- 8. Feb.
Dem Autor folgen: Eine Reise in die motörheadhafte Vergangenheit des anstrengend brillanten Max Baitinger

Man rostet ein. Zum Beispiel hab ich ganz vergessen, Max Baitinger auszuleuchten. Sie erinnern sich? Der strange Typ mit dem saulustig-unbehaglichen Fremdschäm-Feuerwerk „Hallimasch“? Sowas fällt ja nicht vom Himmel, also: Was hat dieser Baitinger vorher so gemacht? Haben wir da nicht womöglich was verpasst? Schaumermal.
Skurril und unerlöst

Baitingers Debüt „Heimdall“ (2013) nutzt die Weltuntergangsvisionen der Edda für Skurrilität weitgehend ohne erlösende Pointe. Das gibt’s öfter, Nicolas Mahler etwa ist einer der prominentesten Vertreter dieser Humorausrichtung. Zu Schulzeiten wurde derlei gern als „Zwangswitz“ abgewertet. Oder unterstellt, irgendwelche Verkopften hätten sich hier eine elitäre Humorsorte zurechtdestilliert. Sowas wie diese Kenner-Whiskys, bei denen der Laie meint, er trinke verbrannte Autoreifen. Ob’s wirklich so ist, weiß ich nicht, aber: Max Baitinger hat in der Folgezeit wohl festgestellt, dass einige besser erkennbare Gags es den Lesern erleichtern, sich mit ihm zu amüsieren.
Zielsicher auf den Hals gehetzt

Mit „Röhner“ (2016) gelingt ihm schon mal was recht Hallimaschiges. Baitinger schildert das Dilemma des methodischen, kontrollfixierten P., der sich gerade so mit seiner Nachbarin arrangiert hat und dem jetzt jener aufdringliche Röhner in die Wohnung schneit, weil er eine „Penne“ braucht. Und P. kann leider nicht „nein“ sagen. Baitinger hetzt den Schwätzer Röhner derart zielsicher auf den wehrlosen P., dass man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen will, aber man muss ja den Comic halten. Doch der Band startet langsamer als „Hallimasch“, weil Baitinger P. so geduldig einführt. Mit P.s Ritual zum Kaffeekochen, der sparsam durchdachten Einrichtung, der Überwindung, die es ihn schon kostet, die ganzen Pakete der Nachbarin aufzubewahren, die sie „im Internet“ loskriegen will. Aber obacht: All das ist nicht so konsumierbar wie im „Odd Couple“. Baitinger fördert und fordert: Wer schaudernd lachen will, muss sich an seinen Designerblick gewöhnen. Die Panels reduziert er klug und kühl auf die Atmo einer IKEA-Bauanleitung herunter, was doppelt komisch sein kann – aber man kann es genauso für mühsam halten.
Kloßartiger Abschied vom Büro

2017 treffen wir „Birgit“. Auf 48 kleinformatigen Seiten entwickelt Baitinger ein munteres Minimelodram um die Titelheldin, die nach Jahren im Büro nach Hause geht, um „der Neuen“ zu entkommen. Birgit ist ein grandios stoffeliger Kloß, schweigsam, träge, der seiner Nachfolgerin nicht die kleinste Hilfe geben wird und schnell noch alles einpackt, was nicht niet- und nagelfest ist. Und womit? Mit Recht, weil „die Neue“ ja genauso unbestreitbar eine furchtbare Nervensäge ist in der Tradition von Röhner ist, eine Vorahnung des entsetzlichen Dietz aus „Hallimasch“. Wer sich vorsichtig an Max Baitinger herantasten will: „Birgit“ ist eine gute, superkurze Gelegenheit sich anzustecken.
Per Kurzstrecke zum Gedankensprung

„Happy Place“ ist eindeutig mehr was für Liebhaber: Der Band (2020) versammelt kürzere Strips, was deshalb herausfordender ist, weil es gerade in längeren Erzählung leichter ist, sich in Baitingers Denke und Zeige hineinzufinden. Hier hingegen zielt vieles auf die Pointe, und die ist oft rücksichtsfrei verschroben – also nicht gerade ideal zum Weitererzählen. Grafisch ist das alles freilich staunenswert: Baitinger ist ein großer Vereinfacher, oft auch ein großer Verkürzer, enorm risikofreudig bei seinen angstfrei absurden Gedankensprüngen. Das wird in „Happy Place“ nicht immer belohnt, aber der Mut und die Lust sind kompromisslos, bewundernswert und mitreißend. Prädikat: motörheadhaft.
Biografie mit freistehendem Bier

Zuguterletzt: „Sibylla“. 2021 erschienen, eine wundermutige Auftragsarbeit der Sibylla Schwarz-Gesellschaft aus Greifswald. Die Titelheldin ist eine Barockdichterin, die 1638 mit 17 starb. Die Gesellschaft beauftragte zum 400. Geburtstag Baitinger mit einer Biographie. Das Resultat ist unterhaltstrengend, auch weil Baitinger keine Lust zum Runtererzählen hat, dafür aber seine immensen Fähigkeiten komplett von der Leine lässt. Seine Szenen und Panels aus dem Leben der Jungdichterin, die sich um ihren Vater kümmerte, komponiert und assoziiert er oft bis kurz vor der Unverständlichkeit – aber stets bleibt Platz für nachvollziehbare Lacher. Seine superpräzise reduzierten Figuren setzt er in wabernde Landschaften, in ausgefeilte Räume, immer wieder auch aus aufregender, einfallsreicher Perspektive. Und soviel Kopfarbeit dahintersteckt, es bleibt doch alles immer spielerisch: Wenn Baitinger beim Einschenken eines Bierglases einfach Krug und Glas weglässt, wenn also nur noch aus der Krugmündung fließend das freistehende Bier ansteigt, ist das – auf den ersten Blick „Häh?“, aber auf den zweiten munter-absurd-bizarr, einfach baitingeresk. Man kann auch sagen: Wo man bei Feuchtenberger den tiefen Ernst ahnt, schmeckt man bei Baitinger die diebische Freude, Ernst mit Absurdität auszukontern. Max Baitinger, Sibylla, Reprodukt, 24 Euro
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- 31. Dez. 2025
Kurz & schmerzlos: Der Siegertitel des Comic-Jahres 2025

Viel Schönes gab’s 2025, viel Unerwartetes: Dazu gehören Olivier Schrauwens grandios verplemperter „Sonntag“ oder Luz’ Biographie des Bildes „Zwei weibliche Halbakte“, erzählt aus – dessen Perspektive. Tara Booths Farbgranate „Überwindungen“, die innovativen NS-Bearbeitungen von Hannah Brinkmann („Zeit heilt keine Wunden“) und Marius Schmidt („Aale und Gespenster“). Max Baitingers drollig-deprimierender Band „Hallimasch“ oder Martin Oesch appetitlich-nachdenkliche „Fleischeslust“.
Aber wenn ich nach meiner eigenen Reaktion beim Lesen gehe, dann kann’s hier für 2025 nur einen Sieger geben: Maya Neyestanis „Papiervögel“. Was für ein Brett!
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- 20. Sept. 2025
Fremdschämen oder Mit-Leiden? „Hallimasch“ ist das schmerzhaft komische Porträt einer ganz gewöhnlichen Lebensmitte

Oha. Das hier ist sehr, sehr gut.
Nicht für alle, doch für viel mehr als man denkt. Ich sag mal: Feuchtenberger meets Stromberg. Und wenn Sie grad im Laden stehen: die ersten sechs Seiten reichen, um rauszufinden, ob Sie „Hallimasch“ von Max Baitinger mögen.
Oberlehrer trifft nassen Sack
Erste Doppelseite: Ein Judo-Studio, zwei junge Kämpfer stehen sich gegenüber. Krakelig, aber die japanische Wandtapete ist präzise. Der Kampf: Die Krakel-Figuren verschmelzen, aber trotzdem erkennt man alles superklar, das typische Ziehen, Zerren, Schieben. Judofans sehen's gleich, alle anderen drei Panels später: Der Coach trennt die zwei und oberlehrert auf sie ein. Wie er sie am Kragen zieht, wie sie kindertrotzig zum nassen Sack werden, wie er er seine abgedroschen rhetorischen Fragen stellt, wie sie kaum leserlich die xmal geübte Antwort nuscheln, das ist sehr, sehr komisch – und das perfekte Intro für den Trainer: Dieter.

Den muss man sich so vorstellen: Vollbart, zu große Brille, geradezu atemberaubend unwitzig. Baitinger zeigt ihn als nächstes beim Telefonieren, superlässig die Hand in der Hosentasche, drunter diese Plastikpantoffeln, endlos sülzt er auf der Terrasse vor Einfamilienhaus und Grill und Trampolin, bis wir merken, dass er nur einen AB vollquarkt. Er wird „den Volker abholen“ und dann werden sie ihren alten Kumpel Acki in Leipzig besuchen. Das klingt alles nach wenig, aber vor allem eines: phänomenal cringe!
Grusel-Gesten an der Kaffeemaschine
Dieters Grusel-Gesten (das Bedienen der Kaffeemaschine, Trommeln auf dem Lenkrad), die präzise abgelauschten Phrasen, das ist irrsinnig gut, lustig, bitter und wird nur noch von Baitingers zeichnerischer Sparsamkeit übertroffen. Wo andere zwei Linien setzen, reicht Baitinger eine halbe, wenn er sie nicht weglässt und durch ein bisschen wässrige Grauschattierung ersetzt. Was wiederum Baitingers finsteren Humor ideal stützt: Die Kargheit vermittelt den Eindruck, als hätte man Details und Pointen in einem Suchbild selbst entdeckt. Kann natürlich nicht stimmen, wirkt so aber doppelt überraschend.
War’s das?
Noch lang nicht.

Ich hab noch nicht von seiner munteren Kameraführung gesprochen, Draufsicht, Untersicht – alles vorhanden, aber nie übertrieben, stets szenendienlich. Actionpassagen, obwohl die ganze Handlung null Action hergibt. Die grandiose Charakterkombination, denn der abzuholende Volker ist ein passend wortkarger Frontalstoffel, die ideale Ergänzung, zu Dieter, der in seiner Abwaschbarkeit verzweifelt versucht, mit dem Spitznamen „der Dietz“ Profil zu gewinnen.
Das vorgefertigte Leben
Wie Baitinger diese Figur zeichnet, die alles gekauft hat, was man kaufen muss, und die trotz Frau und zwei Töchtern ein deprimierend hohles, vorgefertigtes Leben absolviert, das ist zum Heulen komisch. Weil Baitinger eine Sache konsequent richtig macht.

Baitinger wirft Dieter sein Lebensmodell nicht vor. Aber er zeigt, wie „der Dietz“ selbst darunter leidet. Wie er sich sein Leben selbst zulärmt, weil er den stillen Momenten ausweichen will. Wie er Gesprächspausen zuquatscht, seine Familie inhaltslos anruft, sich einsam betrinkt, ewig und fortwährend die ollsten Kamellen reproduziert, wie er sogar dankbar ist, wenn plötzlich sein Chef am Handy ist. Wie er überhaupt den ganzen Trip zu Acki nach Leipzig offenkundig nur anleiert, weil das normale Leben…? Denn der legendäre Acki hat sich auf seine Anrufe und seine AB-Sermone praktisch noch nie zurückgemeldet.
Ich hab „Hallimasch“ eingesaugt. Gott, war das gut!
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