- vor 7 Tagen
Französische Ernte (IV): In Italien erschienen, in Frankreich entdeckt, auf englisch gelesen – das grandiose Bleistift-Epos „The Forbidden Harbor“

Was hat ein Comicfreund vom Frankreichurlaub, wenn ihm manque l'abilité de se faire verständlich in dieser Sprache? Wie immer noch ich? Beispiel 4: Er findet italienische Comics. Die in Frankreich rauskommen, weil dort der Markt größer ist. Comics kaufen, die man in zwei Sprachen nicht lesen kann? Wozu? Nun, wenn man weiß, dass sie existieren, findet man sie mit etwas Glück... auf englisch. Wie das erstaunliche Werk „Il porto proibito“. Zu deutsch: Der verbotene Hafen.
Disneyhaft schön mit Kritzelknödeln
Was macht den Comic so erstaunlich? Zunächst, dass er auf Anhieb zu attraktiv wirkt: Die Figuren des 300-Seiten-Wälzers sind superkommerziell, geradezu disneyhaft schön. Igitt, Industrieprodukt, will man schon denken, aber dann merkt man: Das komplette Ding ist ganz undisneyhaft schwarz-weiß. Gezeichnet mit Bleistift. Und schon die erste Doppelseite zeigt, dass der Zeichner irrsinnig gut und vielseitig ist. Links eine Strandlandschaft aus Krakellinien und Kritzelknödeln. Und rechts das:

Eine Fregatte. In einer topattraktiven Kameraeinstellung, die zugleich superschwer ist. Denn hinten ist das Schiff zwar abgeschnitten wie ein Brot, aber schräg. Nach vorne kommt erschwerend die korrekte Rundung auf dieser Länge hinzu, erst leicht bauchig und dann beim Bug rapide verjüngt, an sowas scheitern Zeichner rudelweise. Aber bei Turconi geht’s damit erst los.
Schnitzereien, elegant gekrakelt

Die Takelage, superkorrekt, und auch die winzigen Matrosen in den Rahen: Da hat sich jemand richtig sachkundig gemacht. Zugleich diese Leichtigkeit: der Faltenwurf der Flagge. Und achten Sie mal auf die aufwändigen Schnitzereien zwischen den Fenstern. Die sind überhaupt nicht aufwändig, das sind nur Krakel! Die Landschaft im Hintergrund, ganz blass, damit sie einem erst nach dem dunklen Schiff im Vordergrund auffällt. Da weiß einer, was er macht, und zwar von hinten bis vorn.
Lustige Taschenschule
Der jemand heißt Stefano Turconi, und auf deutsch gibt’s von ihm bislang rätselhafterweise nix – doch: etliche Stories in „Lustigen Taschenbüchern“. Turconi ist tatsächlich disney-geschult, er arbeitet fast nur nach Szenarien seiner Frau Teresa Radice, aber was die beiden hier abliefern, ist ganz anders als Disneys Convenience-Küche.
Verwandte Seelen
Kapitän William findet den schiffbrüchigen Buben Abel am Strand. Abel wird Schiffsjunge, erinnert sich aber nicht an seine Vergangenheit. William bringt ihn in Plymouth bei drei verwaisten Wirtstöchtern unter, für die macht er Botengänge – auch ins nahe Bordell, wo er die geheimnisvolle Rebecca kennenlernt. Die erkennt in ihm eine verwandte Seele: Sie und Abel sind nicht lebendig und nicht tot. Sie bekamen eine zweite Chance, weil sie auf Erden noch eine Aufgabe zu erfüllen haben. Und deshalb sind sie auch die einzigen, die vor der Küste von Plymouth im Nebel den titelgebenden geheimnisvollen Hafen sehen können.
Klarschiff zum sanften Sex

Radice hat für Turconi ein mysterienverschleiertes Epos entwickelt, romantisch, gruselig, spannend, lyrisch – denn vieles speist sich aus alten britischen Gedichten, Coleridges „Ancient Mariner“ ist natürlich dabei. Es gibt sehr sanften, sehr schönen Sex, es gibt eines der besten mir bekannten Comic-Seegefechte.
Englischer als die Briten selbst
Manchmal geraten Radice die Dialoge etwas lang, doch Turconi inszeniert mit Schnitt, Gegenschnitt, Close-Up so abwechslungsreich, dass man es kaum merkt, weil die Augen in der Szene herumspazieren, in der Einrichtung, im Dekor, und immer wieder in diesem supereffizient eingesetzten Bleistiftambiente. Eine Handvoll Striche sind bei Turconi ein Sofa, eine Frisur, die gesamte See, sparsam und opulent zugleich, mal zart, mal mit Wucht. Und was die beiden Italiener aus Regenszenen an Atmosphäre rausholen, das sieht englischer aus als England selbst.

Ja, ab und an erfordert die Geschichte Geduld, aber immer wieder hilft Turconis unerschöpflicher Detail- und Ideenreichtum über die Runden. Radice wiederum belohnt mit Suspense und bereichert Turconis Authentizität mit überlebensgroßer Tragik.
Schnief. A Wahnsinn.
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 18. Jan.
Witzig, spannend, klug durchdacht: Wie Benjamin Flao rund um einen kleinen Jungen ein perfektes Kenia-Abenteuer strickt

Kürzlich habe ich hier von Benjamin Flaos „Auf dem Wasser“ geschwärmt. Das Schöne: Stöbert man in Flaos Vergangenheit, findet man sogar etwas noch Besseres: die Zwei-Band-Angelegenheit „Kililana Song“. Die obendrein im immer mehr herumdüsternden Winter besonders lesenswert ist, weil sie im sonnigen Kenia spielt. Jajaja, sofort der Gedanke: „sonniges Kenia“ – darf man denn so touristisch-sorglos...? Eins nach dem anderen, erst mal: Worum geht’s?
Schulschwänzer als Fremdenführer
Flao hat in Kenia und Eritrea einige Zeit verbracht. Seine Beobachtungen und Unterhaltungen hat er zu einer charmanten Erzählung verrührt. Und wie er das macht, ist immer wieder so gekonnt, dass man sich die Augen reibt.

Drei Szenen leiten die Story ein. A) Ein Schiff bleibt nachts mit Maschinenschaden vor Kenia liegen. Als die Cops nachfragen, wirft der Kapitän rasch Schmuggelgut über Bord. B) Ein Einsiedler wacht in seiner Hütte auf und fährt mit einem Boot weg. C) Die Hauptfigur, der kleine Naim, drückt sich vor der Koranschule und flitzt seinem religiösen Bruder Hassan davon. Jede Szene zeigt Flao in Topform.

Das Schiff: bei Nacht im Mondlicht, großartiges Meer. Die Dialoge des Kapitäns: schnell, rüde, knapp, zynisch – nicht zuletzt lustig. Der Einsiedler: Still, geweckt von einem Huhn, das in seine Hütte gackert, augenzwinkernd, aber nicht spöttisch, in großzügigen Panels. Und Naims Flucht: mitreißend, zugleich illustriert sie für den Leser Naims kleines Heimatdorf, und seine knappen, frechen Gedanken machen den Zehnjährigen mit der Strickmütze sofort sympathisch.
Arm, aber nicht elend
Wir bleiben zunächst bei Naim. Wir sehen, wie er sein weniges Geld verdient, wen er im Ort trifft. Das erinnert in seiner Beiläufigkeit an „Aya aus Youpogon“. Flao spitzt die Handlung kaum zu, weil er weiß, dass diese Welt für sich interessant genug ist. Welche Drogen man nimmt, wie Naim bei seiner Tante wohnt, was man isst, die Boote im kleinen Hafen, die Touristen, alles wird zur Story, die sich um Naim rankt. Der arm ist, aber nicht im Elend lebt, der auch Spaß hat, wenn er Brettspielern im Café auf den Kopf spuckt.

Eine frische, immer leicht ironisch gebrochene Geschichte, bei der man erst gar nicht merkt, was für eine Rarität sie ist: Kürzlich hat ja Comic-Historiker Alexander Braun in Ausstellung und Katalog bei den Black Comics festgestellt, dass es garnicht sooo viel aus rein schwarzer Perspektive oder mit schwarzen Protagonisten gibt. Und hier: eine aufgeweckte, rasante Erzählung, unbefangen und deutlich unblutiger als Matthias Schultheiss’ „Haie von Lagos“. Darf man das, als Weißer?
Mehr als eine Exotik-Schote?
Verboten ist es nicht. Die bessere Frage wäre vielleicht: Macht Flao mehr draus als eine Exotik-Schote wie das „Traumschiff“? Touristisiert er sich die (real existierende) Öko-Idylle Lamu so zurecht wie deutsche TV-Krimis Istanbul, wo Zuschauer inzwischen verhaftete Oberbürgermeister ausblenden müssen? Antwort: nein. Allerdings zieht er erst in Teil Zwei die dramatischen, politischen Schrauben so richtig an.

Gewalt, Korruption, der Ausverkauf des Landes an China und überhaupt jede Art von Investor, hier spielt die spannende Kinderstory definitiv nicht mehr auf einer Insel der Seligen. Nicht im Vortragsmodus, sondern mit harter Action, scharfen Dialogen und weiterhin extrem bildgewaltig. Höhepunkt: Eine der besten Schiff-im-Sturm-Sequenzen, die ich je gesehen habe, da tastet man aufm Sofa nach dem Rettungsring...
Comic-Granate für den Baumpapst
Kleiner Fun-Fact zum Schluss: Beide Titel, „Auf dem Wasser“ und „Kililana Song“ sind vermutlich nicht Flaos deutsche Topseller. 2023 kamen die Franzosen auf die Idee, den Wald-und-Welt-Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“* vom deutschen Baumpapst Peter Wohlleben zum Comic umzufunktionieren. Das hat er tadellos gemacht, der Titel erschien auch auf Deutsch, aber ich nehme an: kaum jemand (inklusive mir) hat gemerkt, welche Comic-Granate sie da für den Baumpeter organisiert haben!
* Der Korrektheit halber: Den Wohlleben-Comic hat die Frau übersetzt, die mit mir in der Wohnung wohnt.

Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 11. Jan.
Vielzeichner, Klassiker, Szenarist: Aus Hugo Pratts Archiven lässt sich's gut wiederveröffentlichen. Doch der Altmeister bleibt dreifach Geschmackssache

Hugo Pratt ist zweifellos einer der großen Namen, insbesondere für viele Leute, die schon ein paar Jahresringe unter den Augen haben. Wer den 1995 verstorbenen Vater von „Corto Maltese“ eher spät entdeckt, kann darüber manchmal etwas ins Grübeln kommen. Aber das ist ja das Spannende, wenn eher unbekannte Titel des Vielschreiberzeichners neu erscheinen. Man nähert sich ihnen unvoreingenommener als beim sakrosankten „Corto“ – und hofft auf Lesen wie früher. Wie derzeit bei den Bänden „Cato Zulu“, „El Gaucho“ und „Sgt. Kirk“. Klappt der Zeitsprung zurück?
Abenteuer, ungefiltert
Von der ersten Seite weg steht schon mal fest, dass ich „Cato Zulu“ auf jeden Fall gern in die Finger gekriegt hätte, als ich jünger war. Thema ist die Kolonialzeit in Ostafrika, deren Spannung/Dramatik sich in den 80ern noch genauso unhinterfragt als Abenteuerszenerie genießen ließ wie der Wilde Westen. Zudem gibt’s eine Menge Info- und Hintergrundmaterial, Landkarten, Fotos der Beteiligten, alles, was Seriosität signalisiert.

Die Bilder sind ohnehin erfreulich, obwohl auch jungen Leser auffallen kann, dass Pratt schon mal detaillierter gezeichnet hat. Aber die Weite Afrikas verzeiht vieles, zudem sind Waffen, Uniformen, furchterregende ausstaffierte Krieger mit ihren Schilden im Übermaß vorhanden, es wird gekämpft, gestorben, Abenteuer ohne Karl-May-Film-Filter. Aber wer älter ist, merkt rasch: Erzählerisch ist auch der Pratt von 1984 keine Offenbarung.
Fluchen wie Sam Hawkens
Das fängt bei Dialogen an, die Bildinhalte doppeln, bei denen Leute noch als „Höllenhunde“ charakterisiert werden und man gern Flüche ausstößt, als wäre man mit Käpt’n Haddock oder Sam Hawkens unterwegs, wenn ich mich nicht irre. Oft wirkt es auch, als würde nur was gesagt, damit mal wieder Sprechblasen befüllt werden.

Dann kriegt man lieblose Ja-Nein-egal-Debatten wie diese hier: „Wir müssen eingreifen!“ – „Wir sind viel zu wenige!“ – „Vorwärts, Attacke!“ Oder einen über zwei Seiten hinweggedehnten minderlustigen Kacka-Dialog. Was den Spaß dann schon erheblich reduziert, weil man eine gewisse Lieblosigkeit spürt. Beim deutlich älteren „Sgt. Kirk“ ist das anders.
Feiner getuscht, besser choreographiert
Den Sergeanten hat der Argentinier Héctor Oesterheld für Pratt in den 50er Jahren verfasst. Und Oesterheld hatte erzählerisch einen größeren Ehrgeiz: Er wollte eine gebrochene Figur haben, einen Sergeanten, der seit 20 Jahren in der US-Kavallerie dient und nach einem Massaker an den Tchatooga den Sinn seiner Arbeit in Frage stellt.

Pratt tuscht hier oft etwas feiner, er gibt sich auch mehr Mühe mit unterschiedlich großen Panels, Vorder- und Hintergründen, Perspektiven und besser choreographierten Kämpfen. Allerdings führt das hohe Produktionstempo (Pratt selbst sprach von 500-600 Panels pro Woche) oft auch zu Weißanteilen, die einige meiner Kunstlehrer eher bequem gefunden hätten.
Held mit Gewissen
Oesterheld gibt seinem Helden auch bessere Konflikte: Kirk desertiert, als ein Indianerstamm „ausradiert“ werden soll und flieht zu exakt jenem Stamm, den er einst blutig überfiel. Es wird über die Berechtigung der Gewalt der Weißen diskutiert, ohne den Konflikt mit einem billigen Spruch zu entschärfen.

„Sgt. Kirk“ wird so zu einem actiongeladenen, aber dabei recht anspruchsvollen Erlebnis – und das in den 50er Jahren, als die Kinoleinwände weltweit noch voller böser Rothäute waren. Tatsächlich klappt hier die Sache mit dem alten Lesevergnügen auch deshalb, weil Oesterhelds Voice-Over in einem heimelig veralteten Präteritum erzählt: Es entschleunigt, versachlicht, klingt zugleich ein bisschen langweilig und doch erstaunlich passend. „Sgt. Kirk“ eignet sich zur Comic-Zeitreise besser, mit allen Vor- und Nachteilen.
Aufwändig erzählt, leichte Porno-Präferenz

Erstaunlich zwiespältig altert „El Gaucho“, eine jetzt wiederveröffentlichte Kooperation der Altmeister Milo Manara und Hugo Pratt aus dem Jahr 1991. Erstaunlich, weil, so vieles eigentlich heute nicht mehr geht in dieser Story um einen jungen englischen Soldaten und eine Handvoll irischer Huren samt ihrem wendungsreichen Weg ins umkämpfte Buenos Aires Anfang des 19. Jahrhunderts. Zum Beispiel die schönfärberische Freude, mit der die irischen Huren ihrer Tätigkeit nachgehen. Und überhaupt der Voyeurismus, der Manara ‘91 immer wieder aus dem Zeichenstift rutscht wie die Brüste seiner Darstellerinnen aus dem Dekolletée: ein Erbe der 68er, in denen Pornografie als Reaktion auf die 50er nachvollziehbarer war. Acht Jahre vorher, im „Indianischen Sommer“, hatte Manara das noch besser unter Kontrolle. Erstaunlich, weil sich bei allem Kopfschütteln auch viel Versöhnliches findet: Die aufwändig erzählte Geschichte mit viel Zeitkolorit, grandiosen Ansichten von Sümpfen, Segelschiffen, Städten. Viel Action, tragenden Nebenrollen für Schwarze und Körperbehinderte, all das tempo- und ideenreich inszeniert. Weshalb man um so mehr staunt, wenn sich bei dieser Ernsthaftigkeit dann doch immer wieder unmotiviert irgendwelche Schenkel öffnen. Die Zeitreisefähigkeit von „El Gaucho“ ähnelt der von „Sgt. Kirk“, aber die Höhen und Tiefen sind extremer.
