top of page

Comicverfuehrer

Französische Ernte (IV): In Italien erschienen, in Frankreich entdeckt, auf englisch gelesen – das grandiose Bleistift-Epos „The Forbidden Harbor“

Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm Graphic Novels
Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm Graphic Novels

Was hat ein Comicfreund vom Frankreichurlaub, wenn ihm manque l'abilité de se faire verständlich in dieser Sprache? Wie immer noch ich? Beispiel 4: Er findet italienische Comics. Die in Frankreich rauskommen, weil dort der Markt größer ist. Comics kaufen, die man in zwei Sprachen nicht lesen kann? Wozu? Nun, wenn man weiß, dass sie existieren, findet man sie mit etwas Glück... auf englisch. Wie das erstaunliche Werk „Il porto proibito“. Zu deutsch: Der verbotene Hafen.


Disneyhaft schön mit Kritzelknödeln


Was macht den Comic so erstaunlich? Zunächst, dass er auf Anhieb zu attraktiv wirkt: Die Figuren des 300-Seiten-Wälzers sind superkommerziell, geradezu disneyhaft schön. Igitt, Industrieprodukt, will man schon denken, aber dann merkt man: Das komplette Ding ist ganz undisneyhaft schwarz-weiß. Gezeichnet mit Bleistift. Und schon die erste Doppelseite zeigt, dass der Zeichner irrsinnig gut und vielseitig ist. Links eine Strandlandschaft aus Krakellinien und Kritzelknödeln. Und rechts das:

Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm Graphic Novels
Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm Graphic Novels

Eine Fregatte. In einer topattraktiven Kameraeinstellung, die zugleich superschwer ist. Denn hinten ist das Schiff zwar abgeschnitten wie ein Brot, aber schräg. Nach vorne kommt erschwerend die korrekte Rundung auf dieser Länge hinzu, erst leicht bauchig und dann beim Bug rapide verjüngt, an sowas scheitern Zeichner rudelweise. Aber bei Turconi geht’s damit erst los.


Schnitzereien, elegant gekrakelt

Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm
Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm

Die Takelage, superkorrekt, und auch die winzigen Matrosen in den Rahen: Da hat sich jemand richtig sachkundig gemacht. Zugleich diese Leichtigkeit: der Faltenwurf der Flagge. Und achten Sie mal auf die aufwändigen Schnitzereien zwischen den Fenstern. Die sind überhaupt nicht aufwändig, das sind nur Krakel! Die Landschaft im Hintergrund, ganz blass, damit sie einem erst nach dem dunklen Schiff im Vordergrund auffällt. Da weiß einer, was er macht, und zwar von hinten bis vorn.


Lustige Taschenschule


Der jemand heißt Stefano Turconi, und auf deutsch gibt’s von ihm bislang rätselhafterweise nix – doch: etliche Stories in „Lustigen Taschenbüchern“. Turconi ist tatsächlich disney-geschult, er arbeitet fast nur nach Szenarien seiner Frau Teresa Radice, aber was die beiden hier abliefern, ist ganz anders als Disneys Convenience-Küche.


Verwandte Seelen


Kapitän William findet den schiffbrüchigen Buben Abel am Strand. Abel wird Schiffsjunge, erinnert sich aber nicht an seine Vergangenheit. William bringt ihn in Plymouth bei drei verwaisten Wirtstöchtern unter, für die macht er Botengänge – auch ins nahe Bordell, wo er die geheimnisvolle Rebecca kennenlernt. Die erkennt in ihm eine verwandte Seele: Sie und Abel sind nicht lebendig und nicht tot. Sie bekamen eine zweite Chance, weil sie auf Erden noch eine Aufgabe zu erfüllen haben. Und deshalb sind sie auch die einzigen, die vor der Küste von Plymouth im Nebel den titelgebenden geheimnisvollen Hafen sehen können.


Klarschiff zum sanften Sex

WENIG STRICH, VIEL FRISUR      Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm Graphic Novels
WENIG STRICH, VIEL FRISUR Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm Graphic Novels

Radice hat für Turconi ein mysterienverschleiertes Epos entwickelt, romantisch, gruselig, spannend, lyrisch – denn vieles speist sich aus alten britischen Gedichten, Coleridges „Ancient Mariner“ ist natürlich dabei. Es gibt sehr sanften, sehr schönen Sex, es gibt eines der besten mir bekannten Comic-Seegefechte.


Englischer als die Briten selbst


Manchmal geraten Radice die Dialoge etwas lang, doch Turconi inszeniert mit Schnitt, Gegenschnitt, Close-Up so abwechslungsreich, dass man es kaum merkt, weil die Augen in der Szene herumspazieren, in der Einrichtung, im Dekor, und immer wieder in diesem supereffizient eingesetzten Bleistiftambiente. Eine Handvoll Striche sind bei Turconi ein Sofa, eine Frisur, die gesamte See, sparsam und opulent zugleich, mal zart, mal mit Wucht. Und was die beiden Italiener aus Regenszenen an Atmosphäre rausholen, das sieht englischer aus als England selbst.

HÜHNER IM GEFECHT     Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm Graphic Novels
HÜHNER IM GEFECHT Illustration: T. Radice/S. Turconi - nbm Graphic Novels

Ja, ab und an erfordert die Geschichte Geduld, aber immer wieder hilft Turconis unerschöpflicher Detail- und Ideenreichtum über die Runden. Radice wiederum belohnt mit Suspense und bereichert Turconis Authentizität mit überlebensgroßer Tragik.

Schnief. A Wahnsinn.

 



Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:







 

Vielzeichner, Klassiker, Szenarist: Aus Hugo Pratts Archiven lässt sich's gut wiederveröffentlichen. Doch der Altmeister bleibt dreifach Geschmackssache

Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser

Hugo Pratt ist zweifellos einer der großen Namen, insbesondere für viele Leute, die schon ein paar Jahresringe unter den Augen haben. Wer den 1995 verstorbenen Vater von „Corto Maltese“ eher spät entdeckt, kann darüber manchmal etwas ins Grübeln kommen. Aber das ist ja das Spannende, wenn eher unbekannte Titel des Vielschreiberzeichners neu erscheinen. Man nähert sich ihnen unvoreingenommener als beim sakrosankten „Corto“ – und hofft auf Lesen wie früher. Wie derzeit bei den Bänden „Cato Zulu“,  „El Gaucho“ und „Sgt. Kirk“. Klappt der Zeitsprung zurück?


Abenteuer, ungefiltert


Von der ersten Seite weg steht schon mal fest, dass ich „Cato Zulu“ auf jeden Fall gern in die Finger gekriegt hätte, als ich jünger war. Thema ist die Kolonialzeit in Ostafrika, deren Spannung/Dramatik sich in den 80ern noch genauso unhinterfragt als Abenteuerszenerie genießen ließ wie der Wilde Westen. Zudem gibt’s eine Menge Info- und Hintergrundmaterial, Landkarten, Fotos der Beteiligten, alles, was Seriosität signalisiert.

Illustration: Hugo Pratt - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt - Schreiber & Leser

Die Bilder sind ohnehin erfreulich, obwohl auch jungen Leser auffallen kann, dass Pratt schon mal detaillierter gezeichnet hat. Aber die Weite Afrikas verzeiht vieles, zudem sind Waffen, Uniformen, furchterregende ausstaffierte Krieger mit ihren Schilden im Übermaß vorhanden, es wird gekämpft, gestorben, Abenteuer ohne Karl-May-Film-Filter. Aber wer älter ist, merkt rasch: Erzählerisch ist auch der Pratt von 1984 keine Offenbarung.


Fluchen wie Sam Hawkens


Das fängt bei Dialogen an, die Bildinhalte doppeln, bei denen Leute noch als „Höllenhunde“ charakterisiert werden und man gern Flüche ausstößt, als wäre man mit Käpt’n Haddock oder Sam Hawkens unterwegs, wenn ich mich nicht irre. Oft wirkt es auch, als würde nur was gesagt, damit mal wieder Sprechblasen befüllt werden.


Illustration: Hugo Pratt - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt - Schreiber & Leser

Dann kriegt man lieblose Ja-Nein-egal-Debatten wie diese hier: „Wir müssen eingreifen!“ – „Wir sind viel zu wenige!“ – „Vorwärts, Attacke!“ Oder einen über zwei Seiten hinweggedehnten minderlustigen Kacka-Dialog. Was den Spaß dann schon erheblich reduziert, weil man eine gewisse Lieblosigkeit spürt. Beim deutlich älteren „Sgt. Kirk“ ist das anders.


Feiner getuscht, besser choreographiert


Den Sergeanten hat der Argentinier Héctor Oesterheld für Pratt in den 50er Jahren verfasst. Und Oesterheld hatte erzählerisch einen größeren Ehrgeiz: Er wollte eine gebrochene Figur haben, einen Sergeanten, der seit 20 Jahren in der US-Kavallerie dient und nach einem Massaker an den Tchatooga den Sinn seiner Arbeit in Frage stellt.

Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser

Pratt tuscht hier oft etwas feiner, er gibt sich auch mehr Mühe mit unterschiedlich großen Panels, Vorder- und Hintergründen, Perspektiven und besser choreographierten Kämpfen. Allerdings führt das hohe Produktionstempo (Pratt selbst sprach von 500-600 Panels pro Woche) oft auch zu Weißanteilen, die einige meiner Kunstlehrer eher bequem gefunden hätten.


Held mit Gewissen


Oesterheld gibt seinem Helden auch bessere Konflikte: Kirk desertiert, als ein Indianerstamm „ausradiert“ werden soll und flieht zu exakt jenem Stamm, den er einst blutig überfiel. Es wird über die Berechtigung der Gewalt der Weißen diskutiert, ohne den Konflikt mit einem billigen Spruch zu entschärfen.

Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser

„Sgt. Kirk“ wird so zu einem actiongeladenen, aber dabei recht anspruchsvollen Erlebnis – und das in den 50er Jahren, als die Kinoleinwände weltweit noch voller böser Rothäute waren. Tatsächlich klappt hier die Sache mit dem alten Lesevergnügen auch deshalb, weil Oesterhelds Voice-Over in einem heimelig veralteten Präteritum erzählt: Es entschleunigt, versachlicht, klingt zugleich ein bisschen langweilig und doch erstaunlich passend. „Sgt. Kirk“ eignet sich zur Comic-Zeitreise besser, mit allen Vor- und Nachteilen.

Aufwändig erzählt, leichte Porno-Präferenz


Illustration: Milo Manara/Hugo Pratt - Splitter Verlag
Illustration: Milo Manara/Hugo Pratt - Splitter Verlag

Erstaunlich zwiespältig altert „El Gaucho“, eine jetzt wiederveröffentlichte Kooperation der Altmeister Milo Manara und Hugo Pratt aus dem Jahr 1991. Erstaunlich, weil, so vieles eigentlich heute nicht mehr geht in dieser Story um einen jungen englischen Soldaten und eine Handvoll irischer Huren samt ihrem wendungsreichen Weg ins umkämpfte Buenos Aires Anfang des 19. Jahrhunderts. Zum Beispiel die schönfärberische Freude, mit der die irischen Huren ihrer Tätigkeit nachgehen. Und überhaupt der Voyeurismus, der Manara ‘91 immer wieder aus dem Zeichenstift rutscht wie die Brüste seiner Darstellerinnen aus dem Dekolletée: ein Erbe der 68er, in denen Pornografie als Reaktion auf die 50er nachvollziehbarer war. Acht Jahre vorher, im „Indianischen Sommer“, hatte Manara das noch besser unter Kontrolle. Erstaunlich, weil sich bei allem Kopfschütteln auch viel Versöhnliches findet: Die aufwändig erzählte Geschichte mit viel Zeitkolorit, grandiosen Ansichten von Sümpfen, Segelschiffen, Städten. Viel Action, tragenden Nebenrollen für Schwarze und Körperbehinderte, all das tempo- und ideenreich inszeniert. Weshalb man um so mehr staunt, wenn sich bei dieser Ernsthaftigkeit dann doch immer wieder unmotiviert irgendwelche Schenkel öffnen. Die Zeitreisefähigkeit von „El Gaucho“ ähnelt der von „Sgt. Kirk“, aber die Höhen und Tiefen sind extremer.

 





Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:







Zurück in die Jugend? Das geht - mit „Cocco Bill“, dem Irrsinns-Wildwest-Spoof, den Sie als Kind geliebt hätten. Und den damals keiner druckte

SCHEIBCHENWEISE               Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
SCHEIBCHENWEISE Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Ganz ehrlich: So nah war ich noch nie wieder am Kindheitsglück. Also an dem Gefühl, dass man einen Comic liest, den man auch damals hätte lesen können. Und dass man ganz nah am Zauber von damals ist. Welcher Zauber genau? Gute Frage, es gab ja viele unterschiedliche zauberhafte Serien: Wir sind hier im Genre „Comedy“, und die Neuentdeckung aus alter Zeit heißt „Cocco Bill“.


Heißer Tee, kaltgemacht


Ich war vorgewarnt, von Häuptling Berufener Mund, aber dass der italienischstämmige Cowboy von Benito Jacovitti derart einschlägt, haut mich dann doch aus den Socken. Dabei ist das Material steinalt, das erste Album stammt von 1957, da trieben in deutschen Kinos die „Mädels vom Immenhof“ ihr Unwesen. Aber Jacovitti ist seiner Zeit Lichtjahre voraus.

SUPERGEGNER MIT SCHNELLER SPUCKE    Ilustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
SUPERGEGNER MIT SCHNELLER SPUCKE Ilustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Sein Kamillentee trinkender Revolverheld zieht nicht nur schneller als sein Schatten, er macht auch mit einer Kugel seinen Tee kalt, wenn er zu heiß ist. Die Texte sind aufgeweckt, das Pferd hat ein 13. Monatsgehalt, das erinnert schon an Rainer Brandts Synchronisationskünste, die erst zehn Jahre später aufblühen sollten. Doch der eigentliche Irrsinn sind die Zeichnungen.


Das Pferd raucht mit


Es gibt vom ersten Panel an, in dem nicht nur der Cowboy raucht, sondern auch sein Pferd, praktisch keinen normalen Moment. Türen werden auf-, Zähne ausgeschossen, man unterhält sich grotesk verrenkt, schreit sich an. Satz, Reaktion, Reaktion auf die Reaktion, Jacovitti packt all das in ein einziges Panel, was ein atemberaubendes Tempo ergibt.

RAUCHENDES PFERD                  Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
RAUCHENDES PFERD Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Als ob das nicht reichen würde, herrscht überall eine aberwitzige Übertreibung: Cocco Bill schießt beidhändig bis beide Trommeln leer sind, natürlich in nur einem einzigen Panel. Bis die Revolverläufe weich wie Spaghetti herabhängen. Das Spannende ist: Wie lang lässt sich diese Superlativkrawall durchhalten?


Ulk mit vollen Händen


Man kann es auf die Formel bringen: Solang einem genug Variationen einfallen. Und wenn Ihnen hierzu „Clever & Smart“ in den Sinn kommen, schwöre ich: Sie. Haben. Keine. Vorstellung. Ich weiß nicht, wo Jacovitti (1923-1997) die Ideen hernahm, aber sie sind endlos. Wie man prügelt, schießt, reitet. Cocco Bill steigt nicht ab, er schreitet über den Pferdehals wie über eine Treppe. Eine Frau reitet einen Ochsen, die Hörner benutzt sie als Lenkstange. Geld wird prinzipiell geworfen, in enormen Münzmengen. Was man wem wo wie abschießen kann, wer wen wie wo hinhauen kann, Wahnsinn. „Clever & Smart“ sind Zeitlupe dagegen, Jacovitti produziert Lucky Luke auf Speed. Ein Jacovitti spart nicht mit Gags, er ulkt mit vollen Händen.

PIRAT MIT ROLLZBEIN            Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
PIRAT MIT ROLLZBEIN Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Zwischen die Panels malt er Minifiguren-Kalauer, einfach so, Jahrzehnte vor MAD. Jede Seitenzahl gestaltet er anders. Und dann die Massenszenen! Ein Härtetest für jeden Autor, weil ein gutes Wimmelbild eine Menge Ideen verschleißt: Jede Figur, jedes Paar muss ja was machen, was auch wieder einen Gag ergibt. Selbst die besten „Asterix“-Bände knausern hier. Jacovitti macht solche Panoramen immer wieder, als koste es nicht mehr Mühe als ein Fingerschnippen. Nicht zu vergessen: die Salamis.


Stufentreue Salami


Immer wieder liegen völlig absurde Salamis herum. Oder ragen aus Taschen. Oder liegen auf dem Boden, stufengetreu auf Treppen, neben den allgegenwärtigen abgenagten Knochen. Es gibt noch ein Extrasternchen beim Wutausbruch, ein Extrageräusch beim Pistoleziehen, überhaupt jede Menge Geräusche, kurz, es gibt sich jemand eine irrsinnige Mühe, weil es ihm keine Mühe macht: Weil er so viel Spaß an der Freud hat.

IDEENREICH BIS ZUR SEITENZAHL       Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
IDEENREICH BIS ZUR SEITENZAHL Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Der Irrsinn hat eine geradezu rührende Methode, und man weiß: Als Kind hätte man das besonders gespürt. Dass da einer nicht Dienst nach Vorschrift macht, sondern den Blödsinn so sehr liebt, dass nach Monaten in der Wildnis nicht nur dem Cowboy ein Bart wächst, sondern dem Pferd gleich mit.


Das Hyperchaos ersetzt jeden Obstler


Dabei hat Jacovitti seinen Stil rasch perfektioniert, was hier nur eines bedeuten kann: hochprozentig destilliert. In Abenteuer 7 etwa, das Cocco Bill unter die Piraten verschlägt, nimmt die herkömmliche Erzählung kaum noch Platz ein. Die rasante Slapstick-Action samt innovativem Roll-Holzbein wird zum schwindelerregenden Hyperchaos, das mühelos jeden dreifachen Fallobstler ersetzt.

VOLLENDETES SALAMI-FECHTEN          Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
VOLLENDETES SALAMI-FECHTEN Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Schwächen? Gibt es kaum. Anfangs nutzt Jacovitti noch gelegentlich eine dicke Lehrerin, die Bill ständig heiraten will, aber dieser Gag wird rasch aussortiert, zweifellos zu oll für das hyperneue Tempo. Das einzig irritierende Element: Bei „Cocco Bill“ wird auch gestorben.

Das Land der ragenden Knochen


Selbst der Tod ist bei Jacovitti hemmungslos, respektlos, überdreht. Pferde weinen über verblichene Reiter, und des öfteren ragt nicht nur eine Salami aus dem Boden, sondern auch ein Knochen oder ein Fuß. Die erzkatholische italienische Jugendzeitschrift, für die Jacovitti „Cocco Bill“ erfand, hat sich nie dran gestört. Deutsche Publikationen mögen eher Bedenken gehabt habe. Aber wahrscheinlicher ist, dass Jacovittis ganzes Konzept zu rücksichtslos, zu anarchisch war. Hierzulande wurde er nie veröffentlicht, die einzigen fünf deutschen Bände waren ein Import aus der Schweiz.

SOGAR PISTOLEN ENDEN IM JENSEITS       Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag
SOGAR PISTOLEN ENDEN IM JENSEITS Illustration: Benito Jacovitti - avant-verlag

Der avant-verlag ist jetzt lobenswerter Weise bereit, das gründlich nachzuholen – aber angesichts des enormen Aufwands ist es vermutlich ratsam, die tapferen Verleger durch begeistertes Kaufen zu ermutigen. Falls Ihnen meine Empfehlung nicht reicht: Der grandiose „Didi & Stulle“-Erfinder Fil Tägert outet sich auf der Rückseite als glühender Fan und eifriger Kopist.

Und womit?

Mit Recht!






Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:






Suchwortvorschläge
Kategorien

Keinen Beitrag mehr verpassen!

Gute Entscheidung! Du wirst keinen Beitrag mehr verpassen.

News-Alarm
Schlagwörter
Suchwortvorschläge
Kategorie
bottom of page