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Comicverfuehrer

  • vor 3 Stunden

Der Klassiker, der den Boom zündete: Wie „Akira“ Deutschland den Einstieg in Japans Comic-Kultur erleichterte


Wenn es stimmt, was der Comic-Weise Andreas C. Knigge geschrieben hat (und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln), nämlich, dass „Akira“ in den 80ern einen Manga-Boom ausgelöst hat, wirkt das zunächst kurios: Denn der Saga fehlt so ziemlich alles, was Mangas heute so gewöhnungsbedürftig macht. Zugleich ist dennoch vieles von dem drin, was am Manga so fasziniert. Zum Einsteigen wäre „Akira“ offenbar also genau richtig. Gewesen. Denn ich hab den ersten Band erst jetzt durchgelesen.


Entfernte Macken


Die Unmangigkeit (sag ich jetzt mal so) hat ihren Grund: Es wurde ein wenig nachgeholfen. Eines der Haupt-Umgewöhnungs-Hindernisse fällt so schon mal weg: Die „falsche“ Leserichtung von hinten nach vorn. Das war den Verlagen in den 80ern noch zu abschreckend, als hat man den Comic weitgehend gespiegelt, auch die deutsche Version. Bei der Bearbeitung verschwanden auch die japanischen Soundwords, es gab Westversionen – und die finden sich nur in Situationen, wo sie angebracht sind. Die (verschrobene? liebenswerte? authentische?) Manga-Macke, neben jemanden „an-der-Wand-lehn“ zu schreiben, der an einer Wand lehnt, entfällt in „Akira“ komplett.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

Dafür gibt es reichlich Action in einer beeindruckenden Umgebung: „Akira“ spielt im gar nicht mehr fernen Jahr 2030, in einem nach dem dritten Weltkrieg wiederaufgebauten Tokio. Verstrahlt ist die Welt eher nicht, Kaneda und seine Freunde von der Berufsschule heizen auf ihren Motorrädern durch die Gegend wie sehr junge Marlon Brandos. Durch einen Unfall begegnen sie merkwürdigen Kindern mit Greisenköpfen, die zudem extreme telekinetische Fähigkeiten haben. Steckt natürlich jemand dahinter, und zwar wer?


Herrlich menschenfeindlich


Genau, die Regierung, die daraufhin beginnt, die unerwünschten Mitwisser zu jagen. Der Plot an sich ist nicht sooo besonders mitreißend, aber dafür sind es drei andere Dinge. Zuerst mal das Setting: Katsuhiro Otomo langt optisch richtig hin, seine industriellen Hi-Tech-Betonwüsten sind eine menschenfeindliche Augenweide. Leben will man da nicht, aber schmökern mag man da gern.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

Das sehe ich ja auch immer wieder mit Freude, wenn ein Comic seine Produktionsvorteile nutzt: Wer dasselbe im Film machen will, zahlt teuer für Bauten oder Rechenleistung, im Comic entstehen Sahara oder Tokio-City mit dem gleichen Aufwand. Dazu kommen Motorräder, futuristisches Militärequipment, Waffen – all das inszeniert Otomo attraktiv und einfallsreich, die Actionsequenzen sind schnell geschnitten, das alles sieht sehr, sehr gut aus.


Geschickte Eingewöhnung


Drittens: Die soliden Dialoge. Es wird nichts dutzendfach erklärt, sondern so, dass es man’s begreift und dann ist Schluss. Ja, das ist nicht besonders genial, aber es ist zweckdienlich und nicht selbstverständlich. Häufig walzen Mangas ja Dinge unnötig bis exzessiv aus. Also eben nicht als geschickte Verzögerung, sondern sehr oft einfach nur breitgetreten und zerdehnt, als wären die Leser vermutlich alle ein bisschen doof.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

In „Akira“ arbeitet Otomo seine Action und seine Informationen effizient und wirkungsbewusst ab. Wenn er noch zwei Seiten Platz hat, dauert der Knall nicht zwei Seiten länger, es gibt statttdessen noch zwei Crashs dazu. Nochmal: Das ist keine geniale Lösung, aber eine die zuverlässig hinhaut. Und die nachvollziehbar macht, warum mit „Akira“ der Manga in Deutschland Einzug halten konnte: Von sowas will man mehr, und allmählich darf’s dann auch anders sein oder japanischer. Mit weniger Farbe („Akira“ erschien in Deutschland zunächst bunt) oder von rechts nach linkser, oder, oder oder …




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Die Outtakes (39): Mit 1 Sexfantasie einer alten weißen Frau, 1 bezaubernden Rostlaube und 5 kaum erreichbaren Vorbildern


Illustration: Bastien Vivès/Martin Quenehen - Schreiber & Leser
Illustration: Bastien Vivès/Martin Quenehen - Schreiber & Leser

Zaubern mit drei Klecksen


Fan von „Corto Maltese“ war ich nie, aber inzwischen wird die Reihe ja von einem anderen Autor (Martin Quenehen) und einem anderen Zeichner (Bastien Vivès) fortgesetzt. „In „Der gestrige Tag“ ist das Ergebnis: verblüffend identisch. Der in die Gegenwart versetzte Piratenstenz erlebt ein Abenteuer, das leidlich funktioniert, aber mehr mäandert als mitreißt – vor allem, wegen der lieb- und leblosen Klischee-Figuren. Die Abenteurerin, der Flugzeugpilot, das junge Ding. Zwar ermöglicht das Update schöne Überraschungen wie die Notlandung auf einer Insel, die sich als Kunststoffteppich entpuppt. Aber wenn dann eine Dame wütend ins Plastik ballert, wirkt das eben mehr bescheuert als berührend. Durchgehend sensationell ist allerdings Vivès’ Arbeit: Grandiose Bildeinstellungen, rasante Action, und das mit einem Minimum an Strichen und drei Graustufen. Wie Vivès mit zwei Krakeln eine Fläche zum Hemd verknittert, wie er mit ein paar Tupfern ein Sportflugzeug zur Rostlaube macht, das entschädigt für vieles.



Satire mit Beißhemmung

Illustration: Alison Bechdel - Reprodukt
Illustration: Alison Bechdel - Reprodukt

Es bechdelt wieder und hagelt prompt auch Lobeshymnen. Diesmal kehrt die US-Zeichnerin Alison Bechdel zu ihren Wurzeln zurück, sie besucht ihre halbfiktive Clique aus ihrer 80er-Cartoon-Serie „Dykes To Watch Out For“: Wir sehen alternde Babyboomer beim ökologisch korrekten Altern, beim Rückzug ins liberale Private. Was die begeisterten Medien da feiern, bleibt unklar: 60-Jährige beim Tierschützen oder beim flotten Dreier ergeben per se noch keine beißende Satire. Einen Halbschmunzler rang ich mir beim judenlosen Solidaritäts-Sabbat ab, aber weil man nicht weiß, ob’s sowas wirklich gibt, und weil Bechdel sowas nicht zuspitzen mag, bleibt’s dann doch beim Schulterzucken. Dass die Senioren von heute aufgeschlosseneren Sex haben als ihre Kinder, wäre derzeit als Fantasie alter weißer Männer eher verdächtig bis unappetitlich, aber okay, hier kommt dasselbe Gedankenspiel von einer alten weißen Frau, vielleicht erklärt das die Fermentation zu scharfer Satire. Apropos: Satire müsste eigentlich auch mal einen Misstand benennen, oder? Wer verschuldet was wodurch? Bechdel ist das zu konkret, lieber zeigt sie alle beim Grübeln über den richtigen Way of Life. Der Lohn: In guten Momenten ist das wie eine sehr öde Folge der „Waltons“. Alison Bechdel, Katharina Erben (Üs.), Kaputt, Reprodukt, 24 Euro


Problemloses Quintett

Illustration: Bettina Bexte - avant-verlag
Illustration: Bettina Bexte - avant-verlag

Das Gute zuerst: Bettina Bextes Band „In allem ein Stück zu Hause“ ist ermutigend angelegt und öfter recht heiter. Er versammelt fünf Interviews mit Migranten, Kindheit, Flucht, Ankunft, Integration inklusive. Alle Geschichten haben ein wohlintegriertes Happy-End, das ist auch mal ganz angenehm zu lesen. Oder wäre es, wenn wir hier fünf Mal Else Normalflüchtling vorfänden. Aber, und das ist der Knackpunkt, wir kriegen: Boxweltmeisterin Dilar Kisikyol, Integrationsaktivistin Halime Cengiz, den Junggrünen Azad Kour, „Stern“-Fotograf Mischa Moldvay. Was ist da die Botschaft? Diese Vier sind/waren ehrgeizig, sozial denkend, intelligent, flexibel, dass sie es schafften, überrascht wenig und taugt kaum als Vorbild für Hunderttausende. Warum wählte Bexte nicht einfach fünf 08/15-Migranten, die jetzt ganz normale Jobs haben? Denn auch Schicksal Nr. 5 hilft nur bedingt, Florence aus Ruanda betreut jetzt – andere Migranten. Ist das die Ideallösung? Genau hier liegt die Krux: Was ist das Ziel des Bandes? Welche Leute hätte man dann auswählen sollen? Immer wieder zeigt sich: Eine klare Fragestellung wäre auch im Sachcomic/Comic-Journalismus hilfreich.



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Frech, frisch und unverschämt sympathisch: Özge Samancis Deutschland-Debüt „In den trüben Gewässern Istanbuls“

Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq

Ein Comic, der sofort sympathisch ist. Und das, obwohl die Autorin kaum Comic-Erfahrung hat, schon gar nicht auf der längeren Graphic Novel-Strecke: Özge Samanci heißt sie und ist gebürtige Türkin. Anfängerin also, könnte man meinen, aber ihr Comic „In den trüben Gewässern Istanbuls“ hat nichts Anfängerhaftes, abgesehen von einer geradezu bezaubernd-enthusiastischen Leichtigkeit. Die auch deshalb überrascht, weil Samanci kein schweres Thema auslässt.

Leichtigkeit trotz schwerer Themen


Ein Porträt der Türkei in den 90ern steckt drin. Die Schwierigkeiten von Frauen im männerdominierten Land auch. Dazu Armut, Korruption, Politik und – weil’s ja noch nicht reicht – Tauchen. Aber Samanci ist, obwohl Comic-Neuling, im Kunstgeschäft sehr wohl erfahren. Vor etwa 20 Jahren siedelte sie von Izmir in die USA über, dort ist die Anfang-Fünfzigerin inzwischen Dozentin der Northwestern University und weiß, wie man Aufmerksamkeit weckt.


Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq

Etwa mit ungewöhnlichen Landkarten im Vorsatz: ein Mittelmeer aus blauem Klebeband in einer sandfarbenen Küste. Das ist hübsch, funktioniert und zeigt sofort: Hier arbeitet jemand attraktiv, unkonventionell. Oder mit ein bisschen Ekel: Die Geschichte beginnt in einem Wohnheim für Studentinnen in Istanbul. Chaotisch, schmuddlig, aber aufgeweckt und frech. Wie sich Samancis Alter Ego Ece vom oberen Stockbett zur ihrer Freundin Meltem hinunterhängen lässt, gibt sofort den Ton an: Anstrengend, aber funny. Und vor allem: Jenseits der polierten Sehgewohnheiten einer „Mordkommission Istanbul“.

Sieben Frauen und ein „Wischmopp“


Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq

Acht Frauen auf engstem Raum, jede hört jedes Geräusch, kein Wunder, dass Ece, die von Männern meist als „Wischmopp“ etikettiert wird, und die stewardessenhübsche Meltem gern dorthin fliehen, wo man mit Sicherheit seine Ruhe hat: In den Duschraum, der immer leer ist, weil’s fast nie Wasser gibt. Und mitten in diese leicht schimmlige Unbehaglichkeit pflanzt Samanci dann ihr Sympathierezept: Ece und Meltem jammern nicht, sie finden Lösungen.


Die Thrillerzutat


Wie beim Tauchen. Als Frauen ist das für sie kaum möglich, jedenfalls nicht allein. Meltems Freund muss immer dabei sein und sowas wie den weisen Lehrer geben, damit die Männer drumherum nicht protestieren. Und beim Tauchen (Samancis eigenes Hobby) platziert sie auch die Thrillerzutat: Über den Mädchen versinkt plötzlich ein Auto im Meer, in dem eine junge Frau sitzt.


Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq

Samanci inszeniert das so simpel wie brillant, mit den strahlenden Scheinwerfern unter Wasser, den verzweifelten Versuchen der Studentinnen, den Wagen zu öffnen und zum Schluss der Bergung des Opfers, natürlich zu spät. Und ebenso natürlich versuchen die beiden NICHT, den Fall zu lösen, sondern sie werden hineingezogen: Weil einer der Hauptverdächtigen plötzlich zwei Taucherinnen braucht, die schweigen können.


Zeichnerische Defizite geschickt repariert


Mehr brauch ich nicht zu sagen, wenn Sie bis hierhin gekommen sind, lesen Sie sowieso weiter. Ich mache aber gern auf diese aufgezeichnete Lesung aufmerksam. Denn Samanci kommt eher von der Installationskunst. Ihr zeichnerisches Können genügte ihr für Cartoons, aber in einer Graphic Novel will sie mehr. Wie sie ihre Defizite ausbügelt (Hände, Räume), Hintergründe sammelt, Szenen erst spielt und fotografiert, dann abzeichnet, das ist ausgesprochen lustig zu sehen und ermutigt alle, die ebenfalls mit ihrem Zeichenniveau hadern.


Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq



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