar ja nicht wieder in ein haarsträubendes Abenteuer stürzen. Diesmal im Regenwald, mit geheimnisvollen Tempeln, Rebellen, Schlangen, was sich eben so seit 60 Jahren Kino/Comic in der Klischeekiste angesammelt hat (aber ehrlicherweise seit Indiana Jones eh nur noch persifliert verwendet wird). Allerdings rumpeln die Beiden schon ein wenig arg mechanisch von einer Gefahr in die nächste, und zwar so lange, bis das Album voll ist. Das könnte auch noch 20 Seiten so weitergehen oder zehn Seiten eher enden. Man gönnt Vivès den Spaß, den er erkennbar beim Draufloszeichnen hat. Und ich muss zugeben: Schon lang hab ich mich nicht mehr allein vom Lesen so triefend durchgeregnet gefühlt.



Einblicke ins Irrenhaus

Illustration: Barbara Yelin - avant-verlag
Illustration: Barbara Yelin - avant-verlag

Eine großartige Initiative, erfreulich unvoreingenommen umgesetzt: „Wie geht es dir“ begann im Netz als Comic-Interviewserie. Auf je einer Seite illustrieren namhafte Comic-Autoren ihre Gespräche mit Betroffenen nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023. Juden, Moslems, Palästinenser, Israelis in/aus Nahost und Deutschland. Auf beiden Seiten gibt es Verzweifelte, Leute ohne Dachschaden. Comictechnisch ist all das nach wie vor aktuell und bereichernd, von vielen Künstlern lernt man unbekanntere Seiten kennen. Und doch stellt sich mit jedem neuen Interview nach zwei Jahren die bittere Frage, ob inzwischen nicht schon wieder eine „Nachgehakt“-Ausgabe angebracht wäre. Die sich erkundigt, wie einverstanden die Befragten aller Seiten mit dem verheerenden Stand der Dinge sind (wovon die in Echtzeit arbeitenden Autoren nicht ausgehen konnten). Es hätte allerdings nicht geschadet, auch extremere Vertreter nach ihrer Motivation zu befragen. Schon um zu zeigen, mit welchen Hürden die Leute kämpfen, die bei Verstand geblieben sind. Warum bei den Outtakes? Weil das Projekt hier schonmal vorgestellt wurde, als es noch lediglich online stattfand.





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