- 7. Dez. 2025
Trendthema Frühgeschichte: Zwei Comics bringen Sie auf den neuesten Stand – einer richtig gut, einer sogar grandios unterhaltsam

Ist’s ein Trend? Kaum hat Ulli Lust mit „Die Frau als Mensch“ den Deutschen Sachbuchpreis abgeräumt, kommen schon zwei weitere thematisch verwandte Comics auf den Markt. Muss wohl ein Trend sein, denn so schnell kann der Buchmarkt nicht reagieren. Aber viel wichtiger ist: Beide Comics sind deutlich schlüssiger als der Lust-Titel: Weil sie mit einer Fragestellung arbeiten und diese Frage auch noch beantworten, kommt man nach dem Lesen nicht nur deutlich zufriedener raus, sondern auch besser unterhalten. Einen der beiden muss ich Ihnen sogar regelrecht ans Herz legen.
Kein Tier passt zum Fundstück

Richard Cowdry hat den Vorteil des attraktiveren Themas: Dinosaurier. Das er in „Das Geheimnis der Knochen“ mit der Frage verbindet: Wie kam man zur heutigen Paläontologie? Weil, früher dachte man ja: Ob , Mensch, Maus, Mango, der jeweilige Gott hätte in sechs Tagen alles so gebastelt, wie’s heute aussieht. Wie wurde dieses Modell geknackt? Allmählich? Oder über Nacht? Und wie hat man sich Fossilien erklärt, die zu keinem lebenden Tier passten?
Mit dem Bergbau kamen die Fossilien
Cowdry arbeitet sich recht chronologisch vor. Er beginnt im Mittelalter, wo die Menschen schon diverse Fossilien fanden, aber sich allerhand Hokuspokus dazu überlegten. Und natürlich fand sich mehr Fossilien, je mehr die Menschen sich (für Kohle o.ä.) in und unter die Erde wühlten. Manche deuteten richtig, manche lagen falsch, manche lachte man aus und müsste sich heute bei ihnen entschuldigen. Das ist durchaus munter zu lesen – aber es treten Schwächen auf.

Cowdry illustriert und erzählt kindgerecht – aber warum? Kinder finden Saurier spannender als den Streit um die korrekte Knochendeutung. Zu Erwachsenen wiederum passt zwar die Frage besser, doch die merken, wenn's (wie in Kinderbüchern oft üblich) kein Literaturverzeichnis gibt. Aber was ist dann belegt, was nur „vermutlich irgendwie so gewesen?“ (Cowdry stellt klar – und ich glaub's ihm sofort – , er habe eigentlich ein Literaturverzeichnis dazugestellt, das jedoch weggekürzt wurde. Ärgerlich, aber Namens-, Sach- und Literaturregister werden in letzter Zeit häufig geringgeschätzt)
Das Personal ist einfach zu gut
Trotz Skepsis: Man liest mit unerwarteter Freude. Das Personal ist einfach zu gut: Forscher, Gschaftlhuber, Wichtigtuer. All das getoppt von der furchtbar ungerechten Geschichte der Britin Mary Anning. Die verdiente ihren Lebensunterhalt mit dem Ausbuddeln und Verkaufen von Fossilien – und entdeckte dabei auch das erste komplette Plesiosaurier-Skelett in den Meeresfelsen. Das sie über Monate hinweg im Alleingang in den Phasen zwischen Ebbe und Flut herausmeißelte. Die verdiente Anerkennung dafür blieb damals weitestgehend aus, die rissen sich lieber einige angesehene Akademiker unter den Nagel. Starkes Stück. Starke Geschichte.

Sechs Richtige für Tine Steen!

Donnerwetter: Was für ein exzellentes Produkt! Ohne Witz: Ich hab schon lang keinen Sachcomic mehr gesehen, bei dem so viel richtig gemacht wurde wie in Tine Steens „Die kochenden Affen“. Und das fängt schon bei der Behandlung des Themas an: Steen erkennt, dass ihre Story pur auf Leser-Wohlwollen angewiesen wäre. Steinzeit-Essen, naja, schon eher nerdig. Aber anders als Ulli Lust, die genauso vom eigenen Thema beseelt ist, bleibt Steen eisklar: Das Thema muss attraktiver werden. Und obwohl Steen viel Bildungsbürgerliches im Angebot hätte (Auswirkungen auf heutige Menschen. Sozialgeschichte) entscheidet sie sich für die Unterhaltsamkeit. Sie signalisiert vollrohr: Auch noch lustig!
Humor (1) in vertrauter Verpackung (2)
Steen verkleidet das Ganze als Fake-Kochmagazin und verspricht auf dem Titel „Mit den besten Rezepten der letzten 3 Millionen Jahre“. Natürlich in Aufkleberoptik, die man in der Branche „Störer“ nennt. Das klingt fast unseriös witzig, im Grunde funktioniert das Cover als eigenständiger Cartoon, so ähnlich wie beim Cover der „Titanic“. Aber weil die Rezepte tatsächlich drin sind, gibt man dem Ding eine Chance, selbst wenn man so wenig Lust auf Foodjournalismus hat wie ich. Die Zutatenliste fürs erste Rezept: 1 Kadaver, 1 Stein. Schon ein Lacher, oder?

Innen wird's sofort wieder clever: Steen erfindet das Rad nicht neu, sondern signalisiert Vertrautheit. Sie übernimmt ihre Optik weitgehend von Bestseller-Autorin Liv Strömquist, die ebenfalls für Humorfotainment steht. Viel Text in frech wechselnden Schriften, die zeichnerischen Ansprüche hat Städelschülerin Steen auf Strömquists Level herabgedimmt. Sie weiß: Es entscheidet der Info-Gag. Vor allem, wenn man so pfiffig ist wie Steen: Sie lockert ihre Infos passend auf, wie die Lehrerin, die man für ihre Pointen liebt und der man trotzdem zuhört. Etwa Typ „May Thi Nguyen-Tim“.

Dabei verliert Steen obendrein nicht die Übersicht: Sie sagt, was sie vorhat, zeigt es dann stringent auf. Manchmal schweift sie ab, kehrt aber zuverlässig zum roten Faden zurück. Als wär’s das Selbstverständlichste im Comicgeschäft. Ist es aber nicht.
Roter Faden (3) ohne Mission (4), aber mit Quellen (5)
Steen will auch nicht auf Teufel komm raus irgendwas belegen. Sie will Zusammenhänge erklären und nicht sagen, was man essen soll oder die Steinzeitfrau im Nachhinein gleichberechtigen. Sie weiß, dass sich derlei ohnehin aus ihrem Stoff ergibt: Warum wir Fett so gern mögen, warum Frauen oft entscheidender waren als angenommen, warum sie manches anders sehen und machen. Theoretisch, wohlgemerkt, weil Steen supersolide klarstellt, wann und wo Thesen gut begründet, aber eben nur Thesen sind.

Apropos: Erinnern Sie sich noch an „Columbusstraße“, wo’s zwar ein Quellenverzeichnis gab, das aber hauptsächlich aus Bequemipedia bestand? Steen hat ein Literaturverzeichnis mit richtigen Aufsätzen von richtigen Wissenschaftlern aus richtigen Publikationen. Und weist trotzdem auf Ungenauigkeiten hin, die sich ergeben, wenn die Quellen Hunderttausende bis Millionen Jahre alt sind.
News to use (6)
Alles war für die Katz, wenn das Thema trotz Aufbereitung zu schwach ist. Aber Steen hat recht: Wenn man erstmal drin ist, lernt man eine Menge für das Hier und Jetzt. Wie ineffizient Essen eigentlich ist: Man braucht viel Zeit und Energie zum finden, Kauen, Verdauen. Man holt nur einen Bruchteil vom Brennwert raus. Und wieviel besser das wird, wenn man einen Teil dieser Mühe vor dem Essen erledigt. Von Tine Steen weiß ich: Kochen ist eigentlich das Outsourcen von Teilen der Verdauungsarbeit. An andere Leute (Koch), mit zusätzlicher Energie (Feuer/Strom). Warum wird Fleisch sogar besser, wenn man nur drauf einprügelt? Lauter gute Fragen und spannende Sachen. Ich hätte sie nicht von selbst gestellt, aber jetzt, wo mich Steen draufbringt, finde ich sie auch spannend.
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- 23. Nov. 2025
Wie arbeitet man als Künstler in einer Diktatur? Vier Comics berichten aus dem Iran und Nordkorea. Und ihre Bilanz ist so gruselig, dass man lachen müsste

Rambo, gar nicht mal so gut getroffen. Stimmt. Schon das erste Bild hier ist gar nicht so besonders, aber das ist diesmal egal: Weil die Geschichte einfach gut ist. Das gibt’s und wenn man die hat, kann man auch mal mit der Kunst eher bedarfsorientiert arbeiten. Wie in „Der Diktator und der Plastikdrache“: Der Band ist zeichnerisch eher anspruchslos, die Geschichte dafür völlig irre. Und real dazu.
Filmförderung auf nordkoreanisch
Ende der 70er Jahre dämmert dem Nordkoreas Diktatorensohn und Filmfan Kim Jong-Il, dass nordkoreanische Filme grauenhaft verkitschter Propagandamist sind und mit James Bond-Blockbustern nicht ansatzweise konkurrieren können. Kurz darauf wird der südkoreanische Regisseur Shin Sang-ok nach Nordkorea entführt.

Warum, sagt ihm keiner, stattdessen wird er von Handlangern des Regimes umerzogen und in Einzelhaft gesteckt. Nach Jahren mit Propaganda, Fluchtversuchen und Folter bis hin zur Scheinhinrichtung wird Sang-ok dem Nachwuchsdiktator vorgestellt, der ihn erst bejubelt und dann mit Sang-oks gleichfalls entführter Ex-Frau und Starschauspielerin Choi Eun-hee in eine Villa steckt. Dort sollen beide von nun an im Staatsauftrag mit nahezu unbegrenzten Vollmachten Filme machen.
Ein Kunstgriff genügt
Ein halbes Dutzend ordentlicher Streifen entsteht, bis dem Paar 1986 unter abenteuerlichen Umständen in Wien die Flucht gelingt. Die Geschichte ist so absurd, dass es einfach genügt, sie nicht kaputtzumachen, und genau das macht Fabien Tillon: Er strafft die Story etwas und nutzt einen Kunstgriff, nämlich mit Sang-oks Entführung zu beginnen und ihn möglichst lang im Ungewissen zu lassen. Ansonsten vertraut er der Handlung.

Die Panels von Zeichnerin Fréwé (Frederique Rich) liegen zwischen Hausgebrauch und trashy, aber in den besten Momenten (wie auf dem Cover!) ergänzt sich das sogar perfekt. Vor allem, weil beide auch hier starken Szenen vertrauen: Wie etwa Sang-ok nach Jahren im Knast praktisch direkt aus der Zelle auf Kim Jong-Ils Prachtparty (zu Ehren des entführten Regisseurs!) abgeliefert wird. Da reicht es, wenn man sich einfach nicht verkünstelt. Dann klebt man noch einen ordentlichen Making-of-Teil dran, nicht zu lang, nicht zu kurz, mit Hinweisen auf das Fernost-Kino und die nordkoreanische Entführungspraxis, fertig ist eine gruselkomische Horrorkomödie, in der man obendrein auch noch brandaktuell mitkriegt, wie Autokraten sich ihre eigene Welt zurechtbasteln, mit der sie der blöden Realität entgegentreten wollen.
Fortsetzung folgt, in Ihrer Tageszeitung.
Zuerst gekommen, zuviel Kunst genommen

Beim Googeln ist mir dann aufgefallen, dass die Story vor kurzem bereits als Comic verarbeitet wurde: von Sheree Domingo und Patrick Spät, unter dem Titel „Mme. Choi & die Monster“, gesponsert und gestützt von der oft sehr geschmackssicheren Berthold-Leibinger-Stiftung. Aber soviel die Freude die Autoren hier spürbar am Stoff hatten, ist ihnen doch ein wenig der Gaul durchgegangen: Sie haben einen von Sang-oks nordkoreanischen Auftragsfilmen derart gründlich eingebaut, dass ich ohne den „Plastikdrachen“ zuvor vermutlich nur die Hälfte kapiert hätte. Wer hier zugreifen mag, sollte vielleicht vorher wenigstens die entsprechenden Wikipedia-Einträge lesen.
Patrick Spät (Text), Sheree Domingo (Zeichnungen), Mme. Choi & die Monster, Edition Moderne, 24 Euro
Gesprengter Obstsalat

Nordkorea zum dritten: Keum Suk Gendry-Kims „Mein Freund Kim Jong-un“ verspricht eine möglicherweise satirische Auseinandersetzung mit Diktator und Staat und liefert eine Art Obstsalat quer durch den Gemüsegarten. Mal streift sie den eigenen Alltag in Südkorea, mal interviewt sie ehemalige südkoreanische Präsidenten, mal einen Freund des Diktators, dann kommt ihre eigene Jugend dazwischen samt der Klage über eine japanische Freundin, die ihren Namen falsch ausspricht, ein Kind, das im Koreakrieg von kolumbianischen Soldaten nach Südamerika mitgenommen wurde – Roger over hä? Weil’s das noch nicht genug Zutaten sind, zitiert die Harvey-Award-Trägerin auch noch Chaplin, interviewt eine geflohene Nordkoreanerin, die findet, dass man als Frau ruhig den Körper einsetzen sollte und, ja, auch das kommt vor, einiges, was man über die Diktatorenfamilie samt dem aktuellen Herrscher weiß und daher überall lesen könnte. Optisch ist das alles anspruchsvoll und aus einem Guss, stilistisch wechselt es ohrfeigenschnell zwischen Kummer und Comedy, inhaltlich ist es, als hätte man Kraut und Rüben in einen Kessel Buntwäsche geschmissen und anschließend gesprengt. Wer soll daraus schlauer werden?
Kakerlakack

Kürzlich habe ich mich ja sehr über Mana Neyestanis grandiose „Papiervögel“ gefreut, und wie immer stellt sich die Frage: Hat der nicht vielleicht schon vorher gute Sachen gemacht? Antwort: Ja, aber andere. Er hat sich sozusagen geschickt an die „Papiervögel“ herangetastet.
Aufruhr im Gottesstaat
Neyestani ist 52, Iraner, startete dort als Cartoonist und wäre das im Prinzip auch gerne geblieben. Warum es anders kam, schildert sein Debüt „Ein iranischer Albtraum“. Neyestani zeichnet eines Tages für die Kinderseite eine Kakerlake, die ein Wort sagt, das aus einem regionalen Dialekt in die Alltagssprache gewandert ist. Der Cartoon sorgt für Aufruhr im Gottesstaat: die Leser jener Region fühlen sich als Kakerlaken beschimpft. Ob der Konflikt real oder politisch provoziert ist, lässt sich nicht herausfinden – aber Neyestani wird verhaftet.

Seine Haft entpuppt sich etwas weniger als Folterdrama sondern als kafkaeske Bedrohung: Neyestani ist mal als Aufrührer beschuldigt, mal zu seinem eigenen Schutz inhaftiert, er soll sich entschuldigen, er soll seine Kollegen bespitzeln, und stets begegnet er Gefangenen, die ähnlich wenig wissen.
Flucht nach Frankreich
Gefangene vergewaltigen andere Gefangene gegen Drogen, die Beamten sind undurchsichtig, unberechenbar, und über die Gänge und zum Verhör wird man nur mit verbundenen Augen geführt, weil… tja, es bleibt ein Rätsel. Genauso rätselhaft kommt eines Tages die Entlassung, allerdings sofort begleitet mit der Drohung des Wiedereinsperrens. Neyestani flieht mit seiner Frau nach Frankreich – gut für die beiden und die Comicszene.

Im „Iranischen Albtraum“ macht er das Beste aus seiner Comic-Unerfahrenheit. Den Plot liefert die Realität, sein schwarz-weißer schraffurbetonter Stil ist der des politischen Zeitungscartoons, beides kombiniert sich sehr gut zur skurril-düsteren Gegenwartsskizze, die sich, so bitter das klingt, auch ausgezeichnet konsumieren lässt. Und nebenher erklärt, wie sich autoritäre Regime komplexerer Kompetenzen und deren wirtschaftlicher Nutzung berauben
Maya Neyestani, Marin Aeschbach (Üs.), Wolfgang Bortlik (Üs.), Ein iranischer Albtraum, Edition Moderne, gebraucht erhältlich, beispielsweise hier.
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- 19. Juli 2025
Spanien verschloss lang die Augen vor den Franco-Verbrechen: Ein erschütternder Comic zeigt jetzt den Preis des Schweigens

Einfach die ganze Scheiße totschweigen: Dieser Trend ist derzeit weltweit angesagt. Viele können gar nicht genug Schluss-Striche ziehen. Hierzulande DDR, Nazi-Herrschaft, andernorts Kirchenmissbrauch, Indianerkriege, Stalinismus, Vertreibung, Themen gibt es genug, und muss denn immer über alles geredet werden? Ein Comic erzählt jetzt von einem Land, das dieses Vorgehen gründlich ausprobiert hat: Spanien.
Hunderttausend Morde im Staatsauftrag
„Der Abgrund des Vergessens“ heißt der fiktional ergänzte Sachcomic, Paco Roca und Rodrigo Terrasa arbeiten am Beispiel der Öffnung eines Massengrabs bei Valencia die Geschichte der politischen Morde in Spanien auf. Diese gingen in den 30/40ern des letzten Jahrhunderts in die Hunderttausende, zum kleineren Teil begangen von Republikanern, zum überwiegenden Teil aber unter dem Franco-Regime.

Wie Roca/Terrasa dem Entsetzlichen Gesichter zuordnen, ist atemberaubend: Politische Prozesse, erfundene Anklagen, ignorierte Verteidigung, die Opfer sind Linke oder Leute, die Linke kennen oder Leute, die ihrem Nachbarn nicht passen. Entsetzliche Unterbringung bis zur Hinrichtung, Kontaktsperren zu den Angehörigen, und dann die routinierte Entsorgung der Toten in anonymen Massengräbern, Tote, Kalk, Erde, Schicht um Schicht um Schicht – in diesem Fall beerdigt von einem Linken, dem man wie zum Hohn diesen Job gnadenhalber aufgebrummt hat: „Begrab deine Leute!“ Und danach?
Verbotene Trauer

Spaniens Überwachungsstaat verbot die Trauer. Grabbesuche bei politischen Opfern waren verdächtig, nur an Allerheiligen, wenn alle zum Friedhof gehen, konnten sich die Trauernden unter die Menge mischen. Wenn sie überhaupt wussten, wo. Hier erwies sich dieser Totengräber als kleiner Glücksfall, wobei „Glück“ so aussieht: Wissen, zu welchem Grab man geht, und vielleicht konnte der Totengräber vorm Verscharren sogar ein kleines Andenken retten, etwa ein Stück Hemdsärmel. Dann, 1975, endete die Franco-Diktatur, recht überraschend. Und die demokratischen Parteien schlossen einen Pakt des Schweigens.
Ins Massengrab
Roca und Terrasa konzentrieren sich auf den Totengräber und eine alte Dame, die nichts weiter will, als die Überreste ihres Vaters neben die ihrer Mutter umzubetten. Aber immer wieder zeigen sie, dass das Geschehen noch viel mehr Menschen beschädigt hat: den Schützen im Erschießungskommando. Die Polizisten, die Leichen so gleichgültig wie schwungvoll in die sechs Meter tiefe Grube schleudern, wo sie dann liegen wie Schlenkerpuppen des Grauens.
Die Schuld bleibt über Generationen spürbar
Das landesweite Schweigen hat seinen Grund: Es gilt allgemein als Basis des recht gewaltarmen Übergangs zur Demokratie. Roca/Terrasa präsentieren jetzt seinen Preis. Der besteht nicht nur in den Geistern der Toten, den Leerstellen in den Lebensläufen. Er taucht auf in der Schuld der Todesschützen, der Polizisten, der Denunzianten, der schweigenden Zeugen. Eine simple Rechnung: Jeder Schmerz der Opfer lastet zugleich als Schuld auf den Schultern der Täter. Und die ist keineswegs unsichtbar.

Denn um die Jahrtausendwende rang sich die Politik allmählich zur Aufarbeitung durch, daher auch die Öffnung der Gräber: Aber genauso stark wird diese Aufarbeitung bekämpft, und der Hass, der den Angehörigen entgegenschlägt, speist sich vor allem aus eben jener Angst vor dieser Schuld.
Das freundliche Gesicht des Faschismus
Als Wessi kann man da schwer was raten: Nur die Ossis haben aus eigener Kraft eine Diktatur beseitigt, auch deren Bewältigung scheint heute eher mittelerfolgreich. Aber etwas anderes kann man von diesem Comic in jedem Fall mitnehmen: Francos Diktatur endete nicht in Ruinen und ließ den Holocaust weitgehend weg. Franco war also eine Art „Hitler light“. Wenn Sie sich also fragen, was mit einem „freundlichen Gesicht des Nationalsozialismus“ gemeint ist: exakt dieser Horror, den Roca/Terrasa hier schildern.
