- vor 7 Tagen
Frech, frisch und unverschämt sympathisch: Özge Samancis Deutschland-Debüt „In den trüben Gewässern Istanbuls“

Ein Comic, der sofort sympathisch ist. Und das, obwohl die Autorin kaum Comic-Erfahrung hat, schon gar nicht auf der längeren Graphic Novel-Strecke: Özge Samanci heißt sie und ist gebürtige Türkin. Anfängerin also, könnte man meinen, aber ihr Comic „In den trüben Gewässern Istanbuls“ hat nichts Anfängerhaftes, abgesehen von einer geradezu bezaubernd-enthusiastischen Leichtigkeit. Die auch deshalb überrascht, weil Samanci kein schweres Thema auslässt.
Leichtigkeit trotz schwerer Themen
Ein Porträt der Türkei in den 90ern steckt drin. Die Schwierigkeiten von Frauen im männerdominierten Land auch. Dazu Armut, Korruption, Politik und – weil’s ja noch nicht reicht – Tauchen. Aber Samanci ist, obwohl Comic-Neuling, im Kunstgeschäft sehr wohl erfahren. Vor etwa 20 Jahren siedelte sie von Izmir in die USA über, dort ist die Anfang-Fünfzigerin inzwischen Dozentin der Northwestern University und weiß, wie man Aufmerksamkeit weckt.

Etwa mit ungewöhnlichen Landkarten im Vorsatz: ein Mittelmeer aus blauem Klebeband in einer sandfarbenen Küste. Das ist hübsch, funktioniert und zeigt sofort: Hier arbeitet jemand attraktiv, unkonventionell. Oder mit ein bisschen Ekel: Die Geschichte beginnt in einem Wohnheim für Studentinnen in Istanbul. Chaotisch, schmuddlig, aber aufgeweckt und frech. Wie sich Samancis Alter Ego Ece vom oberen Stockbett zur ihrer Freundin Meltem hinunterhängen lässt, gibt sofort den Ton an: Anstrengend, aber funny. Und vor allem: Jenseits der polierten Sehgewohnheiten einer „Mordkommission Istanbul“.
Sieben Frauen und ein „Wischmopp“

Acht Frauen auf engstem Raum, jede hört jedes Geräusch, kein Wunder, dass Ece, die von Männern meist als „Wischmopp“ etikettiert wird, und die stewardessenhübsche Meltem gern dorthin fliehen, wo man mit Sicherheit seine Ruhe hat: In den Duschraum, der immer leer ist, weil’s fast nie Wasser gibt. Und mitten in diese leicht schimmlige Unbehaglichkeit pflanzt Samanci dann ihr Sympathierezept: Ece und Meltem jammern nicht, sie finden Lösungen.
Die Thrillerzutat
Wie beim Tauchen. Als Frauen ist das für sie kaum möglich, jedenfalls nicht allein. Meltems Freund muss immer dabei sein und sowas wie den weisen Lehrer geben, damit die Männer drumherum nicht protestieren. Und beim Tauchen (Samancis eigenes Hobby) platziert sie auch die Thrillerzutat: Über den Mädchen versinkt plötzlich ein Auto im Meer, in dem eine junge Frau sitzt.

Samanci inszeniert das so simpel wie brillant, mit den strahlenden Scheinwerfern unter Wasser, den verzweifelten Versuchen der Studentinnen, den Wagen zu öffnen und zum Schluss der Bergung des Opfers, natürlich zu spät. Und ebenso natürlich versuchen die beiden NICHT, den Fall zu lösen, sondern sie werden hineingezogen: Weil einer der Hauptverdächtigen plötzlich zwei Taucherinnen braucht, die schweigen können.
Zeichnerische Defizite geschickt repariert
Mehr brauch ich nicht zu sagen, wenn Sie bis hierhin gekommen sind, lesen Sie sowieso weiter. Ich mache aber gern auf diese aufgezeichnete Lesung aufmerksam. Denn Samanci kommt eher von der Installationskunst. Ihr zeichnerisches Können genügte ihr für Cartoons, aber in einer Graphic Novel will sie mehr. Wie sie ihre Defizite ausbügelt (Hände, Räume), Hintergründe sammelt, Szenen erst spielt und fotografiert, dann abzeichnet, das ist ausgesprochen lustig zu sehen und ermutigt alle, die ebenfalls mit ihrem Zeichenniveau hadern.

Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 22. März
Jean-Paul Krassinskys packende Survival-Saga „Das Lied der Arktis“ schildert das Überleben unterm Gefrierpunkt: hautnah, berührend, ur-menschlich

Sowas kenne ich sonst nur von meinem Geburtstagskuchen: Diesen Comic unterbreche ich nach jedem Kapitel, weil ich nicht will, dass er zu schnell endet. Eine weibliche Heldin in einer feindlichen Urwelt voller Gefahren und schamanischer Magie. Im Kampf ums Überleben unter härtesten, vorzeitlichen Bedingungen. Kein Comic schildert das derzeit besser, schöner und schlüssiger als „Das Lied der Arktis“.
Der Riss im Eis
Die Geschichte startet rasant: Das Mädchen Uqsuralik kriegt erstmals seine Tage, die Schmerzen sind so fies, dass sie nachts den Iglu verlässt. Und just, als sie über das Blut an ihren Fingern staunt, bricht das Eis und trennt sie von ihrer Familie. Ihr Vater kann ihr grad noch ein Fell und eine Harpune zuwerfen. Ab diesem Moment, ich schwör’s, lässt der Comic Sie nicht mehr vom Haken. Die Survival-Geschichte ist dabei nur der Anfang.

Uqsuralik jagt zwar geschickt, aber zaubern kann sie trotzdem nicht. Im ewigen Eis zählt nur Fleisch, und wenn das fehlt, fressen dich die eigenen Hunde. Die aufgeweckte Uqsuralik findet rettenden Anschluss an eine andere Sippe. Doch hier wird ihr Können zum Problem: Sie jagt besser als die Männer, die daraufhin gekränkt sind. Und als heranwachsende Frau bringt sie auch die weiblichen Hierarchien in Unruhe.
Geschickter Schnitt – maximale Wirkung
Wenig davon wird ausgesprochen, stattdessen sind die Konflikte immer wieder elegant und wirkungsvoll inszeniert, und das ist zweifellos die Stärke von Zeichner Jean-Paul Krassinsky.
Das soll seine Bilder nicht abwerten, es unterstreicht vielmehr seine Effizienz: Statt seinen leicht mangahaften, schlichten Stil krampfhaft zu verfeinern, kitzelt Krassinsky durch geschickte (Aus-)Schnitte die maximale Wirkung aus den Panels.

Ruhige Querformate, rasante Actionsequenzen, große Panoramen, quicklebendige Collagen für Clanfeste, Krassinskys Regie ergänzt die Romanvorlage von Bérengère Cournut behutsam und kraftvoll zugleich. Unerwartet ist, dass das Resultat vertraut wirkt. Obwohl ich doch den Roman nicht kenne.
Tine Steens Verdauungshilfen

Das erste Mal geschieht es, als ich von in Robbenfell eingewickelten Vögeln lese, die irgendwo vergraben werden, um dort zu vermodern. Das kenne ich doch! Von Tine Steen! Tatsächlich finden sich Steens steinzeitliche Verdauungshilfen quer durch den ganzen Band wieder. Und dann taucht immer wieder die mystisch-schamanische Zauberwelt auf, mit der sich gerade Ulli Lust in „Die Frau als Mensch“ ein zweites Mal abmüht.
Präsenter, präziser
Doch wo Lust zwischen Vermutung, Wissenschaft und Spielhandlung hindurch flipperkugelt, ist Cournuts Fiktion doppelt so entschlossen und die „Frau als Mensch“ zugleich einleuchtender, präziser und präsenter. Kein Wunder: Cournuts Erzählung spielt nicht vor 20.000 Jahren, sondern vor 200, die Realität und Traditionen der Inuit lassen und benötigen viel weniger Raum zur Spekulation. Auf 200 Seiten entfaltet Krassinsky eine mitreißende Saga, als Abenteuer genauso zu genießen wie als Parabel des Lebenskreislaufs. Umweltschützer finden darin eine untergehende Welt, Apokalyptiker die Zukunft der Menschheit. Und Comicfans eine erzählerisch vorbildlich bespielte Augenweide. Zugreifen!
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 22. Feb.
Lernen, ohne dass man's merkt: Wie Lewis Trondheims Spionage-Komödie „Green Witch Village“ uns den US-Zeitungscomic unterjubelt

Hoppla, das mag ich: Wenn man was so genießt, dass man gar nicht mitbekommt, wie man insgeheim was lernt. Ich gebe zu, nichts Weltbewegendes wie eine Fremdsprache oder höhere Mathematik, aber ein bisschen Kulturgeschichte. Und, wie gesagt: Sie spüren's ja eh kaum, weil der Comic so unterhaltsam ist. Er heißt „Green Witch Village“, und dahinter stecken Zeichner Franck Biancarelli und die Szenario-Schleuder Lewis Trondheim.
2026 war gestern
Das Wichtigste bei sowas ist natürlich nicht was man lernt, sondern: Dass es vom Start weg funktioniert. Trondheim braucht eine halbe Seite, dann sind wir drin: Die junge Tabatha Sands erwacht 1959 in ihrer New Yorker WG aus einer Ohnmacht. Was deshalb problematisch ist, weil sie vor ihrer Ohnmacht anders hieß, anders aussah und im Jahr 2026 lebte.

Eine klassische Geschichte aus dem Bodyswitch-Genre also, die in den Händen des Vollprofis Trondheim sofort anzieht, weil die Hauptfigur natürlich gar keine Zeit hat, das Rätsel zu lösen – sie muss sich ja in der neuen alten Welt zurechtfinden. Schön für uns, sogar doppelt.
Stadtansichten zum Versinken
Denn optisch kann sich der Zeichner hier im New York der End-50er austoben, mit Klamotten, Autos, Stadtansichten zum Versinken. Und auch die Einstellungen der 50er zu Frauen, Schwarzen, dem Leben allgemein lassen sich szenaristisch prima nutzen. Zumal Tabathas Freundinnen Schauspielerinnen werden wollen, also haben wir das Kinogeschäft, schmierige Film-Agenten, ungehemmte Debatten über die ideale Busengröße, lauter Sachen, die heute gar nicht mehr gehen.

Bzw. Sachen, zu denen man extra gehen muss, wie das Telefon, das es nur mit Kabel gibt. Weil das alles aber noch etwas zu wenig ist, rührt Trondheim noch einen Spionage-Plot mit Atombomben-Brisanz dazu, denn wir sind ja im Kalten Krieg. Aber keine Angst, kompliziert wird’s nicht.
Freche Klappe statt Frauenrechte
Tabatha ist eine Trondheim-Frau. Ihr fehlt das Großspurige seiner Männer, dafür hat sie Underdog-Mumm und eine freche Klappe. Sie lässt sich nichts bieten, und wenn ihr die Frauenrechte noch nicht helfen, lässt sie sich eben selbst was einfallen. Was auch erklärt, warum sie das Ganze immer nur halbernst zu nehmen scheint: Eigentlich, denkt sie, kann nichts passieren, weil sie ja irgendwie 2026 noch leben muss. Und dieser ganz leichte Unernst stützt das komplette Abenteuer. Aaaaber… was haben wir denn jetzt gelernt?

Als Comic-Routinier ahnt man es vielleicht etwas rascher. Tabatha sieht ein bisschen aus wie Audrey Hepburn und die Comic-Ganovin Modesty Blaise. Und wie bei der schwarz-weißen Modesty ist die Großstadt, sind die 60er allgegenwärtig, nur eben diesmal in Farbe. Die Panels sind geradezu berechenbar schematisch, als hätte man nur einen bestimmten Platz zur Verfügung, das alles kennt man doch von… na?
Geheime Spielregeln
Genau: Trondheim/Biancarelli liefern hier eine Hommage an den US-Zeitungscomic der 50er, 60er. Die täglichen Fortsetzungen reichten für eine Zeile mit drei gleich großen Panels, am Wochenende stand eine halbe Seite zur Verfügung. Man musste den Faden aufnehmen, die Handlung weiterführen und einen Cliffhanger liefern, damit die Kundschaft morgen weiterlesen wollte. Diese Spielregeln führen uns die beiden ganz nebenbei vor.
Jaaa, ich sag ja: Sie lernen keine Fremdsprache, keine höhere Mathematik. Aber nach dem Lesen wissen Sie’s. Und wenn’s Ihnen wurscht ist, sah’s trotzdem gut aus, war spannend und ziemlich witzig. Kann man mehr verlangen?
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
