Das gab's lange nicht! Bea Davies verdichtet Fatih Akins Film „Geister“ zum übersinnlichen Premium-Rührstück. Taschentücher raus!

Das wird schwer für Erbsenzähler wie mich: Was von „Geister“ stammt von Bea Davies, was von Fatih Akin, der zeitgleich den gleichnamigen Film ins Kino bringt? Klar: Szenario, vermutlich auch Dialoge, sind von ihm, aber wo hat Davies gekürzt, wo Szenen zu welchen Panels komponiert? Kann mir aber eigentlich wurscht sein: weil das Ergebnis außerordentlich ist. Außerordentlich gut und recht einzigartig: Ein übersinnliches Trauerrührstück, hochwertig erzählt und so entschlossen durchgezogen, dass man kaum glaubt, dass sowas in Deutschland gemacht wird. Wir reden von: Prädikat Hollywood, „Brokeback Mountain“-Klasse.
Liebe, knisternd wie Zellophan
Der Start ist entwaffnend schlicht: Faris und Farasha treffen sich auf einer Abiparty, Liebe auf den ersten Blick. Die Blicke fliegen, es knistert wie eine Zellophantüte im Kino. Faris, der keinen Alkohol trinken kann, fährt Farasha und zwei Freunde nachts nach Hause. Aber Farashas Freundin hat ihr Handy bei der Party vergessen, sie sollten wohl nochmal umkehren. Im Krankenhaus kommt Faris wieder zu sich. Farasha ist tot.

Aber sie ist nicht weg: Sie ist in einer Zwischenzone, und ihr bleiben 40 Tage, in denen sie immerhin in den Träumen der Lebenden erscheinen kann. Das ist die erzählerische Hürde: Tod und Trauer berühren auf eigene Art, da ist es heikel, mit Geistereien zu hantieren. Das kann albern wirken oder verkrampft, gerade wenn man solche willkürlichen 40-Tages-Gesetze aufstellt. Davies/Akin meistern die Hürde – aber wie?
Der besondere Abend endet in der Katastrophe
Indem sie sich auf den Zauber der großen Liebe verlassen. Und den Zauber des besonderen Abends. Auf Farashas besoffene Freundin Una, die aber nicht zu besoffen ist, um mitzukriegen, dass zwischen den beiden was läuft, weshalb sie Farasha extra nach vorn auf den Beifahrersitz drängelt. Ich hab keine Ahnung, wie Akin das im Film inszeniert, aber Davies macht das im Comic großartig. Knackige Dialoge, stille Blicke, und keine Angst vor der Schönheit.

Denn natürlich ist Faris ist ein Hingucker. Und Farasha eine rehäugige Augenweide. Bea Davies verleiht ihnen exakt den Schuss Mangaoptik, der auch für Erwachsene gerade noch auszuhalten ist. Genau so wird dieser Abi-Abend zu einem riesigen Versprechen, und unsere Enttäuschung nutzen Davies/Akin schamlos aus, um uns die Geisterregeln unterzujubeln. Was auch und vor allem deshalb legitim ist, weil sie erzählerisch damit was anzufangen wissen.
Botschaften von drüben

Trauer und Loslassen. Eine der anstrengendsten, bittersten Erfahrungen, die man als Mensch so machen kann und muss. Akin/Davies spielen sie doppelt aus, mit der Toten und dem Survivor. Sie zapfen dabei die Sehnsucht von allen an, die Vergleichbares erfahren haben und nichts lieber hätten als eine Botschaft von drüben. Aber wer das nicht wagt, muss es ganz lassen (oder ein Ratgeberbuch schreiben). Der Verlag ist sich über die Wirkung klar und schaltet prompt eine Triggerwarnung davor. Aber genauso gut könnte man die Menschen vor dem ganzen Leben warnen.
Eisnermangakleist!
Bea Davies muss man hier nochmal extra feiern: Sie löst alles ein, was ihr Debüt „Supergau“ versprach. Action-Szenen, schnelle Schnitte, langsame Fahrten, ideenreiche Seiteneinteilung, Schockeffekte, Rhythmuswechsel zwischen ruhig und rasant, Davies meistert sämtliche Herausforderungen bravourös. Eisner meets Manga meets Kleist, und immer mit dem Mut zur leicht mainstreamigen, zur möglichst wirksamen Lösung.

Das ist überhaupt das Beeindruckendste: Dass hier mal jemand das beliebte Filmgesetz „Wirkung vor Logik“ so sinnvoll umsetzt, wie es eigentlich gemeint ist. Nämlich dass Logik nicht so wichtig ist, wenn man stattdessen Wirkung erzielt. Schlechte Regisseure, dürftige Comiczeichner nutzen es oft als Ausrede, um dann weder das eine noch das andere zu liefern. Aber nicht Bea Davies. BOAH!!!, was wird hier gewirkt!!
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Die heimlichen Bestseller (VII): Nichts geht besser als „Moby Dick“. Bei Splitter ist die Story gleich dreimal am Start

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Der Dauerbrenner
Herman Melvilles „Moby Dick“ ist ein unerschütterlicher Klassiker. Die skurrile Walfangwelt, der besessene Kapitän Ahab und der gigantische Pottwal über der endlos abgründigen See wurde bereits ein gutes Dutzend Mal verfilmt – und der Splitter-Verlag hat jetzt gleich drei Varianten im Programm. Eine davon ist sogar ein richtiger Dauerbrenner.

2014 wurde der Band von Olivier Jouvray und Pierre Alary auf Deutsch veröffentlicht, und von Anfang an besticht er durch eine anspruchsvolle Niedrigschwelligkeit. Wenn der einsam überlebende Ismael bewusstlos über das geradezu sandgelbe Meer treibt, schaut man gerne über die Doppelseiten. Die Charaktere sind sofort disneytauglich-gefällig, die Erzählung steuert auf den ersten Prüfstein zu: die unfreiwillige Übernachtung Ismaels mit dem furchteinflößenden Harpunier Queequeg.
Wofür gab's nochmal das Goldstück am Mast?
Jouvray/Alary wählen einen halbkomödiantischen Tonfall. Hm. Die Dialoge sind modern, und dann nagelt Ahab die Golddublone an den Mast, die es für das Erlegen des Weißen Wals gibt, weil – hä? Gab’s die Dublone nicht immer für das Erspähen des Wals?

Nein, hier nicht. Und nicht nur wegen solcher Details entpuppt sich diese Variante als Leichtgewicht, dessen größte Herausforderung in der Länge besteht. Die 120 Seiten ziehen sich, auch weil es den Autoren nicht gelingt, das Faszinosum Ahab herauszuarbeiten. Der Mann wird hier so ausdauernd bezweifelt, dass man sich fragt, warum ihm eigentlich alle in den Untergang folgen. Weil’s sonst grad nichts zu tun ist?
Solider Fernsehstandard
Ähnlich oberflächlich sind die Bilder: Meer, Sturm, Wal, all das kommt den Standardbildern einer Fernsehverfilmung nahe, obwohl man genau weiß, dass da mehr Potential drinsteckt. Woran liegt’s? Die Lösung verrät der nächste Band – auf gut 70 Seiten weniger und 25 Jahre früher.
Die raffinierte Sparversion

Der eigenwillige Collagekünstler Bill Sienkiewicz kam 1990 mit einer Albumlänge aus. Und er zeigt eine Menge von dem, was Jouvray/Alary weggelassen und umgemodelt haben. Die Übernachtung mit Queequeg gibt’s nicht über acht Seiten, sondern in einer Handvoll düsteren Panels, der Schock kommt in den Voice-Over-Text. Und siehe da: Wo bei Jouvray noch am anderen Morgen Ismael zerrüttet zum Frühstück tappt, lesen wir hier: „Nie im Leben habe ich besser geschlafen“.
Das Original bestätigt: Sinkiewicz
Wer hat nun recht? Wer ins Original sieht, stellt fest: Sienkiewicz. Der zudem jedesmal die bessere Lösung findet: Viel vom Original packt er ins Voice-Over, seine faszinierend düster-apokalyptischen Bilder liefern dazu jede Menge Spielraum fürs Auge.

Damit ist er nicht nur authentischer, er gewinnt Platz für Details, die man nicht so kennt: Die Stelle, als Ahab die „Pequod“ mit zwei Walköpfen ausbalanciert, einem Pottwal, einem Glattwal. Dass die Wale als unterschiedlich wertvoll gelten. Eine Art Info-Grafik, welcher Wal wieviel Öl enthält. Überhaupt die Technik des Wal-Zerlegens.
Atmo und Motive statt „Leute in Booten“
Sienkiewicz findet auf 50 Seiten Raum für Text, der nicht nur authentisch ist, sondern spannend, lohnend und auch noch unerwartet. Dass die „Pequod“ deutscher Walfangkonkurrenz begegnet, die vor allem durch Ahnungslosigkeit besticht, ist mir trotz einiger Filmversionen neu. So transportiert Sienkiewicz aber Atmosphäre und Motive. Jouvray/Alary zeigen hingegen dauernd nur Leute in Booten.

Die Lebensbilanz von Ahab kannte ich nicht, Sienkiewicz lässt ihn ganzseitig über einem düsteren Portrait sinnieren: „Ich fühle mich waidwund, gebeugt und bucklig, als wäre ich Adam, der unter der Last der Jahrhunderte seit dem Paradies ins Stolpern gerät.“ Es muss nicht erwähnt werden: originalgetreu. Und trotz dieser enormen Fülle kriegt (anders als bei Jouvray/Alray) der auftauchende, das Boot zerschmetternde Wal eine ganze Doppelseite, dass man sich beim Lesen die Gischt von der Brille wischen will. Wie gut Szienkiewicz aber wirklich ist, erfährt man aber erst beim Vergleich mit der neuesten Walverwandtschaft.
Der Plemperer

Splitters „Moby-Dick“-Offensive komplettieren die 250 nagelneuen Seiten von Chabouté. Dem bin ich schon mehrfach begegnet, weil er auf Anhieb immer wieder attraktiv wirkt und durchaus meeresaffin ist. Das Cover ist ausgezeichnet: Der Blick von unten hinauf in den Mast, wo der Posten einen Wal erspäht. Man sieht: Chabouté kann Segelschiffe und Takelage. Und: Es soll episch werden. Das sieht man an der Wiese.
Bedeutungsvolle Grünanlage
Auf den ersten vier Seiten sehen wir erst die Wiese, über die Ismael nach Nantucket wandert. Dann drei Panels mit der Wiese und Ismael, kleiner werdend. Dann nochmal acht Panels mit derselben Wiese. Manchmal mit Möwen dazu. Ist das nun bedeutungsvoll? Oder nur zwölfmal dieselbe Wiese?

Die Ankunft in Nantucket im Schneegestöber. Ismael kommt ins Gasthaus und spricht mit dem Wirt. Ismaels schmolliges Gesicht erinnert ein wenig an den Muppet Beaker. Was eigentlich gar nicht so gut passt zu jemandem, der sich durchaus aufs Walfangabenteuer freut. Das klärt sich aber in der Kirchenszene auf: Die Kirche ist voller Beakers.
Schlechtgelaunter Strumpf
Kann es sein, dass Chabouté nicht nur Wiesen mehrfach zeigt, sondern auch Gesichter? Tatsächlich sind die Beakers überall, bei Chabouté haben eine Menge Leute dieses seltsame Mienenspiel von einem schlechtgelaunten Strumpf. Wer kein Beaker ist, hat dafür die Augen weit offen wie staunende Vierjährige. Was zu einem lauen Frühlingspicknick ja passt, auf hoher See bei Sturmböen aber eher nicht. Hm. Und je mehr man mäkelt, desto mehr fällt einem auf.

Die Gesichter wiederholen sich, die Bilder noch mehr. Wenn sie den einbeinigen Kapitän in den Mast hieven, damit er selber Ausschau halten kann, ist das zwar optisch stark. Aber Chabouté zeigt es uns neunmal, aus demselben Winkel. Das ist nicht opulent, das ist das Fehlen von Bildregie. Was man auch an den fehlenden Splashes sieht.

Das Splash, ein über die ganze Seite oder gar Doppelseite gezogenes Panel, ist immer eine Entscheidung für ein Bild – und gegen viele andere. Splashes brauchen Mut, weil man damit auch daneben liegen kann. Chabouté liefert 250 Seiten lang so gut wie keines. Und das in einem Comic, der von großer Landschaft und gigantischen Tieren nur so wimmelt. Ich meine, wir sprechen hier von fucking Moby Dick! Aber gut, was kriegt man denn dann auf den 250 Seiten, was man woanders nicht kriegt?

Den halbmunteren Schrumpfkopf-Dialog zu Beginn, den andere weglassen. Naja. Die Erklärung, wie Ahab eigentlich im riesigen Pazifik den einen Wal finden will – und findet. Okay, das war mir nicht so klar. Aber das war’s denn auch schon, und das ist dann, ehrlich gesagt, ziemlich ärgerlich: Weil Chaboutés Variante mit Abstand den meisten Platz hat und am meisten kostet.
Chabouté (Zeichnungen, Adaption), Herman Melville (Vorlage), Ulrich Pröfrock (Üs.), Moby Dick, Splitter Verlag, 39,80 Euro

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Die Outtakes (46): Mit 1 Sommer in Paris, 1 Meta-Manga und 1 schreckhaften Wohngemeinschaft

Sommer in Blau
Optisch bleibt alles bestechend im vierten Teil der Erinnerungen der Résistance-Kämpferin Madeleine Riffaud. Dominique Bertail erweitert seine grandiosen, in Blau getönten Pariser Ansichten um zahlreiche Sommernoten, vermutlich geprägt von der Einsicht, dass es in Paris unmöglich immer nur geregnet haben kann (auch wenn dann das Kopfsteinpflaster schöner glänzt). Szenarist JD Morvan lauschte der inzwischen verstorbenen Zeitzeugin routiniert erzählenswerte Episoden ab (wie die bitterlaunige von der Nichtaufnahme ins Militär, weil Madeleine nach Jahren des Untergrundkampfs noch immer zu jung war). Aber: Der Krieg ist weitgehend vorbei, man hat einen Eindruck von „Outtakes“, auch weil die zeitspringenden Episoden vermitteln, jetzt würde eben das verwertet, was zuvor für die Gesamtgeschichte nicht nutzbar war. Das ist nicht schlecht, ganz und gar nicht, und noch immer ist die Figur der kriegsgehärteten Madeleine ziemlich einzigartig. Das Problem ist: Die drei Bände davor waren wie aus einem Guss.
JD Morvan (Szenario), Madeleine Riffaud (Text), Dominique Bertail (Zeichnungen), Madeleine, die Widerständige – 4. Der Engel des Todes, avant-verlag, 29 Euro
Bedächtiger Stift

Mancher mag’s ja nachdenklicher. Oder manche. Für dendie könnten dann Minetaro Mochizukis Grübeleien was sein. Mochizuki zeichnet in „No Comic No Life“ über die Gedanken, die er sich so beim Mangazeichnen macht. Sozusagen: Der Stift ist bedächtiger als das Schwert. Oder davor. Oder danach. Ob er Glück hat. Oder Pech. Und was seine Frau dazusagt. Mochizuki reflektiert „humorvoll“, sagt der Verlag, aber ich muss schon sagen, dass er den Humor allenfalls homöopathisch einspeist. Obwohl: Vielleicht hab ich alter Schenkelklopfer auch nichts geschnallt, weil’s zu dezent war. Wem weiland das geradezu groteske Depri-Elend von Yoshiharu Tsuges „Nutzlosem Mann“ gefiel, der könnte also hier richtig sein, aber obacht: Es ist schon noch zwei Grad introvertierter.
Fabelhafte Drehtür

Émile Bravos handliche Zwergbären-Häppchen gehen in Runde vier, und ich fürchte, die Geschichten um die pelzige Wohngemeinschaft zeigen Ermüdungserscheinungen. Munter geben sich auch im neuen Band die Märchenfiguren die Klinke in die Hand, Schneewittchen begegnet dem bösen Wolf und der französischstämmigen Eselshaut. Die Bremer Stadtmusikanten schauen auch noch vorbei, die reinste Drehtür der Märchenstars. Aber das Durchmischen der Figuren allein ist noch nicht witzig, und die Schreckhaftigkeit der Zwergbären nutzt sich leider recht schnell ab. Wie die Serie „Fables“ zeigt, steckt in der Methode viel mehr drin, aber man kriegt den Eindruck, dass Émile Bravo häufig in den falschen Ecken stöbert.
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