- 25. Jan.
Klein, fein, gemein: Émile Bravo serviert boshaft verquirlte Märchenmix-Parodien für den kleinen Comic-Hunger zwischendurch

Mal was Feines, Kleines, Schnelles und Gemeines. Ratzfatz gelesen, ziemlich gelacht, trotzdem nicht so teuer – klingt das gut? Dann get ready for the Zwergbären!
Harte Arbeitstage im Salzbergwerk
Dahinter steckt eine Serie des Franzosen Émile Bravo. Die titelgebenden Bären gehen tagsüber einer Tätigkeit im Salzbergwerk nach, sind also eindeutig ein Zwerg-Bären-Hybrid, wie überhaupt jede der 30-Seiten-Geschichten ein munterer Märchen-Mix ist. Konsequenterweise in Kinderbuch-Optik, denn das Ganze ist natürlich eine Parodie. Kinder könnten daran zwar auch ihren Spaß haben, aber sie müssten vorher eine Menge Märchen kennen (tun sie das eigentlich noch?).

Spaßbasis sind die pelzigen Minenarbeiter, die Bravo nicht schlumpf- oder waalkeshaft in Doof-, Klug- oder Brüll-Bären aufsplittert, sondern als hysterisch-spießig-unbedarftes Kollektiv einsetzt. Denn das braucht man für Bären, die penibel-verpeilt genug sind, um zur Rattenbekämpfung im Haus vergiftete Äpfel auszulegen – in die dann Schneewittchen beißt. Oder wenn ihnen der Gestiefelte Kater in Krisenzeiten einreden soll, sie sollten einfach einen gerade abwesenden Bärenbruder im Wald aussetzen und seine Essensration aufteilen. Weil: „das machen doch alle“.
Arglos trifft Durchtrieben
Ziemlich vorbildlich verrührt Bravo das Arglose mit dem Durchtriebenen, das Naive mit dem Skrupellosen und serviert es in angenehm unschuldiger Optik. Das klappt so gut wie im Trondheim-Sfar-„Donjon“, aber schneller, weil Bravo nicht episch arbeitet, sondern schnell, fies und episodenhaft. Das Ganze kostet dann auch weniger als ein „Donjon“-Album. Probieren Sie’s aus!

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- 21. Okt. 2023
„Shunas Reise“ erscheint nach 40 Jahren erstmals auf deutsch. Der Klassiker ist so attraktiv, so verführerisch, dass man sich vor allem wundert: Wieso erst jetzt?

Das ist eine Premiere, wenn ich's recht sehe: Der erste Manga, der hier eine ganze Empfehlungsgeschichte für sich alleine bekommt. Und zu recht: Er heißt „Shunas Reise“, ist von Hayao Miyazaki und tatsächlich etwas ganz Eigenes, Besonderes – nicht nur, weil er durchgehend farbig ist. Die Geschichte selbst ist bereits knapp 40 Jahre alt, Anime- und Mangafans kennen den Autor gut: Miyazaki ist Trickfilmer und Mitbegründer des berühmten Studios Ghibli. Zum Genießen ist dieses Vorwissen aber nicht nötig.
Ein Holzschiff in der Wüste
Vom Design her erinnert die Geschichte stark an die typischen Trickfilme der späten 70er, frühen 80er, aber die Ausführung ist untypisch und wirkt sofort weniger industriell: Bleistiftzeichnung, Aquarellfarben, das schaut alles eine deutliche Spur handwerklicher, handgemachter, gemütlicher aus. Obwohl die Gegend der Handlung eher ungemütlich ist: Die Geschichte spielt offenbar in einem asiatischen Hochgebirge. Genau kann man’s nicht sagen, vieles ist rätselhaft.

Shuna, der Held und Thronfolger des namenlosen kleinen Königreichs, hat ein altmodisches Repetiergewehr, das spricht für unsere Welt in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Aber er reitet auf Lamas mit Geweih, und die gibt’s nicht. Um eine bessere Getreidesorte zu finden, zieht er nach Westen. Er kommt an eigenwilligen Statuen vorbei, einem gigantischen Holzschiff in der Wüste, an menschenfressenden Frauen, all das ist sehr real und sehr fantasyhaft zugleich. Ist „märchenhaft“ vielleicht eine passende Bezeichnung?
Zwischen Idylle und Barbarei
Ja und nein, weil Miyazaki auch von ungewöhnlicher Barbarei erzählt: Shuna begegnet merkwürdigen Gefängniskutschen, von zehn büffelartigen Tieren gezogen, die wie viele andere ähnliche Wagen Hunderte, Tausende Menschen zu einem riesigen Sklavenmarkt in einer enormen Stadt transportieren. Der einzige Grund dafür, dass Shuna nicht in den Transporten endet, ist: Er hat ein Gewehr, er ist erkennbar eine andere, wehrhafte Sorte Mensch. Das ist nicht der übliche Märchenstoff (auch wenn Miyazaki sich an ein tibetisches Volksmärchen anlehnt), es ist auch nicht der Stoff nordischer Sagen wie Beowulf und Grendel.

Genauso ungewöhnlich ist die Bildaufteilung: Die Panels sind großzügig, nichts vom häufigen, hektischen Manga-Gehäcksel. Und sie nutzen oft die Breite der Doppelseite, sie zwingen den Blick über den Bundsteg (da, wo die Seiten zusammenstoßen), sie nutzen die gesamte obere oder untere Hälfte der Doppelseite, und das auch noch außergewöhnlich attraktiv: mit transparenten und dennoch kräftigen Farben, für weite Blicke in eine verführerische Natur, mal wüstenhaft heiß und trocken, mal üppig blühend, mal polarkaltblau.
Echter Genusscomic
Zur Geschichte mag ich gar nicht viel mehr verraten: Eine Abenteuergeschichte, aber in einer ganz eigenwilligen Mischung, stellenweise geradezu kindgerecht, dann aber wieder von rücksichtsloser Härte, dabei jederzeit ungemein ansehnlich.
Was „Shunas Reise“ zu einem echten Genusscomic macht.
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- 6. Mai 2023
Ein Horrorfisch und eigenwillige Folterwitze: Manche Idee klingt überzeugender als ihre Umsetzung – die Outtakes (2)

Fish out of water
Leidlich angespaßt, jedoch recht vorhersehbar: „Grizzlyshark“ ist einerseits eine Splatterparodie, die Haie im Wald blutreich zubeißen lässt. Andererseits kann sich der Comic nicht gegen die Faszination der Haie und Bären wehren. So sind die Gags letztlich nur Vorwand für absurd-aufregende Pics: ohne Hai wären die Gags nicht stark genug, aber mit Hai sind sie eigentlich überflüssig. Weshalb der Spaß sehr schnell nachlässt und sich aufs „Krass, Alter, schau dir das an!“ beschränkt.
Hübsch, aber ohne Härte

Die Arbeit des Duos Kerascoët muss sich leider immer wieder an „Jenseits“ messen lassen, bei dem Marie Pommepuy und Sébastien Cosset ihre niedlichen Zeichnungen mit einer exzellent greulichen Geschichte konterkarierten. Das ist ihnen seither nicht mehr gelungen, und auch „Mit Mantel und Worten“ (Text: Flore Vasco) ist zwar immer wieder schön anzusehen, lässt aber Doppelbödigkeit vermissen.
Erzählt wird das Abenteuer eines cleveren, einfallsreichen Mädchens, das sich am Hof der französischen Königin gegen allerlei Intrigen durchsetzt. Ungewöhnlich ist neben einigen erotischen Anspielungen vor allem eine schwarzhumorige Zutat in Form von Folterwitzen. Denn die wirken angesichts einer weltweiten Folterrenaissance wie eine recht orientierungslose Provokation. Insgesamt ein schöner, optisch oft an Sempé erinnernder Band, der dennoch zwischen brav und boshaft auf halber Strecke versumpft.
Kerascoët (Zeichnungen), Flore Vesco (Text), Ulrich Pröfrock (Üs.), Mit Mantel und Worten, Reprodukt, 24 Euro
Gut gespart, Löwe!

So lass ich mir den Computer eingehen: Für „Zur Sonne“ nutzt Matthias Lehmann gerade nicht die Opulenz der Möglichkeiten, sondern er spart an allem. Keine Farben, viel Weiß, einige Linien, viele großflächige Schatten, die fünf versammelten Episoden sehen schon sehr schön aus, geradezu bastienviveshaft. Leider sind die Storys um Kneipenwirt Frank nicht so interessant wie ansehnlich. Schon klar, das Große im Kleinen und so, aber ein bisschen was sollte einen schon reinziehen. Ich gebe aber zu: Normale Leute machen normale Sachen, das ist als Thema schon eine von den härteren Nüssen.
Freundlich nur für Follower

Sind furchtbare Töchter im Trend? In „Höre nur, schöne Márcia“ gab’s grade eine, die nächste findet sich in Aude Picaults „Amalia“: Benimmt sich wie der Rotz am Ärmel, und kann nur dann freundlich sein, wenn sie Schminktipps für ihre paar Follower ins Internet stellt. Aber auch Amalia und ihr Mann jagen in „Amalia“ einem seltsamen Glück der Perfektion nach. Aude Picault hat das bereits mit dem gut beobachteten „Ideal Standard“ thematisiert, doch diesmal gelingt es ihr nicht so gut – auch, weil in der sympathisch gezeichneten Geschichte vieles zu plakativ daherkommt. Wenn Amalias Mann unter dem furchtbaren Industriebrot seiner Fabrik leidet, soll er halt irgendwo Ökobrot backen. Wenn Amalia Stress hat, soll sie halt lernen, auch mal „nein“ zu sagen. Während „Ideal Standard“ geschickt die persönliche Entwicklung der Hauptfigur aufzeigte, repariert „Amalia“ alles, als läge für jedes Problem der passende Tesafilm einfach herum.
