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So viele rote Backen

Sole Otero würzt in „Naphthalin“ geschickt eine bedrückende Familiensaga mit sehenswerten Bildern, einer Coming-of-Age-Story und einer verlausten Katze

Illustration: Sole Otero - Reprodukt

Es hat gedauert, bis ich in Sole Oteros „Naphthalin“ reingefunden habe. Vermutlich wegen der Figuren: Sie sind alle eher unförmig, sie haben alle gleich rote Backen, und dann hat die Geschichte auch noch Zeitsprünge: Also hat man nicht nur weitere Personen, sondern auch noch dieselben Personen in einem anderen Alter, und alle unförmig, alle rote Backen. Aber: Was hier so richtig geholfen hat, war die Geistergeschichte.


Besuch aus dem Jenseits


Wir sind in Argentinien, Jahrtausendwende. Von ihrer toten Großmutter Vilma erbt Rocío (18) das alte Haus der Familie. Weil ihre Mutter sie nervt, zieht Rocío dort ein und träumt von ihrer Karriere als Fotografin. Auf einem der Fotos, die sie im Haus macht, entdeckt sie im Spiegel eine Reflexion: ihre tote Oma. Dabei haben beide nicht mal eine enge Bindung: Oma Vilma nörgelte ständig, hielt das Fotografieren für Zeitverschwendung, und dann stellte Rocío eben allmählich die Besuche bei Oma ein. Jetzt, nach dem Gruselbild, lässt Rocío Vilmas Schicksal Revue passieren.

Illustration: Sole Otero - Reprodukt

Was folgt, ist eine Frauen-Biografie, in der die Gesellschaft und die Frau selbst ein Leben sauber verhunzen. Vilma stammt aus Italien, ihr Vater ist Kommunist. Als dort die Faschisten an die Macht kommen, fliehen ihre Eltern und Großeltern nach Argentinien. Aber dort ist nichts wie erträumt. Der Vater trinkt in Kommunistenkneipen, die Mutter wird in der neuen Heimat nicht glücklich, und Vilma fühlt sich ungeliebt.


Faszination aus dem Jammertal


Sie darf nicht studieren, das Geld kriegt ihr Bruder Antonio, der Hoffnungsträger der Familie. Vilma muss in einer Fabrik arbeiten, verguckt sich in einen örtlichen Schürzenjäger, der sie prompt schwanger sitzen lässt. Vilma wird zwar an einen (sehr gutartigen, liebevollen) Verehrer verkuppelt, aber da ist sie schon verbittert. Nichts kann man ihr mehr recht machen, und am besten wäre man in Italien geblieben – einem Land, in dem Vilma tatsächlich nie wirklich gewesen ist.

Illustration: Sole Otero - Reprodukt

Das Faszinierende an „Naphthalin“ ist diese Mischung: Vieles an Vilmas Unglück ist fremdverschuldet, aber Vilma richtet sich in ihrem Jammertal konsequent ein und macht tatsächlich geradezu pathologisch jede Möglichkeit der Annäherung, Versöhnung, Verbesserung zunichte. Warum, ist nicht ganz klar, aber ebenso klar ist, dass solche Menschen tatsächlich existieren. Und wohl fast jeder kennt jemanden, bei dem die Beschreibung passt. Diese Faszination trägt die über 300 Seiten lange Story, obwohl die Erzählperspektive ganz schön zurechtgebogen ist.


Kräftige Farben und eine verlauste Katze


Denn Rocío kann all das eigentlich nicht wissen, sie war ja nicht dabei. Wieso sie es weiß wird nie richtig erklärt, und warum sie – wenn sie es doch schon weiß – sich die ganze Geschichte haarklein nochmal erzählt, leuchtet auch nicht recht ein. Aber man schluckt's, weil nicht nur die Faszination des Unglücks kräftig genug ist, sondern auch die Optik. Hat man sich an die Figuren gewöhnt, gefällt das kräftige Farbdesign der Erzählebenen, die Seitenkomposition, und nach und nach wächst einem auch der dauergrummelnde Teenie Rocío ans Herz: Wie sie im Haus selbst ihre Zuneigung zu einer mitgeerbten, verlausten Katze entdeckt, schafft in dem bedrückenden Familiendrama immer wieder Platz zum Aufatmen.




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