- 25. Dez. 2025
Wunderlicher Jubel um einen Multikulti-Krimi: In „Emma und Amir“ verliebt sich eine Berlinerin in ihren muslimischen Kidnapper

Sorry, dass ich so ins Fest reingrätsche, aber vielleicht brauchen Sie ja vor lauter Weihnachtsfrieden etwas Zunderzoff? Da hätt ich was: Derzeit sorgt ein Comic für erstaunliche Begeisterung in der Fachwelt und für nachhaltige Verwunderung – bei mir. Der Comic heißt „Emma und Amir“ und stammt von Bianca Schaalburg, die durch ein Aufenthaltsstipendium auf Kosten des Berliner Senats mehrere Monate in Paris war. Was an sich okay ist.
Berliner Schnauze und Baguette
Aufenthaltsstipendien sind schöner sind als hohe Hotelrechnungen. Und möglicherweise liefert Frau Schaalburg deshalb, was höfliche Stipendiaten öfter liefern: eine nette Geschichte, in der sich die Gastgeber-Orte vorteilhaft wiederfinden. Mit prominenten Ecken, Berliner Schnauze, Currywurst, Baguette, allet klar? In einem launig-aufgekratzten Plot rund um die junge Berlinerin Emma und den Iraker Amir. So weit, so noch immer okay.

Was passiert nun? Emma und Amir begegnen sich, als Amir nach einem islamistischen Anschlag unschuldig ins Radar der Berliner Polizei gerät und Emma als Geisel nimmt. Daraufhin verliebt sich Emma in ihn, dann werden sie ein Liebesteam und fahren nach Paris und – Moment: Schreibe ich das gerade wirklich?
Moralisches Schleudertrauma
Ich meine: Amir nimmt sofort eine Geisel? Wieso? Würd' ich nicht machen, Sie auch nicht. Weil Iraker eben so sind? Iraker imma: Haste Ärger, nimmste Geisel? Echt jetzt? Der feuchte Traum von Alice Weidel und dem Dobrindvieh? Und warum sollte sich Emma in ihn verlieben? Weil er so herrlich ungeschickt ist? Weil Berlinerinnen Geiselnehmer ungefährlich und süß finden? Weil die Bedrohung (Weihnachtsmärkte etc.) zwar real ist, aber man nicht immer alles so ernst nehmen soll? Und überhaupt: Bedeutet „Nein“ jetzt plötzlich doch manchmal „Ja“? Nimm mich, du schnuckliger Geiselnehmer, fahr mit mir nach Paris! Ja, dorthin, wo sie mit islamistischen Attentaten ja besonders lustige Erfahrungen gemacht haben?!?

Man kann’s nicht anders sagen: Dieses moralische Schleudertrauma hat, nüchtern betrachtet, alle Zutaten für einen Shitstorm, Kategorie: Hurricane Katrina. Aber was passiert? Deutschlandfunk, Arte, der NDR und Alfonz kriegen sich vor Glück nicht mehr ein. Die „Tagesspiegel“-Experten setzten ihn auf Platz fünf der besten Comics des Quartals. Keine Frauengruppe protestiert, auch kein Integrationsbeauftragter, keine Geschmackspolizei.
WOTzeFACK?!?!
Shitstorm-Potenzial meets Kritikerglück
Wenn Sie eine Erklärung dafür möchten, vermute ich mal Folgendes: Alle Beteiligten sind überzeugt, dass Frau Schaalburg irgendwie lieb ist und auf der richtigen Seite steht (was wohl stimmt). Und weil alle eine multikulturelle Versöhnungsgeschichte herbeisehnen, nimmt keiner mehr zur Kenntnis, dass Schaalburg diese (durchaus wünschenswerte) Geschichte überhaupt nicht liefert. Sondern ideenreich gezeichneten Zuckerquatsch, so gut gemeint wie eilig verkleistert. Nein, das ist kein Riesenskandal. Aber man staunt manchmal schon, worüber die Branche so jubelt.
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- 21. Dez. 2025
5 Mangas in 5 Minuten (Finale): Mit 1 Messer im Kopf, 1 Gruselklinik, 1 Dreier, 1 Grünstich und Kuchen statt Brot

Die Rache des Opfers
Zwiespältig, aber eigen: In „Pumpkin Night“ bricht ein einst gemobbtes Mädchen aus der Psychiatrie aus und tötet – maskiert mit einem Kürbiskopf – die früheren Mitschüler. Kritisieren kann man daran allerhand: Die Konstruktion ist etwas hölzern (wie auch die Zeichnungen), das Mobbing etwas platt (wg. Sprachfehler, Fröhlichkeit). Und die Rachemorde sind irrsinnig detailliert dargestellt, da fahren Messer durchs Auge ins Hirn, da wächst kein Gras mehr. Trotzdem: die Erzählung ist cleverer als erwartet. Die Rückblenden geben den Grausamkeiten der Mobber genauso viel Raum wie dem Opfer/Monster selbst. Und man kann sagen, dass dadurch in den besten Momenten die Gewaltexzesse von heute auch die Tiefe der Verletzungen, die Häme der Mobber von einst illustrieren, die dem Mädchen etwa Knallfrösche in die Kürbismaske stopften. Schade ist, dass die Rechnung nicht durchgehend aufgeht. Aber um mit dem Weisen Jim Steinman zu sprechen: Two out of three ain’t bad.
5000 Liegestütze

Ganz so leicht ist es eben doch nicht: Man nehme superviel Gewalt, solide Horroroptik, bizarre Dystopie und eine Prise Wehleidigkeit, stecke alles in einen Sack und prügle darauf ein, raus kommt – „Lili-Men“. Auf Seite 1 werden schon arg verhungerte Gestalten in einer Klinik aus Schläuchen ernährt. Regelmäßig untersuchen Krankenschwestern sie auf ihre „Gesellschaftstauglichkeit“. Alle entwickeln Superkräfte und werden als tauglich entlassen, nur nicht Nito, obwohl er täglich 500mal liegestützt. „Was soll ich denn noch tun?“, fragt er, Antwort: „Mach 5000 Liegestütze.“ Machte er eben 5000. Hilft auch nix. Heulheul, ich habe gehört, außen gibt es Brot und Katzen zum Streicheln. Das wird auch so erzählt, pitsch-patsch-knall-auf-fall, jetzt geh ich in den Keller, huch, da sind die Entlassenen ganz spinnenmäßig eingewebt, und die Krankenschwester ist ein spooky Alien und jetzt hat Nito auch Superkräfte (warum? egal), dann wird Nito zerhackt und lebt aber weiter. Unfreiwillig komisch, ja, aber alles andere als lustig.
Drei sind einer zuviel

Lust auf eine hübsche Harmlosigkeit? Das tut ja manchmal ganz gut. Hier empfiehlt sich Shinoas „There Is No Love Wishing Upon A Star“. Ein sehr zart gezeichnetes, extrem mildes Drama, wo drei einer zuviel sind. Wir haben zwei Mädels und einen Buben, Mädel 1 liebt Mädel 2, aber Mädel 2 hat sich dazu entschlossen, mit Bubi zu gehen. Und dann kriegt das Mädel 1 mit, und will nicht im Wege stehen, aber alle drei mögen sich so gern und keiner will niemand wehtun und achgottachgott. Es wirft mich nicht wirklich vom Sitz, aber es sieht recht nett und zart aus und Mangas haben derlei schon viiiel, viiiel furchtbarer verwurstet. Wie gesagt: eine hübsche Harmlosigkeit.
Grün-dlichkeit

„The guy she was interested in wasn’t a guy at all“ ist trotz der innovativen Ergänzungsfarbe grün eine erzählerische Abrissbirne. Der Titel sagt, worum’s geht, alle die nicht englisch können, kriegen ihn innen übersetzt, die nicht vorhandene Pointe wird auf Seite 14 dreifach grün-dlich erklärt. Naja. Irgendwann ist der Gag dann tatsächlich durch, wird auch nicht mehr gebraucht, es kommt das übliche „huch, was denkt sie?“ und „hach, wieso nicht?“ Wohlgemerkt: Es gibt Mangas, die winzige Details unglaublich spannend zelebrieren und dehnen – der hier ist das gezeichnete Äquivalent zu einer Unterhaltung mit einer stocktauben Großmutter. Und wird mir dann auch noch Bon Jovis Radiorotz als ausgesuchter Alternative Rock untergejubelt, dann juckt mich „the guy she was interested in“ überhaupt not more. Und fliegt trotz aller gezeichneter Niedlichkeit in the green Tonne.
Sparsamer Klassiker

Ein Klassiker, wenn ich’s recht sehe: In den 70ern startete Riyoko Ikeda ihren Manga „Lady Oscar – Die Rose von Versailles“. Wir sind am Hof König Ludwigs XV., es trifft die junge, schöne, wilde Marie Antoinette aus Österreich ein und heiratet den Kronprinzen, später wird sie dann der Bevölkerung Kuchen als Brotersatz vorschlagen. Soweit sind wir hier nicht, Ikeda nutzt die Ankunft als munteren Intrigantenstadel im Märchenschloss, mit der Mätresse DuBarry als Gegenspielerin und der Titelheldin, einer rätselhaften schönen Gardeoffizierin, als Dreingabe. Eine Freude ist’s trotzdem nur bedingt. Die Optik altert nicht gut, die Zeichnungen sind sparsam und Ideen sind rar: Im Wesentlich hält jeder, der was sagt, halt dazu sein Gesicht ins Panel. Dann wird alles so breit erklärt und verdeutlicht, dass man neben dem Mangalesen eigentlich auch noch was anderes machen kann, ohne viel zu verpassen. Wie Bügeln, Fernsehen oder einen anderen Manga lesen.
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- 14. Dez. 2025
Schlimmer Titel, reißerisch aufgemacht: „Auf den Hund gekommen“ wirkt wie eine Comic-Katastrophe – und entpuppt sich als Krimi-Perle

Das Cover lässt Übles fürchten: Niedlicher Hund schaut mitleiderregend, dazu eine Automatikpistole und Blutspritzer. Was immer man sich da zusammenreimt, gut wird's nicht. Billige Angstmache um den armen Hund? Und wenn nicht, ist es Comedy? Killer mit Hund, sowas in der Art? Aber das klingt dann so plakativ-platt, mangamäßig, Schwertkämpfer mit Goldfisch, Halunke mit Hamster. Und dann noch der Spaßtitel: „Auf den Hund gekommen“! Hilfe!
Doch: weit gefehlt.
Einmal nach Schema F, zweimal dagegen

Los geht es ins Schema passend: mit einem Mord. Der Täter ist eine Dame um die 60, die im Renault R 5 auf ihr Opfer wartet. Sie hat ihren Hund dabei, arbeitet eiskalt, blitzschnell und mit einer Schalldämpferpistole – sie macht sie sowas scheint's öfter, vielleicht sogar beruflich. Ungewöhnlich ist, dass sie nicht nur das Opfer tötet, sondern auch dessen Dackel. Das kommt in diesem Genre nicht so oft vor. Und dann wird es gleich zweifach interessant.
Außer Kontrolle
Der ermittelnde, selbst nicht mehr junge Kommissar besucht seinen Vater, der offenbar in die Senilität abgleitet, und dessen Pflegerin. Hatten wir noch nicht so oft. Und wir erfahren: die Hundekillerin war auf eigene Faust tätig, sie ist also Teil einer Organisation – und irgendwie außer Kontrolle. Besonders schön: Wir erfahren all das mit wenig Geschwafel. Denn weil Bild und Text so gut ineinander greifen, klingen die Protagonisten nicht wie Fernsehkommissare, sondern können und dürfen reden wie normale Menschen.
Kill your darlings gründlich
Ab da zieht Lemaitre die Schrauben richtig gut an. Ich will auf keinen Fall zuviel verraten, aber es wird a) brutal und b) hat Lemaitre überhaupt kein Problem, Leute zu opfern, die man als Leser eigentlich für unverzichtbar hält. Was c) bedeutet, dass die Handlung (wenigstens für mich) richtig, richtig überraschend ist.

Dazu kommt überdurchschnittliches Artwork von Dominique Monféry: Keine gefällige Standardware, sondern etwas ruppiger, grober. Kombiniert mit sehr filmischen Einstellungen, Close-Ups, Draufsicht von der Zimmerdecke, Zoom aufs Detail, eine Prise Witz, nur eine ganz kleine, weil das hier eben nicht noch zur xten ach so schwarzen Komödie abgleiten soll. Szenarist Lemaitre hat sich ja auch nicht den blödsinnigen Titel ausgedacht: das Original heißt „Le serpent majuscule“, deutsch ganz grob „die große Schlange“, Hundeanteil null. Aber was soll's, Titel, Schmitel: Das hier ist eine echte, rundum gelungene Überraschung, ein richtiges Krimi-Juwel.

