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Comicverfuehrer

Französische Ernte (Finale): Wundertüten sind nicht voller Hauptgewinne, oder wie man sich mit reichlich Luft zum Eisner-Award-Kandidaten hochzeichnet

Illustration: Chabouté - Carlsen
Illustration: Chabouté - Carlsen

Man soll nicht verschweigen: Nicht immer ist alles super, was glänzt. Als Teil der Französischen Ernte bin ich etwa auf einen Zeichner gestoßen, der sich mit sehr attraktiven Comics zur Eisner-Award-Nominierung hochgearbeitet hat. Und ich sehe die Bilder, stelle mir unter dem französischen Text irgendwas Brauchbares vor und ordere von Christophe Chabouté „Ganz allein“, dazu auf Englisch „The Park Bench“ und „To Build A Fire“. Und was soll man sagen? Gar nicht mal so gut.


Weltsicht aus dem Lexikon


Wie sieht ein Mann die Welt, der sein Leben auf einem Leuchtturm im Nirgendwo verbracht hat? Was macht die Einsamkeit mit ihm? Chaboutés „Ganz allein“ sieht großartig aus, als ich den Band gebraucht besorge (weil bereits 2011 erschienen und vergriffen). Die Story ist gekonnt illustriert, in vielen, oft stummen Bildern. Ein Fischerboot kommt regelmäßig zum Leuchtturm und lädt Kartons mit Proviant aus – so erfahren wir. Er wurde im Leuchtturm geboren, seine Eltern starben, jetzt ist er um die 50, lebt allein mit einem Goldfisch. Seine einzige Verbindung zur Welt ist ein altes Lexikon. Das lässt er auf den Tisch fallen, und dort, wo’s aufklappt, liest er eine Erklärung und malt sie sich aus. Das ist launig, weil er sich etwa „Konfetti“ tellergroß vorstellt.

Illustration: Chabouté - Carlsen
Illustration: Chabouté - Carlsen

Aber je öfter Chabouté den Lexikon-Gag nutzt, desto mehr Risse kriegt er. Weil der Einsame manches dann eben doch weiß. Bzw. weiß er immer so viel, dass Chaboutés Pointe klappt. Hm. Da kommt man ins Grübeln. Über die Versorgungskartons kriegt unser Einsiedler ja auch Schuhe oder Seife. Wenn ihn die Welt interessiert, warum bestellt er keine Zeitschrift? Oder ein anderes Buch? Warum fragt er nicht, was es sonst so gäbe? Ach, stimmt, er nimmt die Kartons ja nie persönlich entgegen. Warum eigentlich? Er ist doch sicher kein buckliger Quasimodo, haha, oder...?

Doch.

Illustration: Chabouté - Carlsen
Illustration: Chabouté - Carlsen

Denn wir alle wissen: Wenn ein Leuchtturmwärter und seine Frau im Nichts vögeln, kommt ein Buckliger raus, der 50 Jahre lang mit seinem Lexikon auslost, was er als nächstes liest. Und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr wundert man sich, mit wie viel Chuzpe Chabouté diese sturmschiefe Parabel zu scheinbar tiefgründiger Symbolik hochzeichnet.

Die Panels sind fabelhaft, keine Frage. Aber auch bewusst verzögert. Sie folgen einer Möwe, bis sie auf dem Geländer des Leuchtturms landet, gehen durchs spiralförmige Treppenhaus, zeigen viele stille Details, immer extra langsam, um den Bildern eine Bedeutung zu verleihen, die sie letztlich nicht haben. Was fatal an das wabernde Keyboardgebrummel erinnert, das sie flächendeckend über den „Tatort“ gießen, um dort Suspense zu erzeugen, wo nur Langeweile ist. Kann es sein, dass Chabouté die Form beherrscht, aber keine Füllung dafür hat? Der nächste Band untermauert jedenfalls diesen Verdacht.


Versitzmöbelt

Erneut klingt die Idee verführerisch. Chabouté will eine Geschichte anhand einer Parkbank erzählen. Komplett stumm, einfach nur schildern, wer vorbeikommt, wer sich wie verhält. In schwarz-weiß, da könnte man schon was draus machen, oder? Da könnte zum Beispiel ein Junge vorbeikommen, mit einem Mädchen, und mit dem Taschenmesser ritzt er ein Herz für sie in die Bank. Ja, ich weiß, nicht so originell, da kämen Sie auch ohne mich drauf, ich sag ja: nur als Beispiel.

Und weil der Band genau so anfängt.

Illustration: Chabouté - Faber & Faber
Illustration: Chabouté - Faber & Faber

Wollen Sie mitraten? Was muss rein? Ja, richtig, „Penner“ ist drin. Und „pinkelnder Hund“ auch. Und, Donnerwetter, schon wieder ein Treffer, Glückwunsch: Ein Mann streicht die Bank neu, irgendwer setzt sich in die Farbe. Wie sind Sie da nur draufgekommen? Haben Sie mal bei einer (obacht, Gag!) Bank gearbeitet? Okay, aber alles erraten Sie nicht. Dann ist da etwa noch das alte Ehepaar, das öfter vorbei kommt, die sind ja wirklich herzallerliebst, meist bringen sie sich eine Kleinigkeit zu essen mit. Drei oder vier Mal kommen sie vorbei, und Sie ahnen nie, was beim letzten Mal pass- Okay, aber Sie wissen nicht, wer von den beiden nicht mehr… Na schön. War ja auch eine 50/50-Chance.

Illustration: Chabouté - Faber & Faber
Illustration: Chabouté - Faber & Faber

Na gut, dann ist die „Parkbank“ eben auch kein Bündel unglaublicher Überraschungen, aber es sind immerhin, naja, viele Bilder einer Parkbank zu sehen, und wer will das nicht? Und schwarz-weiß, dann sieht's wenigstens aus, als hätte sich wer was dabei gedacht, womöglich sogar irgendwas Philosophisches, oder so. Da kann man schon mal über den Eisner-Award nachdenken, auch wenn's zum Sieg dann doch nicht reicht.


Schlecht eingeheizt

Illustration: Chabouté - Gallery 13
Illustration: Chabouté - Gallery 13

Ein wenig entmutigt greife ich zu „To Build A Fire“, eine wiederum recht ansehnliche Kurzgeschichte aus der US-Goldgräberzeit. Ein Mann will mit seinem Hund zurück zum Camp. Er hat etwas erkundet, jetzt muss er nur noch zehn Meilen durch den Schnee, bei minus 40 Grad. Die knapp sechzig Seiten ergeben eine angemessen schreckliche Survival-Erzählung, vielleicht auch, weil Chabouté sich hier aufs Illustrieren konzentriert hat: Die Vorlage stammt nämlich von Jack London, der mit der Verarbeitung als Kurzgeschichte auch schon mal die empfohlene Länge angedeutet hat. Beides, das Arbeiten nach Vorlage und die Kürze, tun Chabouté spürbar gut. Aber einen weiteren Versuch mit ihm mag ich, ehrlich gesagt, nicht mehr machen.


Chabouté, Kai Wilksen (Üs.), Ganz allein, Carlsen, nur gebraucht erhältlich, etwa hier.



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  • 17. Juli 2024

Die Outtakes (16): Eine ansehnliche Familiengeschichte, ein finsterer Serienkiller und eine etwas zu gute Goldgräberin

Illustration: Peer Meter/ David von Bassewitz - Carlsen

Wiederholungstäter

True Crime-Nachschub aus der Mottenkiste: In den 2010er Jahren (als es noch gar nicht so schick war) verfasste Peer Meter gleich drei empfehlenswerte Szenarios über Serienmörder. Nämlich „Gift“ über die Bremerin Gesche Gottfried mit der (hier bleistiftgrau-sig guten) Barbara Yelin, „Haarmann“ über den gleichnamigen Männermörder (mit Isabel Kreitz), und zuletzt „Vasmers Bruder“ über den unbekanntesten der drei, Karl Denke. Letzteren Band habe ich gerade erst gelesen, der finsterste von allen, auch weil Meter die Geschichte hier in die Gegenwart verlängert und David von Bassewitz sie so zappendüster illustriert, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Zu den Outtakes muss sie leider dennoch, aus zweierlei Gründen: Erstens ist sie knapp zehn Jahre alt, zweitens nicht mehr lieferbar: Sie müssen ein bisschen bei Medimops, Rebuy, Booklooker oder auch in Ihrer Bibliothek stöbern, aber sparen dafür auch etwas Geld.



Zergrübelt

Illustration: Kerstin Wichmann - Edition Moderne

Sehr hübsche, zarte Zeichnungen. Sehr grüblerische Herangehensweise. Kerstin Wichmann blickt in „Auf schwankendem Boden“ schlaglichthaft in ihre Familiengeschichte. Aber so gut das aussieht, so rasch geht es in der eigenen Nachdenklichkeit unter. Was man erst an der Episode mit dem Großvater merkt: Der hat einen eigenwilligen Schwimmstil, und Wichmann lüftet geschickt das Rätsel darum. Aber genau dieses Geschick ist es, was meist fehlt. Und das ist ausgesprochen schade: Weil man so dankbar für jeden guten Grund wäre, noch mehr Zeit in den schönen Meer-Küste-Brandung-Ungemütlichkeit-Zeichnungen zu verbringen.



Holzgeschnitzte Wölfin

Illustration: Núria Tamarit - Reprodukt

Sieht hübsch aus, ist frauenaffin, umweltbewusst – und trotzdem hebt Núria Tamarits „Die Polarwölfin“ nicht recht ab. Dabei sind die Zutaten reizvoll: Wir sind halbvermutlich in Nordamerika, zur Zeit des Goldrauschs. Die junge Joana investiert ihr letztes Geld, um an einer Goldgräber-Expedition teilzunehmen, aber die Männer lassen sie sitzen. Joana folgt ihnen auf eigene Faust. Die Männer sind überhaupt fies zu den Frauen der Expedition: zu Führerin Tala, zur alten Medizinfrau Opal. Männer sind auch schuld daran, dass Joana so am Hund ist, weil sie ihre alte Heimat abgefackelt und ihre Familie umgebracht haben. Und ein Mann ist schuld, dass Joanas dreibeiniger Hund so am Hund ist, weil er ihm die Pfote zertrümmert hat. Es sind auch die Männer, die beim Goldgraben bedenkenlos die Natur kaputtmachen, wohingegen die drei Frauen immer versuchen, nur das Nötigste aus der Natur zu nehmen. Weshalb sie auch von der gigantischen titelgebenden Polarwölfin verschont bleiben, die immer wieder für die Natur Rache nimmt, und, hm… liest sich das verärgert? Dabei nimmt man Tamarits Geschichte doch gern in der Hand: Die sternklaren Nächte, das eisige Alaska-Elend kontrastiert mit sonnenbunten Rückblenden ins Farmerparadies, die dämonische Wölfin, die flammenden Infernos, all das sieht einfach sehr gut aus. Aber die Haudrauf-Inhalte nerven. Wenn Joana so gut allein klarkommt, warum zog sie nicht gleich allein los? Und ja, Männer sind oft fies, aber dass ALLE Arschlöcher sind und zugleich auch noch Umweltsäue und ALLE Frauen vernünftig und auch noch nachhaltig, geht’s noch holzschnittartiger?

 




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