- 17. Apr.
Comic-Salon in Erlangen: Für die Jury sind dies die 25 besten Veröffentlichungen der letzten zwei Jahre

Ein kleiner Service: Der Erlanger Comic-Salon (4.-7. Juni) hat seine 25 Titel für den Max-und-Moritz-Preis 2026 nominiert. Und jetzt Sie vielleicht so: „Oje, 25 neue Titel! Sooo viiiel Stoff! Wie soll man das alles aufarbeiten?“ Aber easy: Wenn Sie hier mitlesen, kennen Sie 17 Titel schon. Und wenn nicht: Einfach die verlinkte Liste durchklicken! Und - ja? Was mit dieser Posy Simmonds ist, die da für ihr Lebenswerk geehrt werden soll? Keine Bange, Posy kennen Sie auch schon.
Die Nominierten:
Ahmadjan und der Wiedehopf von Maren Amini. Carlsen
Bauchlandung von Wanda Dufner. Edition Moderne
Blutsauger von André Breinbauer. Carlsen
Das Lied der Arktis von Jean-Paul Krassinsky und Bérengère Cournut (Üs. Resel Rebiersch). Schreiber & Leser
Der süßeste Bruder der Welt ... und andere Irrtümer von Elin Lindell (Üs. Katharina Erben). Klett Kinderbuch
Der verkehrte Himmel von Mikael Ross. avant-verlag
Der Weltraumpostbote. von Guillaume Perreault (Üs. Ulrich Pröfrock). Rotopol
Der Zahn von Ayşe Klinge. Kibitz
Die Frau als Mensch von Ulli Lust. Reprodukt
Die große Verdrängung von Roberto Grossi (Üs. Myriam Alfano). avant-verlag
Fleischeslust von Martin Oesch. Edition Moderne
Hackenporsche von Melanie Lüdtke. Schwarzer Turm
In den trüben Gewässern Istanbuls von Özge Samancı (Üs. Silv Bannenberg). Helvetiq
Jakob Neyder von Franz Suess. avant-verlag
Kaputt von Alison Bechdel (Üs. Katharina Erben). Reprodukt
Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve. avant-verlag
Peri Meno von Rinah Lang. Carlsen
Red von Josephine Mark. Kibitz
Saloon. Das ist Familiensache von Mia Oberländer. Edition Moderne
Schweigen von Birgit Weyhe. avant-verlag
Shrimpie und ich von Moni Port und Claudia Weikert. Kibitz
Sonntag von Olivier Schrauwen (Üs. Christoph Schuler). Edition Moderne / Colorama
The Strange House von Uketsu und Kyo Ayano (Üs. Claudia Peter). Panini Manga
Unruhe von Sarah Hübner. Jaja Verlag
Zwei weibliche Halbakte von Luz (Üs. Lilian Pithan). Reprodukt
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- 10. Apr.
Die Outtakes (39): Mit 1 Sexfantasie einer alten weißen Frau, 1 bezaubernden Rostlaube und 5 kaum erreichbaren Vorbildern

Zaubern mit drei Klecksen
Fan von „Corto Maltese“ war ich nie, aber inzwischen wird die Reihe ja von einem anderen Autor (Martin Quenehen) und einem anderen Zeichner (Bastien Vivès) fortgesetzt. „In „Der gestrige Tag“ ist das Ergebnis: verblüffend identisch. Der in die Gegenwart versetzte Piratenstenz erlebt ein Abenteuer, das leidlich funktioniert, aber mehr mäandert als mitreißt – vor allem, wegen der lieb- und leblosen Klischee-Figuren. Die Abenteurerin, der Flugzeugpilot, das junge Ding. Zwar ermöglicht das Update schöne Überraschungen wie die Notlandung auf einer Insel, die sich als Kunststoffteppich entpuppt. Aber wenn dann eine Dame wütend ins Plastik ballert, wirkt das eben mehr bescheuert als berührend. Durchgehend sensationell ist allerdings Vivès’ Arbeit: Grandiose Bildeinstellungen, rasante Action, und das mit einem Minimum an Strichen und drei Graustufen. Wie Vivès mit zwei Krakeln eine Fläche zum Hemd verknittert, wie er mit ein paar Tupfern ein Sportflugzeug zur Rostlaube macht, das entschädigt für vieles.
Satire mit Beißhemmung

Es bechdelt wieder und hagelt prompt auch Lobeshymnen. Diesmal kehrt die US-Zeichnerin Alison Bechdel zu ihren Wurzeln zurück, sie besucht ihre halbfiktive Clique aus ihrer 80er-Cartoon-Serie „Dykes To Watch Out For“: Wir sehen alternde Babyboomer beim ökologisch korrekten Altern, beim Rückzug ins liberale Private. Was die begeisterten Medien da feiern, bleibt unklar: 60-Jährige beim Tierschützen oder beim flotten Dreier ergeben per se noch keine beißende Satire. Einen Halbschmunzler rang ich mir beim judenlosen Solidaritäts-Sabbat ab, aber weil man nicht weiß, ob’s sowas wirklich gibt, und weil Bechdel sowas nicht zuspitzen mag, bleibt’s dann doch beim Schulterzucken. Dass die Senioren von heute aufgeschlosseneren Sex haben als ihre Kinder, wäre derzeit als Fantasie alter weißer Männer eher verdächtig bis unappetitlich, aber okay, hier kommt dasselbe Gedankenspiel von einer alten weißen Frau, vielleicht erklärt das die Fermentation zu scharfer Satire. Apropos: Satire müsste eigentlich auch mal einen Misstand benennen, oder? Wer verschuldet was wodurch? Bechdel ist das zu konkret, lieber zeigt sie alle beim Grübeln über den richtigen Way of Life. Der Lohn: In guten Momenten ist das wie eine sehr öde Folge der „Waltons“. Alison Bechdel, Katharina Erben (Üs.), Kaputt, Reprodukt, 24 Euro
Problemloses Quintett

Das Gute zuerst: Bettina Bextes Band „In allem ein Stück zu Hause“ ist ermutigend angelegt und öfter recht heiter. Er versammelt fünf Interviews mit Migranten, Kindheit, Flucht, Ankunft, Integration inklusive. Alle Geschichten haben ein wohlintegriertes Happy-End, das ist auch mal ganz angenehm zu lesen. Oder wäre es, wenn wir hier fünf Mal Else Normalflüchtling vorfänden. Aber, und das ist der Knackpunkt, wir kriegen: Boxweltmeisterin Dilar Kisikyol, Integrationsaktivistin Halime Cengiz, den Junggrünen Azad Kour, „Stern“-Fotograf Mischa Moldvay. Was ist da die Botschaft? Diese Vier sind/waren ehrgeizig, sozial denkend, intelligent, flexibel, dass sie es schafften, überrascht wenig und taugt kaum als Vorbild für Hunderttausende. Warum wählte Bexte nicht einfach fünf 08/15-Migranten, die jetzt ganz normale Jobs haben? Denn auch Schicksal Nr. 5 hilft nur bedingt, Florence aus Ruanda betreut jetzt – andere Migranten. Ist das die Ideallösung? Genau hier liegt die Krux: Was ist das Ziel des Bandes? Welche Leute hätte man dann auswählen sollen? Immer wieder zeigt sich: Eine klare Fragestellung wäre auch im Sachcomic/Comic-Journalismus hilfreich.
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- 17. Nov. 2024
Unerwartete Hilfeleistung unter Autorinnen: Wie Liv Strömquist den neuen Comic von Alison Bechdel rettet

Es gibt Neues von zwei Frauen, die ich eigentlich nicht so mag. Die aber derart dick im Geschäft sind, dass ich sie Ihnen nicht vorenthalten will, weil: Bananen sind auch furchtbar, trotzdem können Sie zu den Millionen gehören, die Bananen mögen. Vielleicht sogar die Comic-Bananen Alison Bechdel und Liv Strömquist. Also spring ich mal tapfer über meinen Schatten und versuche, objektiv zu bleiben.
Auch wenn's schwer fällt.
Die Tochter des Bestatters
Alison Bechdel kann vermutlich am wenigsten dafür. Ein Bestseller (und dieser Test) haben sie in den Rang einer Weisen katapultiert, einer lesbischen Philosophin und Feministin. Bechdel hat sich den Schuh angezogen, mehr ist ihr kaum vorzuwerfen. Bechdel erzählt üblicherweise von sich selbst. In ihrem Megabestseller „Fun Home“ etwa vom Aufwachsen bei ihrer ichbezogenen Mutter und dem verkappt schwulen Vater, wobei „Fun“ nicht von Spaß kommt, sondern von „Funeral“ – die Eltern betreiben ein Bestattungsinstitut.

Das Folgebuch „Wer ist hier die Mutter?“ setzte sich dann mit dem Verhältnis zu Mutti auseinander. Und jetzt, in „Das Geheimnis meiner Superkraft“, erzählt Bechdel zum dritten Mal ihr ganzes Leben von vorn, diesmal mit dem Schwerpunkt auf ihrer Sportbesessenheit. Zugegeben: auf sehr einzigartige Weise. Die kann ich allerdings nur schwer empfehlen.
Eine Abarbeitung an Kranken?
Bechdel erzählt vor allem dauerhaft vorwurfsvoll missgelaunt. Und überall da, wo der ähnlich gelagerte Woody Allen einen Witz gemacht hätte, macht Bechdel: keinen. Ihre dysfunktionale Familie kommentiert die ehemalige Cartoonistin (!) in „Fun Home“ mit heiter angehauchter Verbitterung, meist klingt es, als hätten alle anderen ihre Verhaltensstörungen nur, um Bechdel den Weg ins Glück besonders zu erschweren. So führt sie mit bitterer Genugtuung die emotionslos-skurrilen Reaktionen ihres Vaters vor. Doch was soll das, wenn der mit seiner Sexualität selber so wenig klarkam, dass er sich umbrachte? Ab-Arbeiten an einem seelisch Kranken? Der Folgeband „Wer ist hier die Mutter“ war ähnlich, nur mit noch mehr Freudlosigkeit.

Nun können lieblose Eltern bewirken, dass man nie das Gefühl hat, etwas richtig zu machen. Dass es schwer fällt, sich selbst zu mögen. Und als so einen Menschen schildert sich Bechdel im „Geheimnis meiner Superkraft“. Sport als verzweifelter Versuch, den Kopf ruhigzustellen, über Jahrzehnte hinweg ergänzt durch Schlaftabletten und Alkohol. Man sollte meinen, dass jemand, der sich bei diesem Irrsinn beobachtet, auch was dagegen tun könnte: Mal nett zu sich sein, nachsichtig, daran arbeiten, sich zu mögen. Nicht so Bechdel: Lieber zieht sie unablässig Vergleiche zu Jack Kerouac und anderen, die auch mal Sport gemacht haben. Macht das Bechdel zu Kerouac? Ist alles gut, wenn man säuft wie Hemingway?
Bechdeln heißt auch: Schwafeln
Unterm Strich besteht auch der „Superkraft“-Band aus 200 Seiten, in denen sich Bechdel humorarm im eigenen Verhalten wälzt, sich zwischen viel Zahlenmystik manchmal selbst widerspricht oder Blödsinn behauptet wie „Laufen ist Jagen. Frühe Menschen liefen weite Strecken, um ihre Beute zu ermüden.“ Bechdeln bedeutet immer auch Schwafeln, aber das gibt es natürlich in männlich genauso. Das Verwirrende ist: die verbiesterte Bechdel wirkt in Interviews aufgeweckt, sympathisch, beinahe heiter. Aber ich zuhause hab nun mal nur den Comic mit der Spaßbremse. Ich wäre nur im Leben nicht draufgekommen, dass mich ausgerechnet Liv Strömquist rettet.

Auch Strömquist machte sich einen Namen mit feministischer Satire, anders als Bechdel bemühte sie sich jedoch um Pointen. Weil ich die meist blöd fand, hab ich Strömquist lang ignoriert. Was vielleicht voreilig war, wie der neue Band „Das Orakel spricht“ zeigt.
Triebfeder Todesangst
Strömquist spitzt hier das Thema „Selbstoptimierung“ zu, durchaus geschickt. Grob zusammengefasst unterstellt sie der Gesellschaft eine irrsinnige Angst vor negativen Erfahrungen im Allgemeinen und dem unausweichlichen Tod im Besonderen. Den gesamten Ratgebermarkt aus Büchern und Influencern präsentiert sie konsequent als Scheinlösungen, die vorgaukeln, man könnte alles Negative vermeiden, wenn man alles richtig macht. Der Zauber liegt dabei in der beruhigend-tröstlichen Wirkung: Denn natürlich sterben weiter Leute oder haben Liebeskummer oder sind arm – aber diese Leute waren dann eben selber schuld, weil sie die Ratschläge nicht befolgt haben.

Auch, wenn aus Strömquist keine besondere Comic-Zeichnerin mehr wird, auch wenn ihr Artwork vor allem im spärlichen Illustrieren von Text besteht, so sind ihre Beobachtungen diesmal deutlich schlüssiger, treffender, unterhaltsamer. Und auch bedrückender: Der millionenfache verzweifelte und letztlich völlig irrsinnige Versuch, Kontrolle über etwas zu bewahren, das man nicht kontrollieren kann, eigentlich sogar die Tatsachen bis hin zum eigenen Tod umzudeuten oder wegzuleugnen, lässt kaum beruhigende Rückschlüsse auf den Zustand der Welt zu. Hat aber einen anderen Vorteil.
Bechdel ist Strömquists Paradebeispiel
Denn das „Orakel“ ist eine unerwartet geniale Ergänzung zum „Geheimnis meiner Superkraft“. Kapitelweise abwechselnd gelesen wird Bechdel so erst genießbar: Die gefeierte Denkerin, die jedem neuen Sporttrend wie besessen hinterherhechelt, die verzweifelt die 24 Stunden des Tages noch effizienter auspressen möchte, die Schuld für jeden (vermeintlichen) Fehlschlag hemmungslos im eigenen Versagen verortet: Bechdel macht Strömquists Thesen in Echtzeit überprüfbar. Oder auch: Strömquists beharrliche Zuspitzung liefert genau jene Erkenntnis, die der ganzen Bechdelei so sehr fehlt.
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