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Die heimlichen Bestseller (IV): Jiro Taniguchis Krimi „Die Stadt und das Mädchen“ zeigt düstere Einblicke in Japans Teenie-Prostitution

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Alle Taniguchis in einem Topf
Jiro Taniguchis „Die Stadt und das Mädchen“ ist eine gute Gelegenheit. Nicht zuletzt für mich selber. Weil Taniguchi (1947-2017) zwar einer der ganz großen Namen ist, die sich weit über den Mangabereich hinausgezeichnet haben. Aber ich hab mit ihm noch nie viel anfangen können und stattdessen alle Taniguchis in einen Topf geschmissen. Ein Fehler, wie die „Die Stadt und das Mädchen“ zeigt, von der inzwischen die vierte Auflage verkauft wird.

Im Grunde handelt es sich hier um einen Krimi. Kein Thriller, aber ein guter, geduldiger Krimi. Der Bergsteiger Shiga muss nach Tokio, weil dort seine Nichte verschwunden ist. Ihr Vater war Shigas Bergsteigerkumpel, und Shiga hat ihm vor dessen Tod versprochen, sich um Frau und Kind zu kümmern. Taniguchi macht jetzt eines gut und etwas anderes richtig
Betatschen gegen Geld
Gut macht er, wie fast immer, die Szenerie. Superrealistisch zeichnet er den Megamoloch Tokio, in dessen Straßen sich Shiga auf die Suche macht. Und richtig ist, dass sich Taniguchi dafür ungewöhnlich viel Zeit nimmt. Rund 50 Seiten lang lässt er Shiga vergeblich suchen, die Einkaufsstraßen abklappern, die Jugendszene, die Clubs. Er beleuchtet die Gegenden, wo die 14-Jährigen abhängen, die sich schon sehr erwachsen fühlen und gern älter wären.

Es wird schnell klar, dass es hier eine Schmuddelszene gibt, wo Mädchen Geld verdienen können, wenn sie sich betatschen lassen oder auch mehr. Aber das macht die Nichte nur noch schwerer auffindbar, weil keine(r) dem Onkel was sagen mag. Dass Shiga so lesbar, spürbar, fühlbar lange nicht vorankommt, macht die Geschichte authentisch. Erst jetzt baut Taniguchi einige hilfreiche Elemente ein, damit’s weitergeht.
Widerlich, abstoßend, also bester Reportagenstoff
Und erst jetzt kommen so ein paar Sachen dazu, die ein wenig gewollt wirken. Denn warum muss Shiga ein Bergsteiger sein? Weil Taniguchi an Bergsteigergeschichten einen Narren gefressen hat. Was selbstverständlich bedeutet, dass der Bergsteiger irgendwann in der Story auch bergsteigen muss. Aber Bergsteigen in der HiTech-Stadt, das hat schon wieder was.

Dass sowas sich gut verkauft, kann ich verstehen. Trotz der Manga-Leserichtung ist dieser Taniguchi sehr gut verträglich. Ganz konservative Panels, supersauber gezeichneter Buck-Danny-Realismus, das fühlt sich schnell vertraut an. Die Handlung ist zügig, aber nicht hektisch, die Gesichter nur leicht mangaesk. Und diese Jungmädchenszene ist zugleich widerlich abstoßend, leicht verrucht, leicht naiv, das ist also genau das Material, bei dem man auch in seriösen Doku-Reportagen hängenbleibt. Einige alte Taniguchi-Vorbehalte bestätigen sich für mich allerdings auch hier.
Schwächen, die vielleicht keine sind
Die beschränkte Mimik muss man mögen. Es gibt nur einen Gesichtsausdruck für „besorgt“, einen für „wütend“, das hat für mich immer wieder was Fabrikartiges, Vorgefertigtes. Um so mehr, als Taniguchi kein einfallsreicher Dialogregisseur ist. Was zu Punkt drei führt: Taniguchis Personen haben oft etwas Statisches. In Dialogen sowieso, aber auch bei Actionsequenzen wirken die Bilder oft eingefroren. Während viele Zeichner geradezu eine Kunst daraus machen, in Bilder Bewegungen hineinzuschummeln, die eigentlich nicht da sind, kleben bei Taniguchi Kletterer an den Wänden wie Actionfiguren im Kinderzimmer: Sie halten die Pose, mehr nicht.

Aber Taniguchi-Fans ist das nicht fremd: Wahrscheinlich mögen sie es sogar genauso, wie es ist. Und das sind, wie erwähnt, nicht nur ein paar Nerds, von denen gibt es wirklich viele weltweit, es ist also gut möglich, dass Sie damit sehr gut klarkommen. Und auch für mich bleibt hier eine Geschichte, deren Stärke die anderen Schwächen mehr als wettmacht.
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13 Buchstaben, im Telefonbuch unter „M“: Amerikas bekanntester Detektiv kehrt zurück und ermittelt in einer Welt, die der heutigen erschreckend ähnelt

Ein Klassiker kehrt zurück: Philip Marlowe, Raymond Chandlers berühmter Privatdetektiv. Das ist aus zwei Gründen spannend: Weil er ein alter Liebling vieler Leser (und von mir) ist. Und weil Marlowe gerade so aktuell ist wie schon lange nicht mehr. „Trouble Is My Business – Gefahr ist mein Geschäft“ heißt der Band von Ilias Kyriazis (Zeichnungen) und Arvind Ethan David (Szenario). Doppelt richtig: Denn auch der Job dieser beiden ist voller verborgener Gefahren.
Der coole Look – und woher er kommt
Allein schon, weil die Bildsprache des Genres so verführerisch ist wie die Blondine auf dem Cover: Es liegt einfach nahe, sich auf die Optik zu stürzen, auf den Detektiv mit Hut (Fedora!), die verrauchten Bars, die Schatten, die Autos. All diese Zutaten sind so selbstverständlich geworden, dass man kaum noch nachfragt, warum. Die Serie „Blacksad“ von Juan Diaz Canales etwa konzentriert sich voll auf den Look (bzw. tappt vierpfotig in diese Falle): Ein Katzendetektiv, der den Look zelebriert ohne den Grund zu kennen.

Dabei wäre der heute wichtiger denn je. Weil: Ohne Grund wirkt man im Trenchcoat wie Derrick. Marlowe ist kein Derrick: Er ist kein Polizist. Und er lebt in keinem Rechtsstaat. Die USA der 30/40er sind ein Sumpf, das Verbrechen blüht durch Krise und Prohibition, und der Gewinn daraus korrumpiert Politik und Staat. Deshalb ist Marlowe nicht mehr bei der Staatsanwaltschaft: weil dieser Staat ihn anwidert. Er möchte sich den aufrechten Gang bewahren.
Der Ein-Mann-Puffer gegen Willkür
Deshalb ist er Privatdetektiv. In einer Welt, in der Polizei, Staat, legale und illegale Unternehmer die Menschen überrollen, verdingt er sich als Ein-Mann-Puffer gegen die Willkür. Für seine Klienten steckt er Schläge ein, weicht Kugeln aus, geht ins Gefängnis. Der zynisch-gelassene Trotz, mit dem er Staat, Gangstern und Staatsgangstern begegnet, und die drunter schlummernde Aufrichtigkeit sind es, die dem Look die Coolness geben. Wer Marlowe erfassen will, muss die Situation ausleuchten, in der er arbeitet, nicht seinen Hut. Deutschland etwa ist für den Look zu gesetzestreu. Ein anderes Land nicht mehr.

Die USA ähnelten den 30er und 40er Jahren nie mehr als heute in der bücklingsverseuchten Kleptokratie. Marlowe hätte den Behörden eines Donald Trump keinen Millimeter nachgegeben. Und deshalb freut es mich so, dass David/Kyriazis gerade jetzt Marlowe wieder ausbuddeln. Obwohl „Trouble is my Business“ nur eine mittelgute Wahl ist.
Vorübung mit Johnny Dalmas
Die Kurzgeschichte ist keiner der berühmten Romane, sondern ein Vorläufer (mit Marlowes Vorgänger Johnny Dalmas). Eine der Stories, mit denen Chandler in billigen Krimiheften anfing. Besser, literarischer als üblich, aber auch Chandler musste für hardboiled-gewohnte Leser greller schießen, prügeln, witzeln.

Um das auszugleichen, erfinden David/Kyriazis für die Hauptakteure Hintergründe: Marlowes Militärvergangenheit, die des Schwarzen George oder die von Harriet Huntress. Aber damit leuchten sie nur Biografien aus, nicht das Land.
Blasenreihen wie Perlenketten
Schön ist, dass beide der Vorlage sehr treu bleiben, ihr oft wortgleich folgen. Doch bleiben wichtige Optionen ungenutzt: Mehrfach werden Dialoge verschenkt, indem sie auf großen Splashes in doppelten Blasenreihen nebeneinander herabperlen. Das verführt zum Runterrattern – dabei sind Chandlers Dialoge nicht simple Info-Tankstellen wie im „Tatort“, sondern ausgefeilte Duelle, bei denen Ton, Blick, Stituation mehr über Mensch und Situation verraten als der eigentliche Satz. Aber: genug genörgelt.

Denn nimmt man’s mal nicht so genau, wird man durchaus erstklassig bedient: Die Story ist ungewohnt penibel umgesetzt und am Ende interessant aktualisiert, die Panels sind atmosphärisch und farblich angenehm gut abgestimmt, drohend kühl, kalifornisch warm, mit reichlich Lokalkolorit, Palmen, Autos, Art-Deco-Fassaden. Wer’s kauft, macht nicht viel verkehrt. Und wer die Haltung der Originale vermisst: In (nicht nur) den USA von heute lassen sich solche Stories wieder erleben – und schreiben.
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- 10. Apr.
Die Outtakes (39): Mit 1 Sexfantasie einer alten weißen Frau, 1 bezaubernden Rostlaube und 5 kaum erreichbaren Vorbildern

Zaubern mit drei Klecksen
Fan von „Corto Maltese“ war ich nie, aber inzwischen wird die Reihe ja von einem anderen Autor (Martin Quenehen) und einem anderen Zeichner (Bastien Vivès) fortgesetzt. „In „Der gestrige Tag“ ist das Ergebnis: verblüffend identisch. Der in die Gegenwart versetzte Piratenstenz erlebt ein Abenteuer, das leidlich funktioniert, aber mehr mäandert als mitreißt – vor allem, wegen der lieb- und leblosen Klischee-Figuren. Die Abenteurerin, der Flugzeugpilot, das junge Ding. Zwar ermöglicht das Update schöne Überraschungen wie die Notlandung auf einer Insel, die sich als Kunststoffteppich entpuppt. Aber wenn dann eine Dame wütend ins Plastik ballert, wirkt das eben mehr bescheuert als berührend. Durchgehend sensationell ist allerdings Vivès’ Arbeit: Grandiose Bildeinstellungen, rasante Action, und das mit einem Minimum an Strichen und drei Graustufen. Wie Vivès mit zwei Krakeln eine Fläche zum Hemd verknittert, wie er mit ein paar Tupfern ein Sportflugzeug zur Rostlaube macht, das entschädigt für vieles.
Satire mit Beißhemmung

Es bechdelt wieder und hagelt prompt auch Lobeshymnen. Diesmal kehrt die US-Zeichnerin Alison Bechdel zu ihren Wurzeln zurück, sie besucht ihre halbfiktive Clique aus ihrer 80er-Cartoon-Serie „Dykes To Watch Out For“: Wir sehen alternde Babyboomer beim ökologisch korrekten Altern, beim Rückzug ins liberale Private. Was die begeisterten Medien da feiern, bleibt unklar: 60-Jährige beim Tierschützen oder beim flotten Dreier ergeben per se noch keine beißende Satire. Einen Halbschmunzler rang ich mir beim judenlosen Solidaritäts-Sabbat ab, aber weil man nicht weiß, ob’s sowas wirklich gibt, und weil Bechdel sowas nicht zuspitzen mag, bleibt’s dann doch beim Schulterzucken. Dass die Senioren von heute aufgeschlosseneren Sex haben als ihre Kinder, wäre derzeit als Fantasie alter weißer Männer eher verdächtig bis unappetitlich, aber okay, hier kommt dasselbe Gedankenspiel von einer alten weißen Frau, vielleicht erklärt das die Fermentation zu scharfer Satire. Apropos: Satire müsste eigentlich auch mal einen Misstand benennen, oder? Wer verschuldet was wodurch? Bechdel ist das zu konkret, lieber zeigt sie alle beim Grübeln über den richtigen Way of Life. Der Lohn: In guten Momenten ist das wie eine sehr öde Folge der „Waltons“. Alison Bechdel, Katharina Erben (Üs.), Kaputt, Reprodukt, 24 Euro
Problemloses Quintett

Das Gute zuerst: Bettina Bextes Band „In allem ein Stück zu Hause“ ist ermutigend angelegt und öfter recht heiter. Er versammelt fünf Interviews mit Migranten, Kindheit, Flucht, Ankunft, Integration inklusive. Alle Geschichten haben ein wohlintegriertes Happy-End, das ist auch mal ganz angenehm zu lesen. Oder wäre es, wenn wir hier fünf Mal Else Normalflüchtling vorfänden. Aber, und das ist der Knackpunkt, wir kriegen: Boxweltmeisterin Dilar Kisikyol, Integrationsaktivistin Halime Cengiz, den Junggrünen Azad Kour, „Stern“-Fotograf Mischa Moldvay. Was ist da die Botschaft? Diese Vier sind/waren ehrgeizig, sozial denkend, intelligent, flexibel, dass sie es schafften, überrascht wenig und taugt kaum als Vorbild für Hunderttausende. Warum wählte Bexte nicht einfach fünf 08/15-Migranten, die jetzt ganz normale Jobs haben? Denn auch Schicksal Nr. 5 hilft nur bedingt, Florence aus Ruanda betreut jetzt – andere Migranten. Ist das die Ideallösung? Genau hier liegt die Krux: Was ist das Ziel des Bandes? Welche Leute hätte man dann auswählen sollen? Immer wieder zeigt sich: Eine klare Fragestellung wäre auch im Sachcomic/Comic-Journalismus hilfreich.
