- vor 5 Tagen
Heimliche Bestseller (III): Die Serie „Mythen der Antike“ bereitet die griechische Sagenwelt auf – inhaltlich zuverlässig, optisch konsensfähig

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Cash Cow aus der Sagenwelt
Da hat sich der Splitter-Verlag eine schöne Cash-Cow eingefangen: „Mythen der Antike“ heißt eine Serie, die die Bielefelder nachhaltig glücklich macht. Über zwei Dutzend Bände hat man inzwischen rausgegeben, fast jeder hat mehrere Auflagen erlebt. „Die Ilias“ etwa hat schon die 7. Auflage hinter sich, und zu wissen, dass ein 35-Euro-Band zuverlässig Umsatz macht, lässt jeden Verleger ruhiger schlafen.

Zum Erfolg trägt vieles bei: Etwa der Mangel an Konkurrenz, der durchaus Teil des Konzepts ist. Die Serie ist aus Frankreich eingekauft, der ehemalige französische Minister (!) für Bildung (!!) Luc Ferry kuratiert sie und sorgt regelmäßig mit neuen Bänden dafür, dass keine Nischen für andere Anbieter freibleiben. Jeder der griechischen Stargötter kriegt einen Band, auch die kleineren, Figuren wie Tantalos und Sisyphos sowieso. Troja, Odyssee, Jason, alles ist abgedeckt – man müsste als Alternativanbieter vor zu den Römern oder zurück zu den Ägyptern gehen. Und auch da macht sich die Mythenschleuder Ferry bereits mit „Mythen der Welt“ breit.
Der Lehrer liebstes Kind
Ebenfalls einkalkuliert hat Ferry die Tauglichkeit für den Schulunterricht. „Regelmäßig fragen Lehrkräfte nach oder geben Feedback“, erzählt Splitter-Sprecher Sven Jachmann. Auch das hat seinen Grund: Luc Ferry bleibt nah am Originalmaterial. Dass Stellen der „Odyssee“ mir neu sind, liegt daran, dass ich die Story auch nur bearbeitet kenne, bei Homer sind sie alle drin. Noch cleverer: Hinten fügt Ferry jedesmal einen Textteil an, bebildert mit klassisch-altvertrautem Kunstmaterial, damit kann jeder Lehrer kritisch nachfragende Eltern beruhigen.

Aber der Schulmarkt ist eben nur ein weiterer Teil der Erfolgsgeschichte. Der Komplettistenmarkt ist gleich mit im Visier: Dunkler Einband, goldene Schrift, die Reihe sieht auch im Regal gut aus und verströmt ein leichtes Bildungsbürger-Aroma. Zugleich sorgt ein attraktives Cover für Zugänglichkeit, was ich deshalb betone, weil fürs Cover oft nochmal ein anderer Künstler angeheuert wird.
Außen hui und innen...?
Deshalb sieht auch das Trojanische Pferd auf dem Umschlag komplett anders aus als im Band selber. Was ein bisschen an alte „Silberpfeil“- oder „Buffalo Bill“-Hefte erinnert: Auch da hat man den verkaufsfördernden Umschlag lieber anderen Leuten anvertraut als den Inhalt. Außen hui, und innen...? Hat auch hier der Inhalt derlei Tricks nötig?

Antwort: Jein. Vier Bände hab ich mir angesehen, was draufsteht, ist auch drin. Die Qualität der Ausarbeitung schwankt aber, weil Ferry mit verschiedenen Zeichnern arbeitet. Die Szenarien haut ihm allesamt Clotilde Bruneau raus, fließbandmäßig und mit einer Sprache, die sich weder so recht fürs Pathos noch für eine lässige Modernisierung entscheiden kann. Das Ergebnis scheint zudem auch recht frei interpretierbar, weil man draus nämlich Leidliches wie die „Odyssee“ machen kann, aber auch Lustloses wie die „Ilias“.
Alles drin, was rein muss
Ausgerechnet diese Topstory schmeckt leider rundum wie Dienst nach Vorschrift. Da steht etwa die Stadt Troja mal auf Hügeln am Meer oder liegt inmitten einer Ebene, je nachdem, ob man grade griechische Schiffe oder eine aufmarschierte Armee dazuzeigen will. Man kann es auch so zusammenfassen: Es ist alles drin, was rein muss, aber nur recht wenig von dem, was man rausholen könnte.

Wenn etwa der an den Mast gefesselte Odysseus den Gesang der Sirenen hört, ist das eine zeichnerische Chance – die allerdings ungenutzt bleibt. Oder der epische Fight von Hektor und Ajax in der „Ilias“: Zwei kämpfen vom Morgen bis zur Dämmerung auf Leben und Tod, um den Kampf dann total erschöpft und ehrenvoll abzubrechen – Zeichner Pierre Taranzano macht daraus ein storchiges Gestakse, als wäre ihm der Geist des seligen Hansrudi Wäscher in die Hand gefahren.
Mal ganz harmlos, mal ganz ordentlich
Dafür gerät „Dionysos“ in den Händen von Gianenrico Bonacorsi wiederum vergleichsweise einfalls- und abwechslungsreich. Insgesamt bewegt sich die Reihe zwischen harmlos und ordentlich, manchmal leicht überm Durchschnitt, aber nie komplett enttäuschend. Und weniger nörgelige Leser als ich sind wahrscheinlich sogar meistens zufrieden und haben auf jeden Fall die Zeit eines gelesenen Buchs gespart. Dem freiwillig angenommenen Bildungsauftrag entspricht man in jedem Fall. Und dagegen ist wenig einzuwenden.
Luc Ferry (Herausgeber), Clotilde Bruneau (Text), Gianenrico Bonacorsi, Pierre Taranzano, Carlos Rafael Duarte u.a. (Zeichnungen), Harald Sachse (Üs.), Mythen der Antike, Splitter Verlag, 16-45 Euro
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 23. Apr.
Die Outtakes (39): Diesmal mit 1 Comic-Legende, 1 gezeichneten Zwölftonmusik und 1 kinderfreundlichen Wuchtbrumme

Nerdiger Garagenfund
Moebius und ich finden wohl nicht mehr so recht zusammen. Das ist auch bei „Die hermetische Garage - Jäger und Gejagter“ nicht anders, einer deutschen Erstveröffentlichung. Optisch klappt das alles noch gut, den skurrilen Landschaften und Personen der Comic-Legende folgt man gern. Aber die Handlung… das ist schon nerdy im Quadrat. Hauptfigur Major Gruber muss sich einer mentalen „Nachsteuerung“ unterziehen, die dafür zuständige „Steuerfrau“ nimmt „eine Osmoplastase paradoxaler Sequenz vor“, und so geht das weiter. Moebius kippt eimerweise erfundenes Fachchinesisch über den Lesern aus, es erinnert an die Geheimsprachen von Teenagern: Wer sie nicht kennt, kann halt nicht lachen, Pech für alle, die den Begriff der „hermetischen Garage“ nicht für einen unglaublichen Brüller halten. Es hilft auch nicht gerade, dass Moebius soviele Künstler beeinflusst hat, die einem ständig einfallen – und die mehr aus seiner Kunst gemacht haben. Geof Darrow hat die absurden Bildwelten auf die Spitze getrieben und mit schwarzhumoriger Gewalt geschickt unterfüttert. Charles Burns hat das unheimlich-beklommene perfektioniert, Enki Bilal und Star Wars haben den Stil gewieft kommerzialisiert, Gerhard Seyfried anarchisch humorisiert. Für Moebius selbst bleiben da nur die Verdienste des sehenswerten Pioniers.
Wo sich der Kult vom Weizen trennt

Feuchtenberger spaltet diesmal gleich doppelt, wegen dem Titel: „Der Spalt“. Gesammelte Kurzgeschichten im Großformat sind drin, Feuchtenberger assoziiert recht frei zu Aufenthalten in Paris, Rom, ihrem Hund. Es ist wieder sehr viel Kunst und Kunstwille im gar nicht mal so bunten Kessel, aber das gehört hier halt zum Konzept: dass das Publikum nicht immer die erste Priorität hat. Gibt’s ja öfter, bei Film, Malerei, Theater, Pop. Ist ein bisschen wie bei der Zwölftonmusik. Aber da trennt sich halt auch der Kult vom Weizen: Entweder man ist Fan. Oder man reibt sich das Kinn und sagt: „Hmm, interessant.“ Oder man tut nicht mal das. Weil es so viele Comics gibt, die unterhaltsamer sind und trotzdem nicht komplett kunstfrei.
Gas geben statt Nachdenken

Ein Phänomen: Dieser Band ist so schön wie verheerend, kein richtiger Comic, aber geht in die Richtung und, vor allem, verkauft er sich trotz Hochpreis (68 Euro) wie geschnitten Brot. Es könnte also was für Sie sein! Weil: Die Optik ist beeindruckend, Robert Crumb meets Janosch meets Ali Mitgutsch. Der Däne Jakob Martin Strid nimmt uns in „Der fantastische Bus“ mit in eine Stadt der Zukunft, die aussieht wie eine der Gegenwart, böse Unternehmer reißen die Häuser der Guten einfach ab, die daraufhin mit einem Superbus wegfahren, um nebenbei eine Wunderblume zu finden, mit der alle Menschen gesund werden. An vielem dabei kann man sich kaum sattsehen, im Gigaformat werden Häuser und vor allem der Bus ausgebreitet, zerlegt, mit so vielen Details, wie man es sich als jetziges und einstiges Kind nur wünscht. Zugleich ist der Band ein derartiger Batz von Wohlfühlquatsch und Realitätsverweigerung, dass einem die Augen tränen. Und das nicht nur, weil er in einer Welt spielt, die problemlos einen Atomkrieg überlebt hat. Er beklagt die Umweltverschmutzung der Städte und findet die Lösung in einem Bus mit gigantischen Diesel- und Benzinmotoren, die auch eine Klimaanlage befeuern. Mit dem Mega-Treibhaustriebwerk fahren wir alle aufs Land in die herrliche Natur, dort rauchen wir einen Joint und alles ist gut, weil… ??? Wieso fahren eigentlich nicht längst alle in die herrliche Natur? Und warum liegt nach dem Ende der Welt die ganze Natur noch so herrlich herum? Man darf angesichts der überwältigenden Ausführung vor allem eins nicht: nachdenken. Weil einem dann der Mund offen stehen bleibt, wie Strid hier ohne Not lauter Probleme halbgar bis scheinbar anspricht und dann mit 18.000 PS überrollt. Aber Nachdenken ist ja kein Muss. Wer mag, gibt einfach Gas.
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 19. Apr.
Die heimlichen Bestseller (II): „Das Geheimnis der Quantenwelt“ macht die Teilchenphysik erstaunlich nachvollziehbar

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Sechs Auflagen in zehn Jahren
Bei bestimmten Sachcomics bin ich skeptisch: Nämlich bei jenen, die versprechen, irgendwas Kompliziertes gut zu erklären. Nicht, dass das nicht möglich wäre, aaaber: Wenn’s so einfach geht – warum hat’s dann nicht schon jemand gemacht? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass jemand einfach noch einen weiteren Titel zum Zeitparadoxon raushaut, weil der Bedarf immer noch so groß ist? Es spricht also viel gegen „Das Geheimnis der Quantenwelt“ – mit einer Ausnahme: der Auflage. 2017 hat der Knesebeck-Verlag den Titel von Thibault Damour und Mathieu Burniat erstmals übersetzt, inzwischen haben die Münchner sechs weitere Auflagen nachgedruckt. Der Titel behauptet sich also nachhaltig am Markt. Wieso?

Der Start ist nicht so verheißungsvoll: Wir haben eine Art „Tim und Struppi“-Paarung, Bob und Rick, Helden einer fiktiven Comicserie – bis Rick bei einem Unglück stirbt. Der ausgestopfte Hundekumpel endet beim trauernden Bob auf dem Kaminsims (was mir schon besser gefällt) und treibt ihn posthum zur Quantenermittlung. Die führt durch eine Fantasywelt, bei der Bob lauter prominente Physiker trifft. Erzählerisch ist das recht konventionell, entscheidend ist jetzt: Bringen uns die Dialoge weiter?
Die Wasserwelle als Eiswürfelstrahl
Mal sehen: Von Max Planck lernen wir, dass Energie in Teilchen vorkommt. Sie fließt nicht stufenlos wie Wasser aus dem Hahn, sondern abgepackt, wie genormte Eiswürfel. Von Einstein kommt der Input, dass dies beim Licht nicht anders ist. Licht benimmt sich aber nicht nur wie ein Eiswürfelstrahl, sondern zugleich wie eine Flüssigwasserwelle.

Spannend wird’s, wenn man sich das im Labor ansieht: Wer einen Stein ins Wasser wirft, sieht, dass sich Wellen kreisförmig ausbreiten. Wer aber ein Teilchen beschießt, das von eiem Kreis von Detektoren umzingelt ist, merkt, dass nicht alle Detektoren auf die Welle reagieren, sondern immer nur einer. Und nicht mal immer derselbe, sondern immer ein anderer. Wie kann das sein?
Das Roulette der Realität
Eine Menge kluger Köpfe haben dafür eine gewitzte Erklärung gefunden: Sie sagen, dass alle Detektoren reagieren – aber wir kriegen’s immer nur von einem mit. Weil jede Veränderung dafür sorgt, dass das gesamte System anders schwingt. Es ist ein bisschen wie beim Roulette: Sie wählen unter den 36 Nummern die „15“, und es entstehen 37 (Zero nicht vergessen!) Welten. In einer davon haben Sie gewonnen, in 36 nicht.

Der verführerische Vorteil der Erklärung: Es gibt keinen Zufall mehr, kein Glück, kein Pech. Und Gott spielt auch nicht mehr mit. Alles, was passieren kann, passiert. Die Frage lautet nicht mehr: Wie wahrscheinlich ist ein Sechser im Lotto? Sondern: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in derjenigen Welt sind, in der Ihre Zahlen stimmen? Denn rund 14 Millionen Varianten von Ihnen gewinnen nicht.
Geduldige Zusammenfasser
Nicht immer versteht man alles, aber meistens doch recht viel. Was auch daran liegt, dass das Team aus Quantenphysiker (Damour) und Zeichner (Burniat) geduldig bleibt. Beide greifen nicht nur zuverlässig den Faden wieder auf, sondern fassen dabei öfter auch nochmal das bisher Erklärte in anderen Worten zusammen. Der Tonfall ist plaudernd, mild dozierend, ein Hauch Ironie ist dabei, ich bin sehr angenehm überrascht und hinterher kann ich Ihnen was drüber erzählen, das vielleicht sogar stimmt. Das Geheimnis eines dauerhaft erfolgreichen Buchs ist nicht zuletzt, dass die Kundschaft zufrieden ist. Das kann ich hier sehr gut nachvollziehen.
