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Comicverfuehrer

Fabelhafte Flammenwerfer gegen Stukas und Spitfires: „Kriege & Drachen“ ist die feuerspuckende Eierwollmilchsau des Action-Comics

Illustration: Nicolas Jarry/Vax - Splitter Verlag
Illustration: Nicolas Jarry/Vax - Splitter Verlag

Gelegentlich hätte ich selber gern, dass mal alles wieder wie früher ist. Dass Comics auch mal faszinierende Zauberwelten sind, für die man sein Hirn eben nicht explizit ausschalten muss. Ums in Bildern der Vergangenheit zu sagen: Dass ein „Silberpfeil“-Comic so geil ist wie das Cover und nicht so scheißbillig wie der reale Inhalt. Aber weil ich keine elf mehr bin, widerstehe ich tapfer dem Coverblendwerk. Ein Ritter, ein Cowboy, ein Raumschiff, jajaja, alles schon mal gesehen. Aber dann kommt das Cover von „Kriege & Drachen“.


Der komplette Reiz-Overkill


Sowas kann man sich eigentlich nicht ausdenken: Dutzende Jagdmaschinen aus der Luftschlacht um England, Spitfires, Messerschmitts, schießen vor einem sonnendurchglühten Himmel völlig sinnwidrig, aber sehenswert aufeinander zu, und mittendrin: ein gigantischer Drache! Und diesen von keinerlei gesundem Menschenverstand getrübten Reiz-Overkill aus Fantasy, Action, Kriegsfilm musste ich dann doch unbedingt aufklappen.

Illustration: Nicolas Jarry/Vax - Splitter Verlag
Illustration: Nicolas Jarry/Vax - Splitter Verlag

Die Story ist Quatsch, ja, aber immerhin schamloser Quatsch: In dieser Version des Zweiten Weltkriegs mischen eben Drachen mit, auf beiden Seiten, gute Drachen, böse Drachen, bumsti, ist halt so. Der Vorteil des Blödsinns: Keine Wendung kann jetzt noch irgendeinen Rest Sinn zerstören. Eine Familienschmonzette muss noch mit rein, Vater ist Pilot, Sohn auch, der kleine Skywalker, Mönsch. Die Tochter hat eine innere Bindung zu einem Drachen und kann ihn dann auf einmal mental lenken, und geht dann in die Drachenlenkungsschule bei einem alten Jediritter, nein, falsch: Leuchtturmwärter, blablabla, alles komplett egal, wenn wenigstens die Bilder geil sind! Und da nutzt der Band seine Chancen.


Bilderorgien im Supersize-Format


Schon auf der dritten Seite wird der Flugunterricht von Vater und Sohn unterbrochen, Zeichner Vax platziert einen gigantischen Drachen in einem Wolkenwirbel, der die Jagdmaschine förmlich durch die Luft quirlt. Ein sagenhaftes Splash, noch sagenhafter, weil der Band Übergröße hat, zwei Zentimeter höher, einen Zentimeter breiter als der Albumstandard. Und so dient der hanebüchene Bullshit dazwischen immer wieder als erzählerische Startrampe für hemmungslose Bilderorgien.

Illustration: Nicolas Jarry/Vax - Splitter Verlag
Illustration: Nicolas Jarry/Vax - Splitter Verlag

Gigantischer Drache trifft kleines Mädchen. Gigantischer Drache rauscht ins gigantische gläserne Gewächshaus, KlaWUMMSTIBIRST. Luftkämpfe in bester „Buck Danny“-Manier, und dann platzen aus dem Nichts zwei Nazi-Drachen mit vollem Feuerstrahl in die Jägerschwadron, das ist optisch das reinste Komasaufen. Man kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus, und die Logik hat Ferien.


Die Logik macht mal Urlaub


Wen juckt es da, wenn ein Drache ein Frachtschiff per Feuerstrahl ruckzuck versenkt (wo wir doch aus den Nachrichten Frachter kennen, denen man über Tage beim Brennen zusieht)? Vax und Szenarist Nicolas Jarry verlegen den Brand dafür malerisch in die Nacht, schaurig schön. Tochter und Kleinstbruder springen über Bord, treiben aber am nächsten Morgen wundersamer Weise in einem Rettungsboot, scheißdrauf! Die nächste Seite: zwei Drachen zerfetzen sich gegenseitig, wahnwitzige Meeresdrachen ermöglichen tolle Unterwasserszenen, und den Abschluss bildet eine grandiose Seeluftwasserschlacht mit allen Beteiligten, explodierende Flugzeuge, abgetrennte Drachenköpfe (krallentechnisch eigentlich kaum möglich, was soll’s?), was für ein himmelschreiend grotesk unterhaltsamer Rundum-Krawall!

Illustration: Nicolas Jarry/Vax - Splitter Verlag
Illustration: Nicolas Jarry/Vax - Splitter Verlag

Was soll man sagen? Die Welt ist derzeit sehr kompliziert und nicht immer erfreulich, und im neuen Jahr wird das garantiert nicht besser. Aber dieser heillose Drachenunfug beschert ein bis zwei Stunden lang ein feinstaubfreies Comicfeuerwerk, das sämtliche Vernunftsynapsen zuverlässiger betäubt als jede Silvesterbowle. Und das dazu noch: vollkommen katerfrei.





 

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Die Outtakes (19): Ein schlagkräftiger Nachfolger, ein geduldiger Gruselmanga und eine umständliche KI

Illustration: Joann Sfar/Lewis Trondheim/Vince - Reprodukt

Vererbter Job als Hauptfigur


Die Serie um den „Donjon“ hab ich schon mehrfach empfohlen: Sie ist witzig, ironisch, und das für Fantasy-Freunde und -Skeptiker zugleich. Außerdem lernt man immer neue Zeichner kennen. Trotzdem ist nicht jeder der bisher rund 60 Bände gleich gut. Ein prima Band funktioniert (für mich) auch ohne dass man die ganze lange Geschichte kennt (weshalb die Serie anfangs auch kreuz und quer durch die Erzählzeit springen konnte). Der neue Band „Programmänderung“ schafft das nicht. Ist auch schwer, weil der Band am bisherigen Ende des Zyklus spielt. Obendrein wird die Story durch einen Trugschluss geschwächt: Serienhauptfigur Herbert mochte man wegen seiner verschrobenen Schwächen, aber deswegen wird doch nicht gleich dessen Neffe, Sohn, Enkel oder sonstwas ebenfalls gleich als Hauptfigur interessant. So kann der Band trotz aufgeweckter, knallbunter Action leider die Erwartungen nicht recht erfüllen.

 


Lovekräftig

Illustration: Gou Tanabe/H. P. Lovecraft - Carlsen Manga

Also: Das hier mag garantiert jemand, nur ich bin’s leider nicht. Gou Tanabe macht derzeit aus dem Horror von H.P. Lovecraft sehenswerte Mangas – beispielsweise das hier abgebildete „Grauen von Dunwich“. Tanabe serviert das Ganze erfreulich düster und vor allem sehr, sehr geduldig, mit geschickten Verzögerungen und ausgesuchtem, aber nicht zu starkem Splattereinsatz. Ich habe allerdings leider oft ein Problem mit Lovecrafts Schwurbelhorror (auch wenn ich „Die Farbe aus dem All“ recht gut fand). Doch deshalb sollte man Tanabes atmosphärisch sehr passende Adaptionen hier keinesfalls unter den Tisch fallen lassen, gerade als Lovecraft-Fan. Ausprobieren!

 


Verpasste Vorteile

Illustration: Appupen/Laurent Daudet - Jacoby & Stuart

Ein ehrgeiziges Projekt, mit Tücken. IT-Unternehmer Laurent Daudet und Zeichner Appupen greifen das aktuelle Thema KI auf. Und weil Daudet aus der Branche kommt, stricken sie die einfachstmögliche Geschichte um sich selber: Ein junger KI-Unternehmer steht kurz vor der Übernahme durch einen der Big Player und diskutiert unter anderem mit einem Comic-Zeichner über die Zukunft. Ist KI gut oder schlecht, was kann schiefgehen, wer wird sie nutzen und wie? All das wird debattiert, die einzige Frage, die offenbleibt, ist: Warum als Comic? Denn die Vorteile des Mediums bleiben weitgehend ungenutzt, Appupen illustriert recht brav dem Text hinterher, und weil dieser auch die Richtung vorgibt, wird prompt sehr viel geredet und wenig gezeigt. Was dazu führt, dass man für diese Comicversion mehr Zeit braucht als für einen fundierten Essay desselben Inhalts. Aber, zugegeben: So gibt’s mehr Bilder.

 




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Zweimal werden wir noch wach, dann ist Gratis-Manga-Tach: 30 Titel gibt's am Samstag zu entdecken. Falsch machen geht nicht, trotzdem: fünf Tipps

Illustration: Naoya Matsumoto - crunchyroll

Heute wieder: Comics umsonzt. Diesmal: Mangas. Und wo ist der Haken? Nirgends, denn anders als Google und Android, die fürs vorgeblich kostenlose Gucken Ihre Daten wollen, möchten die Manga-Verlage nur Ihre unbeobachtete Aufmerksamkeit. 30 Titel gibt es beim Gratis Manga Day am Samstag, 21. September, thematisch quer durch den Gemüsegarten. Nicht komplett, aber doch so viele Kapitel, dass man entspannt beurteilen kann, ob Weiterlesen lohnt. Und im Manga gilt ja eh mehr denn je: Geschmackssache. Weil von zuckrig bis zombig für jeden was dabei ist.

Wo’s die Titel in Ihrer Nähe gibt, finden Sie hier. Und wenn Sie Ihren Wunschmanga nicht kriegen, schauen Sie einfach in einen anderen. Denn gerade beim Manga kann jederzeit hinter einem trashigen Titel ein cleveres Konzept stecken – und umgekehrt.

 

Bauherrenmodell

Illustration: Uketsu/Kyo Ayano - panini manga

„The Strange House” von Uketsu arbeitet zwar mit der Brechstange, die ist allerdings recht originell. Ein Mann will ein Haus kaufen und stößt beim Studieren des Grundrisses auf einen nicht zugänglichen Raum. Warum er dazu eine Okkultismusfachfrau befragen muss, weiß ich nicht, aber die wiederum fragt einen Architekten, und wie die beiden (zusammen mit dem miträtselnden Leser) nur anhand des Grundrisses auf seeehr Wunderliches stoßen, das ist ausgesprochen unterhaltsam. Und so einleuchtend illustriert wie man es in Kunst- und Architekturführern gerne öfter sähe.

 

Uketsu (Text), Kyo Ayano (Zeichnungen), Claudia Peter (Üs.), The Strange House, panini manga


Monströser Putztrupp

Illustration: Naoya Matsumoto - crunchyroll

Tipp zwei ist thematisch eindeutig japanische Kernkompetenz – Monster. „Kaiju No. 8“ widmet sich dabei  der Frage nach dem danach: Wenn man eines der „Kaiju“ genannten Ungetüme umgelegt hat, muss man ja die stadtteilgroßen Kadaver irgendwie loswerden. Kafka Hibino ist einer derjenigen, die sich dann darum kümmern müssen: Er wäre lieber Monsterjäger geworden, landete aber in der Putztruppe. Ergebnis: actiongeladene Monsterkämpfe, aber auch derbe „Iiih, Monsterkacke!“- und „Iih, Monsterhirn“-Gags. Naoya Matsumotos Gruselsplattercomedy ist ansehnlich, wenn auch reichlich over the top.  Seltsamerweise kommt niemand auf die Idee, die gigantischen Fleischmengen einfach zu essen und so die Fischfang- oder Fleischindustrie zu entlasten (den Manga zum Thema Monsteressen finden Sie hier). Aber Monsterfleisch ist wahrscheinlich auch irgendwie „iiih!“

 


Brachial mit Bauchfett

Illustration: Yuto Suzuki - Carlsen Manga

„Sakamoto Days“ bietet Actioncomedy mit einem sehr soliden Action-Anteil, dafür Humor mit der Abrissbirne: Sakamoto war der beste Auftragskiller der Unterwelt, dann verliebte sich und wurde ein dicker Supermarktbesitzer. Tja. Das war’s. Das ist tatsächlich der gesamte Humoranteil: Der Killer ist dick und grauhaarig. Aber trotzdem noch gut. Was die Sache nicht lustiger macht, aber die Actionsequenzen sehr unterhaltsam.

 

Yuto Suzuki, Martin Gericke (Üs.) Sakamoto Days, Carlsen Manga


Unerhört

Illustraion: Kuzushiro - Egmont Manga

Achtung, Zuckerschock: Klavierschülerin Saki trifft in „Der Mond in einer Regennacht“ eine geheimnisvolle Fremde, die bald darauf neben ihr in der Klasse sitzt. Saki soll sich ein wenig ihrer annehmen, denn die Neue ist – hörbehindert! Tja: „Was für ein cooles Mädchen, aber … warum zieht sie sich so jungenhaft an und hat gleichzeitig so wunderschöne lange Haare?“ So brachial wird da herumgeseufzt, aber diesmal sag‘ ich okay, weil dafür recht sanft und sachkundig über Hörbehinderungen erzählt wird. Den Zuckeranteil hätte man trotzdem ruhig etwas reduzieren können…

 

Kuzushiro, Dorothea Überall (Üs.), Der Mond in einer Regennacht, Egmont Manga


Baby an Bord

Illustration: Mamoru Aoi - Carlsen Manga

Oh, eine kleine Perle: „My Girlfriend’s Child“. Sachi ist verträumt und mag ihre Katze, und sie ist mit dem sehr fürsorglichen Takara zusammen, und dann wird sie schwanger! Warum ist das ziemlich gut? Weil ganz wenig gesagt wird, viel gezeigt und der häufige Manga-Holzhammer in der Werkzeugkiste bleibt. Es wird über Sex und Kondome geredet, über Penisgrößen und Schwangerschaftstests, und all das könnte viel, viel schlimmer sein, ist aber sehr einfühlsam. Ein bisschen Dr. Sommer als Comic.

 

Mamoru Aoi, Nana Umino (Üs.), My Girlfriend’s Child, Carlsen Manga




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