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Comicverfuehrer

Die Outtakes (38): Mit 1 dreibeinigen Hund, 1 Menge hämischer Russen und 1 abschaltbaren Prägungskontamination


Illustration: Josephine Mark - Kibitz Verlag
Illustration: Josephine Mark - Kibitz Verlag

Omma ermittelt


In Josephine Mark stecken große Comics, aber sie wollen in letzter Zeit nicht recht raus. „Red“ gehört dazu. Die Story: Ein dreibeiniger Hund landet bei einer verwitweten Omma, die allein im Wald lebt. Omma ist verbiestert, Hund darf nur bleiben, weil er eine neue Spur zum Tod ihres geliebten Mannes findet. Ab da wird’s eine munter-launige Detektiv-Geschichte mit lauter frechen Sprüchen. Wer den Münsteraner „Tatort“ mag, kann hier andocken – ich gehöre nicht dazu. Funny-Schwarzhumor-Krimis gehören zu den feinest austarierten Genres, und Mark ist hier für meinen Geschmack definitiv zuviel funny in den Topf gefallen. Zumal schon ihre Figuren funny sind. Auch das ist ein Grund dafür, dass ihr gegen Ende ausgerechnet eine ernste Szene sensationell gut gelingt. Und der Grund dafür, dass ihr claim to fame „Trip mit Tropf“ so hammerartig einschlug. Und nicht zuletzt dafür, dass ich auch weiter an Josephine Mark glaube. Da steckt Großes drin, es kann nur noch nicht raus. Wird aber.



Holzschnittig zurechtreduziert

Illustration: Mariam Naiem/Yulia Vus/Ivan Kypibida - avant-verlag
Illustration: Mariam Naiem/Yulia Vus/Ivan Kypibida - avant-verlag

Ich bin ja absolut für die Verteidigung der Ukraine und alles, aber „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges“ (Mariaam Naiem/Yulia Vus/Ivan Kypibida) ist mir dann doch zu platt. Dabei zählen die Einblicke ins Dauerbombardement per „Kriegshandbuch“ noch zu den Stärken: Was ist der sicherste Platz in der Wohnung? Wie wichtig ist das Handy? Welcher Keller taugt zum Verkriechen? Doch davon abgesehen entwickelt Naiem einen eher märchenhaften Gegensatz von heldenmutigen Edelopfern und traditionell erbarmungslosen Russen. Die lässt das Zeichenteam Vus/Kypibida bei ihren Quälereien dann auch gern hämisch grinsen, etwa so subtil wie „Stürmer“-Karikaturen. Aber ist es nicht eher so, dass der gemeine Frontrusse seltener hämisch grinst und mehr mit den Achseln zuckt? Wenn er überhaupt weiß, was er an der Front soll? Wurzeln nicht Teile der ukrainischen Verteidigungsprobleme darin, dass der Laden zwar tapfer ist, aber auch grauenhaft korrupt? Wirkt nicht auch noch nach, dass man in den 40ern (mangels Alternative) den Stalinteufel mit dem Hitlerbeelzebub auszutreiben versuchte? Und ist der Konflikt nicht weit weniger historisch begründet, sondern darin, dass Putin ein westliches Erfolgsmodell vor der Haustür fürchtet wie der Teufel das Weihwasser? Weil er dann erklären müsste, warum Russland immer noch ein oligarchisch-mafiös verfilzter Saftladen ist? Dem Nordkorea den Bau von Billigdrohnen beibringen muss wie einem Entwicklungsland? Das Fehlen solcher Aspekte verleiht der holzschnitthaft zurechtreduzierten Story von den schon immer auf die Ukrainer einprügelnden Russen ein unangenehmes Aroma von Erbfeindschaft. Es gibt Aufklärenderes, Hilfreicheres.


Die Frau als Adabei

Illustration: Ullis Lust - Reprodukt
Illustration: Ullis Lust - Reprodukt

Der in jeder Hinsicht überraschende Erfolg von „Die Frau als Mensch“ hätte jederzeit einen zweiten Teil nahegelegt, aber Autorin Ulli Lust hatte ihn von vornherein angekündigt – deshalb ist er jetzt schon da. Am Prinzip hat sich nichts geändert: Lust kommt von Hölzchen auf Stöckchen, malt ab, was ihr gefällt und folgert munter drauflos, gern auch logikbefreit. Lust bedauert etwa: „Die eigene kulturelle Prägung kontaminiert jeden Versuch, alte Bilder zu lesen.“ Um im Satz drauf zu wissen: „Dennoch kann ich sie nach ihrem Gefühlsgehalt befragen.“ Mal prägungskontaminiert, mal nicht, wurscht, und so geht’s weiter. Es werden Rentiere gejagt, Schwangerschaften gestreift, Frauen kommen vor, aber diesmal sind sie so gleichmütig in die Doku-Fernsehspielhandlung eingebaut, dass man beim besten Willen keine These mehr erkennt, eigentlich nicht einmal mehr den Titel. Die „Frau als Mensch“ wird nämlich zur „Frau als Adabei“. Aber: Wer Teil 1 geliebt hat (und davon gab’s bislang genug für vier Auflagen), der wird hier nicht enttäuscht, manche sogar bekehrt, wie die Leipziger Buchmesse: Die hat Teil 1 vor einem Jahr ignoriert, Teil zwei ist ihr jetzt plötzlich preisverdächtig. Ich empfehle weiterhin keinen der beiden, sondern das hier. Und neuerdings auch das.




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Jean-Paul Krassinskys packende Survival-Saga „Das Lied der Arktis“ schildert das Überleben unterm Gefrierpunkt: hautnah, berührend, ur-menschlich

Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser
Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser

Sowas kenne ich sonst nur von meinem Geburtstagskuchen: Diesen Comic unterbreche ich nach jedem Kapitel, weil ich nicht will, dass er zu schnell endet. Eine weibliche Heldin in einer feindlichen Urwelt voller Gefahren und schamanischer Magie. Im Kampf ums Überleben unter härtesten, vorzeitlichen Bedingungen. Kein Comic schildert das derzeit besser, schöner und schlüssiger als „Das Lied der Arktis“.


Der Riss im Eis


Die Geschichte startet rasant: Das Mädchen Uqsuralik kriegt erstmals seine Tage, die Schmerzen sind so fies, dass sie nachts den Iglu verlässt. Und just, als sie über das Blut an ihren Fingern staunt, bricht das Eis und trennt sie von ihrer Familie. Ihr Vater kann ihr grad noch ein Fell und eine Harpune zuwerfen. Ab diesem Moment, ich schwör’s, lässt der Comic Sie nicht mehr vom Haken. Die Survival-Geschichte ist dabei nur der Anfang.


Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser
Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser

Uqsuralik jagt zwar geschickt, aber zaubern kann sie trotzdem nicht. Im ewigen Eis zählt nur Fleisch, und wenn das fehlt, fressen dich die eigenen Hunde. Die aufgeweckte Uqsuralik findet rettenden Anschluss an eine andere Sippe. Doch hier wird ihr Können zum Problem: Sie jagt besser als die Männer, die daraufhin gekränkt sind. Und als heranwachsende Frau bringt sie auch die weiblichen Hierarchien in Unruhe.


Geschickter Schnitt – maximale Wirkung


Wenig davon wird ausgesprochen, stattdessen sind die Konflikte immer wieder elegant und wirkungsvoll inszeniert, und das ist zweifellos die Stärke von Zeichner Jean-Paul Krassinsky.

Das soll seine Bilder nicht abwerten, es unterstreicht vielmehr seine Effizienz: Statt seinen leicht mangahaften, schlichten Stil krampfhaft zu verfeinern, kitzelt Krassinsky durch geschickte (Aus-)Schnitte die maximale Wirkung aus den Panels.

Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser
Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser

Ruhige Querformate, rasante Actionsequenzen, große Panoramen, quicklebendige Collagen für Clanfeste, Krassinskys Regie ergänzt die Romanvorlage von Bérengère Cournut behutsam und kraftvoll zugleich. Unerwartet ist, dass das Resultat vertraut wirkt. Obwohl ich doch den Roman nicht kenne.


Tine Steens Verdauungshilfen


Ill.: Krassinsky/Cournut - Schreiber & Leser
Ill.: Krassinsky/Cournut - Schreiber & Leser

Das erste Mal geschieht es, als ich von in Robbenfell eingewickelten Vögeln lese, die irgendwo vergraben werden, um dort zu vermodern. Das kenne ich doch! Von Tine Steen! Tatsächlich finden sich Steens steinzeitliche Verdauungshilfen quer durch den ganzen Band wieder. Und dann taucht immer wieder die mystisch-schamanische Zauberwelt auf, mit der sich gerade Ulli Lust in „Die Frau als Mensch“ ein zweites Mal abmüht.


Präsenter, präziser


Doch wo Lust zwischen Vermutung, Wissenschaft und Spielhandlung hindurch flipperkugelt, ist Cournuts Fiktion doppelt so entschlossen und die „Frau als Mensch“ zugleich einleuchtender, präziser und präsenter. Kein Wunder: Cournuts Erzählung spielt nicht vor 20.000 Jahren, sondern vor 200, die Realität und Traditionen der Inuit lassen und benötigen viel weniger Raum zur Spekulation. Auf 200 Seiten entfaltet Krassinsky eine mitreißende Saga, als Abenteuer genauso zu genießen wie als Parabel des Lebenskreislaufs. Umweltschützer finden darin eine untergehende Welt, Apokalyptiker die Zukunft der Menschheit. Und Comicfans eine erzählerisch vorbildlich bespielte Augenweide. Zugreifen!





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Berührende Trostlosigkeit: Craig Thompsons „Blankets“ gewährt Einblicke in die christlich-fundamentalistischen Ecken der USA

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt
Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Es ist ein ziemlicher Brocken. Was nicht heißt, dass ich „Blankets“ schlecht finde, im Gegenteil. Aber: Wer ständig unter dem „Graphic-Novel“-Begriff auf einen dicken, gediegenen, epischen, ernsthaften Comic hofft, sowas wie „Krieg und Frieden“ mit Sprechblasen, der könnte mit diesem 2003 erstmals erschienenen Klassiker richtig glücklich werden. Und ich bin davon viel überzeugter als von Craig Thompsons zuletzt erschienenen „Ginsengwurzeln“.


Bruderkrieg im Bett


Was daran liegt, dass sich in „Blankets“ Thompson zwar auch mit seiner Geschichte befasst, aber konzentrierter, schlüssiger, berührender. Und die Geschichte ist zweifellos scheußlich-gut: Thompson wächst mit seinem jüngeren Bruder im ländlichen Wisconsin auf. Seine Familie ist arm, sie lebt in einem heruntergekommenen Haus, und die Brüder müssen sich ein Bett teilen, das im Sommer brüllheiß, im Winter bitterkalt ist. In der Schule ist Craig, der weder Markenhosen noch sonstwas Schickes kennt, ständig der Außenseiter. Aber nicht nur einfach, sondern gleich doppelt.

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt
Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Denn seine Eltern sind ultrareligiös und erziehen ihre Kinder auch so. Das ist letztlich der Knackpunkt. Denn: Es gibt ja auch Geschichten von armen Kindern, die recht glücklich aufwachsen. Doch es ist diese erdrückende, allgegenwärtige Religion, die Craig in permanenter Unsicherheit hält. Die Jungs leben nicht nur in ständiger Angst Fehler zu machen, sondern Sünden zu begehen. Und das Leben hier dauert nur ein Fingerschnippen, wohingegen die Hölle EWIG lodert. Derart verkorkst wird man in der Schule zum idealen Mobbingopfer.


Hackordnung im Christencamp


Perfiderweise ist das unter Christen nicht anders: Auch in christlichen Feriencamps, lernt Craig, gibt’s statt brüderlicher Liebe stinknormale Hackordnungen, angeführt von den beliebten Kids. Und Gott hält sich fein raus. Obwohl: Craig findet ausgerechnet hier sein Erweckungserlebnis, die wunderschöne Raina. Die er dann im Winter zwei Wochen lang besuchen darf. Eigentlich ist schon das ein richtiges Wunder.

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt
Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Denn nicht nur seine Eltern erlauben es. Auch Rainas Eltern, die gleichfalls Christen sind, allerdings grade in einer Scheidung begriffen. Die Ehe ist am Hund, vielleicht auch, weil sie – um Gott für ihre zwei gesunden Töchter zu danken – beschlossen, gleich zwei behinderte Kinder auf einmal zu adoptieren. Vati ist verzweifelt, Mutti schluckt Pillen – Raina ist erstaunlich belastbar geblieben und führt, durch die Betreuung ihrer Halbgeschwister gestählt, den leicht tranigen Craig ein wenig mehr in die reale Welt ein. Es wird viel geredet, auch geknutscht und sogar einmal recht ernsthaft gefummelt.


Die Unmöglichkeit, sich zu verzeihen


Wie’s weitergeht? Sag ich nicht, aber es ist dringend lesenswert. Denn der grüblerische Craig nervt einerseits so sehr wie er andererseits rührt. Und man lernt etwas mehr über diese stockkonservativen Kreise in den USA, die behaupten, die Erde sei 6000 Jahre alt, praktisch frisch gemacht vom lieben Gott. Der uns zwar das Untenrum geschenkt hat, aber nicht will, dass wir hinfassen oder hinschauen oder drüber reden. Mehr über diese allgegenwärtige Verlogenheit und Selbsttäuschung, von der man kaum mehr loskommt. Denn obwohl es Thompson schafft, sich von den Extremisten zu lösen, es bleiben Macken. Dieses permanente Niedergedrücktsein von einer unglaublichen Schuld wegen – irgendwas. Diese Unmöglichkeit, sich selbst zu verzeihen. Diese tiefe Überzeugung, nicht liebenswert zu sein, allenfalls tragbar, und auch das nur bei Erreichen der Vollkommenheit. DAS hat Gott sicher nicht gewollt. Craig Thompson, Claudia Fliege (Üs.), Blankets, Reprodukt, 39 Euro


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