- 1. März
Französische Ernte (Finale): Wundertüten sind nicht voller Hauptgewinne, oder wie man sich mit reichlich Luft zum Eisner-Award-Kandidaten hochzeichnet

Man soll nicht verschweigen: Nicht immer ist alles super, was glänzt. Als Teil der Französischen Ernte bin ich etwa auf einen Zeichner gestoßen, der sich mit sehr attraktiven Comics zur Eisner-Award-Nominierung hochgearbeitet hat. Und ich sehe die Bilder, stelle mir unter dem französischen Text irgendwas Brauchbares vor und ordere von Christophe Chabouté „Ganz allein“, dazu auf Englisch „The Park Bench“ und „To Build A Fire“. Und was soll man sagen? Gar nicht mal so gut.
Weltsicht aus dem Lexikon
Wie sieht ein Mann die Welt, der sein Leben auf einem Leuchtturm im Nirgendwo verbracht hat? Was macht die Einsamkeit mit ihm? Chaboutés „Ganz allein“ sieht großartig aus, als ich den Band gebraucht besorge (weil bereits 2011 erschienen und vergriffen). Die Story ist gekonnt illustriert, in vielen, oft stummen Bildern. Ein Fischerboot kommt regelmäßig zum Leuchtturm und lädt Kartons mit Proviant aus – so erfahren wir. Er wurde im Leuchtturm geboren, seine Eltern starben, jetzt ist er um die 50, lebt allein mit einem Goldfisch. Seine einzige Verbindung zur Welt ist ein altes Lexikon. Das lässt er auf den Tisch fallen, und dort, wo’s aufklappt, liest er eine Erklärung und malt sie sich aus. Das ist launig, weil er sich etwa „Konfetti“ tellergroß vorstellt.

Aber je öfter Chabouté den Lexikon-Gag nutzt, desto mehr Risse kriegt er. Weil der Einsame manches dann eben doch weiß. Bzw. weiß er immer so viel, dass Chaboutés Pointe klappt. Hm. Da kommt man ins Grübeln. Über die Versorgungskartons kriegt unser Einsiedler ja auch Schuhe oder Seife. Wenn ihn die Welt interessiert, warum bestellt er keine Zeitschrift? Oder ein anderes Buch? Warum fragt er nicht, was es sonst so gäbe? Ach, stimmt, er nimmt die Kartons ja nie persönlich entgegen. Warum eigentlich? Er ist doch sicher kein buckliger Quasimodo, haha, oder...?
Doch.

Denn wir alle wissen: Wenn ein Leuchtturmwärter und seine Frau im Nichts vögeln, kommt ein Buckliger raus, der 50 Jahre lang mit seinem Lexikon auslost, was er als nächstes liest. Und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr wundert man sich, mit wie viel Chuzpe Chabouté diese sturmschiefe Parabel zu scheinbar tiefgründiger Symbolik hochzeichnet.
Die Panels sind fabelhaft, keine Frage. Aber auch bewusst verzögert. Sie folgen einer Möwe, bis sie auf dem Geländer des Leuchtturms landet, gehen durchs spiralförmige Treppenhaus, zeigen viele stille Details, immer extra langsam, um den Bildern eine Bedeutung zu verleihen, die sie letztlich nicht haben. Was fatal an das wabernde Keyboardgebrummel erinnert, das sie flächendeckend über den „Tatort“ gießen, um dort Suspense zu erzeugen, wo nur Langeweile ist. Kann es sein, dass Chabouté die Form beherrscht, aber keine Füllung dafür hat? Der nächste Band untermauert jedenfalls diesen Verdacht.
Versitzmöbelt
Erneut klingt die Idee verführerisch. Chabouté will eine Geschichte anhand einer Parkbank erzählen. Komplett stumm, einfach nur schildern, wer vorbeikommt, wer sich wie verhält. In schwarz-weiß, da könnte man schon was draus machen, oder? Da könnte zum Beispiel ein Junge vorbeikommen, mit einem Mädchen, und mit dem Taschenmesser ritzt er ein Herz für sie in die Bank. Ja, ich weiß, nicht so originell, da kämen Sie auch ohne mich drauf, ich sag ja: nur als Beispiel.
Und weil der Band genau so anfängt.

Wollen Sie mitraten? Was muss rein? Ja, richtig, „Penner“ ist drin. Und „pinkelnder Hund“ auch. Und, Donnerwetter, schon wieder ein Treffer, Glückwunsch: Ein Mann streicht die Bank neu, irgendwer setzt sich in die Farbe. Wie sind Sie da nur draufgekommen? Haben Sie mal bei einer (obacht, Gag!) Bank gearbeitet? Okay, aber alles erraten Sie nicht. Dann ist da etwa noch das alte Ehepaar, das öfter vorbei kommt, die sind ja wirklich herzallerliebst, meist bringen sie sich eine Kleinigkeit zu essen mit. Drei oder vier Mal kommen sie vorbei, und Sie ahnen nie, was beim letzten Mal pass- Okay, aber Sie wissen nicht, wer von den beiden nicht mehr… Na schön. War ja auch eine 50/50-Chance.

Na gut, dann ist die „Parkbank“ eben auch kein Bündel unglaublicher Überraschungen, aber es sind immerhin, naja, viele Bilder einer Parkbank zu sehen, und wer will das nicht? Und schwarz-weiß, dann sieht's wenigstens aus, als hätte sich wer was dabei gedacht, womöglich sogar irgendwas Philosophisches, oder so. Da kann man schon mal über den Eisner-Award nachdenken, auch wenn's zum Sieg dann doch nicht reicht.
Schlecht eingeheizt

Ein wenig entmutigt greife ich zu „To Build A Fire“, eine wiederum recht ansehnliche Kurzgeschichte aus der US-Goldgräberzeit. Ein Mann will mit seinem Hund zurück zum Camp. Er hat etwas erkundet, jetzt muss er nur noch zehn Meilen durch den Schnee, bei minus 40 Grad. Die knapp sechzig Seiten ergeben eine angemessen schreckliche Survival-Erzählung, vielleicht auch, weil Chabouté sich hier aufs Illustrieren konzentriert hat: Die Vorlage stammt nämlich von Jack London, der mit der Verarbeitung als Kurzgeschichte auch schon mal die empfohlene Länge angedeutet hat. Beides, das Arbeiten nach Vorlage und die Kürze, tun Chabouté spürbar gut. Aber einen weiteren Versuch mit ihm mag ich, ehrlich gesagt, nicht mehr machen.
Chabouté, Kai Wilksen (Üs.), Ganz allein, Carlsen, nur gebraucht erhältlich, etwa hier.
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- 18. Dez. 2025
Die Outtakes (35): Mit 1 chaotischen Superheldin, 1 Korrektheits-Check und 1 Rilke-Fachfrau, die Rilke nicht erkennt

Zu strukturiert fürs Planlose?
Wie schön: ein Lebenszeichen von Elizabeth Pichs „Fungirl“: Die Spaßschleuder mit Saarbrückener Wurzeln kehrt mit zwei „Abenteuern“ zurück, einerseits in alter Frische, aber auch im erneuerten Gewand. Nach wie vor wird viel masturbiert, lustvoll gefaulenzt und geferkelt, andererseits sind die Episoden rund und abgeschlossen. Ich bin aber nicht sicher, ob die Struktur Fungirl guttut: Gerade das planlose Weitererzählen erhöhte ja den Reiz und die schöne Fassungslosigkeit darüber, wie ein Mensch und/oder gerade eine Frau mit spießigen Träumen (Erfolg, Familie, Respekt) zugleich derart ins Leben hineingammeln, -vögeln und -underperformen kann. Wenn aber Fungirl superheldinnenhaft gegen Sexmaschinen kämpft, hat plötzlich alles eine Form: Erst zeigt man Alltag, dann taucht das Problem auf, Fungirl möst das Problem mit der Löse. Aber ist denn nicht für jemanden wie Fungirl die normale Welt das eigentliche Abenteuer ? Vielleicht hab ich aber auch grad nur wieder einen Anfall von Besserwisserei. Zudem sind die Abenteuer aus dem englischsprachigen Backkatalog, das aktuelle Fungirl erlebt womöglich schon wieder ganz andere Sachen.
Rilkes Reisbreidiät

Okay, Rilke. Bin ich kein Fan von, aber muss ich auch nicht. Für Rilke-Comics gilt wie für jede andere Künstlerbiografie: Die Fans bedienen ist einfach, aber Laien den Künstler zu vermitteln ist der eigentliche Hauptgewinn. Und dabei darf man sich auf die Kunst verlassen oder auf das Leben, beides ist okay. Was also macht Melanie Garanin? Sie schickt die fiktive Journalistin eines Online-Magazins auf Rilke-Recherche nach Worpswede. Die Frau hadert mit ihrem Alter und ist auch sonst recht nörgelig plus in einer Beziehung mit einem blöden Volker. Unterwegs arbeitet sie für uns Rilke auf, exakt chronologisch, franziskabeckeresk illustriert, immer mit eingeflochtenen Rilke-Zitaten, das ist dann der erträgliche Teil. Dabei lernt sie einen charmanten Typen kennen, der – wie sie trotz ihrer Recherche erst auf Seite 93 merkt – genauso aussieht wie Rilke und auch Rilke ist. Fantasie? Wunsch? Realität? Egal, weil ab da unser Rilke sich in einem frauverfassten Mansplaining lang und breit selbst erläutert, was ihn beinahe so interessant macht wie eine Reisbreidiät. Die schlichte Erklärung dahinter: Garanin ist selber Fangirl. Das ist dann natürlich schön für sie.
Betreutes Ghostwriten

Nicht so überzeugend: Im Max-und-Moritz-preisgekrönten Band „Rude Girl“ (2022) startet Birgit Weyhe bei einem Seminar, in dem man ihr kulturelle Aneignung vorwirft. Weyhe ist gekränkt: Sie ist weiß, wuchs aber in Afrika auf. Muss man schwarz sein, um von dort berichten zu dürfen? Also reagiert sie mit einem Projekt: Sie schildert die Jugend der US-Professorin Priscilla Layne. Die hat jamaikanische Wurzeln, ist aber den Weißen zu schwarz, den Schwarzen zu hell. Eigentlich Sprengstoff, weil: Rassismus sogar von seiten sonstiger Opfer kommt. Aber Weyhe erzählt (aus Rücksicht? aus Vorsicht?) alles abschnittsweise, und nach jedem Abschnitt darf die Professorin die Schilderung beurteilen oder richtigstellen. Das ist behutsam gedacht, hat aber vor allem Nachteile. Nicht nur, weil Weyhe sich damit zur betreuten Ghostwriterin degradiert. Sondern auch, weil vor lauter Transparenz der Fokus vor allem darauf liegt, ob Weyhe alles richtig macht. So verschenkt „Rude Girl“ viel Antirassismus-Potential und verzettelt sich in Befindlichkeiten.
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- 3. Aug. 2025
Unverschämt trifft unbedarft: Was klingt wie ein Manga-Klischee wird in den Händen von Mariko Tamaki zum einfühlsamen Coming-of-age-Knüller

Ist das jetzt noch LGBTQIA-Zeug, frage ich mich. Und dass ich mich das frage, finde schon mal sehr gut. Ich bin erneut auf den Spuren des Vorwerks von Mariko Tamaki, diesmal lese ich „Laura Dean und wie sie immer wieder mit mir Schluss macht“, gerate aber anfangs ins Stolpern.
Kein Junge namens Freddy
Ein Junge namens Freddy schreibt aus dem Off an eine Ratgebertante, dass er in ein Mädchen namens Laura Dean verliebt ist, was offenbar sehr schwer ist. Laura Dean ist so eine junge Brünette, und Freddy ist so ein kurzhaariger Blonder, der sich ein bisschen arschmäßig benimmt, warum beklagt er sich denn dann? Und ziemlich schnell wird klar, dass ich da was nicht gecheckt habe: Freddy ist gar nicht der Junge, sondern die Brünette. Und der blonde Arschmäßige ist ebenfalls ein Mädchen, eben jene Laura Dean.

Mein erster Gedanke, logisch, ist: „Warum sagt einem das denn keiner?“ Einfache Antwort: Weil hier jemand einfach mal mit der Lesberei nicht hausieren geht. Wozu auch: Freddys beste Freundin Doodle ist selbst lesbisch, und Heteros reden ja auch nicht dauernd darüber, dass sie hetero sind: Sie wissen's ja.
Ein ziemlicher Arsch

Sofort begreift man hingegen auch dank des Titels, dass Laura Dean ein ziemlicher Arsch ist. Sie benutzt Freddy nach Strich und Faden, lässt sie bei Langeweile als Pausenkasper antanzen und und bei jeder besseren oder mittelmäßigen Gelegenheit sitzen. Und ansonsten sieht sie zu, dass sie dank ihres Schulstar-Faktors möglichst bessere Gesellschaft findet oder mehr Bewunderer um sich schart, oder, oder, oder.
Wo reicht's?
Elegant gewählt ist, dass diese toxische Liebe keiner 30-Jährigen zustößt, sondern einem Mädchen, bei dem noch einige Stofftiere im Zimmer herumkugeln. Dem diese ganze Erotik-Sex-Liebes-Sache neu ist und das richtige Verhalten komplett rätselhaft. Das erst lernen muss: Was muss man eigentlich hinnehmen? Und wo darf’s einem dann auch mal reichen?
Flirtkampf: David gegen Goliath
Vieles an dieser Coming-of-age-Novel ist nicht neu, aber trotzdem rührend und vor allem spannend. Denn Laura Dean ist zwar nicht viel älter, dennoch so haushoch überlegen, dass man sich einfach auf Freddys Seite schlagen muss. Erfreulich ist auch, wie wurscht das Lesbenthema ist, obwohl es doch ständig präsent bleibt.

Liebe ist Liebe ist Liebe, aus, fertig. Mit einer drolligen Ausnahme: Obwohl Freddy und ihre Freundinnen sich schon sehr progressiv fühlen, halten sie zugleich stur daran fest, dass je zwei Leute sehr exklusiv zusammengehören, nicht etwa drei oder acht. Was da wohl die Polyamourösen dazu sagen?
Mariko Tamaki (Text), Rosemary Valero-O’Connell (Zeichnungen), Annette von der Weppen (Üs.), Laura Dean, und wie sie immer wieder mit mir Schluss macht, Carlsen, vergriffen, aber gebraucht günstig verfügbar, etwa hier.
