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Comicverfuehrer

Die Outtakes (34): Mit 1 attraktiven, aber schiefen Vergleich, 1 rassigen Zweitaufguss und 1 unentschlossenen Paradies

Illustration: Roberto Grossi - avant-verlag
Illustration: Roberto Grossi - avant-verlag

Fliegen an der Windschutzscheibe


Erwarte ich zuviel von Roberto Grossi? Der will in „Die große Verdrängung“ die großen Krisen der Gegenwart auf den Punkt bringen. Weil ihm die Menschheit vorkommt wie ein Schwimmer, auf den ein Hai zurast – und während ihn alle von der Jacht aus warnen, schaut er lieber zu den Luxus-Hochhäusern am Strand. Und es sieht lange gut aus, weil Grossi wirklich überraschende Bilder findet – das Cover ist nur eines davon. Aber dann zeigen sich Mängel. Dass er etwa einen Großteil der Fehler beim Kapitalismus verortet – obwohl sich andere Wirtschaftsformen auch nicht umweltfreundlicher gezeigt haben. Bis auf: Armut (die sich übrigens auch keiner der Armen freiwillig ausgesucht hat). Dann dämmert einem auch langsam, dass das Hai-Bild nur klappt, wenn man den Klimawandel akzeptiert: Den Hai kann man nicht bestreiten, weil er sofort beißt. Das Klima aber beißt weit weniger deutlich. Am stärksten ist der Band daher, wenn er so argumentiert, dass man rational nicht widersprechen kann. Etwa mit der schönen Beobachtung von Windschutzscheiben. Wer in den 80ern im Auto nach Italien rauschte, sah spätestens ab der Po-Ebene vor toten Insekten kaum noch die Straße. Und heute? Aber wer heute um die 20 ist, kann natürlich behaupten, so viele Insekten hätte es nie gegeben.



Haustiere in der Nazigeschichte

Illustration: Isabelle Maroger - Helvetiq
Illustration: Isabelle Maroger - Helvetiq

Das war’s irgendwie nicht. Dabei hat „Lebenborn“ ein spannendes Thema: die Zuchtprogramme der Nazis. Nicht nur war Hitler der Ansicht, man könne rassisch verbesserungsfähige Gegenden „aufnorden“, indem man ein paar Einheiten notgeiler junger Soldaten, vorzugsweise SS, hinschickt. Sondern man kümmerte sich auch um die auftretenden unehelichen Kinder. „Lebensborn“-Heime sorgten für eine unkomplizierte Geburt. Eines dieser Kinder ist die Mutter von „Lebensborn“-Autorin Isabelle Maroger (welche den Stoff selbst schon als Buch verarbeitet hat). Jetzt wagt die Tochter die Zweitverwertung, wobei sie den brisanten Stoff allerdings häufig entschärft. Etwa durch den niedlichen Stil, bei dem an allen Ecken süße Haustiere durchs Bild springen. Oder durch die Betonung der Familienfindung (die sich jedoch von der herkömmlicher Adoptivkinder wenig unterscheidet). Vor allem aber, weil sie die politische Brisanz kaum erfasst. Denn letztlich haben die Nazis hier exakt das gemacht, was ihre Nachfolger heute der Politik vorwerfen: Bevölkerungsaustausch. Was die ideale Brücke zum Heute gewesen wäre: Dass man nämlich auf so eine absurde Idee vermutlich überhaupt nur dann kommt, wenn man sie selbst insgeheim prima findet.



Schlange im Eintopf

Illustration: Ville Ranta - Reprodukt
Illustration: Ville Ranta - Reprodukt

Auch schon wieder 13 Jahre her: Ville Ranta, der Finne, der kürzlich so pointiert wie selbstironisch den französischen Proficomic-Betrieb schilderte, hat 2012 den schmalen Band „Paradies“ herausgegeben. Eine freche Adam-und-Eva-Erzählung, bei der weder Adam noch Eva noch Gott oder Schlange gut wegkommen. Das sieht flott aus, ziemlich joann-sfar-geschult, ist skurril und auch unverschämt, aber eben dadurch auch nicht so ganz schlüssig. Natürlich können alle Beteiligten einen an der Klatsche haben, aber seltsamerweise zündet der Einfalts-Eintopf dann nicht so recht. Wohl, weil man zur Identifikation jemand Halbnormales braucht, um an den Deppen verzweifeln zu können.









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  • 9. Nov. 2025

Joe Sacco, Alt- und Großmeister des Comic-Journalismus, erklärt an einem indischen Glaubenskonflikt, wie Polit-Hetzer weltweit die Demokratie spalten

Illustration: Joe Sacco - Reprodukt
Illustration: Joe Sacco - Reprodukt

Man muss mit Joe Sacco politisch nicht übereinstimmen, aber rein handwerklich dürfte in seinem neuen Band „Indien“ jedem Reporter das Herz aufgehen. Weil Sacco immerhin weiß, wie Journalismus geht. Diesmal ist er in der Region Uttar Pradesh unterwegs, auf den Spuren der Unruhen im indischen Muzzafarnagar 2013, bei denen über 60 Menschen starben und Zehntausende Muslime vertrieben wurden.


Saccos Grundkurs Journalismus


Sacco hat das Land ein Jahr später besucht, und was hatte er dabei? Richtig: eine präzise Fragestellung. Sacco wollte nicht einfach mal schauen, wie's da so ist oder was da wer sagt oder wie sich wer fühlt. Er wollte auch nicht einfach mal dahininfluencen, was er so zu irgendwas meint. Oder wer gerade wen zerstört. Er wollte wissen, welche Narrative sich ein Jahr nach der Katastrophe bei den beteiligten Volksgruppen verfestigt hatten.

Illustration: Joe Sacco - Reprodukt
Illustration: Joe Sacco - Reprodukt

Ganz kurz: Worum geht's? In Uttar Pradesh leben nicht nur Hindus (hier in Form der Gruppe der Jats), sondern auch nach wie vor eine Menge Muslime. Den Jats gehört meist das Land, die Muslime sind in der Mehrheit besitzlose, aber dringend benötigte Feldarbeiter. Das Zusammenleben klappte recht lange akzeptabel und vor allem gewaltfrei. Die blutigen Unruhen von 2013 folgten aber auf eine lange Reihe wechselseitiger Provokationen.

Die Täter sind beim Beten, die Opfer gar nicht da


Ein Jahr nach dem Vorfall entdeckt Sacco vor allem eine Menge Lügen. Beide Seiten haben zur Gewalt beigetragen, und beide Seiten fühlen sich verfolgt und haben nie etwas Schlimmes gemacht. Als Jats auf dem Weg zu einer Versammlung in einem muslimischen Ort von den Dächern mit Ziegelsteinen beworfen werden, waren die Steine nicht da oder nur klein, geworfen haben allenfalls Frauen und Kinder und die Männer waren grad alle beim Beten in der Moschee.

Illustration: Joe Sacco - Reprodukt
Illustration: Joe Sacco - Reprodukt

Als die Jats später die Moslems vertreiben, waren laut Jats eigentlich sowieso keine Moslems da, wenn sie doch da waren, sind sie freiwillig gegangen, und wenn Jats beim Beschleunigen dieser Freiwilligkeit über die Stränge geschlagen haben sollten, dann waren diese Jats fremde Jats von irgendwo anders. Und die ganzen Moslems, die vom Staat Entschädigungen möchten, haben nie ein Haus verloren und sind alle Betrüger, die vorher selbst anderen die Häuser angezündet haben. Sacco hört zu, glaubt wenig, bestaunt von Moslems abgefackelte Häuser ohne Brandspuren und sucht dann mühsam Zeugen und Beweise für tatsächlich Geschehenes. Aber warum erscheint sein Comic jetzt, zehn Jahre später? Warum Indien?


Die Mechanik der Spaltung


Weil man als Westler weniger betroffen ist und daher unvoreingenommener hinsieht als bei sich selbst zuhause. Denn Sacco sieht dieselben Mechanismen überall auf der Welt. Den Versuch, eine Bevölkerung so gründlich zu spalten, dass man mit der eigenen, eingeschworenen Minderheit die Macht übernehmen kann. Demokratie ist zwar für Kompromisse gedacht, eignet sich aber auch fürs Lagerdenken. Man könnte etwa zwischen Hindus und Moslems einen Ausgleich suchen, aber das System belohnt auch und womöglich noch mehr, wenn man die Gegenseite zur tödlichen Bedrohung hochstilisiert. Allgegenwärtig etwa ist bei Sacco die Erzählung vom „Liebes-Dschihad“.

Illustration: Joe Sacco - Reprodukt
Illustration: Joe Sacco - Reprodukt

Dieser Legende zufolge wollen Muslime Frauen bekehren, schwängern, Kinder kriegen, um die Macht zu übernehmen: Was man sofort als örtliche Variante der „Bevölkerungsaustausch“-Panik erkennt, die weltweit Hassheizer von AfD bis Trump verbreiten (obwohl derlei bisher vor allem deren eigene Geistesverwandte von Milosevic bis Hitler planten und umsetzten).

Profit durch Unversöhnlichkeit

Sacco zeigt so, wie sie funktioniert, die Bewirtschaftung der Unversöhnlichkeit. Die in der Version für Fortgeschrittene den „Trick“ beinhaltet, der Gegenseite möglichst solche Stiche zu versetzen, die sie unmöglich verzeihen kann – was in Israel die Hamas in Reinform vorgeführt hat und danach die Rechtsausleger der israelischen Regierung formvollendet zurückliefern.

Illustration: Joe Sacco - Fantagraphics
Illustration: Joe Sacco - Fantagraphics

Tatsächlich lässt sich das aber in Indien „entspannter“ aufdröseln als in Palästina, nicht zuletzt für Sacco selbst, der vor einem halben Jahr der 36-Seiter „War On Gaza“ rausbrachte. Darin findet sich weniger Analyse und vor allem Fassungslosigkeit, mit einer – angesichts des israelischen Vorgehens zunehmend nachvollziehbaren – Schutzhaltung für Otto Normalpalästinenser.


Die Profiteure des Konflikts


Aber gerade weil Sacco da schon die indischen Erfahrungen im Kopf gehabt haben muss, wundert man sich, warum er im Gaza-Comic nicht die Erklärung findet: Dass der Konflikt davon lebt, dass auf beiden Seiten Leute vom Konflikt profitieren und den Frieden verhindern. Dass dort wie in Indien die Lösung im Unvorstellbaren liegt, eben im Verzeihen des Unverzeihlichen. Weil ihm – wie der englische Titel des neuen Comics beweist – klar ist, wie die Alternative aussieht: Der heißt nämlich nicht „India“, sondern „The once and future riot“. Weil ohne Verzeihung in jedem Aufruhr schon der nächste steckt.





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Die Outtakes (33): Mit 4 ganz legalen Flüchtlingen, 1 zu kurzen Erklärung und 1 Beatle, der starb, bevor alles richtig losging

Illustration: Arne Bellstorf - Reprodukt
Illustration: Arne Bellstorf - Reprodukt

Gestorbener Beatle


Eigentlich ein vielversprechender Ansatz: Arne Bellstorfs „Baby’s in Black“ erzählt die Hamburger Frühgeschichte der Beatles und will der chronologischen Abklapperei durch einen Kniff entgehen. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte zweier Nebenfiguren, des frühen Bassisten Stuart Sutcliffe und der Hamburger Fotografin Astrid Kirchherr, der die Beatles (und ihre Fans) nicht nur die ersten professionellen Bandfotos verdanken, sondern auch die Pilzkopf-Frisur. Erzählt wird alles geschmackssicher in existenzialistischem schwarz-weiß, was nebenbei auch illustriert, wie die Band damals ins graue Nachkriegs-Hamburg hineingeknallt sein muss. Die Rechnung ging wohl auch bereits einmal auf: Die Veröffentlichung als Taschenbuch deutet an, dass der Band bei Premiere 2010 ordentlich abschnitt. Dennoch überzeugt er nicht recht. Weil Bellstorf dem eigenen Konzept nicht traut. Statt die tragische Beziehung Kirchherr/Sutcliffe radikal verzaubert ins Zentrum zu stellen, nutzt er sie eher unentschlossen als roten Faden, um dann letztlich doch die ganzen Beatles-Fakten (Ausbeutung, Drogen etc.) abzuklappern. Was man als Nicht-Fan spürt und als Fan noch mehr.



Genehmigte Republikflucht

Illustration: Nils Knoblich - Edition Moderne
Illustration: Nils Knoblich - Edition Moderne

Ein ordentliches Stück Unerträglichkeit, das Nils Knoblich da 2017 auspackte: In „Fortmachen“ erzählt er, wie seine Familie die DDR hinter sich ließ. Das Besondere ist dabei, dass es keine abenteuerliche Fluchtgeschichte gibt: Man konnte die Ausreise beantragen und kriegte sie dann mit etwas Geschick und Geduld auch bewilligt. Wie einen der alles durchdringende Staat bis dahin piesackte, schurigelte, belehrte, bevormundete – und dann auch noch zurückbleibende Familienmitglieder ins Visier nahm, ist schöner Anschauungsunterricht für alle, die meinen, die DDR wäre letztlich irgendwie nichts anderes gewesen als die heutige Bürokratie. Diese Unerträglichkeit im Kleinen ist die eigentliche Neuentdeckung des Bandes und illustriert den Zusammenbruch des Ladens vielleicht besser als manche Klage über einen staatlichen Mauerknast. Allerdings wird sie recht formelhaft serviert, Prinzip: Zeichner zeichnet, wie er seine Eltern befragt – zweifellos sachdienlich, aber nicht sonderlich leseerfreulich.

 

Gestoppte Erklärung

Illustration: Robert Shore/Eva Rossetti - C. H. Beck
Illustration: Robert Shore/Eva Rossetti - C. H. Beck

Nach zwei Kapiteln war ich total angefixt: „Blow Up“ von Robert Shore und Eva Rossetti verspricht eine Geschichte der Modernen Kunst, und tatsächlich hatte ich nach zwei Kapiteln einige Zusammenhänge verstanden und wollte mehr. Warum ist Kunst irgendwann neu, warum wirkt sie zu einem bestimmten Zeitpunkt revolutionär? Aber Pustekuchen: Ab hier erschöpft sich das Duo im Namedropping, im Abhandeln von Ausstellungen, wer bei wem vorbeigeschaut hat, wer wen kennt. Grob gesagt hilft Krethi der Plethine, alle bestätigen sich gegenseitig ihre Wichtigkeit, und der Reiz des Anfangs, der doch im Erklären des jeweils noch nicht Dagewesenen lag, tritt erschütternd schnell in den Hintergrund. Und weil‘s dann auch noch eher lustlos inszeniert und hastig runtergezeichnet wirkt, fängt man an zu blättern, zu überspringen…

 



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