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Comicverfuehrer

Soll man Geniestreiche fortsetzen? „Gung Ho“-Co-Erfinder Benjamin von Eckartsberg riskiert es mit dem Prequel „Tanaka“

Wenn man eine gute Marke entwickelt hat, ist die Versuchung groß, sie noch ein bisschen – ja, was? Auszubeuten? Auszusaugen? Auszubauen? Auszuzutzeln, wie der Bayer sagt? Wofür man sich entschieden hat hängt davon ab, was man nachschiebt. Und wie groß das Risiko ist hängt davon ab, wie gut das Ursprungsprodukt ist. „Gung Ho“ von Thomas von Kummant und Benjamin von Eckartsberg war richtig gut. Und das macht den (ersten?) Prequelband „Tanaka“ so gefährlich.


Einzigartiges Monster-Action-Drama


Die fünf 2018 abgeschlossenen Bände „Gung Ho“ waren eine raffinierte Mischung aus glaubhaftem Coming-of age-Drama und Action mit einzigartigen Monstern: Statt gängiger Zombies entwickelten die beiden Münchner die „Reißer“, rasant-wendige Herden von vierbeinigen Raubtieren mit Flokatifell.

Illustration: Benjamin von Eckartsberg/Chaiko - Cross Cult
Illustration: Benjamin von Eckartsberg/Chaiko - Cross Cult

Das ergab einen atmosphärisch verführerischen, bezaubernd-brutalen Mix aus Sommerferien und Todesangst, mit Recht 2018 für den „Max und Moritz Preis“ nominiert. Für die Waffenausbildung der Teenies zuständig war der Titelheld des neuen Bands: Tanaka.


Verwitweter Filmstar wird Pädagoge


Der vorher, so lernen wir, Martial Arts-Experte und Filmstar gewesen ist. Er wird – weil er in der Hauptserie ja nur noch seine Tochter hat – wohl seine Frau verlieren müssen, als die Reißer in naher Zukunft aus nach wie vor ungeklärten Gründen Europa und Paris übernehmen. Und jetzt die Frage aller Fragen: Taugt das was?


Illustration: Benjamin von Eckartsberg/Chaiko - Cross Cult
Illustration: Benjamin von Eckartsberg/Chaiko - Cross Cult

Ja. Und naja. Was dem Einzelband ganz klar fehlt, sind Ballaststoffe, das, was die Serie so überdurchschnittlich nahrhaft macht. Das gewitzt inszenierte Erwachsenwerden zwischen Lust und Vernunft fällt weg, Tanaka erlebt ein Abenteuer, das man je nach Wohlwollen als solide oder handelsüblich bezeichnen kann. Wäre da nicht eine besondere Zutat.


Verhackstückte Menschheit


Denn von Eckartsberg und der neue Zeichner Chaiko nutzen den immer noch vorhandenen Sensationswert der Reißer und geben ihnen jede Menge großartige Actionsequenzen vor dem nicht minder großartigen und geschickt gewählten Pariser Hintergrund). Die Monster sind das Ungewöhnliche, von denen wir übrigens lernen, dass sie nicht aus Hunger jagen, sondern eher katzenhaft (was zugleich beantwortet, wie sie in der Hauptserie auch ohne die weitestgehend verhackstückte Menschheit existieren).

Illustration: Benjamin von Eckartsberg/Chaiko - Cross Cult
Illustration: Benjamin von Eckartsberg/Chaiko - Cross Cult

Ob und wie gut das Konzept weiter funktionieren wird, hängt von den Ideen ab. Tanaka war eher einfach zu erzählen, die anderen erwachsenen „Gung Ho“-Charaktere traten storybedingt oft (Coming of age!) weniger prominent und eigenständig auf. Aber von Eckartsberg ist zuzutrauen, solide Gründe für weitere Prequels zu finden. Wenn er nicht gleich aufs Ganze geht: Ein Tierband, ganz aus Reißerperspektive. Womöglich mit niedlichen Jungtieren? Unbedingt, der Flokati ist der Star!






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Die Outtakes (42): mit 1 beutelosen Verbrechergenie, 1 apokalyptischen Ritual und 1 TV-Show mit Job-Hauptgewinn


Illustration: Jesús Alonso Iglesisa/Doug Headline/Donald E. Westlake - Schreiber & Leser
Illustration: Jesús Alonso Iglesisa/Doug Headline/Donald E. Westlake - Schreiber & Leser

Erfolgloses Genie


Alles sieht richtig aus – aber es fehlt was: „Dortmunder“ ist ein weiterer Zweig der „Parker“-Schiene, die harte Krimis im Look der 60er und 70er Jahre serviert. Dortmunder, der Protagonist, und die zugehörigen Romane stammen auch aus derselben Feder von Donald E. Westlake. Aber Dortmunder ist zugleich Spoof: eine komödiantische Variante, und der Held (den immerhin schon mal Robert Redford spielte) ist ein Genie, das immer Pech hat. Klingt lustig, oder? Bis man mal drüber nachdenkt, wie in einer ergebnisorientierten Verbrecherwelt jemand Leute anheuern soll, der nie Beute vorzuweisen hat. Vielleicht klappt das ja im Roman, im Comic bin ich nur noch am Kopfschütteln. Dortmunders Gruppe klaut eine Behelfsbank im Container, um anschließend mühsam die ganze Bank abtransportieren (!) und verstecken (!!) zu müssen. Klar könnte ein Genie merken, dass es leichter ist, vor Ort ein Loch in die Blechwand zu sägen und den Safe zu klauen, aber Westlake war halt scharf auf den eigentlich titeltauglichen Heist-Gag mit der geklauten Bank. Und so zerbröselt mit jedem Logikfehler der Spaß an der Komödie mehr. Aber die an Darwyn Cooke geschulte Optik von Jesús Alonso Iglesias ist anheimelnd kühl, und wer den Kopf immer wieder ausschaltet, kann mit „Dortmunder“ durchaus seinen Spaß haben.




Pinkblaues Bezahl-Debüt

Illustration: Thomas Gronle/Legron - Edition 52
Illustration: Thomas Gronle/Legron - Edition 52

Thomas Gronles „Das Ritual“ kommt mit allerhand Vorschusslorbeeren, aber ich fürchte: Sie sind ein wenig mit Sympathie gedüngt. Gronle ist Teil der wunderbaren Moga Mobo-Einrichtung, die mit ansteckender Begeisterung die Republik mit selbstgemachten Gratis-Comics versorgt. Und wer etwas 30 Jahre lang macht, lernt dabei reichlich – was sich sehr gut an Titus Ackermanns „Was vom Leben übrig bleibt“ beobachten ließ. Gronles Pay-per-Graphic-Novel-Debüt überzeugt etwa mit beeindruckender Optik samt Retro-Aroma, die Schwarz-Weiß mit grellem Pink/Blau kombiniert. Seine Story bevölkert er mit scherenschnittschwarzen Monstern, in einem Haus soll ein apokalyptisches Ritual stattfinden, damit die Götter die Menschheit vor einer noch größeren Katastrophe verschonen – der Held ist Jan, der Page vom Hotel gegenüber. Aber so entschlossen Gronle seinen Comic designt, so unentschieden erzählt er seine Geschichte. Soll sie absurd sein oder bedrohlich? Menschelnd oder actiongetrieben? Gronle mag sich nicht entscheiden, wirft erzählerisch alles in die Suppe und erntet so allenfalls die Hälfte von dem, was dringewesen wäre. Aber trotzdem: Diese Suppe sieht toll aus!



Bitte keine Vorwürfe!

Illustration: Nele Jongeling - Reprodukt
Illustration: Nele Jongeling - Reprodukt

Was für eine wunderliche Überraschung: Für mich signalisiert alles an Nele Jongelings neuem Comic „verschrobener Humor“. Nicht zuletzt der trotzige Titel „Ich will nicht arbeiten“, aber auch die Max-Baitinger-Optik, die verzerrten Figuren, die halb Funny Animal sind und halb weichgewordene Gummigiraffen. Dazu die strenge blau-orange Kombination, die akkuraten Perspektiven, die bizarre Geschichte eines „Bundesbüros für Beruf“, das in einer Art TV-Show fünf Menschen um einen maßgeschneiderten Traumjob kämpfen lässt. Aber Seltsamkeit: Jongeling mag davon wenig nutzen. Den Wettbewerb mag sie weder spannend noch skurril ausarbeiten. Die Kandidaten diskutieren recht ernsthaft die Probleme junger Menschen mit den Anforderungen des real existierenden Berufslebens – was Jongeling weder kritisiert noch unterstützt noch irgendwie reflektiert, also eigentlich nur: runterbetet. Und zum Schluss jobbt die Protagonistin Edit als (unterbezahlte? ausgebeutete?) Bedienung in einem Café und ist glücklich, solange sie sich keine Vorwürfe macht. Ich weiß nicht so recht, wem das weiterhelfen soll, ich weiß aber, wen das irgendwie gar nicht mal so gut unterhält. Nele Jongeling, Ich will nicht arbeiten, Reprodukt, 29 Euro





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Die Outtakes (40): Mit vielen schönen Autos, 1 mysteriösen Absturz und 1 pupsenden Hofnarren

Illustration: Matz/Philippe Xavier - Splitter Verlag
Illustration: Matz/Philippe Xavier - Splitter Verlag

Fuzzys Comeback


Vielleicht war’s die Sehnsucht nach gutem alten Radau? Vielleicht der schnittige klassische Plymouth Fury auf dem attraktiven Cover? „Der Schatz der Geisterstadt“ verführt jedenfalls zum Reingucken, stellt aber erzählerisch nur mäßig zufrieden. Obwohl sich Szenarist Matz diesmal textlich mehr zurückhält als im Vorgänger „Die Schlange und der Kojote“ – was die Geschichte stellenweise eleganter wirken lässt als sie ist. Klug ist es auch, die Stärken von Zeichner Philippe Xavier auszuspielen: Dialoge, Action sind nicht so sein Ding, aber Landschaften, schöne Seitenaufteilungen und Autos – da blüht er auf. Und so liest man sich halb hingezogen durch die Gangsterballade. Ob’s was für Sie ist? Ich mach’s mal an der (überholten/nostalgischen) Figur des spinnerten Alten fest, die hier fröhliche Urständ feiert: Wenn Sie sowas nicht stört, wenn's gar den Spaß erhöht, wenn Sie mit Freuden Sam Hawkens oder Fuzzy Jones auf der Leinwand verfolgen, greifen Sie zu.



Der Crash von Flug 111

Illustration: Talel Aronowicz - Helvetiq
Illustration: Talel Aronowicz - Helvetiq

Familiäres Verhalten kann rätselhaft sein, spannend, Schweigen ist dabei oft besonders geheimnisvoll. Verpflichtend ist das allerdings nicht: In „Flug 111“ erörtert Talel Aronowicz das Verhalten ihrer Familie nach dem Tod ihrer Großeltern bei einem tragischen Swissair-Absturz 1998. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Es gibt Mitreißenderes. Woran’s liegt? Vor allem daran, dass Aronowicz die Folgen entweder nicht klar ausarbeitet oder, weit wahrscheinlicher, diese eher unscheinbar sind. Das Thema „Schweigen“ wurde bisher meist beim Holocaust, bei Misshandlungen oder Familiendramen thematisiert, hier haben wir einen Unfall, für den niemand was kann. Ja, keiner redet groß drüber, aber es gibt auch nicht viel zu enthüllen. Weshalb anschließend auch keine besondere Katharsis zu beobachten ist. Klar: Jeder soll und darf trauern, wie er will. Die Gesetze des Buchmarkts hebelt das aber nicht aus.


Fassungslos belustigt

Illustration: Ville Ranta - Reprodukt
Illustration: Ville Ranta - Reprodukt

Wo soll man diesen Ville Ranta einsortieren? „Wie ich Frankreich erobert habe“ war eine schöne, zielstrebige Frechheit, so einfach macht es einem „Wie der König den Kopf verlor“ nicht. Ranta erzählt ein modernes Märchen von einem König in einem maroden Schloss, er hängt Episode an Episode, alle führen nirgendwo so recht hin. Aber gleichzeitig vermitteln seine sfarhaft hingeschluderten munteren Zeichnungen einen rücksichtslosen, obszönen, derben, rüpelhaften Plauderton, dass man fassungslos belustigt zusieht, wie die halbverweste Königinmutter durchs Loch im Toilettenboden in die Schlosskloake stürzt. Eine unerwartete Mischung, die man weder als Quatsch abtun noch als weise bejubeln kann. Man muss den Autor und den Verlag zum Mut beglückwünschen, aber – Himmel, wo sortiert man sowas ein??


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