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Comicverfuehrer

Die heimlichen Bestseller (I): Daniela Schreiters „Schattenspringer“ macht das Thema Asperger-Autismus zum Mainstream-Erfolg

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Es gibt auch hier Comic-Schlager, aber viele bleiben unterm Radar: Weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat fünf- oder sechsstellig verkauft! Dafür gibt's jetzt eine neue Serie: die heimlichen Bestseller! Wir starten, klar, mit dem erfolgreichsten!


The Queen of Asperger

Die Königin der Secret Seller ist eindeutig Daniela Schreiter. „Schattenspringer“ heißt ihr Erstlingsband. 2015 erschienen, über ein dutzend Mal nachgedruckt, der Verlag bescheinigt Band 1 allein schon mehr als 100.000 verkaufte Exemplare. Und auch, wenn ich von der Qualität nicht wirklich überzeugt bin, muss man anerkennen: Das Produkt ist in kommerzieller Hinsicht nahe an der Perfektion.


Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics
Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics

„Schattenspringer“ ist ein Graphic Memoir, die studierte Grafikerin Schreiter berichtet von ihrem Leben mit Asperger-Autismus. In einer grellen Cartoon-Optik, vertraut von Glückwunschpostkarten, die ja auch sofort „lustig“ signalisieren müssen. Genauso rasch, fast vorauseilend löst Schreiter dieses Gagversprechen auch ein. Jeder Halbsatz kriegt einen Kleincartoon, der den Text nochmal 1:1 ein- und nachwitzt. Der erklärte Gag ist nicht meine persönliche Lieblingssorte, aber wichtiger ist hier: Schreiter erteilt die Lach-Erlaubnis. Obwohl Schreiter ständig mahnt, das Thema ernstzunehmen.


Halsbrecherischer Schlingerkurs


Das ist ein kleines Kunstwerk für sich. Denn wenn man genauer hinschaut, fährt Schreiter selbst einen halsbrecherischen Schlingerkurs: Autismus ist bei ihr nämlich nicht nur die Hölle, sondern zugleich auch halb so wild. Das geht nicht zusammen? Geht es wohl. So sind einerseits Geräusche, Düfte, Berührungen kaum zu ertragen. Ständig ist man Außenseiter, versteht die anderen nicht, wird abgelehnt, spielt am liebsten allein im verdunkelten Kinderzimmer. Es sei wie ein Gaming-Wettbewerb: Das Normkind daddelt seelenruhig, während der Autist beim selben Spiel dauernd unter Schmerzen abgelenkt wird und hinterher den Spott ertragen muss, weil er schlechter abschneidet. Und so geht es das GANZE LEBEN weiter. Das ist die eine Seite.


Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics
Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics

Aber immer wieder starten die Bände mit superseriösen Vorworten von launig bloggenden, podcastenden Autisten. In Band zwei schreibt Denise Linke: „Ich mag meinen Autismus.“ Dort weist auch Schreiter selbst einfach mal ihren Autismus an, sich mit ihrem Wunsch nach einem Partner zu arrangieren. Das geht?? Noch überraschender: Sie verrät ihrem Pubertäts-Ich „Die Pubertät … ist nicht das Ende der Welt. Du hast es überlebt. Es ist eine harte Zeit und du wirst vieles an dir und deiner Umgebung hassen. … Du packst das schon.“ Jetzt ist die Hölle also was, das man einfach „schon packt“? Wo’s nicht mehr Trost braucht als bei jedem anderen jungen, pickeligen Menschen? Gottseidank kann und muss ich das nicht beurteilen.


Identifikation leicht gemacht


Beurteilen kann ich aber was anderes: das Einzigartige dieses Produkts. Denn die Betroffenen allein ergeben diese Verkaufszahlen eher nicht. Und weil Schreiter auch kein „Rain Man“ ist, ist die Geschichte auch nicht sooo spannend, es sei denn… man identifiziert sich mit ihr. Sei es als Elternteil, sei es als Erwachsener, für seine Kinder oder sich selbst. Und dazu lädt Schreiter, bewusst oder nicht, geradezu ein.

Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics
Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics

Klein-Daniela fand kratzige Pullover unerträglich: ich auch. Schreiter erträgt die Konsistenz von Bananen nicht: genau wie ich. Für Schreiter ist die Temperatur des Essens wichtig: ich liebe den Kontrast von heißem Toast und kalter Leberwurst. Schreiter blieb später phasenweise lieber in einer Scheißbeziehung als allein zu sein – Millionen geht es ähnlich. Tatsache ist: Beinahe jedes Kind und jede Jugend lässt sich bei „Schattenspringer“ ohne viel Mühe einpflegen. Man kann auch sagen: die Schnittmengen zur Normalität erscheinen unerwartet groß.


Bordsteinhohe Hürden


Das geht bis zur Diagnose: Die kann man sich erstmal per Internet stellen, Schreiter selbst hat’s ja auch nicht anders gemacht. Ein Arzt hat’s ihr anschließend sofort bestätigt, aber nirgendwo steht, dass es gleich der erstbeste Arzt genauso sehen muss wie das Internet. Schreiter beklagt die Abwertung von Asperger/Autismus als „Modekrankheit“, aber zur Wahrheit gehört auch: die Hürden fürs „Dazugehören“ sind bei ihr allenfalls bordsteinhoch. Die Belohnung hingegen ist extrem verlockend.

Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics
Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics

Richtig gelesen: Belohnung. Denn ein gutes Produkt braucht ein gutes Versprechen. Es steht in Band 2 auf Seite 155 und heißt: „Nicht schuld!“ Für Schreiter war das die ehrliche Erlösung: Nach Jahrzehnten des Rätselns zeigte sich, dass viele ihrer Probleme nicht in ihr wurzelten, sondern im Asperger. Aaaber „nicht schuld“ – wer wäre das nicht gern? Gerade heute?

Wenn alles von Tiktok ablenkt


In einer Welt, in der sich alle permanent vergleichen, finden sich alle Leute irgendwann in der unteren Tabellenhälfte. Wenn das Kind heikel ist, sich langsamer entwickelt. Wenn andere Leute gemein sind. Wenn einen jede Nachricht von Insta oder Whatsapp, jede SMS davon ablenkt, sich auf Tiktok zu konzentrieren? Wäre es da nicht schön, „nicht schuld“ zu sein? Weil sich so die Option bietet, am komplexen Leben weder etwas ändern zu können noch überhaupt zu müssen?

Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics
Illustration: Daniela Schreiter - Panini Comics

Man darf unterstellen: So hat Schreiter das nie konzipiert. Dennoch eignet sich das Produkt dazu hervorragend. Was auch erklären könnte, warum das „Schattenspringer“-Universum so expandiert. Die Kinderbuchreihe „Lisa und Lio“ ist dazugekommen und der Cartoon-Band „Herzlichen Glückwunsch, es ist Autismus“. Alle ähnlich gefällig, ähnlich anschlussfähig, aber inhaltlich auch ein wenig redundant. Was aber, durchaus ernst gemeint, Schreiter zur idealen Autorin eines ähnlichen, doch ganz anderen Produkts machen würde: Eines Leitfadens, wie man diese ausufernde, besitzergreifende Streaming-online-dingdong-Welt wieder zähmt und beherrschbar macht. Explizit für Nicht-Autisten. Von der Frau, die genau das schon ihr ganzes Leben praktizieren muss.





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Craig Thompsons Autobio-Sach-Reise-Essay „Ginsengwurzeln“ wird als große „amerikanische Saga“ bejubelt: Was ist dran am Wurzel-Werk?

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Saga-Hype im Comic-Land. „Ginsengwurzeln“ heißt die neueste „große amerikanische Saga“ (SZ, unisono mit der 3sat-Kulturzeit), die taz jubelt über „akribische Recherche“, und da klingeln bei mir schon alle Alarmglocken, denn „Saga“ ist oft nur journalistisch für „Oh, so ein dickes Buch“. Aber diesmal? Der Autor ist immerhin Craig Thompson, gefeierter Meister des autobiographischen Comics, und autobiographisch wird’s diesmal auch – also: wo soll das Problem sein?


„Oh, so ein dickes Buch“

 

Tatsächlich gibt es zunächst auch keines. Thompsons Zeichnungen sind hochwertig, mild karikierend, stilistisch nah an Will Eisner. Die Panels sind oft nicht eingekastelt, sondern geschickt konstruiert, alles ansehnlich und einladend. Thompson erzählt die Geschichte seiner Jugend in der US-Provinz in Wisconsin, wo (für mich überraschend) jeder Ginseng anbaut, wohl so ähnlich wie Hopfen in der Hallertau.

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Thompson jobbt von klein auf mit und erarbeitet sich so seine Comichefte. Ein hartes, freudloses Geschäft, durch Comics versüßt, so weit, so gut. Ein bisschen nervt, dass in einem Sachcomic dauernd ein Ginsengwurzelchen mit Niedlich-Augen durchs Bild springt, Ginselchen sozusagen. Was so seriös wirkt wie ein Richter mit Clownsnase, aber das ist wohl Geschmackssache. Viel nerviger ist etwas anderes.


Allgegenwärtiges Ginselchen


Etwa ab Seite 50 des 450-seitigen Wälzers fällt erstmals auf, dass man eine Menge lernt und zugleich doch nicht. Ginseng hat offenbar ein Problem: Wo man einmal Ginseng angebaut hat, wächst er kein zweites Mal. Was sofort die Frage aufwirft: Wie kann man dann dauerhaft Ginseng in ein- und derselben Region anbauen?

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Seit Jahrhunderten wird er doch in Wisconsin gezogen, und das nicht für zwei kleine Ökoshops, sondern für den weltweiten Export. Also müsste er sich durchs Land fressen wie Braunkohletagebau, eine Schneise von Feldern zurücklassend, die für Ginseng nutzlos sind. Und die Farmen müssten ihm folgen. Aber Ginseng und Farmer sind immer am selben Fleck. Wie geht das?? Kann es sein, dass ich hier nach „akribisch recherchierten“ 450 Seiten erst mal ein richtiges Buch brauche? Nee, oder?


Argumente wie aus dem Reformhaus


Aber der Verdacht bestätigt sich. Gleich doppelt enthüllt Thompson, dass Ginseng „das Metall scheut“, dass die Wurzel „Angst vor Metall“ hat. Wie sich das äußert? Keine Ahnung, ist halt so. Thompson schildert auch, wogegen Ginseng hilft – „womöglich“. Er zeigt, was Farmer mit dem Ginseng machen, begründet es aber mehr oder weniger mit deren Bauernregeln. Das ist nicht „akribisch recherchiert“, sondern Information auf Reformhausniveau. Was besonders enttäuscht, weil sich Thompson erkennbar viel Mühe macht.

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Er redet mit vielen Leuten, er zeichnet sich die Finger wund – im Wortsinne, ein Teil der Geschichte besteht darin, dass seine Zeichenhand erkrankt, also erzählt er auch über Medizin und über chinesische Medizin, und erzählt und erzählt und erzählt. Über laotische Einwanderer, die eigentlich aus China stammen, und warum sie dort nicht mehr sind und über den Vietnamkrieg und den Koreakrieg, über den christlichen Glauben und, wo wir schon dabei sind, auch noch seine über eigene christliche Familie. Detailversessen, aber völlig ziellos.


Detailversessen, aber ziellos


Denn Thompson geht keiner Frage nach: Er will nur irgendwas über Ginseng erzählen. Er kann das Equipment eines chinesischen Ginseng-Jägers aufdröseln, vom Knochenspaten bis zu den geteerten Schweinslederstiefeln. Aber er kann nicht sagen, wozu man genau dieses Zeug braucht. Es ist, als würde einem ein gewaltiger Sack voll Krempel auf den Tisch geleert. Und wenn man fragt, was das soll, sagt Thompson: „Moment!“ und holt einen weiteren Sack voll Krempel.

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Sorry, Krempel, man kann es nicht anders nennen, denn „Infos“ sind es nicht, weil Thompson offenbar NICHTS aussortiert. Legenden, Gerüchte, Fakten, Zahlenmystik, alles wird reingeschmissen und schöngezeichnet. Wie es in ihn hineinfließt, so strömt es in den Comic. Und je deutlicher das wird, desto mehr nervt es: Weil man bei jedem neuen ausufernden Kapitel merkt, dass man bei aller Langatmigkeit nichts wirklich erfährt. Mit einer Ausnahme.


Der Bruder braucht 'ne Auszeit


Manchmal schildert Thompson, wie ihm andere Leute ihre Lebensgeschichte erzählen. Das ist dann halbwegs verlässlich, etwa so, als würde man selber zuhören. Über zig Seiten arbeitet ein chinesisch-stämmiger Ginsengfarmer hart. Und erinnert sich an seinen hart arbeitenden Vater. Und dessen Beerdigung. Und das Ritual, und wie alle Schiffchen falten, und Thompson malt auch noch eine (nicht funktionierende) Faltanleitung, es hört und hört nicht auf. Irgendwann, als Thompson mit seinem Bruder nach Korea fährt, seilt sich der Bruder ab, und man hat eine sehr laute leise Ahnung, warum.

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Der Plan war ein anderer: In Interviews sagt Thompson beispielsweise, er wollte zeigen, wie sich aus einer kleinen Farmwirtschaft ein gewaltiges Business entwickelt hat. Tatsächlich liefert er dann wenig anderes als Farmer, die sagen: Du musst eben immer größer werden. Und wie geht das in einer Region, die man nie zweimal nutzen kann? Aber Thompson sagt: „Guck mal, noch ein Sack Krempel.“ Ähnlich läuft das mit den Pestiziden: Immer und immer wieder weist Thompson auf sie hin. Aber wozu, Herrgottnochmal? Sind sie schlimm, was sind die Folgen, haben alle Krebs, haben’s alle nicht? „Guck mal, noch mehr Krempel!“


Abgemilderte Geschwätzigkeit


Erstaunlich ist, dass man sich dann doch durch den ganzen Sums wühlt: Thompson ist ein recht sympathischer Plauderer, der seine Geschwätzigkeit mit attraktiven Bilder mildert. Aber hier ist weder eine große „amerikanische Saga“ noch eine Chance, Gelerntes irgendwann mal nutzen zu können: So gut wie alles in diesem Wurzel-Werk müsste man sicherheitshalber woanders präzisieren. Wo genau, steht in einigen Fällen im Anhang. Das ist vielleicht nicht akribisch, aber immerhin tröstlich.

 




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  • 19. Nov. 2023

Frech, vorlaut, bedroht von Politik und Religion: Ersin Karabuluts Autobiografie ist ein erfrischender Zugang zur streitbaren Comic-Szene in Erdogans Reich

Illustration: Ersin Karabulut - Carlsen Comics

Was wissen Sie über das Comic-Land Türkei? Geht mir genauso. Das einzige, was ich wusste, ist, dass „die da unten“ öfter mal so knallige Witzblätter am Kiosk haben, aber wie witzig kann das schon sein? Und dann ist ja alles auch noch auf türkisch! Jetzt gewährt Ersin Karabuluts autobiografisches „Tagebuch der Unruhe“ einen unterhaltsamen, informativen und extrem zugänglichen Einblick. Marjane Satrapis „Persepolis“ ist als Vergleich nicht zu hoch gegriffen, und das nicht nur wegen der Kinderperspektive.


Blick in die Verwurstfabrik


Vor allem überzeugt, auf wie vielen Ebenen Karabuluts Erzählung funktioniert. Er wächst in Istanbul auf, liebt Comics. Weil sein Vater Grafiker ist, geht Klein-Ersin davon aus, dass wohl alle Eltern Zeichner wären – da kämen dann ja wohl auch all diese Comics her. Tatsächlich ist die Comic-Szene gar nicht so groß, und viele Serien werden auch einfach nur abgepaust und billig nachgedruckt oder (darin Deutschland nicht unähnlich) für neue Heftformate verwurstet und verhackstückt.

Illustration: Ersin Karabulut - Carlsen Comics

Parallel schildert Karabulut die ganz normale Türkei in den 80ern. Seine Eltern sind kemalistisch, liberal und westlich orientiert, aber das gilt bereits damals längst nicht mehr für alle Türken. Wenn Ersin für seinen Vater Bier holt, muss er wegen der Nachbarn darauf achten, dass es keiner merkt: die Flaschen dürfen nicht verräterisch klirren. Seltsamerweise existiert allerdings gleichzeitig eine extrem streitlustige Satireszene.


Charlie Hebdo auf türkisch


Schon in der Schule liest Ersin eine Vielzahl von satirischen Cartoon- und Comicmagazinen, viele davon sind entschieden politisch und meinungsfreudig, extrem boshaft, vergleichbar etwa Charlie Hebdo in Frankreich. Diese Hefte sind frech, direkt, voller fieser Politikerkarikaturen. Ihre Redaktionen sitzen im Istanbuler Beyoglu-Viertel, das Ersin so erstmals kennenlernt, als er sich zaghaft bei ihnen anwanzt: Ein Stadtteil voller ungewohnt junger, lässiger Menschen, die ihr Selbstbewusstsein nicht daraus ziehen, dass sie wissen wie man den Koran befolgt, sondern daraus, dass sie sich in der modernen Welt behaupten und durchsetzen – eben auch als Comic-Künstler oder Cartoonist.

Illustration: Ersin Karabulut - Carlsen Comics

Ersin beschließt fasziniert, einer von ihnen zu werden und schafft es schließlich mit einer Serie über sein alltägliches Leben. Seiner Autobiografie sieht man diese innig geliebte Arbeit an: Bei Bedarf (und den hat er oft) zeichnet Karabulut Mitschüler oder Mitbürger derart entlarvend, hasserfüllt, engstirnig, begriffsstutzig, dass man spontan an Manfred Deix‘ Österreicher denkt oder Jean-Marc Reisers Franzosen.


Erdogans Weg zur Macht


Nebenbei erfährt man etwas über die türkische politische Entwicklung, die blutigen Kämpfe zwischen Kommunisten und Nationalisten, und wie sich aus alldem ein Politiker namens Recep Tayyip Erdogan herausschält. Ein Mann, der Cartoonisten vor Gericht zerrt, wenn sie ihn als Katze zeichnen, und der aus Religiosität und Nationalismus eine Droge rührt, deren Junkies Demokratie bestenfalls als notwendiges Übel zur Machtergreifung betrachten.

Illustration: Ersin Karabulut - Carlsen Comics

Es liegt in der Natur der Erzählung, dass sich die bedrückenden Elemente der türkischen Realität umso weniger mit Humor abfedern lassen, je näher sie der Gegenwart kommen. Wenn Karabulut plötzlich Besuch von bärtigen Herren bekommt, die ihn wissen lassen, dass sie seine Adresse kennen und die seiner Familie, ist kein Spielraum mehr für Späße. Und man ahnt, warum er heute vor allem in Los Angeles lebt.


Zwischen geistigem Auf- und Abbruch


Dennoch liest sich seine Geschichte eingängig und facettenreich: Gerade seine Comic-Liebe ermöglicht immer wieder skurril-rührende Momente, während das gesellschaftliche Schwanken des Landes zwischen geistiger Aufbruch- und Abbruchstimmung einen in den Wahnsinn treiben kann. Und immer wieder staunt man, wovon Erdogans Traum von der stumpf-religiösen Türkentümelei auch heute noch in erster Linie gebremst wird: Von Kemal Atatürk, einem gutaussehenden Charismatiker, der vor rund 100 Jahren die gesamte Nation hinter sich her in die Moderne schleifte. Rücksichtslos, aber mit Smoking, Zigarette und Schnapsglas.





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