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Comicverfuehrer

Die Outtakes (39): Diesmal mit 1 Comic-Legende, 1 gezeichneten Zwölftonmusik und 1 kinderfreundlichen Wuchtbrumme


Illustration: Moebius - avant-verlag
Illustration: Moebius - avant-verlag

Nerdiger Garagenfund


Moebius und ich finden wohl nicht mehr so recht zusammen. Das ist auch bei „Die hermetische Garage - Jäger und Gejagter“ nicht anders, einer deutschen Erstveröffentlichung. Optisch klappt das alles noch gut, den skurrilen Landschaften und Personen der Comic-Legende folgt man gern. Aber die Handlung… das ist schon nerdy im Quadrat. Hauptfigur Major Gruber muss sich einer mentalen „Nachsteuerung“ unterziehen, die dafür zuständige „Steuerfrau“ nimmt „eine Osmoplastase paradoxaler Sequenz vor“, und so geht das weiter. Moebius kippt eimerweise erfundenes Fachchinesisch über den Lesern aus, es erinnert an die Geheimsprachen von Teenagern: Wer sie nicht kennt, kann halt nicht lachen, Pech für alle, die den Begriff der „hermetischen Garage“ nicht für einen unglaublichen Brüller halten. Es hilft auch nicht gerade, dass Moebius soviele Künstler beeinflusst hat, die einem ständig einfallen – und die mehr aus seiner Kunst gemacht haben. Geof Darrow hat die absurden Bildwelten auf die Spitze getrieben und mit schwarzhumoriger Gewalt geschickt unterfüttert. Charles Burns hat das unheimlich-beklommene perfektioniert, Enki Bilal und Star Wars haben den Stil gewieft kommerzialisiert, Gerhard Seyfried anarchisch humorisiert. Für Moebius selbst bleiben da nur die Verdienste des sehenswerten Pioniers.



Wo sich der Kult vom Weizen trennt

Illustration: Anke Feuchtenberger - Reprodukt
Illustration: Anke Feuchtenberger - Reprodukt

Feuchtenberger spaltet diesmal gleich doppelt, wegen dem Titel: „Der Spalt“. Gesammelte Kurzgeschichten im Großformat sind drin, Feuchtenberger assoziiert recht frei zu Aufenthalten in Paris, Rom, ihrem Hund. Es ist wieder sehr viel Kunst und Kunstwille im gar nicht mal so bunten Kessel, aber das gehört hier halt zum Konzept: dass das Publikum nicht immer die erste Priorität hat. Gibt’s ja öfter, bei Film, Malerei, Theater, Pop. Ist ein bisschen wie bei der Zwölftonmusik. Aber da trennt sich halt auch der Kult vom Weizen: Entweder man ist Fan. Oder man reibt sich das Kinn und sagt: „Hmm, interessant.“ Oder man tut nicht mal das. Weil es so viele Comics gibt, die unterhaltsamer sind und trotzdem nicht komplett kunstfrei.


Gas geben statt Nachdenken

ZURÜCK ZUR NATUR MIT 18.000 PS          Illustration: Jakob Martin Strid - Antje Kunstmann Verlag
ZURÜCK ZUR NATUR MIT 18.000 PS Illustration: Jakob Martin Strid - Antje Kunstmann Verlag

Ein Phänomen: Dieser Band ist so schön wie verheerend, kein richtiger Comic, aber geht in die Richtung und, vor allem, verkauft er sich trotz Hochpreis (68 Euro) wie geschnitten Brot. Es könnte also was für Sie sein! Weil: Die Optik ist beeindruckend, Robert Crumb meets Janosch meets Ali Mitgutsch. Der Däne Jakob Martin Strid nimmt uns in „Der fantastische Bus“ mit in eine Stadt der Zukunft, die aussieht wie eine der Gegenwart, böse Unternehmer reißen die Häuser der Guten einfach ab, die daraufhin mit einem Superbus wegfahren, um nebenbei eine Wunderblume zu finden, mit der alle Menschen gesund werden. An vielem dabei kann man sich kaum sattsehen, im Gigaformat werden Häuser und vor allem der Bus ausgebreitet, zerlegt, mit so vielen Details, wie man es sich als jetziges und einstiges Kind nur wünscht. Zugleich ist der Band ein derartiger Batz von Wohlfühlquatsch und Realitätsverweigerung, dass einem die Augen tränen. Und das nicht nur, weil er in einer Welt spielt, die problemlos einen Atomkrieg überlebt hat. Er beklagt die Umweltverschmutzung der Städte und findet die Lösung in einem Bus mit gigantischen Diesel- und Benzinmotoren, die auch eine Klimaanlage befeuern. Mit dem Mega-Treibhaustriebwerk fahren wir alle aufs Land in die herrliche Natur, dort rauchen wir einen Joint und alles ist gut, weil… ??? Wieso fahren eigentlich nicht längst alle in die herrliche Natur? Und warum liegt nach dem Ende der Welt die ganze Natur noch so herrlich herum? Man darf angesichts der überwältigenden Ausführung vor allem eins nicht: nachdenken. Weil einem dann der Mund offen stehen bleibt, wie Strid hier ohne Not lauter Probleme halbgar bis scheinbar anspricht und dann mit 18.000 PS überrollt. Aber Nachdenken ist ja kein Muss. Wer mag, gibt einfach Gas.






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  • 12. Apr.

Der Klassiker, der den Boom zündete: Wie „Akira“ Deutschland den Einstieg in Japans Comic-Kultur erleichterte

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

Wenn es stimmt, was der Comic-Weise Andreas C. Knigge geschrieben hat (und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln), nämlich, dass „Akira“ in den 80ern einen Manga-Boom ausgelöst hat, wirkt das zunächst kurios: Denn der Saga fehlt so ziemlich alles, was Mangas heute so gewöhnungsbedürftig macht. Zugleich ist dennoch vieles von dem drin, was am Manga so fasziniert. Zum Einsteigen wäre „Akira“ offenbar also genau richtig. Gewesen. Denn ich hab den ersten Band erst jetzt durchgelesen.


Entfernte Macken


Die Unmangigkeit (sag ich jetzt mal so) hat ihren Grund: Es wurde ein wenig nachgeholfen. Eines der Haupt-Umgewöhnungs-Hindernisse fällt so schon mal weg: Die „falsche“ Leserichtung von hinten nach vorn. Das war den Verlagen in den 80ern noch zu abschreckend, als hat man den Comic weitgehend gespiegelt, auch die deutsche Version. Bei der Bearbeitung verschwanden auch die japanischen Soundwords, es gab Westversionen – und die finden sich nur in Situationen, wo sie angebracht sind. Die (verschrobene? liebenswerte? authentische?) Manga-Macke, neben jemanden „an-der-Wand-lehn“ zu schreiben, der an einer Wand lehnt, entfällt in „Akira“ komplett.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

Dafür gibt es reichlich Action in einer beeindruckenden Umgebung: „Akira“ spielt im gar nicht mehr fernen Jahr 2030, in einem nach dem dritten Weltkrieg wiederaufgebauten Tokio. Verstrahlt ist die Welt eher nicht, Kaneda und seine Freunde von der Berufsschule heizen auf ihren Motorrädern durch die Gegend wie sehr junge Marlon Brandos. Durch einen Unfall begegnen sie merkwürdigen Kindern mit Greisenköpfen, die zudem extreme telekinetische Fähigkeiten haben. Steckt natürlich jemand dahinter, und zwar wer?


Herrlich menschenfeindlich


Genau, die Regierung, die daraufhin beginnt, die unerwünschten Mitwisser zu jagen. Der Plot an sich ist nicht sooo besonders mitreißend, aber dafür sind es drei andere Dinge. Zuerst mal das Setting: Katsuhiro Otomo langt optisch richtig hin, seine industriellen Hi-Tech-Betonwüsten sind eine menschenfeindliche Augenweide. Leben will man da nicht, aber schmökern mag man da gern.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

Das sehe ich ja auch immer wieder mit Freude, wenn ein Comic seine Produktionsvorteile nutzt: Wer dasselbe im Film machen will, zahlt teuer für Bauten oder Rechenleistung, im Comic entstehen Sahara oder Tokio-City mit dem gleichen Aufwand. Dazu kommen Motorräder, futuristisches Militärequipment, Waffen – all das inszeniert Otomo attraktiv und einfallsreich, die Actionsequenzen sind schnell geschnitten, das alles sieht sehr, sehr gut aus.


Geschickte Eingewöhnung


Drittens: Die soliden Dialoge. Es wird nichts dutzendfach erklärt, sondern so, dass es man’s begreift und dann ist Schluss. Ja, das ist nicht besonders genial, aber es ist zweckdienlich und nicht selbstverständlich. Häufig walzen Mangas ja Dinge unnötig bis exzessiv aus. Also eben nicht als geschickte Verzögerung, sondern sehr oft einfach nur breitgetreten und zerdehnt, als wären die Leser vermutlich alle ein bisschen doof.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

In „Akira“ arbeitet Otomo seine Action und seine Informationen effizient und wirkungsbewusst ab. Wenn er noch zwei Seiten Platz hat, dauert der Knall nicht zwei Seiten länger, es gibt statttdessen noch zwei Crashs dazu. Nochmal: Das ist keine geniale Lösung, aber eine die zuverlässig hinhaut. Und die nachvollziehbar macht, warum mit „Akira“ der Manga in Deutschland Einzug halten konnte: Von sowas will man mehr, und allmählich darf’s dann auch anders sein oder japanischer. Mit weniger Farbe („Akira“ erschien in Deutschland zunächst bunt) oder von rechts nach linkser, oder, oder oder …




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Die Outtakes (39): Mit 1 Sexfantasie einer alten weißen Frau, 1 bezaubernden Rostlaube und 5 kaum erreichbaren Vorbildern


Illustration: Bastien Vivès/Martin Quenehen - Schreiber & Leser
Illustration: Bastien Vivès/Martin Quenehen - Schreiber & Leser

Zaubern mit drei Klecksen


Fan von „Corto Maltese“ war ich nie, aber inzwischen wird die Reihe ja von einem anderen Autor (Martin Quenehen) und einem anderen Zeichner (Bastien Vivès) fortgesetzt. „In „Der gestrige Tag“ ist das Ergebnis: verblüffend identisch. Der in die Gegenwart versetzte Piratenstenz erlebt ein Abenteuer, das leidlich funktioniert, aber mehr mäandert als mitreißt – vor allem, wegen der lieb- und leblosen Klischee-Figuren. Die Abenteurerin, der Flugzeugpilot, das junge Ding. Zwar ermöglicht das Update schöne Überraschungen wie die Notlandung auf einer Insel, die sich als Kunststoffteppich entpuppt. Aber wenn dann eine Dame wütend ins Plastik ballert, wirkt das eben mehr bescheuert als berührend. Durchgehend sensationell ist allerdings Vivès’ Arbeit: Grandiose Bildeinstellungen, rasante Action, und das mit einem Minimum an Strichen und drei Graustufen. Wie Vivès mit zwei Krakeln eine Fläche zum Hemd verknittert, wie er mit ein paar Tupfern ein Sportflugzeug zur Rostlaube macht, das entschädigt für vieles.



Satire mit Beißhemmung

Illustration: Alison Bechdel - Reprodukt
Illustration: Alison Bechdel - Reprodukt

Es bechdelt wieder und hagelt prompt auch Lobeshymnen. Diesmal kehrt die US-Zeichnerin Alison Bechdel zu ihren Wurzeln zurück, sie besucht ihre halbfiktive Clique aus ihrer 80er-Cartoon-Serie „Dykes To Watch Out For“: Wir sehen alternde Babyboomer beim ökologisch korrekten Altern, beim Rückzug ins liberale Private. Was die begeisterten Medien da feiern, bleibt unklar: 60-Jährige beim Tierschützen oder beim flotten Dreier ergeben per se noch keine beißende Satire. Einen Halbschmunzler rang ich mir beim judenlosen Solidaritäts-Sabbat ab, aber weil man nicht weiß, ob’s sowas wirklich gibt, und weil Bechdel sowas nicht zuspitzen mag, bleibt’s dann doch beim Schulterzucken. Dass die Senioren von heute aufgeschlosseneren Sex haben als ihre Kinder, wäre derzeit als Fantasie alter weißer Männer eher verdächtig bis unappetitlich, aber okay, hier kommt dasselbe Gedankenspiel von einer alten weißen Frau, vielleicht erklärt das die Fermentation zu scharfer Satire. Apropos: Satire müsste eigentlich auch mal einen Misstand benennen, oder? Wer verschuldet was wodurch? Bechdel ist das zu konkret, lieber zeigt sie alle beim Grübeln über den richtigen Way of Life. Der Lohn: In guten Momenten ist das wie eine sehr öde Folge der „Waltons“. Alison Bechdel, Katharina Erben (Üs.), Kaputt, Reprodukt, 24 Euro


Problemloses Quintett

Illustration: Bettina Bexte - avant-verlag
Illustration: Bettina Bexte - avant-verlag

Das Gute zuerst: Bettina Bextes Band „In allem ein Stück zu Hause“ ist ermutigend angelegt und öfter recht heiter. Er versammelt fünf Interviews mit Migranten, Kindheit, Flucht, Ankunft, Integration inklusive. Alle Geschichten haben ein wohlintegriertes Happy-End, das ist auch mal ganz angenehm zu lesen. Oder wäre es, wenn wir hier fünf Mal Else Normalflüchtling vorfänden. Aber, und das ist der Knackpunkt, wir kriegen: Boxweltmeisterin Dilar Kisikyol, Integrationsaktivistin Halime Cengiz, den Junggrünen Azad Kour, „Stern“-Fotograf Mischa Moldvay. Was ist da die Botschaft? Diese Vier sind/waren ehrgeizig, sozial denkend, intelligent, flexibel, dass sie es schafften, überrascht wenig und taugt kaum als Vorbild für Hunderttausende. Warum wählte Bexte nicht einfach fünf 08/15-Migranten, die jetzt ganz normale Jobs haben? Denn auch Schicksal Nr. 5 hilft nur bedingt, Florence aus Ruanda betreut jetzt – andere Migranten. Ist das die Ideallösung? Genau hier liegt die Krux: Was ist das Ziel des Bandes? Welche Leute hätte man dann auswählen sollen? Immer wieder zeigt sich: Eine klare Fragestellung wäre auch im Sachcomic/Comic-Journalismus hilfreich.



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