- vor 5 Stunden
Lou Lubie und der Kampf mit ihren Locken: Ein Comic erklärt, was Haare mit Rassismus zu tun haben - und wie sich die Opfer zu Komplizen machen

Man kann einen Comic mit Haaren füllen. Und zwar so, dass auch jemand mit eher wenigen Haaren (wie ich) davon profitiert. Obwohl ich mich zuerst sogar drüber geärgert habe. Der Comic heißt „Meine Wurzeln“ und geht recht lustig los: die französische Comic-Autorin und -Zeichnerin Lou Lubie berichtet vom Kampf mit ihren krausen, ausufernden Haaren, der sie seit ihrer Kindheit begleitet. Das ist amüsant, selbstironisch, aber bald denkt man: „Schon gut, sind doch nur Haare!“ Eben nicht: Es steckt mehr dahinter.
Menschenmix auf La Réunion
Man erfährt vom Bevölkerungsmischmasch auf La Réunion, der Insel, von der Lubie stammt. Von den verschiedenen Haaren der Menschen aus verschiedenen Regionen. Von den verschiedenen Optionen, krauses Haar einzudämmen. Und wie wichtig es ist, das zu tun: aus zweierlei Sorten von Rassismus.

Denn mit den Haaren wird man zugleich zugeordnet, sagt Lubie. Das gilt auch bei ihr, obwohl sie keine dunkle Haut hat. Sie ist Kreolin, und mit glatten Haaren ginge sie problemlos als weiß durch, als „echte Französin“. Was die eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite ist: Indem sich Lubie diesem Denken unterwirft, wertet sie es zugleich auf. Sie ist Opfer und Verstärker zugleich, und je länger der Comic erzählt, desto deutlicher wird das.
Wie wird man weniger nichtweiß?
Lubie stützt ihre Geschichte mit Zahlen. Sie zeigt die Methoden des Glättens, die ganze Industrie dahinter. Wie viel Geld man als nichtweiße Frau in Frankreich dafür ausgibt, weniger nichtweiß zu sein. In günstigeren Salons, in teureren, mit Pflegeprodukten, die für Frauen nochmal mehr kosten. Weil Aussehen für Frauen wichtiger – ist? Wichtiger gemacht wird? Und von wem?

Hier wird der Comic richtig spannend. Lubie führt zusammen, wie viel Geld mit der Angst gemacht wird, „irgendwie anders“ bzw. „irgendwie minderwertig“ auszusehen. Diese Angst hat fast jeder, sogar der künftige Bundestrainer. Frauen haben sie mehr als Männer, nichtweiße Frauen offenbar noch mehr als weiße Frauen. Und erneut werden die beiden Seiten der Medaille erkennbar.
Gönn dir ein Stück von der Rassistentorte
Zweifellos stecken hinter diesem Druck politische und wirtschaftliche Interessen. Aber er wäre nichts wert, wenn die Zielgruppe nicht eifrig mitarbeiten würde. Wenn sich die Zielgruppen nicht gegenseitig in den Wahnsinn treiben würden. Wenn die Zielgruppe nicht durch eifriges Mitspielen versuchen würde, sich selbst eine Scheibe von der profitablen rassistischen/sexistischen Torte zu sichern.

Lubie verschweigt das nicht: Mit dem Glätten der Haare angefangen haben offenbar schwarze Sklavinnen in den Südstaaten, die damit versucht haben, für die weiße Damen- und Herrenschaft erträglicher zu wirken: Und zwar erträglicher verglichen mit der schwarzen krausen Konkurrenz. Die Konsequenz kann eigentlich nur eine sein – und Lou Lubie zieht sie am Buchende auch: Scheiß drauf, Haar ist Haar, steh dazu!
Mitspielen ist leichter als Aufbegehren
Was bei genauerer Betrachtung für viele weitere vermeintliche Unzulänglichkeiten gilt und gar keine so sensationelle Erkenntnis ist. Aber Lou Lubie zeigt dabei informativ und unterhaltsam, wie vertrackt, wie verheddert diese Mechanismen sind, wie tief sie sitzen – und warum so viele eben doch mitspielen.
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- vor 3 Tagen
Den Katalog für die Ewigkeit, die Ausstellung für lau: Alexander Braun widmet sich der Geschichte der „Funny Animals“

Ein neues Braunbuch ist immer begleitet von einer gewissen Lust-Angst: Man freut sich, weil sich Braun so ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, ahnt aber, dass man wieder viel Nachentdecken muss. Das gilt irritierenderweise auch, wenn sich der doppelte Eisner-Preisträger mal ein wenig zurücklehnt, wie in „Ich, das Tier“.
Effiziente Schlagzahl

Der Katalog, dessen Ausstellung bis 1. November 2026 im Dortmunder Schauraum Comic+Cartoon zu sehen ist, widmet sich anthropomorphen Tieren, auch „Funny Animals“ genannt, obwohl gar nicht alle funny sind. Und erstmals hat man den Eindruck, dass Braun, der in Schwindel und Besorgnis erregender Schlagzahl fundierte Ausstellungen und erdrückendes Begleitmaterial ausbrütet, nennenswert die Früchte seiner Vorarbeit nutzt.
Fulminante Fundgrube
Wer etwa Brauns lesenswerte Bücher über George Herriman, Gus Dirks oder Carl Barks (Gesamtgewicht: ca. ein halber Zentner) vertilgt hat, kann sich hier leichteren Herzens aufs neue Bildmaterial konzentrieren. Und trotzdem sind die rund 280 Seiten eine Fundgrube: Über die Entstehung des Bilderbogens, die Evolution der Fabel, Braun würdigt Walt Kelly oder Ralf König, die bei ihm beide bisher noch keinen passenden Platz fanden. Und dabei illustriert er links und rechts des Weges alles so großzügig, dass mindestens sechs mir zuvor unbekannte Comics jetzt aufs Ausprobieren warten.
Nörgeln auf hohem Niveau

Ein bisschen nörgeln darf man auch: Es ist nicht ganz klar, ab welcher Bedeutung man ein Kapitel kriegt bzw. wäre statt dem ein oder anderen Interview auch ein Sammelabschnitt mit der „zweiten Reihe“ denkbar gewesen („Omaha, the Cat Dancer“? Der gesamte „Donjon“ von Sfar/Trondheim? Blacksad?) Und natürlich, traditionell bei Braun: Was ist mit Quellenangaben und Fußnoten? Aber das bleibt Nörgeln auf hohem Niveau. Wer an der Comicvergangenheit Interesse hat, wer immer wieder Anregungen sucht, was er vielleicht verpasst haben könnte: Ein neuer Braun ist nie ein Fehlgriff.
Alexander Braun, Ich, das Tier, Panini, 39 Euro
Zehn Euro günstiger und mit einer kostenlosen Ausstellung dazu kriegen Sie den Band im Schauraum Comic + Cartoon, Dortmund, Max-von-der-Grün-Platz 7. Geöffnet: di-so 11-18, do/fr bis 20 Uhr. Eintritt frei.
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- 26. Juli
Die heimlichen Bestseller (VI): Ein Sachcomic bringt das Problem mit dem Antifaschismus auf den Punkt – und manchen auf die Palme

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Warum sind nicht alle Guten auch Antifaschisten?
Antifaschismus. Kann halbwegs denkende Menschen in den Wahnsinn treiben. Weil man einerseits natürlich Antifaschist ist. Antifaschist ist doch eigentlich jeder: aufrechte CSUler, Christen, die meisten Leute der FDP, Grüne, Linke, Sozis, Fußballer, Feuerwehrleute, Minderheiten und Leute, die finden, dass auch Minderheiten glücklich sein dürfen. Kapitalisten, die rechnen können. Demokraten. Kommunisten sowieso. Welcher Depp will schon Nazis? Aber warum versammeln sich nicht alle unter dem schönen Wort „Antifaschismus“? Warum rennt unter diesem Logo immer nur so ein merkwürdiger Haufen Verstrahlter? Guckstu in den Comic „Antifa. 100 Jahre Widerstand“ von Gord Hill. Weißte Bescheid.

Eigentlich schon beim Vorwort. Gegen den Faschismus haben offenbar immer nur Superlinke gekämpft. „Bürgerlich-liberale Kommentatoren“ ignorieren ihn, Kapitalisten auch. Katholiken, Evangelen werden nicht mal erwähnt. Wieso nicht? Sind wir denn nicht alle Verbündete? Aber gut, ist ja vielleicht nur das Vorwort.
Und dann schmeckt's nach Pamphlet
Was die Nazis oder die italienischen Faschisten angeht, wird deren Entstehung dann immerhin recht schlüssig erklärt. Das (konservative) Stauffenberg-Attentat, die (jugendlich-aufrechte) „Weiße Rose“ werden freundlicherweise noch angeführt, Georg Elser schon nicht mehr. Der Spanische Bürgerkrieg ist auch noch nachvollziehbar. Aber nach Kriegsende wird’s reichlich wirrwollend. Schon über dem englischen Erstarken der Neonazis steht „Wir schlagen die Faschisten“. Moment mal: „Wir“? Spätestens hier schmeckt der Sachcomic, so wie er in seiner abgehangenen Optik auch aussieht: unangenehm nach Pamphlet.

Nicht zuletzt, weil schon zuvor immer wieder Attentate von links wohlwollend abgenickt werden. Denn ohne ins blinde „Antifa“-Bashing abzugleiten, wollen wir mal einiges festhalten und klarstellen: Attentate und Gewalt von rechts sind doch der Grund für die Empörung, richtig? Und die Konsequenz in einer Demokratie, in einem Rechtsstaat, sollte doch wohl sein: Polizei, staatliche Gegenwehr (z. B. Parteienverbot), bei Bedarf auch eigene Notwehr, nicht wahr? Und nicht, dass man politische Gegner einfach erschießt, selbst wenn sie Arschlöcher sind. Da sind wir uns doch einig, oder? Antifaschismus ist kein Freibrief für politischen Mord, nicht wahr?
Gemütlich eingerichtet in der Robin-Hood-Romantik
Aber je weiter man blättert, desto mehr fühlt man sich als nachhaltig demokratisch denkender Mensch alleingelassen. Und desto mehr richtet sich’s der Autor in einer Art Robin-Hood-Romantik gemütlich ein. Linke Gewalt wird munter mit rechter Gewalt gegengerechnet, die Verantwortung dafür schiebt man westlichen Regierungen zu, die bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit versagt haben. Die Alt-Nazis der DDR werden mit keiner Silbe benannt. Dass übelste stalinistische Regimes das Etikett „Antifaschismus“ nutzten und so auf Jahrzehnte diskreditierten – dazu kein Pieps.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Autor längst als verlässliche Quelle ruiniert. Nur manchmal wundert man sich noch: Als Wladimir Putin über die Ukraine herfällt, weil die voller Neonazis und Faschisten ist. Ja, ist größtenteils Bullshit, aber hier wird’s zum Quadrat-Bullshit: Denn wenige Seiten zuvor hat der gleiche Putin selber mit Faschisten zusammengearbeitet, Neonazis in ganz Europa gefördert. Der Faschistenförderer ist jetzt Faschistenverhinderer? Der Fascho ist jetzt Antifa?
Zwei plus zwei gleich fünf
Wer so was schmerzfrei liest, muss bereits auf Parteilinie sein. Der weiß schon, was man Winston in „1984“ noch erklären musste: „Manchmal, Winston, gilt zwei plus zwei gleich fünf. Manchmal drei. Manchmal alles auf einmal.“ Von diesen flexiblen Arithmetikern scheint es nicht mal so wenige zu geben, der Verlag verkauft nach knapp drei Jahren bereits die vierte Auflage. Auch aus Konkurrenzmangel: Es gibt zwar bessere Informationsquellen zum Thema – aber eben kaum in Comicform.
