Nicht klein beigeben, auch wenn alles scheiße ist: Zwei Comics aus Südkorea widmen sich zwei ungewöhnlich starken Frauen.

Wie man so hört, brauchen die Menschen mehr Ehrlichkeit, man soll sie wie Erwachsene behandeln. Daher geb' ich Ihnen nicht noch einen wirkungslosen Tankrabatt, sondern ich sage Ihnen knallhart die Wahrheit: Jetzt kommen zwei ernste Themen. Nämlich Frauen und Korea. In zwei ernsten Comics, das sind dann gefühlt vier ernste Themen. Und damit Ihnen vor lauter Ehrlichkeit der Kopf brummt, sag ich auch noch: in Schwarz-Weiß. Schwarz-weiße Comics zählen dreifach ernst, dann sind's schon zwölf! Sind Sie bereit?
Los geht's!
Sehr gut, sehr deprimierend
Vor längerer Zeit hab ich mich angesichts ihres eher chaotischen Nordkorea-Comics leise gewundert, wie Keum Suk Gendry-Kim einen Harvey-Award abstauben konnte. Jetzt weiß ich’s: Mit dem behutsam-präzisen, erschütternden Band „Gras“, der nun erstmals auf deutsch erscheint. Doch so gut der Band auch ist, eine Freude kann man ihn beim besten Willen nicht nennen. Was am Thema liegt.

Gendry-Kim beleuchtet das Schicksal von Lee Ok-seon, einer ehemaligen „Trostfrau“. Darunter versteht man Zwangsprostituierte fürs japanische Militär in den 30er und 40er Jahren, als die Japaner in China einfielen. Was Gendry-Kims Band so besonders macht, ist der erweiterte Blick. Der Lee Ok-seons Erfahrungen zugleich präziser wiedergibt, aber auch universeller macht.
Weniger Kinder, weniger Kosten
Gendry-Kim beginnt mit Ok-seons Kindheit: Eines von neun Geschwistern, in Zeiten enormer Armut. Die Eltern haben kaum Arbeit, die Kinder fallen gelegentlich vor Hunger in Ohnmacht. Bildung für Mädchen entfällt. Also wird Lee, die älteste Tochter, weggegeben. Zu irgendwelchen Leuten, die nicht ganz so arm sind, aber trotzdem am Essen sparen und Kinder als kostenlose Arbeitskraft sehen.

Bereits hier funktioniert Gendry-Kims Ansatz: Denn diese Armut war einerseits bedingt durch die erbarmungslose Besatzung der Japaner. Aber diese Mechanismen, dass etwa weniger Arme auch noch ihrerseits die ganz Armen ausbeuten, die greifen natürlich auch bei Armut aus anderen Gründen. Während dieser ersten Zwangsarbeit wird die 14-Jährige Lee bei einem Botengang von Koreanern entführt. Sie sammeln Mädchen für ein Militärbordell in China. Und hier potenzieren sich dann die Auswirkungen.
Ausgenutzt wie Legehühner
Das Militärbordell ist das Prostitutionsäquivalent einer Legebatterie: Die Frauen leben in verdunkelten Verschlägen und bedienen 30, 40 Männer pro Tag. Die medizinische Fürsorge besteht darin, die Nutzbarkeit zu erhalten, aber prinzipiell sind die jungen Frauen alle ersetzbar. Müssen sie auch sein, denn die Soldaten zahlen nicht viel, auch der Bordellbetreiber wird nicht wirklich reich, die ganze Maschinerie ist überhaupt nur denkbar durch den Krieg und durch die Verfügbarkeit billiger Menschen/Frauen.

Das Entsetzlichste hier ist womöglich, dass erzählerisch nichts eskaliert. Es gibt kein „immer noch schlimmer“, es wird nicht immer Übleres verlangt. Die Frauen vegetieren in stumpfer Resignation, die Männer besuchen den Verschlag mehr routiniert als freudig, es herrscht eine derartige schwarzgraue Gleichgültigkeit, dass sich die Männer weder durch Güte, Bosheit, Perfidie oder Perversität unterscheiden lassen.
Was Liebe noch am nächsten kommt
Einmal empfindet Ok-seon etwas wie einen Wärmehauch in dieser Eiswelt: als ihr ein koreanischer Zwangsarbeiter gelegentlich Essen zusteckt, gegen Sex, natürlich. Sie wird ihn nach dem Krieg heiraten, weil er halbwegs anständig wirkt (oder wie immer man das nennen soll). Er wird es ihr nicht danken.

Keum Suk Gendry-Kim erzählt all das geduldig, mit schlichten Figuren, bitteren Landschaften, in düsterem Schwarz und kaltem Weiß. Immer wieder streut sie großartige Bilder von Bäumen und Büschen ein, sie lässt sozusagen Gras drüber wachsen, sie zeigt, dass es nicht zuletzt auch die zeitliche Distanz ist, die Ok-seon vier Jahre vor ihrem Tod 2022 ermöglichte, davon ruhig zu erzählen. Und uns, diese Erzählungen aushalten zu können.
Unter den Wellen ist die Freiheit wohl grenzenlos

Die zweite Geschichte aus Südkorea ist optimistischer, obwohl auch Jeong-in Muns „Langer Atem“ in tiefer Armut beginnt. Wir sind in den 60er Jahren, die junge Chunja hat drei Kinder und keinen Mann mehr. Der ging zum Geldverdienen aufs Festland und setzte sich dann ab (das kennt man auch aus „Gras“). Chunja hat nichts mehr zu essen für die Kinder. Also macht sie, was damals viele Frauen ihres Orts tun: Sie geht zum Muljil.
Früchte vom Meeresboden
So nennen sie dort das gemeinsame Tauchen vor der Küste. Man nimmt eine Taucherbrille, ein Netz und eine Boje. Die Boje befestigen die Frauen mit einem Seil am Boden, das Netz hängt unter Wasser dran, und dann tauchen sie mit dem Messer nach Meeresfrüchten am Meeresgrund, nach Seeigeln, Krebsen, Abalonen, Meeresschnecken. Davon kann man leben – wenn man gut ist.

Chunja ist Anfängerin und sieht frustriert, wie die anderen Frauen weiter draußen tauchen, länger unter Wasser bleiben, viel effizienter ihre Netze bis zum Rand füllen. Doch Chunja ist zäh und gibt nicht auf. Sie weiß, dass all das nur Übungssache ist. Und sie hat ein Ziel: Sie will ihre Kinder ernähren, sie will sie zur Schule schicken und auf die Uni.
Schlichte Geschichte, universell deutbar
Jeong-in Mun erzählt Chunjas Geschichte in akkuraten Schwarz-Weiß-Panels, die erst unscheinbar wirken, aber zusammen mit Muns Konzept einen ganz eigenen Zauber entfalten. Weil Mun eine ganze Reihe von Aspekten aufgefallen ist, die aus der schlichten Geschichte so viel mehr machen.

Zunächst mal ist sie wahr: Diese Tauchfrauen, die sich „Haenyeo“ nennen, gibt es, auch heute noch, Muns Oma gehört dazu. Sie tauchen bis zu 20 Meter tief ohne Geräte, halten die Luft bis zu vier Minuten lang an und sind inzwischen als Weltkulturerbe anerkannt. Gut, oder?
Weltkulturerbe aus Untersee
Sie wurden aber und werden nicht gut bezahlt. Sie hatten keinen Urlaub, sie tauchten Tag für Tag, ihre Kinder erlebten eine gestresste, abgerackerte Mutter, die sich nichts gönnte und bei der man jeden Abend fürchten musste, sie käme nicht lebend zurück. Der Scheißtyp von Mann wurde nie zur Rechenschaft gezogen, und der Klimawandel sorgt dafür, dass sie bei jedem Tauchgang weniger Meerestiere fanden und finden. Schlecht, oder?

Aber die Frauen sind stolz auf sich und ihren Job. Mun bewundert ihre Oma, die übrigens auch heute noch tauchen geht. Diese Frauen haben sich selbst geholfen, Muns Oma hat alle ihre Kinder sattgekriegt und ihnen eine gute Ausbildung ermöglicht, und diese selbstbewusste Ruhe strahlt sie auch heute noch aus. Gut, oder?
Gut oder schlecht oder was?
Mun deckt all diese Facetten ab, in dem sie mal aus den 60ern berichtet, mal von heute. Mal in wortlos schönen Tauchgängen, mal in ruhigen Dialogen. Mal aus dem Blickwinkel der tauchenden Mutter, mal aus dem der neugierigen Enkelin, der einsamen Kinder, für die Regenwetter das Schönste ist: weil das die seltenen Tage sind, an denen Mutti daheim bleibt. Und: Mun inszeniert nicht zuletzt auch das Essen, dass mit Omas Fang gekocht wird. Sieht lecker aus.

Eine direkte Forderung, ein Fazit gibt’s nicht, aber die Parallelen drängen sich auf, und das nicht nur für Frauen: Jammer nicht immer sofort. Wenn du was nicht kannst, dann lern’s. Und üb’s. Klage nicht, dass alles Mist ist. Warte nicht, bis dir jemand einen Tankrabatt schenkt, mach dich unabhängig….
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- 15. März
Berührende Trostlosigkeit: Craig Thompsons „Blankets“ gewährt Einblicke in die christlich-fundamentalistischen Ecken der USA

Es ist ein ziemlicher Brocken. Was nicht heißt, dass ich „Blankets“ schlecht finde, im Gegenteil. Aber: Wer ständig unter dem „Graphic-Novel“-Begriff auf einen dicken, gediegenen, epischen, ernsthaften Comic hofft, sowas wie „Krieg und Frieden“ mit Sprechblasen, der könnte mit diesem 2003 erstmals erschienenen Klassiker richtig glücklich werden. Und ich bin davon viel überzeugter als von Craig Thompsons zuletzt erschienenen „Ginsengwurzeln“.
Bruderkrieg im Bett
Was daran liegt, dass sich in „Blankets“ Thompson zwar auch mit seiner Geschichte befasst, aber konzentrierter, schlüssiger, berührender. Und die Geschichte ist zweifellos scheußlich-gut: Thompson wächst mit seinem jüngeren Bruder im ländlichen Wisconsin auf. Seine Familie ist arm, sie lebt in einem heruntergekommenen Haus, und die Brüder müssen sich ein Bett teilen, das im Sommer brüllheiß, im Winter bitterkalt ist. In der Schule ist Craig, der weder Markenhosen noch sonstwas Schickes kennt, ständig der Außenseiter. Aber nicht nur einfach, sondern gleich doppelt.

Denn seine Eltern sind ultrareligiös und erziehen ihre Kinder auch so. Das ist letztlich der Knackpunkt. Denn: Es gibt ja auch Geschichten von armen Kindern, die recht glücklich aufwachsen. Doch es ist diese erdrückende, allgegenwärtige Religion, die Craig in permanenter Unsicherheit hält. Die Jungs leben nicht nur in ständiger Angst Fehler zu machen, sondern Sünden zu begehen. Und das Leben hier dauert nur ein Fingerschnippen, wohingegen die Hölle EWIG lodert. Derart verkorkst wird man in der Schule zum idealen Mobbingopfer.
Hackordnung im Christencamp
Perfiderweise ist das unter Christen nicht anders: Auch in christlichen Feriencamps, lernt Craig, gibt’s statt brüderlicher Liebe stinknormale Hackordnungen, angeführt von den beliebten Kids. Und Gott hält sich fein raus. Obwohl: Craig findet ausgerechnet hier sein Erweckungserlebnis, die wunderschöne Raina. Die er dann im Winter zwei Wochen lang besuchen darf. Eigentlich ist schon das ein richtiges Wunder.

Denn nicht nur seine Eltern erlauben es. Auch Rainas Eltern, die gleichfalls Christen sind, allerdings grade in einer Scheidung begriffen. Die Ehe ist am Hund, vielleicht auch, weil sie – um Gott für ihre zwei gesunden Töchter zu danken – beschlossen, gleich zwei behinderte Kinder auf einmal zu adoptieren. Vati ist verzweifelt, Mutti schluckt Pillen – Raina ist erstaunlich belastbar geblieben und führt, durch die Betreuung ihrer Halbgeschwister gestählt, den leicht tranigen Craig ein wenig mehr in die reale Welt ein. Es wird viel geredet, auch geknutscht und sogar einmal recht ernsthaft gefummelt.
Die Unmöglichkeit, sich zu verzeihen
Wie’s weitergeht? Sag ich nicht, aber es ist dringend lesenswert. Denn der grüblerische Craig nervt einerseits so sehr wie er andererseits rührt. Und man lernt etwas mehr über diese stockkonservativen Kreise in den USA, die behaupten, die Erde sei 6000 Jahre alt, praktisch frisch gemacht vom lieben Gott. Der uns zwar das Untenrum geschenkt hat, aber nicht will, dass wir hinfassen oder hinschauen oder drüber reden. Mehr über diese allgegenwärtige Verlogenheit und Selbsttäuschung, von der man kaum mehr loskommt. Denn obwohl es Thompson schafft, sich von den Extremisten zu lösen, es bleiben Macken. Dieses permanente Niedergedrücktsein von einer unglaublichen Schuld wegen – irgendwas. Diese Unmöglichkeit, sich selbst zu verzeihen. Diese tiefe Überzeugung, nicht liebenswert zu sein, allenfalls tragbar, und auch das nur bei Erreichen der Vollkommenheit. DAS hat Gott sicher nicht gewollt.
Craig Thompson, Claudia Fliege (Üs.), Blankets, Reprodukt, 39 Euro
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- 12. Feb.
Die Outtakes (37): Mit 1 autobiografischen Nahtoderfahrung, 1 dämonischen Ziege und 1 gefrühstückten Prediger

Der Tod sieht hübsch aus. Also: Der Nahtod in Frenk Meeuwsens „Rufus“. Ein nicht mehr ganz junger Vater, mehr 50 als 40, lebt mit seinem niedlichen Sohn und seiner Frau und kriegt einen Herzinfarkt. Das war’s im Prinzip schon. Meeuwsen arbeitet autobiographisch, „Rufus“ ist praktisch das Sequel zur Vaterschaft vor vier Jahren. Gut ist er immer dann, wenn ihm berührende oder absurde Momente gelingen: Die pragmatische Herangehensweise seines Sohnes an die Sterblichkeit etwa, oder die abgedrehten Welten, in die Koma und Narkose seine Realität umformen. Aber dennoch ist die Story recht erwartbar: Vati wird krank, kommt in die Klinik und wieder heraus – da fehlt noch was, nicht wahr? Oder geht das nur mir so? In Heiner Lünstedts kaffeelosem Comic-Café hab ich gelernt, dass Meeuwsen das Narkose-Erlebnis offenbar sehr überzeugend wiedergibt. Das mag sein, aber dann kann ich's (noch) nicht beurteilen.
Geil und verhext

Dass man bei Sole Oteros Graphic Novels ein bisschen zum Reinkommen braucht, hab ich schon bei „Napthalin“ gemerkt, und auch, dass man einige ihrer klobigen Figuren leicht verwechselt. Aber aus „Napthalin“ habe ich mehr mitgenommen als aus dem neuen Band „Hexenkunst“, obwohl der eigentlich geiler ist, wortwörtlich. Die Argentinierin Otero erzählt aus verschiedenen Zeitebenen und Blickwinkeln die Geschichte eines Hexentrios, das Frauen medizinisch-magisch hilft und Männer zum Erhalt der eigenen Kräfte (und einer dämonischen Ziege) benutzt. Das ist mal gruselig, mal deftig-skurril, mal bedrohlich, also lauter prima Geschmacksrichtungen, die aber leider kein Ganzes ergeben, weil man beim Lesen zu beschäftigt ist: mit dem Sortieren der Infos. Wenn ein Spanner seinem Kumpel von den merkwürdigen Orgien erzählt, die er da im Hexenhaus beobachtet, geht das noch. Aber wenn in einer Episode eine junge Internet-Einsiedlerin, die seit Jahren nicht mehr vor die Tür geht, via E-Mail vom Tierarzt ihrer Katze angebaggert wird, ungeschickt, weil der Tierarzt eine komplizierte Familie hat, nämlich eben die drei Hexen – sehen Sie, das dauert lang, bis man schnallt, dass es gar nicht um die Verhuschte geht, sondern um den Doc, und das bremst ziemlich aus. Andererseits: Wenn’s denn mal klappt, klappt es recht gut.
Der Standard der 50er

Ein Comic kann Komplexes veranschaulichen. Warum Reiche reich sind und Arme arm, beispielsweise. Er kann aber auch Vorträge halten wie jemand, der keinen Clown gefrühstückt hat, sondern einen Prediger. Was exakt das Problem der Comic-Version von „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ ist. Erschwerend hinzu kommt linke Betriebsblindheit: Wer vom eigenen Rechthaben so überzeugt ist, dass alles von selbst einleuchtet, vermittelt nicht mehr und liefert statt Karikaturen ärgerliche Klischees. Im Wortsinne, weil hier die Reichen und Industriellen wieder mal feist sind und sogar beim Squash-Spielen noch T-Shirts mit Zylindern drauf tragen. Da ist’s nicht mehr weit bis zu Melone und Zigarre, den kapitalistischen Standard-Attributen der 50er. Selbst wenn die Analysen zutreffen: sie kommen als mäßig spaßiges Info-Cartoon-Konvolut daher, das als Sachtext möglicherweise griffiger wäre. Dazu müsste man aber das Buch von Thomas Piketty kennen.
