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Comicverfuehrer

Zurück in die Jugend? Das geht - mit „Cocco Bill“, dem Irrsinns-Wildwest-Spoof, den Sie als Kind geliebt hätten. Und den damals keiner druckte

SCHEIBCHENWEISE               Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
SCHEIBCHENWEISE Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Ganz ehrlich: So nah war ich noch nie wieder am Kindheitsglück. Also an dem Gefühl, dass man einen Comic liest, den man auch damals hätte lesen können. Und dass man ganz nah am Zauber von damals ist. Welcher Zauber genau? Gute Frage, es gab ja viele unterschiedliche zauberhafte Serien: Wir sind hier im Genre „Comedy“, und die Neuentdeckung aus alter Zeit heißt „Cocco Bill“.


Heißer Tee, kaltgemacht


Ich war vorgewarnt, von Häuptling Berufener Mund, aber dass der italienischstämmige Cowboy von Benito Jacovitti derart einschlägt, haut mich dann doch aus den Socken. Dabei ist das Material steinalt, das erste Album stammt von 1957, da trieben in deutschen Kinos die „Mädels vom Immenhof“ ihr Unwesen. Aber Jacovitti ist seiner Zeit Lichtjahre voraus.

SUPERGEGNER MIT SCHNELLER SPUCKE    Ilustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
SUPERGEGNER MIT SCHNELLER SPUCKE Ilustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Sein Kamillentee trinkender Revolverheld zieht nicht nur schneller als sein Schatten, er macht auch mit einer Kugel seinen Tee kalt, wenn er zu heiß ist. Die Texte sind aufgeweckt, das Pferd hat ein 13. Monatsgehalt, das erinnert schon an Rainer Brandts Synchronisationskünste, die erst zehn Jahre später aufblühen sollten. Doch der eigentliche Irrsinn sind die Zeichnungen.


Das Pferd raucht mit


Es gibt vom ersten Panel an, in dem nicht nur der Cowboy raucht, sondern auch sein Pferd, praktisch keinen normalen Moment. Türen werden auf-, Zähne ausgeschossen, man unterhält sich grotesk verrenkt, schreit sich an. Satz, Reaktion, Reaktion auf die Reaktion, Jacovitti packt all das in ein einziges Panel, was ein atemberaubendes Tempo ergibt.

RAUCHENDES PFERD                  Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
RAUCHENDES PFERD Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Als ob das nicht reichen würde, herrscht überall eine aberwitzige Übertreibung: Cocco Bill schießt beidhändig bis beide Trommeln leer sind, natürlich in nur einem einzigen Panel. Bis die Revolverläufe weich wie Spaghetti herabhängen. Das Spannende ist: Wie lang lässt sich diese Superlativkrawall durchhalten?


Ulk mit vollen Händen


Man kann es auf die Formel bringen: Solang einem genug Variationen einfallen. Und wenn ihnen hierzu „Clever & Smart“ in den Sinn kommen, schwöre ich: Sie. Haben. Keine. Vorstellung. Ich weiß nicht, wo Jacovitti (1923-1997) die Ideen hernahm, aber sie sind endlos. Wie man prügelt, schießt, reitet. Cocco Bill steigt nicht ab, er schreitet über den Pferdehals wie über eine Treppe. Eine Frau reitet einen Ochsen, die Hörner benutzt sie als Lenkstange. Geld wird prinzipiell geworfen, in enormen Münzmengen. Was man wem wo wie abschießen kann, wer wen wie wo hinhauen kann, Wahnsinn. „Clever & Smart“ sind Zeitlupe dagegen, Jacovitti produziert Lucky Luke auf Speed. Ein Jacovitti spart nicht mit Gags, er ulkt mit vollen Händen.

PIRAT MIT ROLLZBEIN            Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
PIRAT MIT ROLLZBEIN Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Zwischen die Panels malt er Minifiguren-Kalauer, einfach so, Jahrzehnte vor MAD. Jede Seitenzahl gestaltet er anders. Und dann die Massenszenen! Ein Härtetest für jeden Autor, weil ein gutes Wimmelbild eine Menge Ideen verschleißt: Jede Figur, jedes Paar muss ja was machen, was auch wieder einen Gag ergibt. Selbst die besten „Asterix“-Bände knausern hier. Jacovitti macht solche Panoramen immer wieder, als koste es nicht mehr Mühe als ein Fingerschnippen. Nicht zu vergessen: die Salamis.


Stufentreue Salami


Immer wieder liegen völlig absurde Salamis herum. Oder ragen aus Taschen. Oder liegen auf dem Boden, stufengetreu auf Treppen, neben den allgegenwärtigen abgenagten Knochen. Es gibt noch ein Extrasternchen beim Wutausbruch, ein Extrageräusch beim Pistoleziehen, überhaupt jede Menge Geräusche, kurz, es gibt sich jemand eine irrsinnige Mühe, weil es ihm keine Mühe macht: Weil er so viel Spaß an der Freud hat.

IDEENREICH BIS ZUR SEITENZAHL       Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
IDEENREICH BIS ZUR SEITENZAHL Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Der Irrsinn hat eine geradezu rührende Methode, und man weiß: Als Kind hätte man das besonders gespürt. Dass da einer nicht Dienst nach Vorschrift macht, sondern den Blödsinn so sehr liebt, dass nach Monaten in der Wildnis nicht nur dem Cowboy ein Bart wächst, sondern dem Pferd gleich mit.


Das Hyperchaos ersetzt jeden Obstler


Dabei hat Jacovitti seinen Stil rasch perfektioniert, was hier nur eines bedeuten kann: hochprozentig destilliert. In Abenteuer 7 etwa, das Cocco Bill unter die Piraten verschlägt, nimmt die herkömmliche Erzählung kaum noch Platz ein. Die rasante Slapstick-Action samt innovativem Roll-Holzbein wird zum schwindelerregenden Hyperchaos, das mühelos jeden dreifachen Fallobstler ersetzt.

VOLLENDETES SALAMI-FECHTEN          Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
VOLLENDETES SALAMI-FECHTEN Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Schwächen? Gibt es kaum. Anfangs nutzt Jacovitti noch gelegentlich eine dicke Lehrerin, die Bill ständig heiraten will, aber dieser Gag wird rasch aussortiert, zweifellos zu oll für das hyperneue Tempo. Das einzig irritierende Element: Bei „Cocco Bill“ wird auch gestorben.

Das Land der ragenden Knochen


Selbst der Tod ist bei Jacovitti hemmungslos, respektlos, überdreht. Pferde weinen über verblichene Reiter, und des öfteren ragt nicht nur eine Salami aus dem Boden, sondern auch ein Knochen oder ein Fuß. Die erzkatholische italienische Jugendzeitschrift, für die Jacovitti „Cocco Bill“ erfand, hat sich nie dran gestört. Deutsche Publikationen mögen eher Bedenken gehabt habe. Aber wahrscheinlicher ist, dass Jacovittis ganzes Konzept zu rücksichtslos, zu anarchisch war. Hierzulande wurde er nie veröffentlicht, die einzigen fünf deutschen Bände waren ein Import aus der Schweiz.

SOGAR PISTOLEN ENDEN IM JENSEITS       Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
SOGAR PISTOLEN ENDEN IM JENSEITS Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Der avant-verlag ist jetzt lobenswerter Weise bereit, das gründlich nachzuholen – aber angesichts des enormen Aufwands ist es vermutlich ratsam, die tapferen Verleger durch begeistertes Kaufen zu ermutigen. Falls Ihnen meine Empfehlung nicht reicht: Der grandiose „Didi & Stulle“-Erfinder Fil Tägert outet sich auf der Rückseite als glühender Fan und eifriger Kopist.

Und womit?

Mit Recht!






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  • 30. Nov. 2025

Den Christbaum aufstellen ist leicht, aber Geschenke drunterlegen? Hier kommen sechs Richtige mit Zusatztipp – und nichts davon ist digital

Illustration: Carl Barks - Taschen Verlag
Illustration: Carl Barks - Taschen Verlag

Ja, die stade Zeit, wie es in Bayern heißt. Der herrliche Abschnitt des Jahres, in dem Sie behaglich mit einer Tasse Wunderpunsch in der Hand und je einer Packung Lebkuchen unterm Arm liebevoll die Gaben für die unvermeidlichen Mitmenschen und die unentrinnbare Verwandtschaft besorgen dürfen. Bzw. den Lieferungen hinterherlaufen, die Ihr Paketbote an den Wunschnachbarn in einer der Umlandgemeinden geliefert hat, wo alles 24/7 auf Sie wartet, heute jedoch nicht. Aber es geht auch anders: Hier gibt’s die passenden Comic-Tipps für fast jede Gelegenheit, die lassen Sie sich vom Buchhändler Ihres Vertrauens bestellen und holen sie ratzfatz ein- für allemal ab, fertig. Oder Sie schließen die Tür hinter sich zu, drehen die Heizung auf, stellen einen Bottich Glühwein auf den Herd und lesen alles selber. Stille Nacht allerseits!


Fürs Erinnern

Illustration: Madeleine Riffaud/JD Morvan/Dominique Bertail - avant-verlag
Illustration: Madeleine Riffaud/JD Morvan/Dominique Bertail - avant-verlag

Was für ein Finale! Teil 3 der (titelmäßig noch immer entsetzlich übersetzten) Serie „Madeleine, die Widerständige“ konzentriert sich auf das Ende des Zweiten Weltkriegs, das die kürzlich verstorbene Madeleine Riffaud in Gestapohaft erlebte. Und mit derselben brutalen Sachlichkeit, mit der sie bisher Madeleines Abtauchen und Kampf im Untergrund einfingen, destilliert das Duo JD Morvan (Text) und Dominique Bertail (Zeichnungen) jetzt die Folter- und Verhörmethoden der Gestapo aus Riffauds Erinnerungen. Was den Leser auch deshalb so rücksichtslos mitnimmt, weil beide eben nicht sagen wie schlimm das alles war – sondern es zeigen. Die Bilder gehen an die Grenze des Zumutbaren und sind dabei doch geschickt arrangiert: Immer wieder finden sich Reste von Mitgefühl in der bürokratisierten Unmenschlichkeit. Der Flic, der ihr Infos und ein Stück seines Pausenbrots zusteckt, die Mitgefangenen, die Riffaud aus dem Zug schubsen, der ins KZ fährt. Ebenfalls hilfreich: Morvan/Bertail stellen ihre Heldin möglichst wenig aufs Podest, obwohl das gar nicht so einfach ist. Wer käme schon auf die Idee, die eigene TBC-Vorerkrankung als Waffe einzusetzen? Ergebnis: Ein erzählerisches Feuerwerk in Bertails eigentümlichem, zwischen eis- und prachtblau kolorierten Stil, der in Frankreich für sechsstellige Verkaufszahlen sorgte. Wenn’s ein bisschen mehr sein darf: Verschenken Sie einfach Band 1 und 2 gleich mit.


Für Lesen ohne Lupe

Illustration: Carl Barks - Taschen Verlag
Illustration: Carl Barks - Taschen Verlag

Wie immer: Wenn's der Geldbeutel hergibt, bieten sich auch große Comics an. Der Taschen-Verlag wirft unermüdlich exzellent aufbereitete Titel auf den Markt, im doppeltgroßen Format, das nicht nur Zeichnungs-Details zeigt, sondern auch für Urgroßmütter und -väter jederzeit die Leselupe mit einbaut. Vorausgesetzt, es findet sich einer ihrer jungen Nachkommen bereit, das tablettgroße Teil auf einen geeigneten Tisch zu wuchten. Der neueste Coup der Kölner ist die „Disney Comic Library – Carl Barks’ Donald Duck“. Auf 636 Seiten sind fast viereinhalb Kilo Comics vom unangefochtenen Meisterzeichner der Anarcho-Ente versammelt, aus den Jahren 1942-1950. Liebevoll eingeleitet, aufwändig mit zusätzlichen Zeichnungen begleitet, durchgehend englisch. Was manche schätzen, manche eher skeptisch sehen, für die Barks' Meisterwerke nur in der Übersetzung von Erika Fuchs genießbar sind. Eindeutig Geschmackssache, aber vorm Verschenken sollte man’s bedenken und sich im Zweifelsfall auf andere, ähnlich wuchtige Taschen-Editionen verlegen: Mit den vergleichbar attraktiven Marvel-Ausgaben etwa umgeht man die Fuchs-Frage komplett. Ach so: Lesen muss man nicht unbedingt am Tisch: Ich empfehle eine große Tasse Kaffee und einen dicken Teppich in der Nähe der Heizung. Wenn’s dann außen auch noch schneit...aaah.


Für Gleichberechtigung

Illustration: Gerry Alanguilan - Dantes Verlag
Illustration: Gerry Alanguilan - Dantes Verlag

Wenn Ihnen schon bei der Weihnachtsgans der Gesprächsstoff ausgeht: Versuchen Sie's mit Hühnern. „Elmer“ ist eine erstaunliche Mentalknabberei auf vielen Ebenen. Gerry Alanguilan erzählt von einer Gegenwart, in der Hühner sprechen können und daher plötzlich als gleichberechtigte Menschen gelten. Haha, denkt man, Rassismus-Parodie – eben nicht: Rassismus-Parabel. Mit Hühnern?? Aber genau das ist das Irre: Viel öfter als nicht kriegt Alanguilan alles auf die Reihe. Durch eine Art Wunder können die Hühner plötzlich sprechen, argumentieren, den millionenfachen Mord an ihnen und ihren Eiern benennen. Hühnerterroristen kämpfen für ihre Rechte, Menschen sorgen sich um ihr broilerloses Auskommen, ihre gesellschaftliche Vorrangstellung, die Hühner entdecken, dass Reis lecker schmeckt, wenn man – Schwein dazu isst. Ab und zu geht was schief, aber es ist Wahnsinn, wie weit Alanguilan mit seinen geflügelten Hauptdarstellern kommt. Weshalb man nicht nur am Rassismusvergleich kaut, sondern auch darüber grübelt, ob man denn eigentlich mit allem Geschichten erzählen kann, bis hin zu Quallen, Pilzen und Bügeleisen? Antwort: Ja, wenn man’s kann. Und Alanguilan (1968-2019) konnte.


Für Krimi-Fans

Illustration: Ed Brubaker/Sean Phillips - Schreiber & Leser
Illustration: Ed Brubaker/Sean Phillips - Schreiber & Leser

Bei Krimis sind mir ja bestimmte Details wichtig. Aber wie das TV-Programm zeigt: Viele sehen das nicht so, und deshalb könnte „Criminal“ genau das richtige Geschenk für solche Fans sein. Ed Brubaker und Sean Phillips haben die harte Serie gestartet, die wie „Joe's Bar“ immer wieder um eine Kneipe kreist, in der sich die einzelnen Charaktere begegnen. Aber „Criminal“ ist weniger artsy. Einsame, vom Leben gebeutelte Männer begegnen mysteriösen Frauen, es geht um Rache und Gewalt und alles, was so dazugehört. Die Zeichnungen sind düster, mit viel Schwarz, eigentlich wie geschaffen, um in der Liga von „Sin City“ oder „100 Bullets“ mitzuspielen. So, und jetzt kommt’s: Für mich wird alles ein bisschen zu deutlich erklärt, und die einsamen Männer plakatieren mir ihre Einsamkeit viel zu langatmig. Aaaber: Genau das möchten viele andere Krimikonsumenten exakt so haben. Und wenn man das mag, dann ist „Criminal“ ein grandioser Knüller, insbesondere in der verschenk-idealen Deluxe-Edition, die drei Episoden in einem schweren Prachtband mit vielen Making-of-Seiten versammelt.



Für Goldgräber

Illustration: Manfred Sommer - avant-verlag
Illustration: Manfred Sommer - avant-verlag

Das hier sieht gut aus, oder? Und alt. Also, im Sinne von „als Vati noch jung war“. Genau das steckt hinter „Frank Cappa“: Eine Abenteuergeschichte aus den 80ern, mit einem Kriegsreporter als zynisch-abgebrühtem Helden. Gezeichnet und entwickelt vom deutschstämmigen Spanier Manfred Sommer. Und es fügt sich in eine Reihe mit Vatis Helden wie Corto Maltese, Buck Danny, na, das ganze Zeug eben, das er damals in „Zack“ oder so gelesen hat. Bloß… „Frank Cappa“ war damals eben nicht dabei. Ein paar Alben erschienen in den 80ern, und wer das nicht mitgekriegt hat, der hat die Serie eben verpasst. Bis heute: Weil der avant-verlag dieses Comic-Nugget wieder ausgebuddelt hat. Und Vati, der selbstverständlich vielleicht auch Mutti sein kann und andersrum, kann sie wiederentdecken, mit dem ganz zeittypischen Geschmack von Härte, von erstaunlich viel Ernsthaftigkeit und auch einem bisschen Naivität. Und nicht zuletzt überraschend: Dass Sommers dauerrauchender He-Man etwa eine komplette Story lang zu seiner sterbenden Mutter heimkehrt, wäre für Cappas Kollegen vom Schlag eines Michel Vaillant und Bruno Brazil undenkbar.



Für Musikfans

Illustration: David Prudhomme - Reprodukt
Illustration: David Prudhomme - Reprodukt

Ist tatsächlich schon wieder fast zehn Jahre her, dass David Prudhomme „Rembetiko“ rausgebracht hat, jetzt erscheint Teil 2, „Rembetissa“. Die Stärken sind dabei gleich geblieben: Prudhomme gelingt das Kunststück, dem Rembetiko, dieser Musikrichtung aus griechischen und orientalischen Elementen, einen passenden Sound zu zeichnen. Ein frecher, kleinkrimineller, stolzer Liebesdrogenblues, ein Überbleibsel der griechischen Besiedlung Kleinasiens, die nach dem gegenseitigen Bevölkerungssortieren in den 1920ern boomte und, wie hier im Comic erzählt, während der griechischen Diktatur ab 1936 verboten wurde. Was Prudhomme so grandios von der Hand geht, dass vor lauter Freude an Sonnenschein und sanftem Suff ein wenig das Interesse an den Musikern in den Hintergrund tritt. Ob Mann, ob Frau, letztlich wirken alle ähnlich hallodrihaft. Was dazu führt, dass die Einzelschicksale in sommerlichwarmen Bildern und heimeligem Kneipendunst etwas wehmütig-güldener glimmen, als sie womöglich tatsächlich gewesen sind. Aber: Ist das nicht für das harmonielastige Fest der Liebe genau das Richtige?



Für Sparfüchse


Foto: Maximilian Mann
Foto: Maximilian Mann

Ja, es gibt schönere Städte als Dortmund – aber wenn der Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten, zum Besuch einlädt: Wer will da diskutieren? Der Schauraum Comic und Cartoon lädt zur Ausstellung rund um Lucky Luke, der nächstes Jahr 80 wird. Dahinter steckt (natürlich) der anekdotenfreudigste Comic-Historiker der Republik, Alexander Braun: Weshalb nicht nur erstmals Originale von Zeichner Morris zu sehen sind, sondern allerhand Rares, Sonderliches und Amüsantes. Zum Genießen muss man sich bekanntlich nur in einen Zug setzen und zum Dortmunder Hauptbahnhof fahren. Von da findet man problemlos in den Schauraum, selbst mit drei Glühwein intus: Es sind nämlich nur ca. 147 Schritte (je nach Gleis). Ach so: Selbst, wer beim Einsteigen das Geld vergessen hat, darf rein – die Ausstellung ist kostenlos. Und trotzdem so fundiert wie unterhaltsam, weil wir nämlich in einem Land leben, in dem der Staat manchmal Kultur fördert. Noch. Und wenn man mal drüber nachdenkt, ist das vielleicht das schönste Geschenk.



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Die Outtakes (23): Ein Cowboy beschafft Bier, eine Hamburger Jüdin ermittelt und die tödliche Parker-Truppe kriegt ein Comeback

Illustration: Jul/Achdé - Egmont Ehapa Media
Illustration: Jul/Achdé - Egmont Ehapa Media

Mildes Schmunzeln


Das (erstaunlich kaffeelose) Comic-Café weht mir den neuen „Lucky Luke“ ins Haus: Aber Band 102, „Letzte Runde für die Daltons“, bestätigt den Eindruck, dass derzeit vom Comic-Cowboy nicht zu viel zu erwarten ist. Aufgegriffen wird der Aspekt deutscher Einwanderer in den USA (Trump-Witz inklusive): Einer Stadt fehlt das Bier, eine andere soll es liefern, dort wird aber gestreikt. Das Ganze hangelt sich an Deutschlandklischees (Bier, Sauerkraut, Ampeln) entlang, wobei Texter Jul und Zeichner Achdé unerwartet Nazis weglassen, dafür das Wort „Indianer“ behalten (jedenfalls im Deutschen). Luke ist nicht sehr engagiert, aber immer schön im Bild und irgendwann wieder weg, dann ist die Geschichte aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, kann sich eine Pelzkappe daraus basteln. Aber zugegeben: Die lose Nummernrevue wirkt weniger verkrampft als die Konkurrenz von „Asterix“, und statt zu gähnen kann man manchmal auch mild schmunzeln.

 


Zwischen Krimi und Erklärbär

Illustration: Jens Cornils - avant-verlag
Illustration: Jens Cornils - avant-verlag

An den Zutaten liegt es nicht: Jens Cornils setzt in „Zeter und Mordio“ die Erinnerungen der Glückel von Hameln als Comic um. Glückel geht im Hamburg des 17. Jahrhunderts dem Verschwinden eines Mitbürgers nach, und weil sowohl der Verschwundene als auch Glückel Juden sind, ist mit Geschichte, Kriminalfall und christlich-jüdischem Zusammenleben eigentlich jede Menge Substanz im Stoff. Aber Cornils trifft einige unglückliche Entscheidungen: Der Stil ist schon mal dermaßen brav gewählt (Cornils kann auch anders!), dass man die Hoffnung auf Klassenbestellungen durch nicht verschreckte Deutsch- und Geschichtslehrkräfte förmlich wittern kann. Ähnlich brav ist die Erzählweise, alles ist derart deutlich wie es der ARD-Vorabendkrimi vormacht. Und ja, Glückel ist Jüdin – aber gerade Juden erzählen sich doch nicht ständig gegenseitig, was es bedeutet, Jude zu sein. „Zeter und Mordio“ orientiert sich streng an deutschen Erzählkonventionen, wechselt daher immer zwischen Krimi und Erklärbär, macht nichts richtig falsch, aber genau deshalb leider auch nichts richtig richtig. Weshalb „Zeter und Mordio“ bei den Outtakes ideal aufgehoben ist.

 


Moores Mördergörls

Illustration: Terry Moore - Schreiber & Leser
Illustration: Terry Moore - Schreiber & Leser

Es ist verständlich, dass Terry Moore Tambi, Francine und Katchoo, seine Charaktere aus „Strangers in Paradise“, nicht ruhen lassen mag. „Parker Girls“ ist eine Art Fortsetzung rund um die gleichnamige Mädel-Agententruppe, die in der tränenrührenden Serie für Blutspritzer und Verschwörungen zuständig ist. Gut aussehend, sensibel, bei Bedarf mörderisch brutal – das Material, aus dem Luc Besson „Nikita“ strickte. Aber obwohl Moore mit Freude ans Werk geht, springt der Funke nicht recht über. Den Rachethriller gegen den übermächtigen Tech-Tycoon mit Emotion zu vertiefen fällt Moore erkennbar schwerer als die „Strangers“-Romanze mit sporadischer Brachialität zu würzen. Zumal Leser, die den „Strangers“-Kosmos nicht kennen, wohl nur den halben Spaß haben. Wie Moore die Szenen anlegt und Dialoge führt, wie er Frauen trauen, schauen und hauen lässt, ist allerdings noch immer ausgezeichnet.

 





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