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Comicverfuehrer

vor 4 Stunden

Das Grauen in Wohlfühlfarben: Der Western „Blood Brother’s Mother“ zeigt das Leben der Schwachen in einer Welt der Stärkeren

Schön, dass man sich noch auf manches verlassen kann: Auf das Team Brian Azzarello/Eduardo Risso beispielsweise. Die hart besaiteten „100 Bullets“-Väter haben vor geraumer Zeit eine neue Mini-Serie gestartet, jetzt liegt sie gesammelt auf deutsch vor – wenn ich’s recht sehe, sogar schneller als in den USA. „Blood Brother’s Mother“ ist nicht brillant, aber sehr, sehr gut. Und bietet sogar ein paar neue Stärken.

Zahlen, bitte!

Hab ich eigentlich schon gesagt, worum’s diesmal geht? Wir sind wieder mal im Weste(r)n unterwegs. Ein Mann kommt aus dem Knast, und was will er als erstes? Jawohl, eine Rechnung begleichen, wie man das eben so macht. Er will seine Frau zurück, die inzwischen einen Prediger geheiratet hat, und mit den drei kleinen Söhnen bei ihm lebt. Der Mann und seine zwei Buddies töten den Prediger, nehmen die Frau mit und lassen die drei Knirpse zurück. Die sich an ihre Fersen heften, weil sie ihre Mutter zurückwollen.

Illustration: Brian Azzarello/Eduardo Risso - Schreiber & Leser
Illustration: Brian Azzarello/Eduardo Risso - Schreiber & Leser

Das ist, wie meist bei Azzarello, arg nahe an der Persiflage. Wie hart denn noch? Wie einsam der Wolf, wie rauchend der Colt? Azzarello kriegt die Kurve, indem er die Buben in den Vordergrund rückt: Er wirft die drei schutz- und ahnungslosen Jungs in eine rücksichtslose Welt.

Statt Mitleid: krude Gerechtigkeit

Schon der erste Mensch, den sie treffen, beklaut sie, dabei müsste er am meisten Mitleid haben: Er ist selber höchstens zwei, drei Jahre älter als die Jungs. Aber Mitleid gibt’s nicht viel in Azzarellos Westen. Das Beste, was man hier kriegt, ist eine sehr krude Gerechtigkeit.

Illustration: Brian Azzarello/Eduardo Risso - Schreiber & Leser
Illustration: Brian Azzarello/Eduardo Risso - Schreiber & Leser

Ich meine: Der Ex-Knacki, der doch den Prediger killt und die Kinder (vermutlich seine!) aussetzt, hat gerade erst die neuen Freunde seiner beiden Buddies umgebracht. Nicht, weil die neuen Freunde ein paar Siedler ermordet haben. Sondern weil sie danach deren Frauen entsetzlich misshandelten und vergewaltigten. Wie muss man sich das vorstellen? Prediger töten: Passt. Siedler töten: Auch. Frauen vergewaltigen: Geht gar nicht? Hm.

Mutti ist kein Engel

Vielleicht ist’s ein Kommentar zur Gegenwart, in der Glaube und mörderische Rücksichtslosigkeit bei den US-Superchristen genauso Hand in Hand gehen wie bei den Islamisten. Beide Religionen stilisieren dabei ja auch die Frau zu einer Art fruchtbarer Nonne. Dazu würde denn auch die Volte passen, dass Mutti bei Azzarello (so viel sei verraten) alles ist, nur eben kein Engel.


Illustration: Brian Azzarello/Eduardo Risso - Schreiber & Leser
Illustration: Brian Azzarello/Eduardo Risso - Schreiber & Leser

Die Welt ist jedenfalls reichlich aus den Fugen, und Eduardo Risso tut alles, um diese Hölle kongenial zu inszenieren. Die Brutalität ist überall: Nicht nur bei gefolterten Frauen, skalpierten Indianern, Kugeln, die durch Hinterköpfe aus Augenhöhlen zischen, oder Kopfgeldjägern, die man in ausgeweidete Pferde gestopft für die Kojoten zurücklässt. Sondern auch unter Kindern, wenn sie Kröten zerquetschen.


Kühlblaue Nächte, orangerote Stürme


Und als wäre das nicht genug, kontrastiert Risso, der sonst so in Schatten schwelgt, die kaum erträglichen Bilder mit helleren, harmonischen Farben, Aquarellorgien im Sonnenlicht, wunderschön kühlblauen Nächten, blutrot-orangenen Sandstürmen. Kombiniert mit seinen verlässlich einfallsreichen Bild-Arrangements, bei denen er gerne verschiedene kleine Detail-Panels über große Splashes verteilt wie verstreute Fotos auf dem Fußboden, entsteht ein Farb- und Bilderstrudel, in dem man sich wohlfühlen könnte, wenn er nicht so entsetzlich wäre.


Illustration: Brian Azzarello/Eduardo Risso - Schreiber & Leser
Illustration: Brian Azzarello/Eduardo Risso - Schreiber & Leser

Nur manchmal ist etwas Sand im Getriebe: Bei (beiden) Schießereien mit vielen Beteiligten ist manchmal nicht ganz klar, welche Kugel in welcher Reihenfolge wo einschlägt und von wem sie kommt. Da muss man (oder nur ich?) nochmal zurückblättern. Aber insgesamt geht die Rechnung auf: Die garstige Saga unterhält verstörend gut bis zum End. Wird es happy? Oder wäre für ein Happier End eine Welt nötig, in der man die Dinge vielleicht etwas anders regelt?


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Zwei neue Bände des Italieners Zerocalcare zeigen: Es gibt Antifaschismus auch ohne Blockdenken aber mit Hirn und Witz

Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Hab ich nicht kürzlich geschimpft, dass man eigentlich dringend was gegen Nazis tun müsste/wollte – dass aber unter dem Label „Antifaschismus“ meist völlig verstrahlter Propagandaquatsch kommt? Und was tut Gott? Jetzt gibt es auch Antifa mit Kopf.


Selbstironie hilft


Der mir bislang unbekannte Letatlin Verlag hat zwei schöne Comics im Regal: „Im Nest der Schlangen“ und „Diese Nacht wird keine kurze sein“. Von einem wohlbekannten Künstler: Zerocalcare. Und – bitte? Warum der besser sein soll? Ich sag mal so: Selbstironie hilft.

Staunen über deutsche Comic-Fans.      Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Staunen über deutsche Comic-Fans. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Man bedenke: Zerocalcare greift oft unattraktive Themen auf. Kurden, Minderheiten, diesmal die Prozesse gegen Linke in (damals noch Orbans) Budapest. Aber bei genau dieser Unlust holt Zerocalcare seine Leser ab. Er sagt nicht: „Lies das Zeug, es ist gesund und lehrreich!“ Er bemüht sich um die Leser, und das sehr, sehr witzig. Allein. Das. Tut. Schon. SOOO. Gut!


Wissen, dass man nicht automatisch recht hat

Dazu kommt: Er macht es einfach, aber nicht unterkomplex. Er erklärt, was los ist, und warum es ihn ärgert. Parteiisch, aber fair: Zerocalcare ist ganz offen superlinks. Aber anders als viele Antifaschisten folgert er nicht daraus, dass er automatisch recht hat, sondern dass er im Gegenteil seinen Standpunkt besonders schlüssig und nachvollziehbar begründen muss. Dass nicht die Prozesse gegen Maja T. und Ilaria Salis problematisch sind. Sondern dass (damals?) keine fairen Prozesse zu erwarten sind.

Diskussion mit Wall-E.   Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Diskussion mit Wall-E. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Warum? Zum Beispiel, weil vor dem Gerichtsgebäude Rechtsradikale und Polizei Hand in Hand arbeiten. Hier geht Zerocalcare wie ein Comicjournalist vor, er reist nach Budapest, stellt sich ein bisschen naiv und berichtet sehr aufmerksam, was er sieht. Und warum soll das witzig sein?


Ein gezeichneter Stand-up

Weil das an Zerocalcare das Besondere ist: Er erzählt grotesk, erschütternd, humorvoll. Er stellt sich selbst in Frage, karikiert das gleichzeitig noch, debattiert mit Gestalten aus seiner Fantasie wie Pixars Recyclingroboter Wall-E. Diese ständigen Gedankensprünge halten wach und aufmerksam, letztlich verfolgt man ein gezeichnetes Stand-up-Programm oder ein Youtube-Debattenvideo à la Rezo (wobei Zerocalcare das schon seit 2003 macht). Und doch ist es diesmal sogar besonders.

Die Ausnahmen.       Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Die Ausnahmen. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Im Original erzählt Zerocalcare im römischen Dialekt. Der avant-verlag hat das bei seinen (bisher drei) Übersetzungen als unübersetzbar weggelassen. Letatlin haben es mithilfe des Linksrappers Nico Seyfrid mutig und ausgesprochen mitreißend ins Berlinerische übersetzt. Det passt (darf man das hier sagen?) wie de Faust uffs Ooge.


Allzeit gesprächsbereit


Die Folge ist: Zerocalcares Berichte lesen sich mit Genuss, auch für Konservative. Weil man Argumente kriegt, über die man streiten kann, und weil der ganze Stil signalisiert, dass da jemand ins Gespräch kommen möchte. Und nicht zuletzt, weil man auch als durchschnittlicher Zeitungsleser Informationen bekommt, die einem durch die Lappen gegangen sind. Sie erinnern sich an die von den NSU-Rassisten ermordete Polizistin Michèle Kiesewetter?

Gute gemachte Aufregung.        Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Gute gemachte Aufregung. Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag

Einer ihrer Vorgesetzten war Mitglied im deutschen Ku-Klux-Klan. Das klingt wie linke Paranoia, aber sobald man recherchiert, bestätigen es seriöse Quellen. Nein, hier will einen niemand zum Betonkommunismus übertölpeln oder unter der Hand fragwürdige Anarchien verticken. Da will jemand vor allem gegen Nazis vereinen. Und das macht er, indem er sachliche Argumente frech und witzig präsentiert. Warum gibt’s davon nicht mehr?



Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag
Illustration: Zerocalcare - Letatlin Verlag


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Die heimlichen Bestseller (VI): „Charles Darwin“ überzeugt nach dem Motto „Harmlos anfangen, dann ordentlich aufdrehen“

Illustration: Fabien Grolleau/Jérémie Royer - Knesebeck Verlag
Illustration: Fabien Grolleau/Jérémie Royer - Knesebeck Verlag

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.


Braver Beginn


Acht Auflagen seit 2019, das ist eine Hausnummer. Da wird umgerechnet jedes Jahr nachgedruckt. Und doch habe ich mit „Charles Darwin“ zu kämpfen: wegen der Ligne Claire. Kennen Sie, oder? Im Prinzip der „Tim & Struppi“-Stil, den Jérémie Royer für das Szenario von Fabien Grolleau sparsam anpasst. Die Farben sind etwas abgetönter, nicht ganz so bonbonhaft, aber die Optik wirkt sehr jugendorientiert. Was man mit dem Text abfangen könnte, aber Grolleau fängt auch kindgerecht an...

Illustration: Fabien Grolleau/Jérémie Royer - Knesebeck Verlag
Illustration: Fabien Grolleau/Jérémie Royer - Knesebeck Verlag

Der alte Charles Darwin sitzt mit seinen Kindern am Tisch und erzählt von früher, von seiner Reise mit der HMS Beagle. Das wirkt arg brav, dabei kann man sich eigentlich nicht recht beschweren: Es ist alles drin. Darwin kommt eher zufällig aufs Schiff, als intellektueller Gesprächspartner für den Kapitän – der Trip ist auf drei Jahre angelegt (und wird fünf dauern), da will man den Kapitän bei Laune halten. Doch vor Ort zeigt sich Darwins aufgewecktes Talent.


Optik, die langsam Fahrt aufnimmt


Der Jungforscher beobachtet, sammelt, sortiert, zieht Schlüsse, die Evolutionstheorie wird daraus entstehen. Und wir erleben eine Weltreise im Segelschiff, Ozeane, exotische Landschaften, das sind alles tolle Motive. Zu denen ich mir die Überwältigungsoptik von Emmanuel Lepage wünsche – und stattdessen sowas wie einen sehr unironischen Walter Trier kriege. Das ist nicht schlecht, aber man muss sich erstmal daran gewöhnen. Ich brauche etwa 50 Seiten.

Illustration: Fabien Grolleau/Jérémie Royer - Knesebeck Verlag
Illustration: Fabien Grolleau/Jérémie Royer - Knesebeck Verlag

Auf Seite 44 schicken sie Darwin erstmals in den Urwald, und hier breitet sich Royer erstmals über die Doppelseite aus. Gleich viel besser. Und ihm kommen zunehmend mehr Ideen, wie das als Cover genutzte Motiv mit dem winzigen Segelschiff über einer Tiefsee voller Meeresgetier.


Schöpfung in sieben Tagen?


Auch schön: Mit wachsender Erfahrung wird Darwin komplexer, man kann mehr mit ihm anfangen, als ihn unbeholfen an Deck über Seile stolpern zu lassen. Und die aufkommenden Zweifel an der bisherigen Schöpfungslehre lassen sich vielschichtiger inszenieren als seine Ablehnung von Sklaverei und Rassismus (die geradezu predigthaft daherkommt). Als Darwin zuhause ankommt, bin ich tatsächlich traurig, dass die Reise endet. Jetzt fühle ich mich bei Grolleau/Royer gut aufgehoben.


Illustration: Fabien Grolleau/Jérémie Royer - Knesebeck Verlag
Illustration: Fabien Grolleau/Jérémie Royer - Knesebeck Verlag

Es gibt noch ein Nachwort, das die Notwendigkeiten einer geglätteten Erzählung erläutert, darauf hinweist, dass man vielleicht für richtig akkurate Informationen zusätzlich Darwins Tagebücher lesen sollte. Sachlich ist damit alles auf der sicheren Seite, der Unterrichtseinsatz bietet sich erkennbar an. Und ein weiteres Mal zeigt sich ein Rezept für einen Dauerbrenner: man erkennt und besetzt eine Nische hochwertig. Auf dem deutschsprachigen Markt gibt es derzeit keinen zweiten Darwin-Comic. Gut möglich, dass es auf absehbare Zeit dabei bleibt.




 


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