Die Outtakes (44): Mit 1 Tischtennis-Bedrohung, 1 Menge fauler Ausreden und 1 halbgaren Hilfsprojekt

Halbleere Gruselschule
Es geht grusliger. Finde ich. Camille Broutins Manga „Yon“ spielt in einem seltsamen Mädcheninternat mitten in einer Wüste, das regelmäßig von Monstern bedroht wird. Bei Monsteralarm muss man sich in Sicherheit bringen, aber diesmal gelingt es einer Gruppe von Mädchen nicht rechtzeitig. Das Setting ist gut, auch das seltsame Gebäude mit einem riesigen, leerstehenden Flügel – aber trotzdem zündet das Ganze nicht recht. Vielleicht, weil die Monster tischtennisballgroße weiße Kugeln sind, man nicht genau weiß, was sie machen, und weil die Geheimnisse arg langsam und arg methodisch aufgedeckt und abgearbeitet werden. Vielleicht liegt der Wurm auch im Setting, Taiyo Matsumotos „Gogo-Monster“ versuchte sich auch mit Monstern in einer teils leerstehenden Schule, und das überzeugte auch nicht recht. Oder ich bin schon total abgestumpft und kriege nicht mehr mit, wie schlimm Tischtennisbälle wirklich sind.
Bedingt erzählbereit

Sorry, aber das ist nicht gut. Nach „Al-Fazia“ ist jetzt mit „Gib nicht auf“ der dritte Titel von etwas draußen, was offenbar eine Reihe des kanadischen Projekts „Survivor-Centered Visual Narratives“ werden soll. Inhalt: Menschen, die üble Scheiße (üb)erlebt haben, bekommen einen namhaften Comicautor zur Seite, der ihr Schicksal zu Papier bringt. Anfangs klappte das noch gut, weil Barbara Yelin die Sache selbst in die Hand nahm. Teil drei von Birgit Weyhe über eine junge Jesidin offenbart hingegen ähnliche Schwächen wie Teil 2 von Tobi Dahmen. Als da wären: Der Comic-Teil endet nach 70 Seiten, danach erzählen 30 Seiten Making-of nochmal, was im Comic steht, bzw. das, was im Comic stehen könnte. Wenn man keinen Making-Of-Quatsch drangeklebt hätte, der erzählt, wie furchtbar schwer alles ist. Punkt zwei: Überlebende und Comic-Autor werden von den Projektverantwortlichen gepaart. Die Story entsteht also nicht, wenn ein Autor den passenden Protagonisten findet, sondern wenn die Projektleute meinen, der oder die wäre geeignet. Aber: Bei Dahmen und Weyhe sind die Interviewten nur in Teilen zum Erzählen bereit. Und weil die Stärken von Dahmen/Weyhe mehr in der Betroffenheit als im Journalismus liegen, holen sie nicht Verborgenes ans Licht, sondern füllen die Lücken lieber mit eigenem Seufzen. Das ist menschlich, nachvollziehbar, auch sympathisch, aber eines eben leider nicht: gut. Birgit Weyhe/Jilan, Gib nicht auf!, avant-verlag, 24 Euro
Ein Kessel Kurzes

Was für ein Start: Bianca Bagnarellis Kurzgeschichtenband „Kreaturen“ beginnt mit einer beklemmend-bizarren Story, in der ein Paar eigenwilligen Besuch bekommt. Ein junges Mädchen möchte aus Angst vor Wölfen heimgefahren werden. Könnten das nicht seine Eltern machen? Aber dann bringt das Mädchen derart viele fadenscheinige Ausreden, dass man förmlich spürt, dass da was faul ist. Nur was? Bagnarellis superklare Zeichnungen ergänzen diese haarsträubend verschwommene Episode so ideal, dass ich aus lauter Vorfreude nie mehr als zwei der 13 Geschichten pro Tag lese. Leider werden die hohen Erwartungen nur optisch immer erfüllt, inhaltlich sind einige Abschnitte statt rätselhaft nur schwerverständlich. Unterm Strich bleibt aber immer noch eine entdeckenswerte Wundertüte, die häufiger überzeugt als nicht. Bianca Bagnarelli, Myriam Alfano (Üs.), Kreaturen, Reprodukt, 25 Euro
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Die Outtakes (43): Mit 1 Hauptstadt-Horror, 1 Horvath-Hommage und 1 fetteckigen Bubenstück

Einmal Berlin, bitte noch blutig
Weil grad die neue Vampirserie „City of Blood“ an den Start geht, bringt der Carlsen-Verlag auch den Comic raus, auf dem sie basiert: „Berlinoir“ aus dem Jahr 2003. Ein Dreiteiler, der Vampire Berlin regieren lässt, indem sie den Menschen wahlweise ewiges (Nacht-)Leben oder einen Job besorgen. Ich lese sie heute zum ersten Mal, und meine Begeisterung ist limitiert. Ich entdecke ein solides „Vampire auf Deutsch“-Produkt, das sich (wie manche „Zombies auf Deutsch“-Produkte) im Verpflanzen erschöpft – sei es in Berliner S-Bahnen, Straßen oder jenem Weimarer Setting, das zwischenzeitlich „Babylon Berlin“ so verkäuflich gemacht hat. Szenen und Farben sind attraktiv, Menschen weniger, aber Boxcomic-Ikone Reinhard Kleist war eben auch 23 Jahre jünger. Der Hauptnachteil: So lustvoll die Story Berlin, Vampire und Friedrich Murnau verquirlt, so unwichtig ist ihr das Fundament. Die Vampire kriegen im Tausch für Blutspenden „Rentenprobleme, Wohnungs- und Arbeitsmarkt“ in den Griff – aber wie? Und warum freut sich die Bevölkerung dann nicht? Müssten vampirbekämpfende Helden dann nicht in den Augen der Normalmenschen völlig verstrahlte Irre sein, die den funktionierenden Staat ruinieren? Die Antworten könnten ein cleveres Spiel eröffnen, aber Kleist und Texter Tobias O. Meißner interessieren mehr geile Stimmung und Bilder. Genau das macht es vermutlich für TV-Produzenten so attraktiv.
Reinhard Kleist (Zeichnungen), Tobias O. Meissner (Text), Berlinoir, Carlsen, 30 Euro
Vorsicht, Herzenssache!

Das hier ist eindeutig die Kategorie „Zu dicht dran“. „Ödön von Horváth“ ist spürbar ein Herzensanliegen von Texter Dieter Kirsch, der sich dazu die Illustratorin Laura Stadtegger gesucht hat. Letzteres ist eine gute, eine kluge, ansehnliche Wahl, weil Stadtegger sich schön leicht, deftig und derart schlicht wie mutig durch die Szenen schmiert, dass man auf die Pointen förmlich lauert. Leider setzt Kirsch vom Leser zuviel voraus: Er zitiert, schildert und deutet an, als würde jeder die Biografie und Texte von Horváth so auswendig kennen wie er. Ich beispielsweise tu das aber nicht, leider, muss ich sagen, weil ich dann vermutlich viel Freude an dem Band hätte. So habe ich ständig das Gefühl, dass ich was verpasse – oder was nachschlagen muss. Aber neugierig auf Stadtegger bin ich jedenfalls geworden, herzlichen Dank! Dieter Kirsch (Text), Laura Stadtegger (Zeichnungen), Ödön von Horváth, Allitera Verlag, 25 Euro
Beuys will be Beuys

Beuys, kennste? Fettecke? Wo man nie genau weiß: Kunst oder Quatsch? Jaaa, genau, der mit dem Hut. Ist auch schon 40 Jahre tot, und Lenz Mosbacher hat jetzt einen ziemlich cleveren Comic dazu gemacht. Der ist schon gut, aaber… sicher nicht für jeden. Weil Mosbacher mutig keine einfache Nacherzählung aller Best-ofs abliefert, sondern sich mit der Person auseinandersetzen will. Heißt: es hilft, wenn der Leser schon eine grobe Ahnung mitbringt. Wenn er weiß, dass Beuys nicht nur Fettecken machte, sondern viel Aktionskunst. Sich mit Kojoten in einen Käfig sperren lassen. Toten Hasen Bilder erklären. In guten Momenten ist Beuys originell und witzig, wie hier. Und wenn er ins Dozieren kommt, ein wendiger, aber anstrengender Kopf mit anstrengendem Sendungsbewusstsein. Das ist das Tolle an Mosbachers Comic: Man kriegt einen exzellenten Eindruck vom Typen Beuys. Aber wenn man vorher nichts über den Künstler und sein Werk weiß, ist man hinterher nicht viel schlauer. Jetzt können Sie sich’s aussuchen. Lenz Mosbacher, Beuys – Die Erfindung der Wahrheit, avant-verlag, 30 Euro
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Die Outtakes (42): mit 1 beutelosen Verbrechergenie, 1 apokalyptischen Ritual und 1 TV-Show mit Job-Hauptgewinn

Erfolgloses Genie
Alles sieht richtig aus – aber es fehlt was: „Dortmunder“ ist ein weiterer Zweig der „Parker“-Schiene, die harte Krimis im Look der 60er und 70er Jahre serviert. Dortmunder, der Protagonist, und die zugehörigen Romane stammen auch aus derselben Feder von Donald E. Westlake. Aber Dortmunder ist zugleich Spoof: eine komödiantische Variante, und der Held (den immerhin schon mal Robert Redford spielte) ist ein Genie, das immer Pech hat. Klingt lustig, oder? Bis man mal drüber nachdenkt, wie in einer ergebnisorientierten Verbrecherwelt jemand Leute anheuern soll, der nie Beute vorzuweisen hat. Vielleicht klappt das ja im Roman, im Comic bin ich nur noch am Kopfschütteln. Dortmunders Gruppe klaut eine Behelfsbank im Container, um anschließend mühsam die ganze Bank abtransportieren (!) und verstecken (!!) zu müssen. Klar könnte ein Genie merken, dass es leichter ist, vor Ort ein Loch in die Blechwand zu sägen und den Safe zu klauen, aber Westlake war halt scharf auf den eigentlich titeltauglichen Heist-Gag mit der geklauten Bank. Und so zerbröselt mit jedem Logikfehler der Spaß an der Komödie mehr. Aber die an Darwyn Cooke geschulte Optik von Jesús Alonso Iglesias ist anheimelnd kühl, und wer den Kopf immer wieder ausschaltet, kann mit „Dortmunder“ durchaus seinen Spaß haben.
Pinkblaues Bezahl-Debüt

Thomas Gronles „Das Ritual“ kommt mit allerhand Vorschusslorbeeren, aber ich fürchte: Sie sind ein wenig mit Sympathie gedüngt. Gronle ist Teil der wunderbaren Moga Mobo-Einrichtung, die mit ansteckender Begeisterung die Republik mit selbstgemachten Gratis-Comics versorgt. Und wer etwas 30 Jahre lang macht, lernt dabei reichlich – was sich sehr gut an Titus Ackermanns „Was vom Leben übrig bleibt“ beobachten ließ. Gronles Pay-per-Graphic-Novel-Debüt überzeugt etwa mit beeindruckender Optik samt Retro-Aroma, die Schwarz-Weiß mit grellem Pink/Blau kombiniert. Seine Story bevölkert er mit scherenschnittschwarzen Monstern, in einem Haus soll ein apokalyptisches Ritual stattfinden, damit die Götter die Menschheit vor einer noch größeren Katastrophe verschonen – der Held ist Jan, der Page vom Hotel gegenüber. Aber so entschlossen Gronle seinen Comic designt, so unentschieden erzählt er seine Geschichte. Soll sie absurd sein oder bedrohlich? Menschelnd oder actiongetrieben? Gronle mag sich nicht entscheiden, wirft erzählerisch alles in die Suppe und erntet so allenfalls die Hälfte von dem, was dringewesen wäre. Aber trotzdem: Diese Suppe sieht toll aus!
Bitte keine Vorwürfe!

Was für eine wunderliche Überraschung: Für mich signalisiert alles an Nele Jongelings neuem Comic „verschrobener Humor“. Nicht zuletzt der trotzige Titel „Ich will nicht arbeiten“, aber auch die Max-Baitinger-Optik, die verzerrten Figuren, die halb Funny Animal sind und halb weichgewordene Gummigiraffen. Dazu die strenge blau-orange Kombination, die akkuraten Perspektiven, die bizarre Geschichte eines „Bundesbüros für Beruf“, das in einer Art TV-Show fünf Menschen um einen maßgeschneiderten Traumjob kämpfen lässt. Aber Seltsamkeit: Jongeling mag davon wenig nutzen. Den Wettbewerb mag sie weder spannend noch skurril ausarbeiten. Die Kandidaten diskutieren recht ernsthaft die Probleme junger Menschen mit den Anforderungen des real existierenden Berufslebens – was Jongeling weder kritisiert noch unterstützt noch irgendwie reflektiert, also eigentlich nur: runterbetet. Und zum Schluss jobbt die Protagonistin Edit als (unterbezahlte? ausgebeutete?) Bedienung in einem Café und ist glücklich, solange sie sich keine Vorwürfe macht. Ich weiß nicht so recht, wem das weiterhelfen soll, ich weiß aber, wen das irgendwie gar nicht mal so gut unterhält. Nele Jongeling, Ich will nicht arbeiten, Reprodukt, 29 Euro
