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Die Outtakes (42): mit 1 beutelosen Verbrechergenie, 1 apokalyptischen Ritual und 1 TV-Show mit Job-Hauptgewinn

Erfolgloses Genie
Alles sieht richtig aus – aber es fehlt was: „Dortmunder“ ist ein weiterer Zweig der „Parker“-Schiene, die harte Krimis im Look der 60er und 70er Jahre serviert. Dortmunder, der Protagonist, und die zugehörigen Romane stammen auch aus derselben Feder von Donald E. Westlake. Aber Dortmunder ist zugleich Spoof: eine komödiantische Variante, und der Held (den immerhin schon mal Robert Redford spielte) ist ein Genie, das immer Pech hat. Klingt lustig, oder? Bis man mal drüber nachdenkt, wie in einer ergebnisorientierten Verbrecherwelt jemand Leute anheuern soll, der nie Beute vorzuweisen hat. Vielleicht klappt das ja im Roman, im Comic bin ich nur noch am Kopfschütteln. Dortmunders Gruppe klaut eine Behelfsbank im Container, um anschließend mühsam die ganze Bank abtransportieren (!) und verstecken (!!) zu müssen. Klar könnte ein Genie merken, dass es leichter ist, vor Ort ein Loch in die Blechwand zu sägen und den Safe zu klauen, aber Westlake war halt scharf auf den eigentlich titeltauglichen Heist-Gag mit der geklauten Bank. Und so zerbröselt mit jedem Logikfehler der Spaß an der Komödie mehr. Aber die an Darwyn Cooke geschulte Optik von Jesús Alonso Iglesias ist anheimelnd kühl, und wer den Kopf immer wieder ausschaltet, kann mit „Dortmunder“ durchaus seinen Spaß haben.
Pinkblaues Bezahl-Debüt

Thomas Gronles „Das Ritual“ kommt mit allerhand Vorschusslorbeeren, aber ich fürchte: Sie sind ein wenig mit Sympathie gedüngt. Gronle ist Teil der wunderbaren Moga Mobo-Einrichtung, die mit ansteckender Begeisterung die Republik mit selbstgemachten Gratis-Comics versorgt. Und wer etwas 30 Jahre lang macht, lernt dabei reichlich – was sich sehr gut an Titus Ackermanns „Was vom Leben übrig bleibt“ beobachten ließ. Gronles Pay-per-Graphic-Novel-Debüt überzeugt etwa mit beeindruckender Optik samt Retro-Aroma, die Schwarz-Weiß mit grellem Pink/Blau kombiniert. Seine Story bevölkert er mit scherenschnittschwarzen Monstern, in einem Haus soll ein apokalyptisches Ritual stattfinden, damit die Götter die Menschheit vor einer noch größeren Katastrophe verschonen – der Held ist Jan, der Page vom Hotel gegenüber. Aber so entschlossen Gronle seinen Comic designt, so unentschieden erzählt er seine Geschichte. Soll sie absurd sein oder bedrohlich? Menschelnd oder actiongetrieben? Gronle mag sich nicht entscheiden, wirft erzählerisch alles in die Suppe und erntet so allenfalls die Hälfte von dem, was dringewesen wäre. Aber trotzdem: Diese Suppe sieht toll aus!
Bitte keine Vorwürfe!

Was für eine wunderliche Überraschung: Für mich signalisiert alles an Nele Jongelings neuem Comic „verschrobener Humor“. Nicht zuletzt der trotzige Titel „Ich will nicht arbeiten“, aber auch die Max-Baitinger-Optik, die verzerrten Figuren, die halb Funny Animal sind und halb weichgewordene Gummigiraffen. Dazu die strenge blau-orange Kombination, die akkuraten Perspektiven, die bizarre Geschichte eines „Bundesbüros für Beruf“, das in einer Art TV-Show fünf Menschen um einen maßgeschneiderten Traumjob kämpfen lässt. Aber Seltsamkeit: Jongeling mag davon wenig nutzen. Den Wettbewerb mag sie weder spannend noch skurril ausarbeiten. Die Kandidaten diskutieren recht ernsthaft die Probleme junger Menschen mit den Anforderungen des real existierenden Berufslebens – was Jongeling weder kritisiert noch unterstützt noch irgendwie reflektiert, also eigentlich nur: runterbetet. Und zum Schluss jobbt die Protagonistin Edit als (unterbezahlte? ausgebeutete?) Bedienung in einem Café und ist glücklich, solange sie sich keine Vorwürfe macht. Ich weiß nicht so recht, wem das weiterhelfen soll, ich weiß aber, wen das irgendwie gar nicht mal so gut unterhält. Nele Jongeling, Ich will nicht arbeiten, Reprodukt, 29 Euro
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- 19. Jan. 2018
Poetisch, brutal und boshaft brillant: Ein Band mit Kurzgeschichten des Franzosen Baru macht Lust auf das „Grand Theft Auto“ des Comics

Letztes Jahr hab ich seinen 70. Geburtstag verpennt, aber damals hab ich ihn ja auch noch nicht gekannt: Baru. Der Franzose hat gerade „Hier und dort“ rausgebracht, einen neuen Band mit Kurzgeschichten, er sei ein „Ausnahmekünstler“, steht hinten drauf. Und mir fiel dazu nichts Schlaueres ein als: „Wer?“ Also hab ich, weil um Weihnachten rum Zeit war, ein bisschen was von ihm nachgelesen, um herauszufinden, ob er wirklich so gut ist. Antwort: Ja, sogar noch besser – wenn man mit seiner Art klarkommt, Figuren zu zeichnen.
Nahe an der Karikatur
Das mögen ja viele Leser nicht so sehr, wenn es krakelig wird. Und Barus Protagonisten sind eigenwillig nahe an der Karikatur: Ungelenke Kinder mit spindeldürren Beinen, geltungsbedürftige junge Männer mit naiv-dummen Gesichtern, Rentner mit enormen Bäuchen, geschmackfrei aufgedonnerte Blondinen, eine interessante Sammlung von Körperkläusen und Körperclaudias tummelt sich da. Bei Baru gibt es eigentlich nur zwei Sorten Menschen: Solche, die versuchen, nach mehr auszusehen – und scheitern. Und solche, die den Versuch längst aufgegeben haben. Was zu seinen Geschichten passt.
Baru zeichnet nicht die Welt der Schönen und Reichen. Baru wühlt weiter unten in der Gesellschaft, bei den Arbeitslosen, den Alten, den Ausländern. Erstklassig ist hingegen, wie er diese schwer verkäuflichen Zutaten für exzellente Erzählungen nutzt.
Langsam köcheln – brutal explodieren
„Die Sputnik-Jahre“ etwa spielen in einem ärmlichen Industriestädtchen der Nachkriegszeit, Baru macht daraus ein anrührend-witziges „Fliegendes Klassenzimmer“. Der Schauplatz von „Elende Helden“ ist aussichtsloses Kaff, in dem nur noch Vergreiste und Vergessene leben. Als ein Kind verschwindet, wittern die Verlierer die Chance zum Heldentum – Baru lässt alles schön hochköcheln und dann so brutal wie grandios explodieren.
„Der Champion“ und „Wut im Bauch“ sind Aufsteiger- und Einwandererdramen, aber Baru erzählt sie aus dem Boxermilieu – schon hat dieselbe Story einen ganz anderen Wumms. Genau hier liegt der Unterschied, der Baru so empfehlenswert macht: Er würzt seine Geschichten aus dem Milieu mit Witz, Sex, Gewalt, das Ergebnis ist leicht konsumierbar und aussagekräftig zugleich, wie man es sonst nur von der Sitcom „Roseanne“ kennt oder von der boshaften Computerspielreihe „Grand Theft Auto“.
Baru beherrscht das Licht
GTA passt eigentlich sogar noch besser, weil Barus Optik vergleichbar verführerisch ist. Wenn man hinter seine verzerrten Menschen schaut, findet man plötzlich einen faszinierenden Fotorealismus. Sein bekanntestes Werk „Autoroute du soleil“ leitet er mit der mühsamen Sprengung eines alten Hochofens ein: Wie er das Stahlmonster auf einer Doppelseite mit viel Krawall umlegt, ist schlichtweg überwältigend. Der Rest der Graphic Novel spielt in einem wundervollen französischen Sommer, den Baru in schwarz-weiß derart heiß hinlegt, dass man hinterher schwören könnte, es wäre in Farbe gewesen.
Mit derselben Nichtfarb-Palette skizziert Baru in „Schönes neues Jahr“ die französischen Vororte der nahen Zukunft: Von der Politik aufgegeben, mit Mauern abgeriegelt, feindselig, kalt und nachts verwaist. Das klappt deshalb, weil Baru das Licht beherrscht. Er kann es so dunkel werden lassen, dass man verzweifelt mit der Nase ans Papier rückt, um ein bisschen mehr zu sehen. Lichtreflexe setzt er hingegen ähnlich gekonnt wie der Altmeister Mathias Schultheiss: gleißend, flackernd, blendend, funkelnd. Am faszinierendsten sieht man das bei Barus Autos.
Schäbige Peugeots, schraddelige Renaults
Er hat eine Vorliebe für sie, aber auch hier sind es nur selten schöne, bemerkenswerte Autos. Er zeichnet schäbige Peugeots wie den 204, schraddelige Renaults wie den R4 oder R5, von Mercedes die 190er und 200er, hässliche Fiats, vorzugsweise die schlimmen Endsiebziger-, Anfang-Achtziger-Schachteln mit dem Charme einer Auto-Dachbox. Der Lichtschein auf der Motorhaube, die Verläufe von Lack und Kanten, Reflexe in der Windschutzscheibe, all das ist nicht nur unglaublich präzise – es erzählt auch unendlich viel über die Tageszeit, das Wetter, die Temperatur. In „Autoroute du soleil“ etwa findet sich ein R4 bei Sonnenaufgang, von hinten auf einer Landstraße fahrend, und wer das sieht, der fühlt sich, als hätte er selbst die Nacht durchmacht und führe jetzt ins tröstlich verheißungsvolle Morgenlicht.
Auch in „Hier und dort“ findet man solche Kunststücke: Eine Panne mit dem Motorroller bei strömendem Regen etwa, so triefnass, dass man einen Lappen unter den Band legen möchte. Hauchzarte Gardinen, oder die Reflexionen der Straßenseite gegenüber in einem Schaufenster. Aber unterm Strich ist der neue Baru vor allem eine gute Gelegenheit, eine Menge alter Barus zu entdecken: Wer’s düster mag, startet mit „Elende Helden“, wer sich zum Popcorn-Kino bekennt, mit dem Gaunerspektakel „Hau die Bässe rein, Bruno!“
Baru, Hier und Dort, Edition 52, 18 Euro
Baru, Wieder unterwegs, Reprodukt, 20 Euro
Baru , Elende Helden, Edition 52, 18 Euro
Baru, Die Sputnik Jahre, Reprodukt, 29 Euro
Baru, Schönes neues Jahr, Edition 52, 15 Euro
Baru, Autoroute du soleil, Carlsen, 29,90 Euro
Baru, Hau die Bässe rein, Bruno, Edition 52, 22 Euro
Dieser Text erschien erstmals am 19. Januar 2019 bei SPIEGEL Online.
