- 10. Mai
Heimliche Bestseller (III): Die Serie „Mythen der Antike“ bereitet die griechische Sagenwelt auf – inhaltlich zuverlässig, optisch konsensfähig

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Cash Cow aus der Sagenwelt
Da hat sich der Splitter-Verlag eine schöne Cash-Cow eingefangen: „Mythen der Antike“ heißt eine Serie, die die Bielefelder nachhaltig glücklich macht. Über zwei Dutzend Bände hat man inzwischen rausgegeben, fast jeder hat mehrere Auflagen erlebt. „Die Ilias“ etwa hat schon die 7. Auflage hinter sich, und zu wissen, dass ein 35-Euro-Band zuverlässig Umsatz macht, lässt jeden Verleger ruhiger schlafen.

Zum Erfolg trägt vieles bei: Etwa der Mangel an Konkurrenz, der durchaus Teil des Konzepts ist. Die Serie ist aus Frankreich eingekauft, der ehemalige französische Minister (!) für Bildung (!!) Luc Ferry kuratiert sie und sorgt regelmäßig mit neuen Bänden dafür, dass keine Nischen für andere Anbieter freibleiben. Jeder der griechischen Stargötter kriegt einen Band, auch die kleineren, Figuren wie Tantalos und Sisyphos sowieso. Troja, Odyssee, Jason, alles ist abgedeckt – man müsste als Alternativanbieter vor zu den Römern oder zurück zu den Ägyptern gehen. Und auch da macht sich die Mythenschleuder Ferry bereits mit „Mythen der Welt“ breit.
Der Lehrer liebstes Kind
Ebenfalls einkalkuliert hat Ferry die Tauglichkeit für den Schulunterricht. „Regelmäßig fragen Lehrkräfte nach oder geben Feedback“, erzählt Splitter-Sprecher Sven Jachmann. Auch das hat seinen Grund: Luc Ferry bleibt nah am Originalmaterial. Dass Stellen der „Odyssee“ mir neu sind, liegt daran, dass ich die Story auch nur bearbeitet kenne, bei Homer sind sie alle drin. Noch cleverer: Hinten fügt Ferry jedesmal einen Textteil an, bebildert mit klassisch-altvertrautem Kunstmaterial, damit kann jeder Lehrer kritisch nachfragende Eltern beruhigen.

Aber der Schulmarkt ist eben nur ein weiterer Teil der Erfolgsgeschichte. Der Komplettistenmarkt ist gleich mit im Visier: Dunkler Einband, goldene Schrift, die Reihe sieht auch im Regal gut aus und verströmt ein leichtes Bildungsbürger-Aroma. Zugleich sorgt ein attraktives Cover für Zugänglichkeit, was ich deshalb betone, weil fürs Cover oft nochmal ein anderer Künstler angeheuert wird.
Außen hui und innen...?
Deshalb sieht auch das Trojanische Pferd auf dem Umschlag komplett anders aus als im Band selber. Was ein bisschen an alte „Silberpfeil“- oder „Buffalo Bill“-Hefte erinnert: Auch da hat man den verkaufsfördernden Umschlag lieber anderen Leuten anvertraut als den Inhalt. Außen hui, und innen...? Hat auch hier der Inhalt derlei Tricks nötig?

Antwort: Jein. Vier Bände hab ich mir angesehen, was draufsteht, ist auch drin. Die Qualität der Ausarbeitung schwankt aber, weil Ferry mit verschiedenen Zeichnern arbeitet. Die Szenarien haut ihm allesamt Clotilde Bruneau raus, fließbandmäßig und mit einer Sprache, die sich weder so recht fürs Pathos noch für eine lässige Modernisierung entscheiden kann. Das Ergebnis scheint zudem auch recht frei interpretierbar, weil man draus nämlich Leidliches wie die „Odyssee“ machen kann, aber auch Lustloses wie die „Ilias“.
Alles drin, was rein muss
Ausgerechnet diese Topstory schmeckt leider rundum wie Dienst nach Vorschrift. Da steht etwa die Stadt Troja mal auf Hügeln am Meer oder liegt inmitten einer Ebene, je nachdem, ob man grade griechische Schiffe oder eine aufmarschierte Armee dazuzeigen will. Man kann es auch so zusammenfassen: Es ist alles drin, was rein muss, aber nur recht wenig von dem, was man rausholen könnte.

Wenn etwa der an den Mast gefesselte Odysseus den Gesang der Sirenen hört, ist das eine zeichnerische Chance – die allerdings ungenutzt bleibt. Oder der epische Fight von Hektor und Ajax in der „Ilias“: Zwei kämpfen vom Morgen bis zur Dämmerung auf Leben und Tod, um den Kampf dann total erschöpft und ehrenvoll abzubrechen – Zeichner Pierre Taranzano macht daraus ein storchiges Gestakse, als wäre ihm der Geist des seligen Hansrudi Wäscher in die Hand gefahren.
Mal ganz harmlos, mal ganz ordentlich
Dafür gerät „Dionysos“ in den Händen von Gianenrico Bonacorsi wiederum vergleichsweise einfalls- und abwechslungsreich. Insgesamt bewegt sich die Reihe zwischen harmlos und ordentlich, manchmal leicht überm Durchschnitt, aber nie komplett enttäuschend. Und weniger nörgelige Leser als ich sind wahrscheinlich sogar meistens zufrieden und haben auf jeden Fall die Zeit eines gelesenen Buchs gespart. Dem freiwillig angenommenen Bildungsauftrag entspricht man in jedem Fall. Und dagegen ist wenig einzuwenden.
Luc Ferry (Herausgeber), Clotilde Bruneau (Text), Gianenrico Bonacorsi, Pierre Taranzano, Carlos Rafael Duarte u.a. (Zeichnungen), Harald Sachse (Üs.), Mythen der Antike, Splitter Verlag, 16-45 Euro
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13 Buchstaben, im Telefonbuch unter „M“: Amerikas bekanntester Detektiv kehrt zurück und ermittelt in einer Welt, die der heutigen erschreckend ähnelt

Ein Klassiker kehrt zurück: Philip Marlowe, Raymond Chandlers berühmter Privatdetektiv. Das ist aus zwei Gründen spannend: Weil er ein alter Liebling vieler Leser (und von mir) ist. Und weil Marlowe gerade so aktuell ist wie schon lange nicht mehr. „Trouble Is My Business – Gefahr ist mein Geschäft“ heißt der Band von Ilias Kyriazis (Zeichnungen) und Arvind Ethan David (Szenario). Doppelt richtig: Denn auch der Job dieser beiden ist voller verborgener Gefahren.
Der coole Look – und woher er kommt
Allein schon, weil die Bildsprache des Genres so verführerisch ist wie die Blondine auf dem Cover: Es liegt einfach nahe, sich auf die Optik zu stürzen, auf den Detektiv mit Hut (Fedora!), die verrauchten Bars, die Schatten, die Autos. All diese Zutaten sind so selbstverständlich geworden, dass man kaum noch nachfragt, warum. Die Serie „Blacksad“ von Juan Diaz Canales etwa konzentriert sich voll auf den Look (bzw. tappt vierpfotig in diese Falle): Ein Katzendetektiv, der den Look zelebriert ohne den Grund zu kennen.

Dabei wäre der heute wichtiger denn je. Weil: Ohne Grund wirkt man im Trenchcoat wie Derrick. Marlowe ist kein Derrick: Er ist kein Polizist. Und er lebt in keinem Rechtsstaat. Die USA der 30/40er sind ein Sumpf, das Verbrechen blüht durch Krise und Prohibition, und der Gewinn daraus korrumpiert Politik und Staat. Deshalb ist Marlowe nicht mehr bei der Staatsanwaltschaft: weil dieser Staat ihn anwidert. Er möchte sich den aufrechten Gang bewahren.
Der Ein-Mann-Puffer gegen Willkür
Deshalb ist er Privatdetektiv. In einer Welt, in der Polizei, Staat, legale und illegale Unternehmer die Menschen überrollen, verdingt er sich als Ein-Mann-Puffer gegen die Willkür. Für seine Klienten steckt er Schläge ein, weicht Kugeln aus, geht ins Gefängnis. Der zynisch-gelassene Trotz, mit dem er Staat, Gangstern und Staatsgangstern begegnet, und die drunter schlummernde Aufrichtigkeit sind es, die dem Look die Coolness geben. Wer Marlowe erfassen will, muss die Situation ausleuchten, in der er arbeitet, nicht seinen Hut. Deutschland etwa ist für den Look zu gesetzestreu. Ein anderes Land nicht mehr.

Die USA ähnelten den 30er und 40er Jahren nie mehr als heute in der bücklingsverseuchten Kleptokratie. Marlowe hätte den Behörden eines Donald Trump keinen Millimeter nachgegeben. Und deshalb freut es mich so, dass David/Kyriazis gerade jetzt Marlowe wieder ausbuddeln. Obwohl „Trouble is my Business“ nur eine mittelgute Wahl ist.
Vorübung mit Johnny Dalmas
Die Kurzgeschichte ist keiner der berühmten Romane, sondern ein Vorläufer (mit Marlowes Vorgänger Johnny Dalmas). Eine der Stories, mit denen Chandler in billigen Krimiheften anfing. Besser, literarischer als üblich, aber auch Chandler musste für hardboiled-gewohnte Leser greller schießen, prügeln, witzeln.

Um das auszugleichen, erfinden David/Kyriazis für die Hauptakteure Hintergründe: Marlowes Militärvergangenheit, die des Schwarzen George oder die von Harriet Huntress. Aber damit leuchten sie nur Biografien aus, nicht das Land.
Blasenreihen wie Perlenketten
Schön ist, dass beide der Vorlage sehr treu bleiben, ihr oft wortgleich folgen. Doch bleiben wichtige Optionen ungenutzt: Mehrfach werden Dialoge verschenkt, indem sie auf großen Splashes in doppelten Blasenreihen nebeneinander herabperlen. Das verführt zum Runterrattern – dabei sind Chandlers Dialoge nicht simple Info-Tankstellen wie im „Tatort“, sondern ausgefeilte Duelle, bei denen Ton, Blick, Stituation mehr über Mensch und Situation verraten als der eigentliche Satz. Aber: genug genörgelt.

Denn nimmt man’s mal nicht so genau, wird man durchaus erstklassig bedient: Die Story ist ungewohnt penibel umgesetzt und am Ende interessant aktualisiert, die Panels sind atmosphärisch und farblich angenehm gut abgestimmt, drohend kühl, kalifornisch warm, mit reichlich Lokalkolorit, Palmen, Autos, Art-Deco-Fassaden. Wer’s kauft, macht nicht viel verkehrt. Und wer die Haltung der Originale vermisst: In (nicht nur) den USA von heute lassen sich solche Stories wieder erleben – und schreiben.
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- 12. Apr.
Der Klassiker, der den Boom zündete: Wie „Akira“ Deutschland den Einstieg in Japans Comic-Kultur erleichterte

Wenn es stimmt, was der Comic-Weise Andreas C. Knigge geschrieben hat (und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln), nämlich, dass „Akira“ in den 80ern einen Manga-Boom ausgelöst hat, wirkt das zunächst kurios: Denn der Saga fehlt so ziemlich alles, was Mangas heute so gewöhnungsbedürftig macht. Zugleich ist dennoch vieles von dem drin, was am Manga so fasziniert. Zum Einsteigen wäre „Akira“ offenbar also genau richtig. Gewesen. Denn ich hab den ersten Band erst jetzt durchgelesen.
Entfernte Macken
Die Unmangigkeit (sag ich jetzt mal so) hat ihren Grund: Es wurde ein wenig nachgeholfen. Eines der Haupt-Umgewöhnungs-Hindernisse fällt so schon mal weg: Die „falsche“ Leserichtung von hinten nach vorn. Das war den Verlagen in den 80ern noch zu abschreckend, als hat man den Comic weitgehend gespiegelt, auch die deutsche Version. Bei der Bearbeitung verschwanden auch die japanischen Soundwords, es gab Westversionen – und die finden sich nur in Situationen, wo sie angebracht sind. Die (verschrobene? liebenswerte? authentische?) Manga-Macke, neben jemanden „an-der-Wand-lehn“ zu schreiben, der an einer Wand lehnt, entfällt in „Akira“ komplett.

Dafür gibt es reichlich Action in einer beeindruckenden Umgebung: „Akira“ spielt im gar nicht mehr fernen Jahr 2030, in einem nach dem dritten Weltkrieg wiederaufgebauten Tokio. Verstrahlt ist die Welt eher nicht, Kaneda und seine Freunde von der Berufsschule heizen auf ihren Motorrädern durch die Gegend wie sehr junge Marlon Brandos. Durch einen Unfall begegnen sie merkwürdigen Kindern mit Greisenköpfen, die zudem extreme telekinetische Fähigkeiten haben. Steckt natürlich jemand dahinter, und zwar wer?
Herrlich menschenfeindlich
Genau, die Regierung, die daraufhin beginnt, die unerwünschten Mitwisser zu jagen. Der Plot an sich ist nicht sooo besonders mitreißend, aber dafür sind es drei andere Dinge. Zuerst mal das Setting: Katsuhiro Otomo langt optisch richtig hin, seine industriellen Hi-Tech-Betonwüsten sind eine menschenfeindliche Augenweide. Leben will man da nicht, aber schmökern mag man da gern.

Das sehe ich ja auch immer wieder mit Freude, wenn ein Comic seine Produktionsvorteile nutzt: Wer dasselbe im Film machen will, zahlt teuer für Bauten oder Rechenleistung, im Comic entstehen Sahara oder Tokio-City mit dem gleichen Aufwand. Dazu kommen Motorräder, futuristisches Militärequipment, Waffen – all das inszeniert Otomo attraktiv und einfallsreich, die Actionsequenzen sind schnell geschnitten, das alles sieht sehr, sehr gut aus.
Geschickte Eingewöhnung
Drittens: Die soliden Dialoge. Es wird nichts dutzendfach erklärt, sondern so, dass es man’s begreift und dann ist Schluss. Ja, das ist nicht besonders genial, aber es ist zweckdienlich und nicht selbstverständlich. Häufig walzen Mangas ja Dinge unnötig bis exzessiv aus. Also eben nicht als geschickte Verzögerung, sondern sehr oft einfach nur breitgetreten und zerdehnt, als wären die Leser vermutlich alle ein bisschen doof.

In „Akira“ arbeitet Otomo seine Action und seine Informationen effizient und wirkungsbewusst ab. Wenn er noch zwei Seiten Platz hat, dauert der Knall nicht zwei Seiten länger, es gibt statttdessen noch zwei Crashs dazu. Nochmal: Das ist keine geniale Lösung, aber eine die zuverlässig hinhaut. Und die nachvollziehbar macht, warum mit „Akira“ der Manga in Deutschland Einzug halten konnte: Von sowas will man mehr, und allmählich darf’s dann auch anders sein oder japanischer. Mit weniger Farbe („Akira“ erschien in Deutschland zunächst bunt) oder von rechts nach linkser, oder, oder oder …
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