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Comicverfuehrer

Schön doof und brandgefährlich: In „Der Traum ist aus, Charly P.“ gelingt Lisa Neun eine bitterkomische Abrechnung mit den 80ern

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Zugegeben: Dass Lisa Neun ihr Grapic-Novel-Debüt in NürnbergFürthErlangen ansiedelt, meiner alten Heimat, das war ein Köder, an dem ich nicht vorbei konnte. Aber Köder sind okay, wenn sie dir kein schlechtes Produkt andrehen. Und „Der Traum ist aus, Charly P.“ ist auf den ersten Blick gut. Und auf den zweiten noch besser. Obwohl oder weil der Band so schlicht daherkommt.


Der unpolitische Politaktivist


Der Anti-Held ist Charly P., wir begegnen ihm in den 80ern, er ist so Mitte 20, Bierbauch, blonde Haarmatte, Schnurrbart. Charly würde sich als links bezeichnen, aber eigentlich heißt das nur, dass er in linken Kneipen sein Bier trinkt, linke Sprüche klopft und gerne kifft. Der Kleindealer interessiert sich nicht für Politik, nicht für seine Frau, nicht für sein Kind.

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Solidarisch ist Charly nur mit sich selbst, und als es darum geht, Geld für andere Linke vor Gericht aufzutreiben, organisiert Charly nur deshalb dafür eine Riesenladung Haschisch aus Rom, weil er ein Fünftel davon in die eigene Tasche stecken will. Man kann sagen: Charly ist ein Arschloch. Was schon unterhaltsam ist, aber weil Lisa Neun weiß, dass unterhaltsamer noch besser ist, ist Charly auch ein Idiot.


Dumm stellen ist dumm gelaufen


Als der Schmuggel auffliegt, will Charly das Verhör überstehen, indem er sich dumm stellt, ist aber tatsächlich blöd genug, sich dabei mehrfach zu widersprechen. Charly wird umgedreht, er soll künftig als V-Mann in der Szene arbeiten. Da sind wir etwa auf Seite 60, und Lisa Neun hat schon eine Menge wundervoller Dinge wundervoll serviert.

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Erstens gibt es in dem ganzen Comic keinen einzigen sympathischen Menschen. Charlys Elke ist ein gutartiges Kamel, das zwar jammert, aber ansonsten Charly hinterherwischt und in jeder Minute die Frauenbewegung um Jahre zurückwirft. Charlys Kumpel Dieter ist zwar Idealist, bewundert aber vor allem Charly, weil der so breitbeinig daherkommt und die tolle Elke abgekriegt hat.


Statt Gameboyspielen: Bomben basteln


Zweitens entlarven sich all diese Knallkörper fortwährend selbst: Weil Lisa Neun ihnen schön dusselige Dialoge hindichtet: Wie Charly etwa seinem Sohn den verblödenden Gameboy wegnimmt, um ihm stattdessen zu zeigen, wie man Bomben bastelt. Drittens: Weil Lisa Neun die Handlung elegant zuspitzt.

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Um als Spitzel nicht zu enttäuschen, muss sich Charly irgendwie für gewaltbereite Kreise empfehlen. Der Plan dazu ist wie üblich idiotisch, aber die Bombe ist echt, und Lisa Neun holt aus ihr genug bedrohlichen Ernst, um ins Bittere abzukippen, sobald die Komödie ausgereizt ist. Eine Abrechnung mit den 80ern – oder ist da mehr?


Die Bilanz ist bitter, aber nicht unversöhnlich


Wer will, kann’s bei der Story belassen. Aber da ist mehr. Da ist natürlich unverkennbar auch Nostalgie, wenn Lisa Neun die beschmierten Häuser und Kneipen zeichnet, ich sehe altes Erlangen, ich sehe altes Gostenhof, da kann auch Fürther Südstadt drin sein, da schwingt eindeutig auch Zuneigung mit, die diese Abrechnung vor der Unversöhnlichkeit bewahrt. Aber da ist noch etwas, und wer so 50, 60 Jahre alt ist, kann es unmöglich übersehen.

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Es sind die Polit-Formeln und ihre Selbstverständlichkeit. Charly benutzt sie, Elke benutzt sie, Dieter trägt sie vor sich her, aber im Alltag bedeuten sie ihnen nichts. Charly sind heute alle zu woke, wenn er sich über den Veganismus seiner Tochter ärgert, wiegelt Elke den Konflikt brav ab. Preisfrage: War das damals genauso, bei den Charlys, Elkes und Dieters der 68er? Wird in 40 Jahren die Korrektheitsgemeinde von heute ihren Ansprüchen gerecht geworden sein? Und was davon wird dann Phrase sein? Heute wissen wir’s noch nicht, aber die Lisa Neuns von 2066, die werden’s boshaft genau aufschreiben.




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Der Vorjahressieger als Bühnenhörspiel: Tobias Aeschbachers Splatterspaß „Der Letzte löscht das Licht“ gibt's jetzt für die Ohren

Herhören bei Luca Hass, Johannes Rebers, Ralph Jung (v.l.) - Foto: Schauspiel Erlangen
Herhören bei Luca Hass, Johannes Rebers, Ralph Jung (v.l.) - Foto: Schauspiel Erlangen

Hübsche Idee: Das Erlanger Theater in der Garage hat Tobias Aeschbachers „Der Letzte löscht das Licht“, den tiefschwarzhumorigen Max-und-Moritz-Preisträger 2024, zum Bühnenhörspiel verarbeitet. Drei Schauspieler lesen den Dialog, machen mit wunderlichen Mitteln recht echte Geräusche, das hat was. Die Premiere zeigt allerdings: Könnte noch besser sein.


Anrührender Doppelselbstmord

Foto: Schauspiel Erlangen
Foto: Schauspiel Erlangen

Liegt an der Mischform: Weil das Hörspiel die Sprecher optisch unterfordert, verführt es dazu, den Text noch zu toppen. Der ist aber schon gut, Aeschbacher ist kein Preschbacher, seine Dialoge werden besser, wenn man ihnen vertraut und sie ausreizt. Ab und zu mal bremst, statt in Windeseile durchzuheizen. Was sich auch in Erlangen zeigt: Als Luca Hass und Ralph Jung wie aus dem Nichts den Doppelselbstmord eines alternden Paares anrührend ausspielen. Und warum sag ich das jetzt, wo der Comic-Salon vorbei ist?

Weil man das Stück noch bis 8. Juli fünfmal sehen kann. Und weil Sie’s vielleicht haudraufiger mögen als ich – dann vergessen Sie mein Genörgel und rein mit Ihnen! Tobias Aeschbacher, Der Letzte löscht das Licht, Theater in der Garage, Theaterstraße 1, 91054 Erlangen


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Comic-Salon in Erlangen: Für die Jury sind dies die 25 besten Veröffentlichungen der letzten zwei Jahre

Illustration: Posy Simmonds - Reprodukt
Illustration: Posy Simmonds - Reprodukt

Ein kleiner Service: Der Erlanger Comic-Salon (4.-7. Juni) hat seine 25 Titel für den Max-und-Moritz-Preis 2026 nominiert. Und jetzt Sie vielleicht so: „Oje, 25 neue Titel! Sooo viiiel Stoff! Wie soll man das alles aufarbeiten?“ Aber easy: Wenn Sie hier mitlesen, kennen Sie 17 Titel schon. Und wenn nicht: Einfach die verlinkte Liste durchklicken! Und - ja? Was mit dieser Posy Simmonds ist, die da für ihr Lebenswerk geehrt werden soll? Keine Bange, Posy kennen Sie auch schon.


Die Nominierten:

Ahmadjan und der Wiedehopf von Maren Amini. Carlsen

Bauchlandung von Wanda Dufner. Edition Moderne

Blutsauger von André Breinbauer. Carlsen

Das Lied der Arktis von Jean-Paul Krassinsky und Bérengère Cournut (Üs. Resel Rebiersch). Schreiber & Leser

Der süßeste Bruder der Welt ... und andere Irrtümer von Elin Lindell (Üs. Katharina Erben). Klett Kinderbuch

Der verkehrte Himmel von Mikael Ross. avant-verlag

Der Weltraumpostbote. von Guillaume Perreault (Üs. Ulrich Pröfrock). Rotopol

Der Zahn von Ayşe Klinge. Kibitz

Die Frau als Mensch von Ulli Lust. Reprodukt

Die große Verdrängung von Roberto Grossi (Üs. Myriam Alfano). avant-verlag

Fleischeslust von Martin Oesch. Edition Moderne

Hackenporsche von Melanie Lüdtke. Schwarzer Turm

In den trüben Gewässern Istanbuls von Özge Samancı (Üs. Silv Bannenberg). Helvetiq

Jakob Neyder von Franz Suess. avant-verlag

Kaputt von Alison Bechdel (Üs. Katharina Erben). Reprodukt

Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve. avant-verlag

Peri Meno von Rinah Lang. Carlsen

Red von Josephine Mark. Kibitz

Saloon. Das ist Familiensache von Mia Oberländer. Edition Moderne

Schweigen von Birgit Weyhe. avant-verlag

Shrimpie und ich von Moni Port und Claudia Weikert. Kibitz

Sonntag von Olivier Schrauwen (Üs. Christoph Schuler). Edition Moderne / Colorama

The Strange House von Uketsu und Kyo Ayano (Üs. Claudia Peter). Panini Manga

Unruhe von Sarah Hübner. Jaja Verlag

Zwei weibliche Halbakte von Luz (Üs. Lilian Pithan). Reprodukt



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