- 11. Juni 2019
Westerntitel feiern im Comic ein Comeback: Die Verlage legen Klassiker neu auf oder beleben das Genre neu. Lesen Sie, wo Sie ziehen sollten – und wo Sie steckenlassen können
Liegt’s am ziemlich hervorragenden Videospiel „Red Dead Redemption 2“? An der Suche nach einfachen Problemen und klaren Lösungen? Denn obwohl Western bei Kindern angeblich out sind, im Comic-Bereich sprudeln sie derzeit geradezu. Der „Tagesspiegel“ hat kürzlich eine Sammelgeschichte gemacht, und schon jetzt kann man wieder eine schreiben, ohne große Gefahr von Doppelungen. Sechs Titel finden Sie hier, die perfekte Anzahl, wie wir vom glorreichen Halunken Clint Eastwood wissen. Nicht alle sind top, aber jeder hat natürlich seinen eigenen Geschmack. Und jeder Revolver seinen eigenen Klang.
Punkte sammeln mit Nebel

Antonio Hernandez Palacios wird alt. Nicht schlecht, aber er scheint Mitte der 80er ein bisschen die Lust verloren zu haben. Der dritte „Mac Coy“-Sammelband lässt die absoluten Glanzpunkte vermissen, die aufregend inszenierten Seiten, die völlig aberwitzigen Farbkombinationen. Und die Storys sind immer noch nicht wirklich erstligatauglich. Diesmal pfuscht ihm die Geschichtsbegeisterung besonders deutlich ins Handwerk: Weil Mac Coy ja öfter historische Begebenheiten miterleben muss, wird diesmal deutlich, dass der Held längst über 20 Jahre hätte altern müssen – das wird dann schon etwas sehr wurschtig ignoriert. Aber trotz aller Nörgelei: Noch immer liefert jeder Band von Palacios einen wundervoll zerknitterten, verranzten, staubig verschwitzt stinkenden, authentischen Wilden Westen und gelegentlich auch etwas richtig Neues: Nach einer wundervollen Seite im strömenden Regen verlässt Palacios seine bewährte Strichtechnik. Für drei Seiten im dichten Nebel wechselt er zu Punkten, und das allein ist schon fast wieder den ganzen Band wert.
Mehr Möpse als Kawumms

Auf Anhieb erinnert der Stil von Paolo Eleuteri Serpieri ein wenig an Palacios. Und was die Stories angeht, sind sie vergleichbar nichtssagend. Aber Serpieri zeichnet sauberer, und was Action angeht, ist er in „Lakota“ zurückhaltender: Entweder liegt sie ihm nicht, oder er zeichnet einfach gern seitenweise Dialoge. Nachdem die aber mäßig sind und er nicht über allzu viele Inszenierungsideen verfügt, hat man sich rasch sattgesehen. Das hinterlässt eine rechte Enttäuschung, denn vom Untergang General Custers am Little Big Horn erwartet man doch ordentlich Drama und Kawumms. Da ist es nicht ungeschickt, dass Serpieri nie sein Haupt-Standbein vergisst, das Fantasy-Epos Druuna: Bei Serpieri besteht immer die Möglichkeit, dass einfach mal enorme Frauenbrüste ins Bild ragen. Muss man mögen. Paolo Eleuteri Serpieri, Lakota, Schreiber & Leser, 29,80 Euro
Die richtigen Vorbilder sind nicht genug

Lincoln, ein übellauniger Faulpelz begegnet dem lieben und goldgräberartig verlotterten Gott, der ihm die Unsterblichkeit schenkt und nebenher irgendeine fragwürdige Sache mit dem Teufel laufen hat. Eine Parodie also, und sie klaut bei den richtigen Vorbildern: Jerome Jouvray orientiert sich zeichnerisch an Christophe Blain, sein Bruder Olivier für das Szenario an Lewis Trondheim. Zündet leider nicht, weil: zu viele Konstruktionsfehler. Gott will Lincoln zum guten Menschen und Helden machen, Lincoln stört das aber nicht. Hm. Lincoln will meist seine Ruhe, macht aber doch meist was Gott will. Soso. Es gibt jede Menge Action, aber Lincoln riskiert als Unsterblicher ja nichts. Puh. Dazwischen sorgen ein paar ordentliche Gags und ein paar richtig heftige Szenen für allgemeine Unentschlossenheit. Schade eigentlich, ein neuer Lucky Luke (so wird „Lincoln“ gelegentlich beworben) wäre nett gewesen – aber das ist Lincoln leider nicht. Olivier, Jérôme & Ann-Claire Jouvray, Lincoln, Schreiber & Leser, Bd.1-2, je 14,95 Euro
Rasanter Rollentausch mit Revolver

Ist das ein Western? Eigentlich ist „Mondo Reverso“ was ganz anderes: Eine Geschlechterdebatte, für die Dominique Bertail und Arnaud le Gouëfflec einfach die angestammten Rollen vertauscht haben. Die Frauen haben die Hosen und die Revolver, die Männer die Kleider. Die Vorurteile sind dieselben, bloß umgekehrt: Männer haben immer Kopfschmerzen, Frauen saufen und furzen. Erstaunlich ist, wie weit Bertail/Gouëfflec mit diesem eigentlich recht banalen Dreh kommen – weil es zeigt, dass vieles bleibt, wie es ist: Die Verunsicherung, sich als Mann oder Frau falsch zu verhalten, die eigene Verblüffung, weil es plötzlich Frauen sind, die sehr detailreich Köpfe wegballern und sich einen Dreck um Männer scheren. Wie gesagt: Ein simpler Dreh, und dennoch ist das Ergebnis überraschend irritierend und häufig auch komisch. Aber ist das ein echter Western? Eher zufällig, das Setting hätte man auch im Weltraum oder im ritterlichen Mittelalter durchspielen können. Die Landschaften sind dennoch sehr ansehnlich geraten, und harte Frauen, die einen Revolver, eine Winchester oder einen Sattel herumtragen, einen vollbärtigen Typ im Kleidchen hinter sich herziehend, all das wirkt natürlich deutlich cooler mit einer Zigarette oder Eastwoods Zigarillo zwischen den Zähnen – und den gibt’s im Weltraum eher selten.
Rache und Radau

Ein einarmiger Held in einer völlig verwahrlosten Welt: Klingt ein bisschen nach „Für ein paar Dollar mehr“, und es gäbe schlechtere Vorbilder. Leider fehlt jede Doppelbödigkeit, und damit morden und vergewaltigen die Schurken letztlich nur noch, damit es einen guten Grund zur Rache gibt. Das Ganze kommt in hübschen, aber letztlich handelsüblichen Bildern. Nice to have, genauso nice to have not.
Lederstrumpf mit Schatzinsel-Aroma

Klassisch, aber neu: „Corto Maltese“-Schöpfer Hugo Pratt hat die Serie „Ticonderoga“ gezeichnet, von Hector Oesterheld („Eternauta“) stammt die Story um den titelgebenden jungen Waldläufer, die in den 50ern in Argentinien erschien. Wir sind im britisch-französischen Krieg um Nordamerika, Lederstrumpf-Szenario also, aber aus Jungen-Sicht, der „Schatzinsel“-Perspektive. Das ist gleich dreifach gut: Einerseits sympathisch altmodisch, wird andererseits gerade in Anbetracht des jungen Zielpublikums erstaunlich schonungslos gestorben und getötet. Und Pratt tuscht die Action „Prinz Eisenherz“-würdig, Natur und Landschaft mit viel Sinn für großes Kino, und all das in erstaunlich lebendigem schwarz-weiß, obwohl ihm das Querformat anfangs nicht mal Platz für Splashes lässt. Erstmals auf deutsch, schön gebunden, im Schuber mit vielen Extras – Zeit war’s!
- 24. Mai 2019
Ralf König, der Herr der Knollennasen, zeichnet sich durch die Urzeit: „Stehaufmännchen“ ist erstaunlich vielseitig, überraschend wandelbar und dennoch angenehm vertraut

Irgendwann hab ich Ralf König ein wenig aus den Augen verloren. Ich kann nicht mal sagen, dass es seine Schuld war, oder naja, höchstens ein ganz kleines bisschen: Ich fand wohl „Bis auf die Knochen“ eher mau, aber wenn ich jetzt so mal in seinem Gesamtwerk nachblättere, dann war das ja schon 1990, und dann kamen doch ziemlich schnell danach schon Konrad und Paul, die eigentlich wieder sehr gut waren. Hm. Woran lag’s also dann? Wieso kommt’s mir so vor, als wäre „Stehaufmännchen“, der neue Ralf König-Comic, ein Comeback nach einer jahrzehntelangen Auszeit?
Über den Tellerrand hinaus in den Hosenstall
Womöglich hielt ich meine König-Phase und damit meine Toleranzausbildung für beendet. Das war ja auch exzellent gemacht, damals in den 80ern: Humor und schwuler Sex gemischt und dann aber nicht nur der Gay-Community angeboten, sondern den neugierigen Heteros untergejubelt. Wer damals König gelesen hat, war superaufgeschlossen, der hat über den Tellerrand hinausgesehen, direkt in den Hosenstall.
Und weil aber die Schwulen bei König keine besseren Menschen sind, sondern eben nur dasselbe in rosa, hat man eben doch eigentlich nur über sich selber gelacht. Naja, und natürlich halb neugierig, halb neidisch verfolgt, ob und wie die über Sex reden und ob sie mehr und besseren oder anderen Sex haben als man selber, weil: sind ja am Ende des Tages doch alles Männer, und die denken dann wohl ebenfalls alle immer nur an das Eine. Das könnte doch Manches vielleicht etwas einfacher machen.
Das Provokante schwindet, das Schwule wird normal
Letztlich hat man bei König gelesen, dass es dann aber wohl offenbar doch nicht alles einfacher ist und wohl deshalb hab auch ich allmählich das ganz große Interesse an König verloren. Aber genau so war es doch auch gedacht gewesen, oder? Dass Schwulitäten auf diese Art so normal werden, dass sie das Provokante verlieren und man allenfalls noch mal die Augenbraue hochzieht, wenn einer mal „Faustfickvideo“ sagt. Und damit konnte man doch König beruhigt zu den Akten legen. Aber „Stehaufmännchen“ zeigt, dass man so auch Einiges verpasst haben könnte. Zum Beispiel zeichnerisch.
Klar, seinen Stil, schon ganz früh (und ganz offiziell, nie bestritten) von Claire Bretécher übernommen, ändert König nicht mehr. Aber diesen Stil hat er stets um einige Elemente erweitert, beispielsweise hat er irritierend ansehnliche Erektionen in Szene gesetzt, die hm, eigentlich kaum noch Karikaturen waren. Und jetzt, weil „Stehaufmännchen“ zu der Urzeit spielt, als die Frühmenschen von den Bäumen in die Savanne wechseln, da nimmt er sich immer mal wieder die Freiheit, Landschaften ganz- oder doppelseitig und in Farbe auszubreiten.
Eine seiner Stärken: Dialoge
Das kann er sehr hübsch, dochdoch, wusste ich vorher nicht. Das ist auch nicht nur Spielerei: König will da nicht nur Bilder haben, sondern auch Lesepausen, weil er, wie immer, viele Dialoge hat, die er nicht einfach so abklappern mag.
Diese Dialoge sind eine weitere Stärke von ihm, die er mit den Jahren weiter verfeinert hat: König war ja schon immer gut, wenn er die alltäglichen Gespräche und Beziehungsstreits nachgespielte. Er hat aber schnell gemerkt, dass Dialoge, die mit Lecken und Blasen funktionieren, eigentlich mit jedem anderen kontroversen Thema ähnlich gut klappen könnten. Eine Zeit lang hat er sich dann ein bisschen arg an der Religion abgearbeitet, aber vielleicht war das nötig, um die jetzige, deutlich elegantere Form zu entwickeln.
Feuer taugt nicht, aufrecht gehen ist ungesund
Das Elend mit der Welt, behauptet König in „Stehaufmännchen“, begann, als die Menschen von den Bäumen stiegen. Und die Debatten darüber, ob man nun auf dem Baum hocken soll oder runtersteigen und aufrecht gehen, die lässt er vorwiegend von Hockfreunden und Stehgegnern führen, und das auch noch möglichst unsachlich an jedem sinnvollen Punkt vorbei. Entscheidende Argumente sind: Wo hat man mehr Sex, Feuer taugt nichts, aufrecht gehen ist ungesund und früher im Baum war alles besser. Ob es überhaupt noch Bäume zum Obenbleiben gibt, wird praktisch nicht thematisiert, und das ist natürlich – wie wir beim sehr hübschen Blick in die weite, weite Savanne oft genug sehen – der Hintersinn des Ganzen. Würde uns heute natürlich nicht mehr passieren, oder kennen wir das nicht von irgendwoher?
Reaktionär wie ein Erzbischof
All das ist recht angenehm und entspannt und dennoch zielführend: König kann so weit gehen, seinen homosexuellen Hauptprotagonisten Flop zum fanatischen Zwangsschwulen zu machen, dass darauf beharrt, dass Männchen einander notgedrungen vögeln, weil nur das Anführer-Männchen des Stammes die Weibchen bekommt. Denn der Sachverhalt „von Natur aus schwul“ ist noch nicht entdeckt, weshalb Flop aus Angst, womöglich Sex mit Frauen haben zu müssen, zur Verteidigung seiner praktischerweise so wunschgemäß erzwungenen Homosexualität reaktionärer wettert als jeder verkalkte Erzbischof.
Sicher, handwerklich und pointentechnisch kommt einem bei König durchaus einiges bekannt vor. Und trotzdem macht es Freude, ihm dabei zuzusehen, wie er die menschlichen Wünsche, Vorstellungen, Egoismen und Sehnsüchte munter durcheinanderwürfelt und gegeneinander ausspielt. Ich muss wohl dringend einige mittelalte Königs nachlesen.
Dieser Text erschien erstmals bei SPIEGEL Online.
- 25. Okt. 2018
Ein Markt für Millionen muss auch Gutes produzieren, oder? Wer sucht, der findet: Drei Manga-Tipps vom Skeptiker – Lesestoff über Maschinen, Mystery und Mini-Gangster
Also, inzwischen weiß ich ja, was ich an Mangas nicht mag: Diese vorgefertigten Schablonengesichter und auch diese Form von Slapstick, bei der die Protagonisten immer furchtbar übertrieben erschrecken, schüchtern werden, sich mit der Hand im Nacken kratzen und so zuckrig grinsen, dass alles zu spät ist. Der Vorteil dabei ist: Man kann gezielter suchen. Gibt es Mangas, die auf diesen Humbug verzichten, aber immer noch eine schöne Geschichte hinlegen? Die gibt’s, und drei davon haben mir in letzter Zeit richtig gut gefallen.
Kalter Comic für heiße Sommer

Eine Serie davon ist mir leider etwas zu spät aufgefallen, die wäre ideal für diesen heißen Sommer gewesen (aber davon sollen ja demnächst noch mehr kommen): „Blame!“ von Tsutomu Nihei, mit das Kälteste was ich bisher als Comic gesehen habe. Also, nicht von der Raumtemperatur her, die lässt sich nicht recht bestimmen, aber die Fantasiezukunft, in die „Blame“ entführt, ist emotional derart frostig, das hält man ab Frühherbst nur aus, wenn man beim Lesen unter eine Decke kriecht.
Wir befinden uns in einem gigantischen maschinenartigen Gebäude, es gibt riesige Wände, ursprünglich glatt verkleidet, inzwischen aber völlig verrottet, überspannt von fassdicken Kabelsträngen, angenagt von elefantengroßen Beton-Asseln. In dieser Industriemechanikwelt ist Killy unterwegs, ein junger Mann mit einer kleinen, extrem wirksamen Knarre, der nach Überresten der Menschheit sucht – und gegen Roboter und Androiden kämpft, die dasselbe tun. Für wen Killy arbeitet? Wie lange schon? All das wird nicht verraten und zwischen ausgeklügelt choreografierten Schießereien in homöopathischen Dosen allenfalls angedeutet. Killy erfährt von einem bewohnten Gebiet, „3000 Levels entfernt“, und selten hat etwas derart Freudloses vielversprechender gewirkt: Die Aussicht, ihn noch länger in dieser faszinierend verfallenen Welt begleiten zu können. Mit aufregenden Perspektiven, harten, schnellen Schnitten, betäubenden Explosionen und einem bemerkenswert klug eingesetzten Minimum an Text und Dialog. Mehr! Mehr!
Zwei kleine Arschlöcher, die zu Herzen gehen

Deutlich schwerer fällt die Eingewöhnung bei „Tekkon Kinkreet“ von Taiyo Matsumoto. Nicht nur, weil Gangster-Großstadtballaden per se schon deutlich weniger knallig daherkommen. Da ist zunächst schon der Zeichenstil, weniger perfektionistisch, überhaupt nicht so supersauber, sondern eher im Indie-Stil von Robert Crumb, die namenlose Stadt mit ihren seltsam aufgequollenen Autos könnte auch den Hintergrund zu den Abenteuern von Fritz the Cat bilden. Und die beiden Antihelden sind zwar extrem gewalttätig, aber Kinder: Shiro und Kuro bilden die Zweier-Gang der Katzen, Straßenkinder, die in einem vermüllten alten Honda hausen.
Shiro ist dabei deutlich langsamer im Kopf, schreit Unschönes wie „Pimmelkackamöpse“, und beim Essen mag man ihm auch nicht zusehen. Kuro mit seiner Pilotenbrille kümmert sich um ihn und gemeinsam verprügeln sie jeden, der ihnen querkommt oder auch nur eine Armbanduhr trägt. Spannend ist, wie Matsumoto einem die zwei kleinen Arschlöcher näherbringt: Wenn sie gerade niemandem den Kopf einschlagen, achten sie geradezu fürsorglich auf einander. Und sie lieben ihre Stadt, weshalb sie ziemlich schnell auch ausgewachsene Gangster krankenhausreif schlagen, die ihre Lieblingsplätze kaputtsanieren wollen – Shiro und Kuro sind nämlich nicht nur todesmutig und völlig hemmungslos, sondern auch unschlagbar.
Es kommt, wie’s kommen muss: Drei stumme Profikiller werden in die Stadt geholt und auf die beiden angesetzt. „Tekkon Kinkreet“ entführt in eine düstere Welt voller guter bis böser Polizisten, geisteskranker bis prinzipienfester Gangster und mit einer angesichts der Härte erstaunlichen Warmherzigkeit.
Taiyo Matsumoto, Tekkon Kinkreet, Cross Cult, 32 Euro.

Jetzt ist ein bisschen Erinnerungsarbeit hilfreich: 1976 sorgte ein Film für ziemlich viel Wirbel, „Im Reich der Sinne“, japanische Erotik, die auf einem wahren Skandal beruhte. Ein Paar, das sich allmählich in immer extremere Sexpraktiken verstrickt, bis sie ihn eines Tages auf seinen Wunsch hin stranguliert und (sensible Gemüter lesen jetzt mal kurz weg) ihm dabei den Penis abtrennt. Kazuo Kamimura hat das im selben Jahr mit dem Autor Hideo Okazaki zu einem Manga verarbeitet, den der Carlsen Verlag dieser Tage rausbringt – und der trotz und wegen der eigenwilligen Geschichte ziemlich prima ist.
„Abe Sada“ begleitet die Geschichte des weiblichen Teils des Pärchens, des frühreifen Mädchens Abe, die „Männer mag“, wie sie selbst sagt, die allerdings zugleich auch ziemlich verstört darüber ist, dass sie sich so anders verhält, so anders empfindet als die übrigen Mädchen und Frauen. Kamimura macht draus eine ziemlich raffinierte Mischung: Zwischen viel Sex lernt man Japans damalige Familienstrukturen, Sitten und Gesellschaft kennen, der Stil ist außerordentlich flexibel, wechselt zwischen historischen Motive und Formensprache, sauberen Zeichnungen und hübschen Aquarellpassagen und obendrein hat Kamimura einen gewitzten Weg gefunden, sehr dreckigen Sex sehr sauber wiederzugeben. Falls Sie dennoch Bedenken haben: Ich kann versichern, am Ende von Band 1 sind alle Körperteile auf jeden Fall noch dort, wo sie hingehören.
Dieser Text erschien erstmals bei SPIEGEL Online.
