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Comicverfuehrer

Sandra Rummlers cleveres DDR-Memoir „Seid befreit“ eröffnet einen neuen Blick auf vertraute Mechanismen und die Migrationskrise

UNSCHARFE VERSUCHUNGEN Illustration: Sandra Rummler - avant-verlag

Also, vorsichtshalber: Sandra Rummler zeichnet in „Seid befreit“ ihre Protagonisten eher plakativ-naiv, also gar nicht toprealistisch, und  – wie? Das stört Sie nicht? Weil man sich schnell dran gewöhnt? Ja, dann lass ich natürlich die Vorwarnerei und sage: Rummlers Band ist nicht nur ausgesprochen ansehnlich, sondern – bei aller Nostalgie – auch unerwartet aktuell.


Bedrohliche Luftpost


Auf den ersten Blick erzählt die Berlinerin vor allem ein geschickt designtes DDR-Memoir. 1976 wurde sie in einem Land geboren, das 1989 verschwand – im Sinne der meisten Bewohner. Einen der Hauptgründe illustriert Rummler mit starken Bildern (deren Wirkung der knappe Text noch unterstreicht): Auf ihrer Seite der Berliner Mauer ist die Welt grau, heruntergekommen und so langweilig, dass bereits eine Postkarte an einem Luftballon eine Attraktion ist. Sie liest sie, schreibt arglos zurück und muss sich prompt rechtfertigen, als eine westdeutsche Antwort im Briefkasten landet.

Illustration: Sandra Rummler - avant-verlag

Warum sich Staat und linientreue Eltern sorgen, weiß jeder aus dem Intershop, wo es für Westgeld Westprodukte gibt. Dort herrscht bunter, sauberer Überfluss. Im DDR-„Konsum“ dagegen „roch es muffig und die Regale waren nur halb gefüllt.“ Möglich, dass im „Konsum“ Profit tatsächlich nicht an erster Stelle stand. Aber die Bürger offenbar noch viel weniger. Eben das machte Westpost zur Staatsgefahr.


Das Leuchten! Die Farben!


Die Wochen nach dem Mauerfall sind aufregend und bunt. Rummler zeigt die Attraktionen unscharf, aber dafür deren Leuchten und Farben umso brillanter. Obendrein bietet gefühlt jede Wand neue Graffitis, Freiheit und die Lust, sie auszuleben. Ein Happy End, sollte man meinen. Aber schon bald sind die Westler zunehmend genervt von den überall glotzenden Ossis. Ihnen wird klar, dass die Neuen Routinen und Hackordnungen durcheinander bringen. Als Sina in eine Schule im Westteil der Stadt kommt, wird sie wegen Kleidung, Benehmen und Dialekt als Ossi erkannt und gemobbt.


Illustration: Sandra Rummler - avant-verlag

Hintergrund ist natürlich, dass der Westen allmählich merkt, dass die DDR-Integration Geld kosten wird. Helmut Kohl redet von blühenden Landschaften, aber viele Wessis rufen Sina und ihren Freundinnen lieber zu: „Geht da hin, wo ihr herkommt!“ und – Moment mal.


Sind solche Sätze vielleicht gar nicht nur für Syrer, Libanesen, Ghanaer reserviert? Sondern schlicht für jede Gruppe, die in größerer Zahl neu ankommt? Und vielleicht mal was klaut? Denn auch Sina und ihren Freundinnen fehlt Geld für die schöne neue Warenwelt, weshalb sie zur Selbsthilfe greifen. Waren etwa Helmut Kohls „blühende Landschaften“ am Ende nichts anderes als Merkels „Wir schaffen das“? Und wenn das alles so ähnlich ist – wie haben wir dann damals diese Krise gelöst? Mauern hochgezogen? Anreize gestrichen? Die Leute hinter Zäunen eingepfercht? Nicht? Sondern?


Vertriebene, Spätaussiedler, Migranten


Laut Statistik haben wir 1,75 Billionen Euro ausgegeben. Und nehmen in Sachsen, Thüringen & Co inzwischen jährlich rund 60 Milliarden Euro allein an Landessteuern ein. Rentiert sich also, wie 1945. Da nahm Westdeutschland acht Millionen Heimatvertriebene auf, Schlesier, Sudetendeutsche und etliche mehr. Die ungeliebt waren, weil sie Wohnungen brauchten, heulheulheul, und heute? Rentierrentierrentier. Unter Helmut Kohl wurden in den 90ern zwei Millionen Spätaussiedler eingesammelt, wieder wohnungslos, wieder blöd, heulheulheul, und heute? Was die Migrationsproblematik zwar nicht beseitigt, aber doch stark relativiert.

Illustration: Sandra Rummler - avant-verlag

Frau Rummler ist auch nirgendwohin abgeschoben worden (wohin auch?), sondern geblieben. Sie malt und zeichnet heute spannende Stadtansichten (gucken Sie mal hier), ist Grafikerin und macht eben auch sehr gute Comics, die in einem Verlag verlegt, in einer Druckerei gedruckt, im Buchhandel verkauft werden. Da haben alle was davon, sogar Nicht-Comicleser, die kriegen nämlich Steuern. Was bleibt, ist das Heimweh der Einwanderer, von dem auch Sina nicht verschont bleibt: „Manchmal würde ich gern meine Heimat besuchen“, schreibt Rummler mit einem nostalgischen Blick in die letzten verbliebenen, vertraut-verlotterten Hinterhöfe. „Mir in der Bäckerei ein Makronentörtchen holen, Softeis am Bahnhof essen, Maracuja-Limo im Konsum kaufen.“

Und wieder: kein Unterschied zum Iraker, Afghanen, wem auch immer.


 


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Die Outtakes (10): Zuviel Rührseligkeit im Meer, zu wenig Logik im Mord und nicht genug Witz in den Muskeln

Illustration: Adrian Pourviseh - avant-verlag

Die Farben des Schreckens


Erstaunlich, oder? Inzwischen genügt allein die Kombination aus Meerblau und Alarm-Orange, dass jeder sofort das Thema „Flüchtlinge“ vor Augen hat. In Adrian Pourviseh schildert nun ein weiterer Autor mit „Das Schimmern der See“ die unhaltbaren Zustände im Mittelmeer. Was teils exzellent gelingt: Die Praxis professioneller Retter schildert er präziser und eindringlicher als andere Versuche, zudem liefert er ein Update zu den seit 2017 eingetretenen Veränderungen hin zum Idiotischen/Unmenschlichen. Weniger hilfreich in diesem semijournalistischen Erfahrungsbericht ist allerdings Pourvisehs Neigung zur Rührseligkeit. Denn auch hier gilt: Die Leser schniefen umso weniger, je mehr der Autor selber schnieft.



Mimose mit Mord-App

Illustration: Rick Remender/André Lima Araújo - Cross Cult

Kaum vorstellbar brutal kommt der Thriller „A Righteous Thirst For Vengeance“ (zu deutsch: Ein aufrichtiger Rachedurst) daher. Der Start ist hervorragend, geradezu „Spiel mir das Lied vom Tod“-Qualität: Wir folgen (wortkarg und ausführlich) dem dicklichen, mittelalten Sonny, der durch den Regen mit dem Bus zu einem einsamen Haus fährt: Dort findet er ein totgefoltertes Paar. Das ist langsam und grandios inszeniert, sehr überraschend. Aber dann beginnt der Unfug: Sonny hinterlässt (nach Stunden im Regen) blutige Fußabdrücke? Er hat Zugang zu einer Mord-App, die Aufträge und Mörder verbindet, ist aber trotzdem ständig überrascht, dass er auf Leichen stößt? Das legt nahe: Szenarist Rick Remender und Zeichner André Lima Araújo haben Lust auf große Effekte – aber nicht darauf, deren Entstehung überzeugend herzuleiten. Daher finden sich auch immer wieder in den Szenen logische Fehler. Und daher braucht auch der Superkiller ein besonders ausgefeiltes Tötungsritual. Das ist so durchschaubar, dass aus einem Thriller, der mehr hätte sein können, letztlich nicht mehr wird als ein solide inszenierter Gewaltporno.



Kopflose Augenkunst


Illustration: Richard Corben - Splitter Verlag

Richard Corben war für mich immer geiler Fantasyscheiß. Das Cover von Meat Loafs Album „Bat Out Of Hell“, Motorräder, Muskeln, Action, ordentlich realistisch gezeichnet, ahh, Kunst, die nicht anstrengt! Comics von ihm hatte ich nicht in der Hand, bis jetzt: „Murky World“ ist Teil des Spätwerks des 2020 verstorbenen 80-Jährigen. Optisch ist es erstaunlich satirisch, die jeweils achtseitigen Kapitel aus einer Fantasywelt strotzen vor skurrilen Gestalten, denen die Dummheit oft geradezu aus Mund, Augen und Ohren trieft. Weshalb sie oft mehr an Robert Crumb erinnern als an Meat Loafs Muskelbiker. Dazu gibt's absurde Welten, einfallsreich inszeniert, gutes Licht, das Auge fühlt sich wohl. Der Kopf leider nicht: Die Geschichte mäandert ziellos immer weiter vor sich hin, denn Corbens Dödeln und Dödelinnen fehlen Pointen, es gibt weder was zu Fürchten noch was zu Lachen und so fängt man leider irgendwann an zu blättern. Ich muss wohl mal was anderes von ihm ausprobieren. Möglichst und sicherheitshalber mit einem anderen Autor.




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Polit-Satire? Monster-Spoof? Frank Millers spektakulärer Science-Fiction-Spaß „The Big Guy and Rusty The Boy Robot“ erscheint endlich auf deutsch

Illustration: Geof Darrow/Frank Miller - Cross Cult

Man staunt manchmal, was für Klassiker nach wie vor lange unübersetzt herumgelegen sind. Obwohl sie von Superstars sind – von Frank Miller etwa: Der ist im Comic ja sowas wie Metallica in der Musik. Vor fast 30 Jahren entwickelte er „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“, eine aberwitzige Comic-Satire, die es auch schon zu Trickserien-Ehren gebracht hat. Auf deutsch erschien sie nie – bis jetzt. Warum die Zeit vorher nicht reif schien? Rätsel über Rätsel, aber: Nutzen Sie diese ideale Gelegenheit, den einzigartigen Geof Darrow kennenzulernen, so zugänglich wie nie.


Rusty: bubengroß und atomgetrieben


Illustration: Geof Darrow/Frank Miller - Cross Cult

Bei Darrow muss man normalerweise (siehe unten) eine Menge Gewalt wegstecken, und das ist nun mal nicht jedermanns Sache. Die hier von Frank Miller gelieferte Geschichte ist deutlich milder, weil überdrehter: Sie spielt in Japan, wo (alte Monstertradition) wieder mal ein Experiment aus dem Ruder läuft. Dadurch entsteht ein so unzerstörbares godzilla-artiges Ungetüm, dass die Japaner ihre Geheimwaffe losschicken: Rusty, einen bubengroßen, atomgetriebenen Roboter, der pflichtbewusst loslegt – und kläglich scheitert. Nun kann nur noch einer helfen: Rustys größere Version, der US-amerikanische Big Guy.

Illustration: Geof Darrow/Frank Miller - Cross Cult

Schwer zu sagen, was hier am erfreulichsten ist, denn man kann sich so schwer konzentrieren: Sind es Darrows wunderbar spöttische Ansichten des japanischen Großstadtmolochs, mit all der zuckersüßen Werbung? Ist es das traumhaft altmodische Technikdesign seiner Roboter, zwischen Art deco und Bosch-Kühlschrank? Sind es die irrsinnigen Details? Denn auf einem einzigen Darrow-Panel kann man problemlos Viertelstunden verbringen. Probieren Sie's selbst:


Irrsinnsdetails auf jedem Panel

Illustration: Geof Darrow/Frank Miller - Cross Cult

Big Guy, auf der Straße, umzingelt von einer Schar kleinerer Godzillas. Sie sind unmöglich zu zählen, 40, 50, und doch sieht jeder einzelne von ihnen anders aus, genauso wie die Autos auf der Straße, jedes Modell anders. Aus Big Guys ausklappbaren Armgelenken schießen Betäubungsgranaten, es explodieren Autos, Monster, zwischen den Häuserfassaden, und wir sehen das alles von schräg oben, an einem japanischen Strommast vorbei, und Darrow zeichnet natürlich auch noch diesen völlig irrsinnigen Strommast, mit seinen Verteilerkästen, Kondensatoren, seinem Kabelwirrwarr, ein insgesamt hoffnungslos vergnügliches Chaos, und das ist nur ein einziges Bild! Auf dem Frank Miller dem Robohelden auch noch alle edelmütigen Superhelden-Gedanken der 70er in den Blechmund und -kopf legt, weil es ja gilt, in den Monstern das Leben verseuchter Mitbürger zu schonen.

Illustration: Geof Darrow/Frank Miller - Cross Cult

Wie dieser herrliche Unfug entsteht, ist schwer vorstellbar, es scheint aus Darrows Hand zu fließen wie bei anderen Leuten Krakeleien beim Telefonieren, aber Darrows Kopf schaltet offenbar nie ab, er wiederholt einfach nichts. Grade hab ich beim neuen Asterix 36 identische Pferde beklagt, bei Darrow wäre nicht vorstellbar, dass sich davon zwei auch nur ähneln. Nur etwa 70 Seiten hat die Geschichte, dazu gibt es eine Extrastory (die ausgiebig US-Bürger von ihrer unansehnlichen Seite zeigt) und jede Menge frei erfundener Comic-Cover (wie Big Guys Kampf gegen das Mondschwein oder Captain Tschernobyl): Man kann mit dem Lesen und Gucken problemlos Tage verbringen und hat dann immer noch nicht alles gesehen. So viele Häuser, Menschen, Geschäfte, alles, alles immer wieder skurril anders. Wie die trinkenden Affen.


Rauchende Schildkröten, trinkende Affen


Die sind nicht in „Big Guy“, die sind in Darrows nagelneuem, bislang nur auf Englisch verfügbaren Band der Serie „Shaolin Cowboy“: „Cruel To Be Kin.“ Wo der blühende Unsinn zwar deutlich blutiger ist, dennoch durch die völlige Absurdität immer noch verträglich bleibt. Darrows Dauerheld mit den chinesischen Wurzeln wird diesmal in einer Wildwest-Wüste von einem Zauberzwerg im lila Kinderkostüm überfallen. Der steuert in einem merkwürdigen altmodischen Motorstuhl eine gigantische Monsterqualle. Und attackiert den Cowboy mit einem Schwarm Möwen sowie zwei Skeletten in einem rostigen Renault R4, und… ja, ich weiß, wie irrsinnig das klingt.

Illustration: Geof Darrow - Dark Horse Comics

Man muss, um das gut zu finden, nicht einmal Möwen, Skelette und R4 für den Superwitz halten, es ist einfach unglaublich, welcher unerschöpfliche Ideenreichtum durch die Bilder purzelt. Jede Möwe hat einen eigenen Auftritt, manche von ihnen rauchen ebenfalls. Gelegentlich beobachten auch rauchende Schildkröten die episch-dämlichen Zweikämpfe. Die Wüste ist voller Skelette, kaputter Autos, gigantischer Kröten, voller Abfall und dieser allgegenwärtigen amerikanischen Müllsäcke. Und wenn die Müllsäcke durch die Gegend geschmissen werden und zerreißen, dann überlegt sich Darrow auch noch detailreich, was da wohl für Müll rausfliegen könnte, und welche Schmiererei an welchen Felsen passt, ruckzuck ist schon wieder ein halber Abend dahin und man ist kaum zehn Seiten weitergekommen.


Extrem preis-wert



Viele denken ja zunehmend drüber nach, was Comics kosten. Darrow-Comics gehören zum Preiswertesten, das man kaufen kann. Weil man auch, wenn man die Geschichte längst kennt, immer und immer wieder die Seiten durchblättern, die Panels durchsuchen kann, und man wird, ungelogen, ständig aberwitzige Details finden, die man bislang verpasst hat. Was den Mehrmals-Lesespaß angeht, konkurriert Darrow mit den Allergrößten, mit Asterix, mit Lucky Luke, mit den Peanuts.





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