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Der Fascho ist auch Antifa?

  • 26. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Die heimlichen Bestseller (VI): Ein Sachcomic bringt das Problem mit dem Antifaschismus auf den Punkt – und manchen auf die Palme

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.


Warum sind nicht alle Guten auch Antifaschisten?


Antifaschismus. Kann halbwegs denkende Menschen in den Wahnsinn treiben. Weil man einerseits natürlich Antifaschist ist. Antifaschist ist doch eigentlich jeder: aufrechte CSUler, Christen, die meisten Leute der FDP, Grüne, Linke, Sozis, Fußballer, Feuerwehrleute, Minderheiten und Leute, die finden, dass auch Minderheiten glücklich sein dürfen. Kapitalisten, die rechnen können. Demokraten. Kommunisten sowieso. Welcher Depp will schon Nazis? Aber warum versammeln sich nicht alle unter dem schönen Wort „Antifaschismus“? Warum rennt unter diesem Logo immer nur so ein merkwürdiger Haufen Verstrahlter? Guckstu in den Comic „Antifa. 100 Jahre Widerstand“ von Gord Hill. Weißte Bescheid.

Illustration: Gord Hill - bahoe books
Illustration: Gord Hill - bahoe books

Eigentlich schon beim Vorwort. Gegen den Faschismus haben offenbar immer nur Superlinke gekämpft. „Bürgerlich-liberale Kommentatoren“ ignorieren ihn, Kapitalisten auch. Katholiken, Evangelen werden nicht mal erwähnt. Wieso nicht? Sind wir denn nicht alle Verbündete? Aber gut, ist ja vielleicht nur das Vorwort.


Und dann schmeckt's nach Pamphlet


Was die Nazis oder die italienischen Faschisten angeht, wird deren Entstehung dann immerhin recht schlüssig erklärt. Das (konservative) Stauffenberg-Attentat, die (jugendlich-aufrechte) „Weiße Rose“ werden freundlicherweise noch angeführt, Georg Elser schon nicht mehr. Der Spanische Bürgerkrieg ist auch noch nachvollziehbar. Aber nach Kriegsende wird’s reichlich wirrwollend. Schon über dem englischen Erstarken der Neonazis steht „Wir schlagen die Faschisten“. Moment mal: „Wir“? Spätestens hier schmeckt der Sachcomic, so wie er in seiner abgehangenen Optik auch aussieht: unangenehm nach Pamphlet.

Illustration: Gord Hill - bahoe books
Illustration: Gord Hill - bahoe books

Nicht zuletzt, weil schon zuvor immer wieder Attentate von links wohlwollend abgenickt werden. Denn ohne ins blinde „Antifa“-Bashing abzugleiten, wollen wir mal einiges festhalten und klarstellen: Attentate und Gewalt von rechts sind doch der Grund für die Empörung, richtig? Und die Konsequenz in einer Demokratie, in einem Rechtsstaat, sollte doch wohl sein: Polizei, staatliche Gegenwehr (z. B. Parteienverbot), bei Bedarf auch eigene Notwehr, nicht wahr? Und nicht, dass man politische Gegner einfach erschießt, selbst wenn sie Arschlöcher sind. Da sind wir uns doch einig, oder? Antifaschismus ist kein Freibrief für politischen Mord, nicht wahr?


Gemütlich eingerichtet in der Robin-Hood-Romantik


Aber je weiter man blättert, desto mehr fühlt man sich als nachhaltig demokratisch denkender Mensch alleingelassen. Und desto mehr richtet sich’s der Autor in einer Art Robin-Hood-Romantik gemütlich ein. Linke Gewalt wird munter mit rechter Gewalt gegengerechnet, die Verantwortung dafür schiebt man westlichen Regierungen zu, die bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit versagt haben. Die Alt-Nazis der DDR werden mit keiner Silbe benannt. Dass übelste stalinistische Regimes das Etikett „Antifaschismus“ nutzten und so auf Jahrzehnte diskreditierten – dazu kein Pieps.

Illustration: Gord Hill - bahoe books
Illustration: Gord Hill - bahoe books

Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Autor längst als verlässliche Quelle ruiniert. Nur manchmal wundert man sich noch: Als Wladimir Putin über die Ukraine herfällt, weil die voller Neonazis und Faschisten ist. Ja, ist größtenteils Bullshit, aber hier wird’s zum Quadrat-Bullshit: Denn wenige Seiten zuvor hat der gleiche Putin selber mit Faschisten zusammengearbeitet, Neonazis in ganz Europa gefördert. Der Faschistenförderer ist jetzt Faschistenverhinderer? Der Fascho ist jetzt Antifa?


Zwei plus zwei gleich fünf


Wer so was schmerzfrei liest, muss bereits auf Parteilinie sein. Der weiß schon, was man Winston in „1984“ noch erklären musste: „Manchmal, Winston, gilt zwei plus zwei gleich fünf. Manchmal drei. Manchmal alles auf einmal.“ Von diesen flexiblen Arithmetikern scheint es nicht mal so wenige zu geben, der Verlag verkauft nach knapp drei Jahren bereits die vierte Auflage. Auch aus Konkurrenzmangel: Es gibt zwar bessere Informationsquellen zum Thema – aber eben kaum in Comicform.




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