- 29. März
Die heimlichen Bestseller (I): Daniela Schreiters „Schattenspringer“ macht das Thema Asperger-Autismus zum Mainstream-Erfolg

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Es gibt auch hier Comic-Schlager, aber viele bleiben unterm Radar: Weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat fünf- oder sechsstellig verkauft! Dafür gibt's jetzt eine neue Serie: die heimlichen Bestseller! Wir starten, klar, mit dem erfolgreichsten!
The Queen of Asperger
Die Königin der Secret Seller ist eindeutig Daniela Schreiter. „Schattenspringer“ heißt ihr Erstlingsband. 2015 erschienen, über ein dutzend Mal nachgedruckt, der Verlag bescheinigt Band 1 allein schon mehr als 100.000 verkaufte Exemplare. Und auch, wenn ich von der Qualität nicht wirklich überzeugt bin, muss man anerkennen: Das Produkt ist in kommerzieller Hinsicht nahe an der Perfektion.

„Schattenspringer“ ist ein Graphic Memoir, die studierte Grafikerin Schreiter berichtet von ihrem Leben mit Asperger-Autismus. In einer grellen Cartoon-Optik, vertraut von Glückwunschpostkarten, die ja auch sofort „lustig“ signalisieren müssen. Genauso rasch, fast vorauseilend löst Schreiter dieses Gagversprechen auch ein. Jeder Halbsatz kriegt einen Kleincartoon, der den Text nochmal 1:1 ein- und nachwitzt. Der erklärte Gag ist nicht meine persönliche Lieblingssorte, aber wichtiger ist hier: Schreiter erteilt die Lach-Erlaubnis. Obwohl Schreiter ständig mahnt, das Thema ernstzunehmen.
Halsbrecherischer Schlingerkurs
Das ist ein kleines Kunstwerk für sich. Denn wenn man genauer hinschaut, fährt Schreiter selbst einen halsbrecherischen Schlingerkurs: Autismus ist bei ihr nämlich nicht nur die Hölle, sondern zugleich auch halb so wild. Das geht nicht zusammen? Geht es wohl. So sind einerseits Geräusche, Düfte, Berührungen kaum zu ertragen. Ständig ist man Außenseiter, versteht die anderen nicht, wird abgelehnt, spielt am liebsten allein im verdunkelten Kinderzimmer. Es sei wie ein Gaming-Wettbewerb: Das Normkind daddelt seelenruhig, während der Autist beim selben Spiel dauernd unter Schmerzen abgelenkt wird und hinterher den Spott ertragen muss, weil er schlechter abschneidet. Und so geht es das GANZE LEBEN weiter. Das ist die eine Seite.

Aber immer wieder starten die Bände mit superseriösen Vorworten von launig bloggenden, podcastenden Autisten. In Band zwei schreibt Denise Linke: „Ich mag meinen Autismus.“ Dort weist auch Schreiter selbst einfach mal ihren Autismus an, sich mit ihrem Wunsch nach einem Partner zu arrangieren. Das geht?? Noch überraschender: Sie verrät ihrem Pubertäts-Ich „Die Pubertät … ist nicht das Ende der Welt. Du hast es überlebt. Es ist eine harte Zeit und du wirst vieles an dir und deiner Umgebung hassen. … Du packst das schon.“ Jetzt ist die Hölle also was, das man einfach „schon packt“? Wo’s nicht mehr Trost braucht als bei jedem anderen jungen, pickeligen Menschen? Gottseidank kann und muss ich das nicht beurteilen.
Identifikation leicht gemacht
Beurteilen kann ich aber was anderes: das Einzigartige dieses Produkts. Denn die Betroffenen allein ergeben diese Verkaufszahlen eher nicht. Und weil Schreiter auch kein „Rain Man“ ist, ist die Geschichte auch nicht sooo spannend, es sei denn… man identifiziert sich mit ihr. Sei es als Elternteil, sei es als Erwachsener, für seine Kinder oder sich selbst. Und dazu lädt Schreiter, bewusst oder nicht, geradezu ein.

Klein-Daniela fand kratzige Pullover unerträglich: ich auch. Schreiter erträgt die Konsistenz von Bananen nicht: genau wie ich. Für Schreiter ist die Temperatur des Essens wichtig: ich liebe den Kontrast von heißem Toast und kalter Leberwurst. Schreiter blieb später phasenweise lieber in einer Scheißbeziehung als allein zu sein – Millionen geht es ähnlich. Tatsache ist: Beinahe jedes Kind und jede Jugend lässt sich bei „Schattenspringer“ ohne viel Mühe einpflegen. Man kann auch sagen: die Schnittmengen zur Normalität erscheinen unerwartet groß.
Bordsteinhohe Hürden
Das geht bis zur Diagnose: Die kann man sich erstmal per Internet stellen, Schreiter selbst hat’s ja auch nicht anders gemacht. Ein Arzt hat’s ihr anschließend sofort bestätigt, aber nirgendwo steht, dass es gleich der erstbeste Arzt genauso sehen muss wie das Internet. Schreiter beklagt die Abwertung von Asperger/Autismus als „Modekrankheit“, aber zur Wahrheit gehört auch: die Hürden fürs „Dazugehören“ sind bei ihr allenfalls bordsteinhoch. Die Belohnung hingegen ist extrem verlockend.

Richtig gelesen: Belohnung. Denn ein gutes Produkt braucht ein gutes Versprechen. Es steht in Band 2 auf Seite 155 und heißt: „Nicht schuld!“ Für Schreiter war das die ehrliche Erlösung: Nach Jahrzehnten des Rätselns zeigte sich, dass viele ihrer Probleme nicht in ihr wurzelten, sondern im Asperger. Aaaber „nicht schuld“ – wer wäre das nicht gern? Gerade heute?
Wenn alles von Tiktok ablenkt
In einer Welt, in der sich alle permanent vergleichen, finden sich alle Leute irgendwann in der unteren Tabellenhälfte. Wenn das Kind heikel ist, sich langsamer entwickelt. Wenn andere Leute gemein sind. Wenn einen jede Nachricht von Insta oder Whatsapp, jede SMS davon ablenkt, sich auf Tiktok zu konzentrieren? Wäre es da nicht schön, „nicht schuld“ zu sein? Weil sich so die Option bietet, am komplexen Leben weder etwas ändern zu können noch überhaupt zu müssen?

Man darf unterstellen: So hat Schreiter das nie konzipiert. Dennoch eignet sich das Produkt dazu hervorragend. Was auch erklären könnte, warum das „Schattenspringer“-Universum so expandiert. Die Kinderbuchreihe „Lisa und Lio“ ist dazugekommen und der Cartoon-Band „Herzlichen Glückwunsch, es ist Autismus“. Alle ähnlich gefällig, ähnlich anschlussfähig, aber inhaltlich auch ein wenig redundant. Was aber, durchaus ernst gemeint, Schreiter zur idealen Autorin eines ähnlichen, doch ganz anderen Produkts machen würde: Eines Leitfadens, wie man diese ausufernde, besitzergreifende Streaming-online-dingdong-Welt wieder zähmt und beherrschbar macht. Explizit für Nicht-Autisten. Von der Frau, die genau das schon ihr ganzes Leben praktizieren muss.
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- 15. März
Berührende Trostlosigkeit: Craig Thompsons „Blankets“ gewährt Einblicke in die christlich-fundamentalistischen Ecken der USA

Es ist ein ziemlicher Brocken. Was nicht heißt, dass ich „Blankets“ schlecht finde, im Gegenteil. Aber: Wer ständig unter dem „Graphic-Novel“-Begriff auf einen dicken, gediegenen, epischen, ernsthaften Comic hofft, sowas wie „Krieg und Frieden“ mit Sprechblasen, der könnte mit diesem 2003 erstmals erschienenen Klassiker richtig glücklich werden. Und ich bin davon viel überzeugter als von Craig Thompsons zuletzt erschienenen „Ginsengwurzeln“.
Bruderkrieg im Bett
Was daran liegt, dass sich in „Blankets“ Thompson zwar auch mit seiner Geschichte befasst, aber konzentrierter, schlüssiger, berührender. Und die Geschichte ist zweifellos scheußlich-gut: Thompson wächst mit seinem jüngeren Bruder im ländlichen Wisconsin auf. Seine Familie ist arm, sie lebt in einem heruntergekommenen Haus, und die Brüder müssen sich ein Bett teilen, das im Sommer brüllheiß, im Winter bitterkalt ist. In der Schule ist Craig, der weder Markenhosen noch sonstwas Schickes kennt, ständig der Außenseiter. Aber nicht nur einfach, sondern gleich doppelt.

Denn seine Eltern sind ultrareligiös und erziehen ihre Kinder auch so. Das ist letztlich der Knackpunkt. Denn: Es gibt ja auch Geschichten von armen Kindern, die recht glücklich aufwachsen. Doch es ist diese erdrückende, allgegenwärtige Religion, die Craig in permanenter Unsicherheit hält. Die Jungs leben nicht nur in ständiger Angst Fehler zu machen, sondern Sünden zu begehen. Und das Leben hier dauert nur ein Fingerschnippen, wohingegen die Hölle EWIG lodert. Derart verkorkst wird man in der Schule zum idealen Mobbingopfer.
Hackordnung im Christencamp
Perfiderweise ist das unter Christen nicht anders: Auch in christlichen Feriencamps, lernt Craig, gibt’s statt brüderlicher Liebe stinknormale Hackordnungen, angeführt von den beliebten Kids. Und Gott hält sich fein raus. Obwohl: Craig findet ausgerechnet hier sein Erweckungserlebnis, die wunderschöne Raina. Die er dann im Winter zwei Wochen lang besuchen darf. Eigentlich ist schon das ein richtiges Wunder.

Denn nicht nur seine Eltern erlauben es. Auch Rainas Eltern, die gleichfalls Christen sind, allerdings grade in einer Scheidung begriffen. Die Ehe ist am Hund, vielleicht auch, weil sie – um Gott für ihre zwei gesunden Töchter zu danken – beschlossen, gleich zwei behinderte Kinder auf einmal zu adoptieren. Vati ist verzweifelt, Mutti schluckt Pillen – Raina ist erstaunlich belastbar geblieben und führt, durch die Betreuung ihrer Halbgeschwister gestählt, den leicht tranigen Craig ein wenig mehr in die reale Welt ein. Es wird viel geredet, auch geknutscht und sogar einmal recht ernsthaft gefummelt.
Die Unmöglichkeit, sich zu verzeihen
Wie’s weitergeht? Sag ich nicht, aber es ist dringend lesenswert. Denn der grüblerische Craig nervt einerseits so sehr wie er andererseits rührt. Und man lernt etwas mehr über diese stockkonservativen Kreise in den USA, die behaupten, die Erde sei 6000 Jahre alt, praktisch frisch gemacht vom lieben Gott. Der uns zwar das Untenrum geschenkt hat, aber nicht will, dass wir hinfassen oder hinschauen oder drüber reden. Mehr über diese allgegenwärtige Verlogenheit und Selbsttäuschung, von der man kaum mehr loskommt. Denn obwohl es Thompson schafft, sich von den Extremisten zu lösen, es bleiben Macken. Dieses permanente Niedergedrücktsein von einer unglaublichen Schuld wegen – irgendwas. Diese Unmöglichkeit, sich selbst zu verzeihen. Diese tiefe Überzeugung, nicht liebenswert zu sein, allenfalls tragbar, und auch das nur bei Erreichen der Vollkommenheit. DAS hat Gott sicher nicht gewollt.
Craig Thompson, Claudia Fliege (Üs.), Blankets, Reprodukt, 39 Euro
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- 18. Jan.
Witzig, spannend, klug durchdacht: Wie Benjamin Flao rund um einen kleinen Jungen ein perfektes Kenia-Abenteuer strickt

Kürzlich habe ich hier von Benjamin Flaos „Auf dem Wasser“ geschwärmt. Das Schöne: Stöbert man in Flaos Vergangenheit, findet man sogar etwas noch Besseres: die Zwei-Band-Angelegenheit „Kililana Song“. Die obendrein im immer mehr herumdüsternden Winter besonders lesenswert ist, weil sie im sonnigen Kenia spielt. Jajaja, sofort der Gedanke: „sonniges Kenia“ – darf man denn so touristisch-sorglos...? Eins nach dem anderen, erst mal: Worum geht’s?
Schulschwänzer als Fremdenführer
Flao hat in Kenia und Eritrea einige Zeit verbracht. Seine Beobachtungen und Unterhaltungen hat er zu einer charmanten Erzählung verrührt. Und wie er das macht, ist immer wieder so gekonnt, dass man sich die Augen reibt.

Drei Szenen leiten die Story ein. A) Ein Schiff bleibt nachts mit Maschinenschaden vor Kenia liegen. Als die Cops nachfragen, wirft der Kapitän rasch Schmuggelgut über Bord. B) Ein Einsiedler wacht in seiner Hütte auf und fährt mit einem Boot weg. C) Die Hauptfigur, der kleine Naim, drückt sich vor der Koranschule und flitzt seinem religiösen Bruder Hassan davon. Jede Szene zeigt Flao in Topform.

Das Schiff: bei Nacht im Mondlicht, großartiges Meer. Die Dialoge des Kapitäns: schnell, rüde, knapp, zynisch – nicht zuletzt lustig. Der Einsiedler: Still, geweckt von einem Huhn, das in seine Hütte gackert, augenzwinkernd, aber nicht spöttisch, in großzügigen Panels. Und Naims Flucht: mitreißend, zugleich illustriert sie für den Leser Naims kleines Heimatdorf, und seine knappen, frechen Gedanken machen den Zehnjährigen mit der Strickmütze sofort sympathisch.
Arm, aber nicht elend
Wir bleiben zunächst bei Naim. Wir sehen, wie er sein weniges Geld verdient, wen er im Ort trifft. Das erinnert in seiner Beiläufigkeit an „Aya aus Youpogon“. Flao spitzt die Handlung kaum zu, weil er weiß, dass diese Welt für sich interessant genug ist. Welche Drogen man nimmt, wie Naim bei seiner Tante wohnt, was man isst, die Boote im kleinen Hafen, die Touristen, alles wird zur Story, die sich um Naim rankt. Der arm ist, aber nicht im Elend lebt, der auch Spaß hat, wenn er Brettspielern im Café auf den Kopf spuckt.

Eine frische, immer leicht ironisch gebrochene Geschichte, bei der man erst gar nicht merkt, was für eine Rarität sie ist: Kürzlich hat ja Comic-Historiker Alexander Braun in Ausstellung und Katalog bei den Black Comics festgestellt, dass es garnicht sooo viel aus rein schwarzer Perspektive oder mit schwarzen Protagonisten gibt. Und hier: eine aufgeweckte, rasante Erzählung, unbefangen und deutlich unblutiger als Matthias Schultheiss’ „Haie von Lagos“. Darf man das, als Weißer?
Mehr als eine Exotik-Schote?
Verboten ist es nicht. Die bessere Frage wäre vielleicht: Macht Flao mehr draus als eine Exotik-Schote wie das „Traumschiff“? Touristisiert er sich die (real existierende) Öko-Idylle Lamu so zurecht wie deutsche TV-Krimis Istanbul, wo Zuschauer inzwischen verhaftete Oberbürgermeister ausblenden müssen? Antwort: nein. Allerdings zieht er erst in Teil Zwei die dramatischen, politischen Schrauben so richtig an.

Gewalt, Korruption, der Ausverkauf des Landes an China und überhaupt jede Art von Investor, hier spielt die spannende Kinderstory definitiv nicht mehr auf einer Insel der Seligen. Nicht im Vortragsmodus, sondern mit harter Action, scharfen Dialogen und weiterhin extrem bildgewaltig. Höhepunkt: Eine der besten Schiff-im-Sturm-Sequenzen, die ich je gesehen habe, da tastet man aufm Sofa nach dem Rettungsring...
Comic-Granate für den Baumpapst
Kleiner Fun-Fact zum Schluss: Beide Titel, „Auf dem Wasser“ und „Kililana Song“ sind vermutlich nicht Flaos deutsche Topseller. 2023 kamen die Franzosen auf die Idee, den Wald-und-Welt-Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“* vom deutschen Baumpapst Peter Wohlleben zum Comic umzufunktionieren. Das hat er tadellos gemacht, der Titel erschien auch auf Deutsch, aber ich nehme an: kaum jemand (inklusive mir) hat gemerkt, welche Comic-Granate sie da für den Baumpeter organisiert haben!
* Der Korrektheit halber: Den Wohlleben-Comic hat die Frau übersetzt, die mit mir in der Wohnung wohnt.

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