- vor 4 Tagen
Frech, frisch und unverschämt sympathisch: Özge Samancis Deutschland-Debüt „In den trüben Gewässern Istanbuls“

Ein Comic, der sofort sympathisch ist. Und das, obwohl die Autorin kaum Comic-Erfahrung hat, schon gar nicht auf der längeren Graphic Novel-Strecke: Özge Samanci heißt sie und ist gebürtige Türkin. Anfängerin also, könnte man meinen, aber ihr Comic „In den trüben Gewässern Istanbuls“ hat nichts Anfängerhaftes, abgesehen von einer geradezu bezaubernd-enthusiastischen Leichtigkeit. Die auch deshalb überrascht, weil Samanci kein schweres Thema auslässt.
Leichtigkeit trotz schwerer Themen
Ein Porträt der Türkei in den 90ern steckt drin. Die Schwierigkeiten von Frauen im männerdominierten Land auch. Dazu Armut, Korruption, Politik und – weil’s ja noch nicht reicht – Tauchen. Aber Samanci ist, obwohl Comic-Neuling, im Kunstgeschäft sehr wohl erfahren. Vor etwa 20 Jahren siedelte sie von Izmir in die USA über, dort ist die Anfang-Fünfzigerin inzwischen Dozentin der Northwestern University und weiß, wie man Aufmerksamkeit weckt.

Etwa mit ungewöhnlichen Landkarten im Vorsatz: ein Mittelmeer aus blauem Klebeband in einer sandfarbenen Küste. Das ist hübsch, funktioniert und zeigt sofort: Hier arbeitet jemand attraktiv, unkonventionell. Oder mit ein bisschen Ekel: Die Geschichte beginnt in einem Wohnheim für Studentinnen in Istanbul. Chaotisch, schmuddlig, aber aufgeweckt und frech. Wie sich Samancis Alter Ego Ece vom oberen Stockbett zur ihrer Freundin Meltem hinunterhängen lässt, gibt sofort den Ton an: Anstrengend, aber funny. Und vor allem: Jenseits der polierten Sehgewohnheiten einer „Mordkommission Istanbul“.
Sieben Frauen und ein „Wischmopp“

Acht Frauen auf engstem Raum, jede hört jedes Geräusch, kein Wunder, dass Ece, die von Männern meist als „Wischmopp“ etikettiert wird, und die stewardessenhübsche Meltem gern dorthin fliehen, wo man mit Sicherheit seine Ruhe hat: In den Duschraum, der immer leer ist, weil’s fast nie Wasser gibt. Und mitten in diese leicht schimmlige Unbehaglichkeit pflanzt Samanci dann ihr Sympathierezept: Ece und Meltem jammern nicht, sie finden Lösungen.
Die Thrillerzutat
Wie beim Tauchen. Als Frauen ist das für sie kaum möglich, jedenfalls nicht allein. Meltems Freund muss immer dabei sein und sowas wie den weisen Lehrer geben, damit die Männer drumherum nicht protestieren. Und beim Tauchen (Samancis eigenes Hobby) platziert sie auch die Thrillerzutat: Über den Mädchen versinkt plötzlich ein Auto im Meer, in dem eine junge Frau sitzt.

Samanci inszeniert das so simpel wie brillant, mit den strahlenden Scheinwerfern unter Wasser, den verzweifelten Versuchen der Studentinnen, den Wagen zu öffnen und zum Schluss der Bergung des Opfers, natürlich zu spät. Und ebenso natürlich versuchen die beiden NICHT, den Fall zu lösen, sondern sie werden hineingezogen: Weil einer der Hauptverdächtigen plötzlich zwei Taucherinnen braucht, die schweigen können.
Zeichnerische Defizite geschickt repariert
Mehr brauch ich nicht zu sagen, wenn Sie bis hierhin gekommen sind, lesen Sie sowieso weiter. Ich mache aber gern auf diese aufgezeichnete Lesung aufmerksam. Denn Samanci kommt eher von der Installationskunst. Ihr zeichnerisches Können genügte ihr für Cartoons, aber in einer Graphic Novel will sie mehr. Wie sie ihre Defizite ausbügelt (Hände, Räume), Hintergründe sammelt, Szenen erst spielt und fotografiert, dann abzeichnet, das ist ausgesprochen lustig zu sehen und ermutigt alle, die ebenfalls mit ihrem Zeichenniveau hadern.

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- 22. Feb.
Lernen, ohne dass man's merkt: Wie Lewis Trondheims Spionage-Komödie „Green Witch Village“ uns den US-Zeitungscomic unterjubelt

Hoppla, das mag ich: Wenn man was so genießt, dass man gar nicht mitbekommt, wie man insgeheim was lernt. Ich gebe zu, nichts Weltbewegendes wie eine Fremdsprache oder höhere Mathematik, aber ein bisschen Kulturgeschichte. Und, wie gesagt: Sie spüren's ja eh kaum, weil der Comic so unterhaltsam ist. Er heißt „Green Witch Village“, und dahinter stecken Zeichner Franck Biancarelli und die Szenario-Schleuder Lewis Trondheim.
2026 war gestern
Das Wichtigste bei sowas ist natürlich nicht was man lernt, sondern: Dass es vom Start weg funktioniert. Trondheim braucht eine halbe Seite, dann sind wir drin: Die junge Tabatha Sands erwacht 1959 in ihrer New Yorker WG aus einer Ohnmacht. Was deshalb problematisch ist, weil sie vor ihrer Ohnmacht anders hieß, anders aussah und im Jahr 2026 lebte.

Eine klassische Geschichte aus dem Bodyswitch-Genre also, die in den Händen des Vollprofis Trondheim sofort anzieht, weil die Hauptfigur natürlich gar keine Zeit hat, das Rätsel zu lösen – sie muss sich ja in der neuen alten Welt zurechtfinden. Schön für uns, sogar doppelt.
Stadtansichten zum Versinken
Denn optisch kann sich der Zeichner hier im New York der End-50er austoben, mit Klamotten, Autos, Stadtansichten zum Versinken. Und auch die Einstellungen der 50er zu Frauen, Schwarzen, dem Leben allgemein lassen sich szenaristisch prima nutzen. Zumal Tabathas Freundinnen Schauspielerinnen werden wollen, also haben wir das Kinogeschäft, schmierige Film-Agenten, ungehemmte Debatten über die ideale Busengröße, lauter Sachen, die heute gar nicht mehr gehen.

Bzw. Sachen, zu denen man extra gehen muss, wie das Telefon, das es nur mit Kabel gibt. Weil das alles aber noch etwas zu wenig ist, rührt Trondheim noch einen Spionage-Plot mit Atombomben-Brisanz dazu, denn wir sind ja im Kalten Krieg. Aber keine Angst, kompliziert wird’s nicht.
Freche Klappe statt Frauenrechte
Tabatha ist eine Trondheim-Frau. Ihr fehlt das Großspurige seiner Männer, dafür hat sie Underdog-Mumm und eine freche Klappe. Sie lässt sich nichts bieten, und wenn ihr die Frauenrechte noch nicht helfen, lässt sie sich eben selbst was einfallen. Was auch erklärt, warum sie das Ganze immer nur halbernst zu nehmen scheint: Eigentlich, denkt sie, kann nichts passieren, weil sie ja irgendwie 2026 noch leben muss. Und dieser ganz leichte Unernst stützt das komplette Abenteuer. Aaaaber… was haben wir denn jetzt gelernt?

Als Comic-Routinier ahnt man es vielleicht etwas rascher. Tabatha sieht ein bisschen aus wie Audrey Hepburn und die Comic-Ganovin Modesty Blaise. Und wie bei der schwarz-weißen Modesty ist die Großstadt, sind die 60er allgegenwärtig, nur eben diesmal in Farbe. Die Panels sind geradezu berechenbar schematisch, als hätte man nur einen bestimmten Platz zur Verfügung, das alles kennt man doch von… na?
Geheime Spielregeln
Genau: Trondheim/Biancarelli liefern hier eine Hommage an den US-Zeitungscomic der 50er, 60er. Die täglichen Fortsetzungen reichten für eine Zeile mit drei gleich großen Panels, am Wochenende stand eine halbe Seite zur Verfügung. Man musste den Faden aufnehmen, die Handlung weiterführen und einen Cliffhanger liefern, damit die Kundschaft morgen weiterlesen wollte. Diese Spielregeln führen uns die beiden ganz nebenbei vor.
Jaaa, ich sag ja: Sie lernen keine Fremdsprache, keine höhere Mathematik. Aber nach dem Lesen wissen Sie’s. Und wenn’s Ihnen wurscht ist, sah’s trotzdem gut aus, war spannend und ziemlich witzig. Kann man mehr verlangen?
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- 25. Dez. 2025
Wunderlicher Jubel um einen Multikulti-Krimi: In „Emma und Amir“ verliebt sich eine Berlinerin in ihren muslimischen Kidnapper

Sorry, dass ich so ins Fest reingrätsche, aber vielleicht brauchen Sie ja vor lauter Weihnachtsfrieden etwas Zunderzoff? Da hätt ich was: Derzeit sorgt ein Comic für erstaunliche Begeisterung in der Fachwelt und für nachhaltige Verwunderung – bei mir. Der Comic heißt „Emma und Amir“ und stammt von Bianca Schaalburg, die durch ein Aufenthaltsstipendium auf Kosten des Berliner Senats mehrere Monate in Paris war. Was an sich okay ist.
Berliner Schnauze und Baguette
Aufenthaltsstipendien sind schöner sind als hohe Hotelrechnungen. Und möglicherweise liefert Frau Schaalburg deshalb, was höfliche Stipendiaten öfter liefern: eine nette Geschichte, in der sich die Gastgeber-Orte vorteilhaft wiederfinden. Mit prominenten Ecken, Berliner Schnauze, Currywurst, Baguette, allet klar? In einem launig-aufgekratzten Plot rund um die junge Berlinerin Emma und den Iraker Amir. So weit, so noch immer okay.

Was passiert nun? Emma und Amir begegnen sich, als Amir nach einem islamistischen Anschlag unschuldig ins Radar der Berliner Polizei gerät und Emma als Geisel nimmt. Daraufhin verliebt sich Emma in ihn, dann werden sie ein Liebesteam und fahren nach Paris und – Moment: Schreibe ich das gerade wirklich?
Moralisches Schleudertrauma
Ich meine: Amir nimmt sofort eine Geisel? Wieso? Würd' ich nicht machen, Sie auch nicht. Weil Iraker eben so sind? Iraker imma: Haste Ärger, nimmste Geisel? Echt jetzt? Der feuchte Traum von Alice Weidel und dem Dobrindvieh? Und warum sollte sich Emma in ihn verlieben? Weil er so herrlich ungeschickt ist? Weil Berlinerinnen Geiselnehmer ungefährlich und süß finden? Weil die Bedrohung (Weihnachtsmärkte etc.) zwar real ist, aber man nicht immer alles so ernst nehmen soll? Und überhaupt: Bedeutet „Nein“ jetzt plötzlich doch manchmal „Ja“? Nimm mich, du schnuckliger Geiselnehmer, fahr mit mir nach Paris! Ja, dorthin, wo sie mit islamistischen Attentaten ja besonders lustige Erfahrungen gemacht haben?!?

Man kann’s nicht anders sagen: Dieses moralische Schleudertrauma hat, nüchtern betrachtet, alle Zutaten für einen Shitstorm, Kategorie: Hurricane Katrina. Aber was passiert? Deutschlandfunk, Arte, der NDR und Alfonz kriegen sich vor Glück nicht mehr ein. Die „Tagesspiegel“-Experten setzten ihn auf Platz fünf der besten Comics des Quartals. Keine Frauengruppe protestiert, auch kein Integrationsbeauftragter, keine Geschmackspolizei.
WOTzeFACK?!?!
Shitstorm-Potenzial meets Kritikerglück
Wenn Sie eine Erklärung dafür möchten, vermute ich mal Folgendes: Alle Beteiligten sind überzeugt, dass Frau Schaalburg irgendwie lieb ist und auf der richtigen Seite steht (was wohl stimmt). Und weil alle eine multikulturelle Versöhnungsgeschichte herbeisehnen, nimmt keiner mehr zur Kenntnis, dass Schaalburg diese (durchaus wünschenswerte) Geschichte überhaupt nicht liefert. Sondern ideenreich gezeichneten Zuckerquatsch, so gut gemeint wie eilig verkleistert. Nein, das ist kein Riesenskandal. Aber man staunt manchmal schon, worüber die Branche so jubelt.
