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Comicverfuehrer

Erbarmungslos einfühlsam: Lika Nüssli beobachtet schmerzhaft genau den dementen Alltag ihrer Mutter


Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Schön ist was Anderes. Sagte meine Mutter oft dann, wenn schön was Anderes war. Wie zum Beispiel „Vergiss dich nicht“ von der Schweizer Zeichnerin Lika Nüssli. Schön ist definitiv was Anderes. Gut nicht. Gut ist genau das. Man muss es aber aushalten können.


Bizarre Parallelwelt


Nüssli setzt sich mit dem Abschied von ihrer Mutter auseinander, die das Ende ihres Lebens im Heim verbringt. Die Demenz hat nicht mehr viel Mutter übriggelassen. 30 Seiten widmet Nüssli der alten Dame, der Vergangenheit, dem gemeinsamen Wandern, dem Aufwachsen in der Gastwirtschaft. Dann switcht sie in die Gegenwart. Nüssli besucht ihre Mutter, sie notiert und zeichnet aus der bizarren Parallelwelt des Pflegeheims. Und das gelingt Nüssli außerordentlich gut.


Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Auch, weil sie sich erzählerisch rasch von ihrer Mutter löst. Als Einstieg sind wir noch bei ihr, erleben den fürsorglichen, nicht immer leicht erträglichen Freundlichsprech der Pflegekräfte. Aber vom Basteltisch, bei dem die Mutter ihr Gebiss in Pflanzenblätter wickelt und im Blumentopf entsorgt, schweift Nüssli ab und nimmt das ganze Heim in den Blick.


Dialoge ohne Anfang und Ende


Den Mann, dem immer kalt ist. Die Frau, die ständig von „bella italia“ redet. Dialoge ohne Anfang und Ende, bei denen Partner und Möbel seltsame Formen annehmen oder plötzlich in amorphen Strukturen verschwinden. Nicht immer ist klar, was wirklich gesagt wird oder was tatsächlich zu sehen ist. Erinnerungen sind plötzlich da, werden zu Fantasien umgebaut, verschwinden wieder. Nüssli lässt das genauso unkommentiert geschehen, mit ihren Szenen platziert sie ihr Publikum mitten in die Hilf- und Ratlosigkeit. Schön ist was anderes. Gut nicht.


Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Das Geschilderte ist oft ungenau und muss es auch bleiben, weil vieles rätselhaft bleibt. Zugleich ist Nüssli aber auch bewundernswert präzise: Wie sie etwa die absurden Gespräche belauscht, die vermehrt im heimatlichen (Schweizer) Dialekt ablaufen – oder aber in hochdeutschen, präzise eingeschliffenen und immer wieder abgespielten Formulierungen. Wie denen des Herrn Krause, der aufs Klo gebracht wird. Auf die im freundlichen Singsang vorgetragene Ermunterung „Isch schön warm hier drin, Herr Krause, gäll?“ kontert er förmlich mit „Ach, das kann ich nicht bestätigen.“


So echt, dass man heulen könnte


Allein diese Antwort lässt viele Vermutungen zu, was und wer dieser Herr Krause mal war und jetzt nur noch zum Teil ist, zum Klein-Teil. Das ist so echt, dass man heulen könnte. Nüssli zeigt aus Bruchstücken der Vergangenheiten zusammengesetzte Welten, einen Kosmos, der mit unserer Realität wenig zu tun hat und ganz eigene Prioritäten setzt. Verletzungen tauchen auf, Ungerechtigkeiten, dazwischen immer wieder eine vom Leben ermüdete Gleichgültigkeit.

Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Manchmal ist das auf eine furchtbare Art komisch und auf eine komische Art furchtbar. Erträglich? Vielleicht, vielleicht nicht, ertragen wird es jedenfalls, nicht zuletzt von der zeichnenden Zeugin Lika Nüssli selbst. Trost findet man hier nicht, auch keine Hilfe, als Ratgeber taugt der Comic nicht – wie soll er auch? Wer in Nüsslis Alter ist, wer die erbarmungslose Situation kennt, der weiß, dass man das als Angehöriger nur aushalten kann, aushalten muss.


Furchtbar komisch – komisch furchtbar


Hier liegt auch der Unterschied zum ähnlich exzellenten „Sommer ihres Lebens“ von Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker. Die beiden spiegelten das Ab-Leben einer Frau im Heim mit ihrem aktiven Leben zuvor. Lika Nüssli verlegt nun den Schwerpunkt aufs banal-aberwitzige Jetzt. Interessante Folge: Bei Nüssli identifizieren wir uns nicht mit der Hauptfigur, sondern mit den Menschen, die all das ohne professionellen Abstand beobachten (müssen) – die Angehörigen.


Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Ob Angehörige einen solchen Comic gern lesen? Mit Genuss? Wer überhaupt liest sowas gern oder mit Genuss? Aber das ist vermutlich die falsche Herangehensweise. Hier setzt man sich einer Situation aus, und das einfühlsamer als in jedem Fachbuch. Und wer die Situation kennt und selbst oft genug sieht, für den ist geteiltes Leid vielleicht ein bisschen weniger Leid. Schön ist was anderes, würde meine Mutter jetzt sagen.

Also nicht schön.

Aber gut.






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  • 14. Dez. 2025

Schlimmer Titel, reißerisch aufgemacht: „Auf den Hund gekommen“ wirkt wie eine Comic-Katastrophe – und entpuppt sich als Krimi-Perle

Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag
Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag

Das Cover lässt Übles fürchten: Niedlicher Hund schaut mitleiderregend, dazu eine Automatikpistole und Blutspritzer. Was immer man sich da zusammenreimt, gut wird's nicht. Billige Angstmache um den armen Hund? Und wenn nicht, ist es Comedy? Killer mit Hund, sowas in der Art? Aber das klingt dann so plakativ-platt, mangamäßig, Schwertkämpfer mit Goldfisch, Halunke mit Hamster. Und dann noch der Spaßtitel: „Auf den Hund gekommen“! Hilfe!

Doch: weit gefehlt.


Einmal nach Schema F, zweimal dagegen

Illustration: P. Lemaitre/D. Monféry - Splitter Verlag
Illustration: P. Lemaitre/D. Monféry - Splitter Verlag

Los geht es ins Schema passend: mit einem Mord. Der Täter ist eine Dame um die 60, die im Renault R 5 auf ihr Opfer wartet. Sie hat ihren Hund dabei, arbeitet eiskalt, blitzschnell und mit einer Schalldämpferpistole – sie macht sie sowas scheint's öfter, vielleicht sogar beruflich. Ungewöhnlich ist, dass sie nicht nur das Opfer tötet, sondern auch dessen Dackel. Das kommt in diesem Genre nicht so oft vor. Und dann wird es gleich zweifach interessant.


Außer Kontrolle


Der ermittelnde, selbst nicht mehr junge Kommissar besucht seinen Vater, der offenbar in die Senilität abgleitet, und dessen Pflegerin. Hatten wir noch nicht so oft. Und wir erfahren: die Hundekillerin war auf eigene Faust tätig, sie ist also Teil einer Organisation – und irgendwie außer Kontrolle. Besonders schön: Wir erfahren all das mit wenig Geschwafel. Denn weil Bild und Text so gut ineinander greifen, klingen die Protagonisten nicht wie Fernsehkommissare, sondern können und dürfen reden wie normale Menschen.


Kill your darlings gründlich


Ab da zieht Lemaitre die Schrauben richtig gut an. Ich will auf keinen Fall zuviel verraten, aber es wird a) brutal und b) hat Lemaitre überhaupt kein Problem, Leute zu opfern, die man als Leser eigentlich für unverzichtbar hält. Was c) bedeutet, dass die Handlung (wenigstens für mich) richtig, richtig überraschend ist.

Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag
Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag

Dazu kommt überdurchschnittliches Artwork von Dominique Monféry: Keine gefällige Standardware, sondern etwas ruppiger, grober. Kombiniert mit sehr filmischen Einstellungen, Close-Ups, Draufsicht von der Zimmerdecke, Zoom aufs Detail, eine Prise Witz, nur eine ganz kleine, weil das hier eben nicht noch zur xten ach so schwarzen Komödie abgleiten soll. Szenarist Lemaitre hat sich ja auch nicht den blödsinnigen Titel ausgedacht: das Original heißt „Le serpent majuscule“, deutsch ganz grob „die große Schlange“, Hundeanteil null. Aber was soll's, Titel, Schmitel: Das hier ist eine echte, rundum gelungene Überraschung, ein richtiges Krimi-Juwel.

Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag
Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag



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Französische Ernte (II): Wie ein großes Comicangebot übersehenen Perlen zur zweiten Chance verhilft  etwa der bittersüßen Zauberwelt des Cyril Pedrosa

Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt
Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt

Was hat ein Comicfreund vom Frankreichurlaub, wenn er die Sprache nicht complètement connait? Wie (hust) immer noch ich? Beispiel 2: Er flipperkugelt in der Pariser Rue Saint Jacques von einem Comicshop in den nächsten. Die nicht nur bestimmte Themen abgrasen, sondern überhaupt von allen Autoren auch noch die komplette Backlist bereithalten. Weshalb man sich fragt: Warum hab ich nicht mehr von Cyril Pedrosa gelesen? Der sieht doch geradezu unverschämt gut aus!


Null Action, sanfter Witz

Pedrosas „Jäger und Sammler“ ist eine Herzenssache. Als der Titel 2016 auf deutsch erschien, hab ich ihn ignoriert, weil er „irgendwie anstrengend“ aussah. Und dem Leser so wenig entgegenkommt: Er erzählt von verschiedenen Menschen, man weiß nicht, was sie miteinander zu tun haben, es gibt null Action, nur sanften Witz. Was den Comic vorm Weglegen rettete, waren die Figuren und die Bilder.

Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt
Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt

Wie Pedrosa Menschen beobachtet und sich bewegen lässt, macht große Freude. Die Körperhaltung beim Rauchen, Streiten, In-der-Handtasche-kramen, da ist es völlig egal, worüber sie gerade reden, weil das Gespräch durch die Zeichnungen so viel Leben gewinnt. Obendrein inszeniert Pedrosa Szenen und Dialoge so vielseitig und ideenreich, dass man völlig vergisst, wie unscheinbar die Gesprächsthemen sind.


Die richtige Pose im richtigen Moment


Er wechselt nicht nur die Perspektive, die Panelgröße, er wechselt das Licht, die Farben, den Fokus. Er reduziert etwa in berührenden Momenten die Schärfe, bis nur noch die Gesichter klar sind. Er entfernt die Konturen, tönt Doppelseiten in blaugrau oder auch in pink, Pedrosa öffnet ein regelrechtes Füllhorn der Optionen, dessen Output er aber auch passend dosiert. Als er beispielsweise zwei Doppelseiten Ex-Ehestreit an Weihnachten abfeuert, verzichtet er auf jeden Zusatz, weil ja der Zoff die Szene trägt. Ich brauchte bis zu diesem Streit, um endlich Zugang zu finden.

Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt
Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt

Denn alle Charaktere sind gleichwertig, und weil sie wenig miteinander zu tun haben, sitzt man anfangs da wie vor einem Haufen Puzzleteile. Man muss sich über die Ecken und Ränder reintasten. Und ich vermute: Je älter man ist, desto lohnender wird’s. Pedrosas Charaktere sind fast alle 40 aufwärts, sie rätseln über das Leben und seine Endlichkeit, ohne dafür alleingültige Wahrheiten liefern zu können.


Muss. Mehr. Pedrosa. Lesen.


Mit 20 hätte ich vermutlich gegähnt. Aber ich bin nicht mehr 20. Vielleicht sollten aber auch nur eine Menge Comics dem Leser einfach im richtigen Alter begegnen. Oder im richtigen Moment. Oder in Paris. Muss. Mehr. Pedrosa. Lesen.

Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt
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