Zwei neue Bände des Italieners Zerocalcare zeigen: Es gibt Antifaschismus auch ohne Blockdenken – aber mit Hirn und Witz

Hab ich nicht kürzlich geschimpft, dass man eigentlich dringend was gegen Nazis tun müsste/wollte – dass aber unter dem Label „Antifaschismus“ meist völlig verstrahlter Propagandaquatsch kommt? Und was tut Gott? Jetzt gibt es auch Antifa mit Kopf.
Selbstironie hilft
Der mir bislang unbekannte Letatlin Verlag hat zwei schöne Comics im Regal: „Im Nest der Schlangen“ und „Diese Nacht wird keine kurze sein“. Von einem wohlbekannten Künstler: Zerocalcare. Und – bitte? Warum der besser sein soll? Ich sag mal so: Selbstironie hilft.

Man bedenke: Zerocalcare greift oft unattraktive Themen auf. Kurden, Minderheiten, diesmal die Prozesse gegen Linke in (damals noch Orbans) Budapest. Aber bei genau dieser Unlust holt Zerocalcare seine Leser ab. Er sagt nicht: „Lies das Zeug, es ist gesund und lehrreich!“ Er bemüht sich um die Leser, und das sehr, sehr witzig. Allein. Das. Tut. Schon. SOOO. Gut!
Wissen, dass man nicht automatisch recht hat
Dazu kommt: Er macht es einfach, aber nicht unterkomplex. Er erklärt, was los ist, und warum es ihn ärgert. Parteiisch, aber fair: Zerocalcare ist ganz offen superlinks. Aber anders als viele Antifaschisten folgert er nicht daraus, dass er automatisch recht hat, sondern dass er im Gegenteil seinen Standpunkt besonders schlüssig und nachvollziehbar begründen muss. Dass nicht die Prozesse gegen Maja T. und Ilaria Salis problematisch sind. Sondern dass (damals?) keine fairen Prozesse zu erwarten sind.

Warum? Zum Beispiel, weil vor dem Gerichtsgebäude Rechtsradikale und Polizei Hand in Hand arbeiten. Hier geht Zerocalcare wie ein Comicjournalist vor, er reist nach Budapest, stellt sich ein bisschen naiv und berichtet sehr aufmerksam, was er sieht. Und warum soll das witzig sein?
Ein gezeichneter Stand-up
Weil das an Zerocalcare das Besondere ist: Er erzählt grotesk, erschütternd, humorvoll. Er stellt sich selbst in Frage, karikiert das gleichzeitig noch, debattiert mit Gestalten aus seiner Fantasie wie Pixars Recyclingroboter Wall-E. Diese ständigen Gedankensprünge halten wach und aufmerksam, letztlich verfolgt man ein gezeichnetes Stand-up-Programm oder ein Youtube-Debattenvideo à la Rezo (wobei Zerocalcare das schon seit 2003 macht). Und doch ist es diesmal sogar besonders.

Im Original erzählt Zerocalcare im römischen Dialekt. Der avant-verlag hat das bei seinen (bisher drei) Übersetzungen als unübersetzbar weggelassen. Letatlin haben es mithilfe des Linksrappers Nico Seyfrid mutig und ausgesprochen mitreißend ins Berlinerische übersetzt. Det passt (darf man das hier sagen?) wie de Faust uffs Ooge.
Allzeit gesprächsbereit
Die Folge ist: Zerocalcares Berichte lesen sich mit Genuss, auch für Konservative. Weil man Argumente kriegt, über die man streiten kann, und weil der ganze Stil signalisiert, dass da jemand ins Gespräch kommen möchte. Und nicht zuletzt, weil man auch als durchschnittlicher Zeitungsleser Informationen bekommt, die einem durch die Lappen gegangen sind. Sie erinnern sich an die von den NSU-Rassisten ermordete Polizistin Michèle Kiesewetter?

Einer ihrer Vorgesetzten war Mitglied im deutschen Ku-Klux-Klan. Das klingt wie linke Paranoia, aber sobald man recherchiert, bestätigen es seriöse Quellen. Nein, hier will einen niemand zum Betonkommunismus übertölpeln oder unter der Hand fragwürdige Anarchien verticken. Da will jemand vor allem gegen Nazis vereinen. Und das macht er, indem er sachliche Argumente frech und witzig präsentiert. Warum gibt’s davon nicht mehr?
Zerocalcare, Alessia Radomski/Caterina Namuth/Nico Seyfrid (Üs.), Diese Nacht wird keine kurze sein, Letatlin Verlag, 15 Euro Zerocalcare, Alessia Radomski/Nico Seyfrid (Üs.), Im Nest der Schlangen, Letatlin Verlag, 15 Euro

