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Comicverfuehrer

  • 20. Sept. 2025

Fremdschämen oder Mit-Leiden? „Hallimasch“ ist das schmerzhaft komische Porträt einer ganz gewöhnlichen Lebensmitte

Illustration: Max Baitinger - Reprodukt
Illustration: Max Baitinger - Reprodukt

Oha. Das hier ist sehr, sehr gut.

Nicht für alle, doch für viel mehr als man denkt. Ich sag mal: Feuchtenberger meets Stromberg. Und wenn Sie grad im Laden stehen: die ersten sechs Seiten reichen, um rauszufinden, ob Sie „Hallimasch“ von Max Baitinger mögen.


Oberlehrer trifft nassen Sack


Erste Doppelseite: Ein Judo-Studio, zwei junge Kämpfer stehen sich gegenüber. Krakelig, aber die japanische Wandtapete ist präzise. Der Kampf: Die Krakel-Figuren verschmelzen, aber trotzdem erkennt man alles superklar, das typische Ziehen, Zerren, Schieben. Judofans sehen's gleich, alle anderen drei Panels später: Der Coach trennt die zwei und oberlehrert auf sie ein. Wie er sie am Kragen zieht, wie sie kindertrotzig zum nassen Sack werden, wie er er seine abgedroschen rhetorischen Fragen stellt, wie sie kaum leserlich die xmal geübte Antwort nuscheln, das ist sehr, sehr komisch – und das perfekte Intro für den Trainer: Dieter.

Illustration: Max Baitinger - Reprodukt
Illustration: Max Baitinger - Reprodukt

Den muss man sich so vorstellen: Vollbart, zu große Brille, geradezu atemberaubend unwitzig. Baitinger zeigt ihn als nächstes beim Telefonieren, superlässig die Hand in der Hosentasche, drunter diese Plastikpantoffeln, endlos sülzt er auf der Terrasse vor Einfamilienhaus und Grill und Trampolin, bis wir merken, dass er nur einen AB vollquarkt. Er wird „den Volker abholen“ und dann werden sie ihren alten Kumpel Acki in Leipzig besuchen. Das klingt alles nach wenig, aber vor allem eines: phänomenal cringe!


Grusel-Gesten an der Kaffeemaschine


Dieters Grusel-Gesten (das Bedienen der Kaffeemaschine, Trommeln auf dem Lenkrad), die präzise abgelauschten Phrasen, das ist irrsinnig gut, lustig, bitter und wird nur noch von Baitingers zeichnerischer Sparsamkeit übertroffen. Wo andere zwei Linien setzen, reicht Baitinger eine halbe, wenn er sie nicht weglässt und durch ein bisschen wässrige Grauschattierung ersetzt. Was wiederum Baitingers finsteren Humor ideal stützt: Die Kargheit vermittelt den Eindruck, als hätte man Details und Pointen in einem Suchbild selbst entdeckt. Kann natürlich nicht stimmen, wirkt so aber doppelt überraschend.

War’s das?

Noch lang nicht.

Illustration: Max Baitinger - Reprodukt
Illustration: Max Baitinger - Reprodukt

Ich hab noch nicht von seiner munteren Kameraführung gesprochen, Draufsicht, Untersicht – alles vorhanden, aber nie übertrieben, stets szenendienlich. Actionpassagen, obwohl die ganze Handlung null Action hergibt. Die grandiose Charakterkombination, denn der abzuholende Volker ist ein passend wortkarger Frontalstoffel, die ideale Ergänzung, zu Dieter, der in seiner Abwaschbarkeit verzweifelt versucht, mit dem Spitznamen „der Dietz“ Profil zu gewinnen.


Das vorgefertigte Leben


Wie Baitinger diese Figur zeichnet, die alles gekauft hat, was man kaufen muss, und die trotz Frau und zwei Töchtern ein deprimierend hohles, vorgefertigtes Leben absolviert, das ist zum Heulen komisch. Weil Baitinger eine Sache konsequent richtig macht.

Illustration: Max Baitinger - Reprodukt
Illustration: Max Baitinger - Reprodukt

Baitinger wirft Dieter sein Lebensmodell nicht vor. Aber er zeigt, wie „der Dietz“ selbst darunter leidet. Wie er sich sein Leben selbst zulärmt, weil er den stillen Momenten ausweichen will. Wie er Gesprächspausen zuquatscht, seine Familie inhaltslos anruft, sich einsam betrinkt, ewig und fortwährend die ollsten Kamellen reproduziert, wie er sogar dankbar ist, wenn plötzlich sein Chef am Handy ist. Wie er überhaupt den ganzen Trip zu Acki nach Leipzig offenkundig nur anleiert, weil das normale Leben…? Denn der legendäre Acki hat sich auf seine Anrufe und seine AB-Sermone praktisch noch nie zurückgemeldet.


Ich hab „Hallimasch“ eingesaugt. Gott, war das gut!


 


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Perlen aus der Nische statt abgehangene Best-of-Parade: Ralf König gönnt sich und den Comic-Fans zum 65. einen Geburtstags-Band


Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection
Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection

Sowas empfehle ich eigentlich eher ungern: Ein Buch über einen einzelnen Comic-Autor. Weil ja oft Leute finden: „Lesen reicht. Wie der seinen Kram herstellt, ist mir schnurz.“ Dieses Buch verbindet aber Neues von „seinem Kram“ mit einem munter plaudernden Interview zu einer arg unterhaltsamen Mischform: „Pflaumensturz und Sahneschnitten“ von Ralf König mit hilfreicher Hand von Comic-Journalist Alex Jakubowski.


Perlen aus der Nische


Anlass ist Königs 65. Geburtstag, und dankenswerter Weise hatte der Jubilar keine Lust auf eine gut abgehangene Best-of-Witzeparade. Aber es schlummerte einiges in übersehenen Nischen. Wie die Serie „Spargel“, die König in einem schwulen Gratisblatt veröffentlichte –wer das nicht in die Finger kriegte, hatte bisher halt Pech. 100 Seiten sind drin, bisher noch nie auf Deutsch in Buchform veröffentlicht. Woraus Skeptiker gern schließen, dass das Zeug halt nicht sooo toll sei. Was uns zur Besonderheit namens „Ralf König“ bringt.

Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection
Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection

Ist ein bisschen wie bei Dennis Chambers. Kennen Sie den?

Sitzt Chambers am Schlagzeug, kriegt man stets grandioses Handwerk und oft geniale Momente. Aber nie: lauwarmen Mist. So etwa muss man sich König wohl vorstellen, nur nicht am Schlag-, sondern am Schreibzeug: Die Kreativmaschine läuft zuverlässig und auf dieser Grundlage lotet er hellwach alle Möglichkeiten aus. Mit Pointen fing es Anfang der 80er an, die er rasch mit unerbittlicher Präzision ausarbeitete, aber seit längerem transportiert er Nachdenkliches und sogar Tragisches genauso zwingend. Und dazwischen? Gibt es ein „Dazwischen“ bei Dennis Chambers?


Lauwarm langweilt


Wir reden hier von Leuten, die Lauwarmes selber langweilt. Also liefern sie Kunst auf Kochtemperatur: Blasen tauchen da nicht zufällig oder gelegentlich auf – das fortwährende Blubbern ist der eigentliche Vorgang. Die einzigen Grenzen bestehen darin, dass Chambers nie Geige spielen wird, und König – äh, da fehlt mir jetzt die Analogie, aber geigen wird er wohl auch nicht.  

Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection
Illustration: Ralf König - Egmont Comic Collection

Zu quengeln gibt's kaum. Das Interview mit Jakubowski ist eventuell ein wenig systematisch geraten, doch es liest sich leicht, mit wenig Fachsimpelei und wird obendrein flott bebildert und abwechslungsreich layoutet. Zudem nimmt sich Jakubowski klug zurück, lässt König sprudeln, weil er weiß, dass der vor allem einen sachkundigen Stichwortgeber braucht. So kommt alles frisch aus Tapet, inklusive Königs Vorbildern, von denen allenfalls James Finlayson fehlt. Oder das Lob für den Innovator König, der meines Wissens die umgebogene Panel-Ecke oben links zum eleganten Symbol für „neue Szene“ entwickelte, wenn nicht gar erfand.


Beängstigend präsidententauglich


Die Mischung aus frechem Witz, schwuler Selbstironie und dezent angedeuteter Altersweisheit führt dazu, dass König so beängstigend sympathisch rüberkommt, dass man fast unwillkürlich beginnt, ihn sich als Bundespräsidenten zu wünschen. Das geht aber vorbei. In jedem Fall trägt die lockerpikante Stimmung entspannt durch die rund 200 Seiten. Und während derlei Fachliteratur sonst mehr was für Nerds ist, können Comic-Normalos Königs Protagonisten und Pimmel hier so gut genießen wie kennenlernen.





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Die Outtakes (25): Mit einem Blick in Amerikas vergangene Zukunft, ganz normalen Superhelden und Lust-voller Archäologie

Illustration: Derf Backderf - Abrams Comicarts
Illustration: Derf Backderf - Abrams Comicarts

Erwartbares Fiasko


Derf Backderfs Sachcomic „Kent State“ ist richtig beeindruckend. Er kommt auch nur deshalb zu den Outtakes, weil er im Gegensatz zu Backderfs Jugenderinnerung „Mein Freund Dahmer“ fünf Jahre nach seinem US-Erscheinen noch immer nicht auf deutsch erhältlich ist. Womöglich ist das Ereignis zu speziell: Am 4. Mai 1970, zur Hoch-Zeit der Studentenproteste, eröffnet die Nationalgarde, also die offizielle Bundesstaats-Wehr von Ohio, auf dem Campus der Kent State University das Feuer. Vier junge Menschen sterben in dieser Mischung aus politisch-konservativer Schießwut, Terrorangst, Überforderung, und das in einer Situation, die weder vom Anlass noch von den Umständen her auch nur ansatzweise irgendeinen Schusswaffeneinsatz erfordert hätte. Backderf recherchiert sauber, legt seine Quellen offen, die im Unterschied zu manch anderem Sachcomic weniger aus bequem zugänglichen Wikipedia-Einträgen bestehen, sondern aus Dokumenten, Zeugenaussagen, zeitgenössischen Presseberichten etc. Besonders erschreckend ist dabei die Vorhersehbarkeit des Fiaskos, bei dem auch die Geheimdienste munter mitlauschten, mitpfuschten und mitvertuschten. Und zu wissen, dass der momentane US-präsidiale Wiedergänger bereits einmal kein Problem hatte, so unnötig wie rücksichtslos mit militärischen Mitteln zu arbeiten.

 


Gags, gründlich erläutert

 Illustration: Marc-Uwe Kling/Florian Biege - Rowohlt
Illustration: Marc-Uwe Kling/Florian Biege - Rowohlt

Preisfrage: Wer wäre in einer Welt, in der jeder ein Superheld ist und Superkräfte hat, etwas Besonderes? Der, der wie alle ist – oder der einzige, der keine Kräfte hat?

Genau. Aber Känguru-Chronist Marc-Uwe Kling ist in seiner Parodie „Normal und die Zero Heroes“ leider zu begeistert von seinem Running Gag: lustige Superhelden mit lustigen Fähigkeiten zu erfinden. Lustig bedeutet hier beispielsweise: Die KOLLEGIN (Superkraft: verschwindet, sobald es Arbeit gibt). Oder der BEAMTE (Superkraft: unkündbar). Oder MÜLLMANN (beseitigt – was wohl?). Leider ruiniert Kling auch diesen sekündlich alternden Gag, in dem er Namen und Kraft lang und breit erklärt. Liegt’s an der Ur-Angst deutscher Komödien, weder dem eigenen Gag noch dem eigenen Publikum zu trauen? Parodiert Kling hier die hölzernen Erklär-Einblendungen in Mangas und  verholzt damit die eigenen Pointen? Letztlich jammert hier der einzige Normale in einem fort, dass er kein Superheld ist, wird dann aber natürlich doch noch zum Helden und schnarch. Schade: Eine Welt voller Superhelden, die begeistert den Abenteuern des einzig Normalen folgt – das hätte witzig werden können, sogar mit diesen gefällig-harmlosen Zeichnungen.



Altertürme

Illustration: Ulli Lust - Reprodukt
Illustration: Ulli Lust - Reprodukt

Ulli Lust muss Spaß gehabt haben: Sie hat sich durch die Ur- und Frühgeschichte des Menschen gewühlt, für den Sachcomic „Die Frau als Mensch“ eine Menge gelesen, eine Menge untersucht. Es geht ihr um frühe Kunst und Gesellschaften, es geht um die Rollen von Frauen, es geht um Umwelt, ums große Ganze von Anbeginn der Menschheit an, und das ist leider ein bisschen viel. Lust türmt Archäologie und Artefakte auf, Reportagen indigener Gesellschaften, Umweltschutz, Korruption, dazwischen kleine Spielszenen, eine enorme Fundgrube, der vor allem eines fehlt: eine gezielte Fragestellung. Der Band wäre nicht halb so ermüdend, wenn man wüsste, was denn da jeweils gerade belegt werden soll. Geht es um die Rolle der Frau? Geht es um die Aussage und/oder Bedeutung von Artefakten? Geht es um das Zusammenleben von Gesellschaften? Doppelt schwammig wird es, weil Lust zwar viel Interessantes anhäuft, aber auch präzise sagt, dass man allenfalls vermuten kann, wie, wann und warum etwas sehr viel früher mal so oder anders gemacht wurde. Und weil Lust weder provokante noch irgendwelche anderen Thesen aufstellen mag, weiß man jedes Mal nicht, ob diese Vermutung nun etwas untermauert, widerlegt oder einfach Fun-Fact ist. Ergebnis: Man würde gern mal was zu diesem Thema lesen. Aber war das nicht eigentlich das, was Ulli Lust mit dem Comic liefern wollte?


P.S.: Ist natürlich alles Ansichtssache. Die Jury des Deutschen Sachbuchpreises hat Frau Lust sofort den Preis für 2025 umgehängt.

 





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