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Comicverfuehrer

  • 25. Apr. 2024

Viel zu sehen, viel zu lesen: Alexander Braun durchleuchtet die „Simpsons“ - und nie war der Comic-Historiker selbst so begeistert wie diesmal

Illustration:Matt Groening/Alexander Braun/ Ausstellungskatalog schauraum: comic + cartoon

Alexander Braun ist ziemlich beglückt. Deutschlands Comic-Historiker No.1 hat gerade seine neue „The Simpsons“-Ausstellung „Gelber wird’s nicht“ an den Start gebracht und freut sich über 1000 Besucher am ersten Wochenende, 300 bis 400 Besucher pro Tag in der Startwoche. 1000 Besucher! Wer den kleinen Doppel-Schauraum Comic und Cartoon in Dortmund kennt, denkt dabei vermutlich an alte Rekordversuche Menschen in einer Telefonzelle. Aber Braun will ja gerade das zeigen: Im Thema „Comic“ steckt viel mehr Potential als die zwei kleinen Räume fassen können.


Doppelzimmer voller Simpsonians


Braun ist auf Comic-Museumskurs, und mit den „Simpsons“ erhöht er geschickt neben dem Reiz der Idee auch den Druck. Auch wenn er dazu ein bisschen schummeln musste, oder? Denn: Sind die „Simpsons“ überhaupt ein Comic im eigentlichen Sinne?

Illustration: TImd Doyle- Alexander Braun/ Ausstellungskatalog schauraum: comic + cartoon

Ja und nein. Sie kamen aus der Comic-Kultur, starteten aber als Trickfilm, der dann nebenher auch einer unerwartet guten Comic-Verwertung zugeführt wurde. Um die geht es Braun in der Ausstellung aber weniger, dazu ist er zu pragmatisch. Die TV-Serie ist das Zugpferd, das auch in Deutschland jeder kennt, und mit der englischen Trickfilmbezeichnung „cartoon“ im Schauraum-Namen ist das auch jederzeit locker legitimiert.


Da wird der Historiker zum Fan


Zum Ausstellungsbesuch kann man bekanntlich aus vier Gründen blind raten, auch wenn man (wie ich) noch nicht drin war: a) kostenlos, b) direkt neben dem Bahnhof, ohne Auto, Tram, Bus, Taxi zu erreichen, selbst wenn man einen Rollator hat, c) gibt's den Katalog dort zehn Euro günstiger (s. u.), und d) Alexander Braun. Aber man kann anhand des Katalogs schon mal sagen: Es wird diesmal weniger kunsthistorisch, weniger analytisch, viel fanorientierter, auch weil Braun selbst so fasziniert ist.

Illustration: Alexander Braun/ Ausstellungskatalog schauraum: comic + cartoon

Tatsächlich ist das Phänomen „The Simpsons“ mindboggling: Eine Satire, die so erfolgreich ist, dass sie über das Merchandising in die Realität dringt und diese dort wiederum persifliert und in Frage stellt. Beispielsweise mit Barts Lieblingsfrühstückskringeln, einer gruseligen Orgie aus Farbstoff, Zucker und Mehl, nachempfunden „Kellogg’s Fruit-Loops“, die es natürlich bald als ganz reales Merchandise-Produkt zu kaufen gab, empfohlen und vermarktet vom gewissenlosen Serienclown Krusty mit dem denkwürdigen Slogan: „Das Beste, was man von einem TV-Clown erwarten kann!“


Satire im Quadrat


Braun ist mit seiner Faszination nicht allein: Andere Künstler befassen sich mit dem Phänomen (Banksy!), auf den über 300 Katalogseiten ist jede Menge Platz auch für deren Bilder. Vor allem für Fans, die (siehe unten) der Serie nicht mehr so leidenschaftlich folgen wie anfangs, bietet Braun eine Vielzahl spannender Seiteneinstiege, etwa die Kooperation mit Balenciaga oder die russische Intro-Variante.

Illustration: Alexander Braun/ Ausstellungskatalog schauraum: comic + cartoon

Die vielschichtige Herstellung der Serie schildert Braun so sorgsam wie den Einbau der prominenten Gaststars, und immer wieder gelingt es ihm, die erstaunliche Hingabe der Macher zu illustrieren, die 35 Jahre lange erstaunliche Qualität in erstaunlicher Dichte fabrizieren. Hier zeigt sich allerdings auch ein erstaunlicher blinder Fleck in Brauns gewaltigem Gelbbuch.


Blinder Fleck in der gelben Geschichte


Denn die „Simpsons“ waren zwar sehr lange sehr gut. Dennoch erlebte die Serie ab Staffel 10 einen weltweit diskutierten Qualitätsverlust, von dem sie sich bis heute nicht mehr richtig erholt hat. Das passierte zwar auch den  „Peanuts“, aber während diese von der Verfassung eines einzigen Mannes abhingen, erweckt Brauns vielschichtig gezeigter Produktionsablauf der „Simpsons“ den Eindruck, als wären hier zu viele Begeisterte dabei, sich gegenseitig anzuspornen, ein Abbau daher kaum möglich.

Illustration: Alexander Braun/ Ausstellungskatalog schauraum: comic + cartoon

Der Frage hätte man durchaus nachgehen können, zumal Braun mit Bill Morrison einen Top-Insider zum ausführlichen Interview in die Finger bekam. Aber angesichts der immensen Materialfülle kann sowas einem schon mal durch die Lappen gehen, zumal Braun dafür umso gründlicher ausleuchtet, wie gewitzt die Serie inzwischen ihre nach wie vor politischen, kritischen, moralischen Anliegen abseits des grauen Serienalltags zur Gelbung bringt. Und wenn die Besucher weiterhin so den kleinen Schauraum füllen, dann werden sie in Dortmund wohl nicht umhin kommen, dem Herrn Braun langsam mal ein größeres Museum zu organisieren. Allein schon aus Sicherheitsgründen.


Alexander Braun, Die Simpsons - Gelber wird's nicht, schauraum: comic + cartoon, (Vertrieb über Panini), 39 Euro (direkt im Schauraum zum Ausstellungspreis von 29 Euro)



 


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Die Outtakes (7): Wo der Teufel die Ideen klaut, Gottes Sohn sich prügelt und die Zukunft schwarz aussieht

Illustration: Mark Millar/Peter Gross - Panini

Satanischer Aufguss


Mark Millar, dem man die ausgezeichnete „Kick-Ass“-Welt verdankt, fällt nach „King of Spies“ erneut unangenehm auf. Mit dem Dreiteiler „American Jesus“, den Netflix gerade verfilmt hat. Der Anfang geht noch: Jesus wird wieder mal wiedergeboren. Aber nach Teil Eins geht’s bergab. Epischer Gut-gegen-Böse-Blödsinn, in dem Millar sämtliche Verschwörungstheorien abnickt. Nicht ironisch wie „Men in Black“: sondern bierernst. 9/11 war lange von den Regierungen geplant, alle Leute kriegen Chips implantiert, in Kellern killt man Babys, der Teufel sitzt im Weißen Haus – kopiert das ultimative Böse wirklich QAnons Idiotenpornografie? Das Böse eher nicht, Mark Millar eher schon: Er schrieb die Serie nach dem Start 2004 erst 2019 weiter, als ihm der Verschwörungsquatsch gebrauchsfertig ins Haus schwappte. Und Peter Gross‘ harmlose Zeichnungen reißen’s auch nicht raus.



Blutiger Aufschlag

Illustration: Jan Soeken - avant-verlag

Diese Zweikämpfe gibt's nirgendwo anders: Wir sehen eine harte Vorhand von Rafael Nadal, mit der er einer bereits stark blutenden Gans den Rest geben will, aber was ist das? Im nächsten Panel kontert die Gans unerwartet, mit einem Hieb an den Kopf überrumpelt sie den 14-maligen French-Open-Sieger...

Sinn ergibt dieser Kampf aus Jan Soekens „Wer würde gewinnen?“ keinen, aber dafür jede Menge eigenwilligen Nonsens. Inline-Skaterin gegen Känguru, Grizzly gegen Hai, all das ist so absurd, dass man's fast mögen muss. Die Fights von Jesus (am Kreuz) oder Greta Thunberg sind vielleicht nicht ganz so geschmackssicher gewählt, aber dafür mit erfreulicher Entschlossenheit zu rücksichtslosem Blödsinn. Aber natürlich etwas zu speziell für eine vorbehaltlose Empfehlung.



Gemunkel im Dunkel

Illustration: Marc-Antoine Mathieu - Reprodukt

Da werden einige „Das kann ich auch“ sagen: Denn „Deep Me“ besteht zu einem großen Teil aus schwarzen Panels mit Text. Aber das muss nicht schlecht sein, der Kindercomic „Das unsichtbare Raumschiff“ konnte jüngst die totale Düsternis für eine Menge sehr ordentlicher Gags nutzen. „Deep Me“ beginnt als eine Art Mystery-Thriller: Da kommt jemand oder etwas zu Bewusstsein und muss rausfinden, was geschehen ist, ja sogar, wer sich hinter ihm/ihr überhaupt verbirgt. Aber so gut Rätselei und Ungewissheit hinhauen, so sehr schwindet die Wirkung , sobald die Erklärungen kommen. Auch, weil allerhand ferne Zukunft und Computerkram auftauchen, die aber so verständlich sind, als wäre alles heute programmiert worden. Schwer vorstellbar, wenn man bedenkt, dass schon nach 20 Jahren kaum noch einer weiß, was ein Diskettenlaufwerk war. Trotzdem: Ein interessanter Versuch, den andere vielleicht überzeugender finden als ich.




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„Schon gehört, was Ed Gein getan hat?“ erzählt, wie der wahre Fall hinter „Psycho“ ein Erfolgs-Genre begründete: den Serienkiller aus der Nachbarschaft

Illustration: Harold Schechter/Eric Powell - Splitter Verlag

Mediengeschichte – klingt fad, oder? Serienmörder klingt besser, richtig? Hier haben wir beides und noch viel mehr, aber für den Anfang sage ich nur: Es geht um den Typ, der das Vorbild für Hitchcocks „Psycho“ war. Möchten Sie mehr wissen?


Horror-Feuerwerk – and more


Ging mir genauso. Der Mann hieß Ed Gein, und seine schaurige Geschichte erzählt der empfehlenswerte Band „Schon gehört, was Ed Gein getan hat?“ Gein wächst in den USA als Sohn eines verbitterten Vaters und einer herrschsüchtigen, fanatisch-religiösen Mutter auf. Den Tod des Vaters steckt er noch weg, den Tod der Mutter verkraftet er weniger gut. Er entwickelt ab 1945 eine eigenwillige Beziehung zu älteren Damen, zu seinem eigenen Körper, und seine Farm wird zu einer ziemlichen Horror-Location, bis alles 1957 auffliegt. Als gelernter Boulevard-Reporter schwöre ich Ihnen: richtig guter Stoff, den man einfach wie ein Feuerwerk abbrennen könnte, in dem man zum Beispiel sagt: „Leichenschändung!“ Aber das tun Eric Powell und Harold Schechter nicht.

Illustration: Harold Schechter/Eric Powell - Splitter Verlag

Beide nutzen das derzeit wieder recht aktuelle Genre der True-Crime-Story. Sie arbeiten die Geschichte anhand der Verhöre und Gerichtsakten sehr sachlich auf. Die Familiengeschichte, die Mutter, das Elend, Armut und Hass, sie lassen nichts weg, was Geins schwer erklärliche Entwicklung etwas erklärlicher macht. Die Gerüchteküche überlassen sie dabei genauso der tratschenden Dorfbevölkerung wie die zusätzlichen Erfindungen den Boulevardreportern. Und bevor jetzt einer gähnt: das tatsächliche Entsetzen nutzen sie natürlich auch, aber sie vermitteln es vor allem über die geschockten Ermittler.


Die Optik: Eisner in faxenfrei


Der Stil ist gut gewählt: Eric Powells Bebilderung ist ein wenig altmodisch: sehr plastische, realistische Zeichnungen in Schwarz-weiß. Das erinnert an Will Eisner, wenn er mal seine Faxen weglässt, auch an MADs Mort Drucker minus die karikaturistische Übertreibung. Und es sieht sachlicher aus als es ist, denn natürlich werden Spannungsmomente wie die Untersuchung der Gein-Farm geschickt inszeniert. Und wo ist jetzt die Mediengeschichte?

Illustration: Harold Schechter/Eric Powell - Splitter Verlag

Die liegt in der Eleganz, mit der das Buch die Bedeutung des Falls „Ed Gein“ transparent macht: All die Serienkiller, die wir aus dem Kino kennen, wurden durch den Fall Gein inspiriert. Vorher gab es nur Monster aus dem All, Vampire, Gespenster. Der Massenmörder aus der Nachbarschaft trat erst mit Gein ins Bewusstsein. Der Autor Robert Bloch erkennt zuerst das Potential und nutzt es im Roman „Psycho“, Hitchcock potenziert die Wirkung in der Verfilmung. Ab diesem Erfolg sucht man nach anderen Fällen, die True-Crime-Literatur entsteht (das Bücherregal meiner Eltern war voll davon, und ich habe gern zugegriffen).


Ohne Gein kein „Schweigen der Lämmer“


Serienmörder sind spätestens sei dem (ebenfalls schwer von Gein beeinflussten) „Schweigen der Lämmer“ ein Standard-Genre im Kino, im Fernsehen, und jetzt auch erneut im Comic: „Schon gehört, was Ed Gein getan hat?“ beleuchtet zugleich den Thriller-Fall, aber auch das ganze Phänomen. Und zwar so gut, gruselig und geschmackvoll zugleich, dass es kein Wunder ist, dass der Splitter Verlag schon jetzt einen Band über Jeffrey Dahmer in Aussicht stellt.



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