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Comicverfuehrer

Die Outtakes (40): Mit vielen schönen Autos, 1 mysteriösen Absturz und 1 pupsenden Hofnarren

Illustration: Matz/Philippe Xavier - Splitter Verlag
Illustration: Matz/Philippe Xavier - Splitter Verlag

Fuzzys Comeback


Vielleicht war’s die Sehnsucht nach gutem alten Radau? Vielleicht der schnittige klassische Plymouth Fury auf dem attraktiven Cover? „Der Schatz der Geisterstadt“ verführt jedenfalls zum Reingucken, stellt aber erzählerisch nur mäßig zufrieden. Obwohl sich Szenarist Matz diesmal textlich mehr zurückhält als im Vorgänger „Die Schlange und der Kojote“ – was die Geschichte stellenweise eleganter wirken lässt als sie ist. Klug ist es auch, die Stärken von Zeichner Philippe Xavier auszuspielen: Dialoge, Action sind nicht so sein Ding, aber Landschaften, schöne Seitenaufteilungen und Autos – da blüht er auf. Und so liest man sich halb hingezogen durch die Gangsterballade. Ob’s was für Sie ist? Ich mach’s mal an der (überholten/nostalgischen) Figur des spinnerten Alten fest, die hier fröhliche Urständ feiert: Wenn Sie sowas nicht stört, wenn's gar den Spaß erhöht, wenn Sie mit Freuden Sam Hawkens oder Fuzzy Jones auf der Leinwand verfolgen, greifen Sie zu.



Der Crash von Flug 111

Illustration: Talel Aronowicz - Helvetiq
Illustration: Talel Aronowicz - Helvetiq

Familiäres Verhalten kann rätselhaft sein, spannend, Schweigen ist dabei oft besonders geheimnisvoll. Verpflichtend ist das allerdings nicht: In „Flug 111“ erörtert Talel Aronowicz das Verhalten ihrer Familie nach dem Tod ihrer Großeltern bei einem tragischen Swissair-Absturz 1998. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Es gibt Mitreißenderes. Woran’s liegt? Vor allem daran, dass Aronowicz die Folgen entweder nicht klar ausarbeitet oder, weit wahrscheinlicher, diese eher unscheinbar sind. Das Thema „Schweigen“ wurde bisher meist beim Holocaust, bei Misshandlungen oder Familiendramen thematisiert, hier haben wir einen Unfall, für den niemand was kann. Ja, keiner redet groß drüber, aber es gibt auch nicht viel zu enthüllen. Weshalb anschließend auch keine besondere Katharsis zu beobachten ist. Klar: Jeder soll und darf trauern, wie er will. Die Gesetze des Buchmarkts hebelt das aber nicht aus.


Fassungslos belustigt

Illustration: Ville Ranta - Reprodukt
Illustration: Ville Ranta - Reprodukt

Wo soll man diesen Ville Ranta einsortieren? „Wie ich Frankreich erobert habe“ war eine schöne, zielstrebige Frechheit, so einfach macht es einem „Wie der König den Kopf verlor“ nicht. Ranta erzählt ein modernes Märchen von einem König in einem maroden Schloss, er hängt Episode an Episode, alle führen nirgendwo so recht hin. Aber gleichzeitig vermitteln seine sfarhaft hingeschluderten munteren Zeichnungen einen rücksichtslosen, obszönen, derben, rüpelhaften Plauderton, dass man fassungslos belustigt zusieht, wie die halbverweste Königinmutter durchs Loch im Toilettenboden in die Schlosskloake stürzt. Eine unerwartete Mischung, die man weder als Quatsch abtun noch als weise bejubeln kann. Man muss den Autor und den Verlag zum Mut beglückwünschen, aber – Himmel, wo sortiert man sowas ein??


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  • 25. Mai 2025

Hello, America! Fliehende Wissenschaftler gab's schon mal: „Rhapsodie in Blau“ schildert in traumhaften Bildern die Zeit, als die USA noch Zukunft hatten

Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser
Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser

Boah, so satt war ich schon lange nicht mehr nach einem Comic. Weil, es heißt ja manchmal, dies oder das wäre „Food for thought“. Gedankenfutter, sozusagen. Dieser Comic ist aber auch noch Augenfutter. Und all das funktioniert obendrein doppelt und dreifach gut, weil ich ihn erst ewig nicht gelesen habe. Sondern erst jetzt, nach vier Jahren im Regal. Der Comic heißt „Rhapsodie in Blau“ und stammt von Andrea Serio.


Sommer ohne Jackett

 

Warum steht ein Comic lang im Regal und wird nicht aussortiert? Weil das Cover zu gut aussieht. Ein Mann im Hemd geht an einer schattigen Mauer entlang. Das Jackett hat er über dem Arm, es ist Sommer. Hinter der Mauer ragt ein lehmfarbenes Fabrikgebäude auf, das sehr flach geziegelte Dach legt nahe: Wir sind in Italien, wo auch schmuckloses verträglich ist.

Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser
Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser

All das wird dominiert von: Blau. Der Himmel, der Schatten, der auch von einem riesigen Baum kommt, all das mit Buntstift oder auch Kreidestrichen, heiß und kühl und so attraktiv, dass die Frau, die mit mir in der Wohnung wohnt, sofort sagt: „Das ist aber schön.“ Und genauso macht Serio weiter.


Prädikat: augenfreundlich


Mit einem Schiff auf dem Meer. Es sind offenbar US-Soldaten, auf dem Weg nach Europa im Jahr 1944. Viel Blau in großzügigen, augenfreundlichen Panels, selten mehr als fünf pro Seite, mit Stiften und Kreiden schön satt angelegt. Und dann eine Rückblende, denn der Soldat Goldstein war nicht immer Soldat.

Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser
Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser

Er ist Italiener. 1938 badet Goldstein mit seinen Freunden im kroatischen Medea, 20 Kilometer Luftlinie vom italienischen Triest. Strand, Spaß, Pinienhaine, junge Studenten, die das Leben vor sich haben. Bis Mussolini spricht, und den Studenten die Zukunft nimmt. Denn sie sind Juden.


Neue Heimat in New York


Goldstein und seinen Freunden gelingt es, auszuwandern. Nach Amerika. Serio erzählt auch das in großen Bildern mit viel Meer, viel Dampfer, Abschiedsschmerz und tiefblauem Fernweh. Denn Goldstein findet in New York ein neues aufregendes Zuhause, das Serio ebenso großzügig in Bildern schildert wie zuvor Meer und Strand und Italien.

Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser
Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser

Aber die Nazis sind dadurch nicht weg. Sie versenken Schiffe vor Manhattan. Goldstein beendet sein Studium, aber  er findet, er müsste mehr tun. Also meldet er sich zur Armee, um Europa und Italien zu befreien. Das Schöne dabei: Serio debattiert das nicht aus, er zeigt die Zerrissenheit des Auswanderers in superknappen Dialogen und extrem attraktiven Panels. Das ist dennoch keine Schönfärberei, sondern vor allem eines: ungemein anregend.


Statt Löwenmut: bunkerndes Eichhörnchen


Denn die Gedanken drängen sich von selbst auf: Junge Wissenschaftler, denen man die Zukunft nimmt,  fliehen? In die USA? Geht das nicht heute gerade andersherum? Wenn auch (noch) nicht mit einer rassistischen Komponente, sondern aus schierer Blödheit? Und waren diese USA nicht mal ein löwenmutiges Land, das Demokratie exportierte, Menschen eine Chance gab und dadurch reich wurde? Anstelle sich wie ein verschrecktes Eichhörnchen damit zu begnügen, die eigenen Nüsslein zu bunkern?

Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser
Illustration: Andrea Serio - Schreiber & Leser

Serio stellt all diese Fragen, gibt aber keine Antworten. Wie auch: Der Comic entstand 2019. Damals stand eher Europas Rechtsruck Pate, Trump 1.0 wirkte noch wie ein vorübergehende Verirrung. Heute kommt man ins Grübeln, aber ein Teil der Grübelei wurzelt auch im überwältigenden Gegensatz von trostarmer Gegenwart – und diesen melancholischönen Buntstiftwelten.

 





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Die Outtakes (20): Ein Gruß vom Altmeister, eine Ebbe im Altmärchens und eine Mixtur mit Alt-Dichtung

Illustration: Bernie Wrightson - Splitter Verlag
Illustration: Bernie Wrightson - Splitter Verlag

Abschied mit Frankenstein


Das also ist das Abschiedswerk des 2017 kurz vor Fertigstellung verstorbenen Grusel-Altmeisters Bernie Wrightson: „Frankenstein Alive, Alive!“. Traditionalisten werden sich wohl dran stören, dass das sonst gut verschraubte, klobige Monster diesmal als eine Mischung aus einem sehr verschlankten Swamp Thing und Iron Maidens Maskottchen Eddie daherkommt. Mir ist die Geschichte der weiteren Karriere des Monsters etwas zu rührselig geraten, aber dafür kommt sie recht opulent daher. Wrightson gönnt sich viele Splashes, und die sind nicht nur einfach aufgeblasen, sondern akribisch zugezeichnet, wie sich’s bei Laboratorien und Bibliotheken anbietet. Effektstark ausgeleuchtet, in düsterem schwarz-weiß, das wirkt schon sehr gut, aber der Story des Kurzgrusel-Experte tut der viele Platz nicht gut. Dass die Erzählerrolle mit dem oft wenig eloquenten Monster auch ein bisschen arg gegen den Typ besetzt ist, ist zwar vorlagengetreuer als manche andere Version, macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Trotzdem: Atmosphäre satt.

 


Bilder-Buch

Illustration: Rébecca Dautremer/Lewis Carroll - Splitter Verlag
Illustration: Rébecca Dautremer/Lewis Carroll - Splitter Verlag

Da hab‘ ich aber mehr erwartet: Rébecca Dautremer hat zuletzt mit einer fantastischen Version von John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ überzeugt: Sie hat den kompletten Roman illustriert und damit brillant erweitert. Und das erhoffte ich mir auch von „Alice im Wunderland“ – aber diesmal ist’s tatsächlich nur ein bebildertes Buch geworden. Schön bebildert, gewiss, aber eben nur ein bisschen bebildert und, noch viel schader: äußerst konventionell. Während sie in den „Mäusen“ durch eine wahre Bilderflut die Gedankenwelt der Protagonisten frei ausbreitete und zeigte, was ein illustrierter Roman zu leisten imstande ist, sind’s hier erwartbare Illustrationen in einer Bilderebbe. Wer „Alice“ noch nicht im Schrank hat, mag zugreifen, ansonsten entsteht hier leider kein Zusatznutzen.

 

Mehrdeutig oder orientierungslos?


Illustration: Maren Amini - Carlsen Verlag
Illustration: Maren Amini - Carlsen Verlag

Ambivalenz ist oft gut. Aber Maren Aminis Berthold-Leibinger-prämiertes Einwanderer-Epos „Ahmadjan und der Wiedehopf“ fabriziert eindeutig so viel des Guten, das geht schon Richtung Orientierungslosigkeit. Ahmadjan (der Vater der Autorin) lernt im Kabul der 70er westliche Lebensart kennen und wandert nach Deutschland aus. In Berlin malt er, entdeckt noch mehr Kunst, all das ist optisch sehr hübsch, karikaturistisch an Sempé angelehnt. Das Problem ist hier schon der Humor, der so niedlich-lieb und schmerzfrei ist, dass er praktisch nicht mehr stattfindet. Was fatal ist, sobald Ahmadjan ausgewiesen und nach Afghanistan zurückgeschickt wird: Amiri schafft es nicht, den harmlosen Tonfall der verfinsterten Story anzupassen, und das beeinträchtigt Pointen und Betroffenheit zugleich. Alles mit einer alten persischen Dichtung zu überlagern/unterfüttern macht den Stoff zudem nicht beherrschbarer. Das Resultat: Viel Gutgemeintes, immerhin sehr oft von ansehnlichen Seiten aufgelockert. Und: Wer Probleme gern watteweich verpackt mag, liegt hier richtig.

 




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