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Comicverfuehrer

Wie Autorin Rinah Lang im Menopausen-Comic „Peri Meno“ das Selbstverständnis von Frauen renoviert  – und zugleich in Frage stellt

Jetzt wird’s trendy: Menopause. „Trendy“ ist natürlich sehr vereinfacht, richtiger ist, dass die Menopause an Aufmerksamkeit aufholt, zu Recht. Sie betrifft ja gut die Hälfte der Bevölkerung irgendwann direkt, die andere Hälfte oft indirekt, da hätte man sich auch mal eher drum kümmern können. Aber, wie Rinah Langs Comic „Peri Meno“ erklärt, hat das seine Gründe.


Statt Forschung: abgefüllt mit Frauengold


Der banalste: Das Thema ist unsexy. Lang selbst macht ihren Menopausen-Comic ja auch nicht mit Anfang 30, sondern erst jetzt, wo es sie selbst betrifft. Und dass sie anfangs auch nicht soo viel darüber weiß, macht’s den Nichtwisserinnen und -wissern wie mir leicht, ihr zu folgen. Lang ist kein Comic-Überflieger, aber sie arbeitet grundsolide: Es gibt Fakten, Interviews mit Fachleuten und Frauen, die das Ganze durchgemacht haben. Die Mischung ergibt ein gut ausgeleuchtetes Bild, das aber auch klarmacht: Zyklus und Nichtmehrzyklus sind eine sehr individuelle Sache. Weshalb Pharma und Forschung sich lange lieber auf die einheitlicher versorgbaren Männer konzentrierten und Frauen mit „Frauengold“ abfüllten.


Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag
Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag

Ob frau sich mit Langs Auswahl ausreichend beraten fühlt, kann ich eher nicht beurteilen. Aber als Mann habe ich mich nicht gelangweilt, einiges erfahren, was früher zu wissen kein Schaden gewesen wäre. Und einiges zum Nachdenken entdeckt. Ich habe den Eindruck, hier ist – wie es so schön heißt – ein neues Narrativ unterwegs. Das ich aber mindestens für vertrackt halte.


Die Schwarze Wolke


Lang berichtet, dass der Zyklus Verhalten und Fähigkeiten beeinflusst. Lang erinnert sich: „Drei Tage vor meiner Regel ist Rückzug angesagt. … Die Geschichten anderer erreichen mich gar nicht. ..Ich bin abwesend und verpeilt und vergesse Dinge… ich habe keine Kraft … ich bin reizbarer...“ Sie leidet unter „einer schwarzen Wolke“, die 2-3 Tage bleibt und „alles infrage“ stellt. Und Lang sagt: Das betrifft 30-40 Prozent aller Frauen. Ähnlich sähe es mit der Menopause aus: Ein Drittel aller Frauen hat starke Beschwerden. Und die Schwarze Wolke bleibt länger. „Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, depressive Verstimmungen“, zitiert Lang den Podcast „Hormongesteuert“. Okay, nicht so schön. Aber was ist daran vertrackt?

Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag
Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag

Ich bin ein Kind der 80er. Ich wuchs mit anderen Frauenbildern auf. Die Frau stand nicht mehr am Herd und kriegte Kinder, die Frau konnte, durfte und sollte alles machen. Es gab keinen Grund, weshalb Frauen nicht alles genausogut können sollten. Ich begegnete Ellen Ripley, die perfekte Monster überwindet. Sarah Connor, die keinen Terminator fürchtet. Clarice Starling, die Serienkiller jagt. „Voyager“-Kapitänin Kathryn Janeway. Und Nebenrollen wie Private Vasquez, hart, schlagfertig, weiblich. Frauen können alles, habe ich gelernt. Aber wie verträgt sich das mit einer Wolke, die drei Tage bleibt und alles infrage stellt? In der ein Drittel aller Frauen nicht zuhören und dauernd was vergessen? Was laut Lang ja auch in der Menopause zutrifft.


Gefahr für Private Vasquez


Lang weicht diesem Konflikt ziemlich lange und geschickt aus. Weil sie vor allem Informationen sammelt und viele Bereiche breit diskutiert (etwa die Vor- und Nachteile hormonell-medikamentöser Behandlung). Aber bereits hier wird es schwierig für Ripley, Janeway und Private Vasquez.


Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag
Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag

Denn wende ich das Gelernte an, schrumpft Ripley plötzlich zur Glückspilzin, die dem Alien zufällig an einem Tag begegnet, an dem sie grade nicht „verpeilt“ ist (und das gleich vier Mal). Gut, vielleicht ist in der Zukunft die Zyklerei „irgendwie geregelt“, aber auch dann taugt Ripley nicht mehr als Vorbild für Frauen von heute. Ich staune: Soll das wirklich die neue Erzählung sein? Heißt es jetzt nicht mehr „Frauen können alles“, sondern „Frauen sind immer wieder problemanfällig“? Würde ich mich jetzt nicht laut zu sagen trauen. Ist das also wirklich jetzt Rinah Langs These?


Vorurteil oder Tatsache?


Zumal diese Erzählung auch ein anderes Vorurteil tangiert, das Männer wie ich sich abgewöhnt haben: Dass Frauen heute so und morgen so sind, unberechenbar, launisch, superemotional, eben „hormongesteuert“. Gibt Private Vasquez ihre legendäre Antwort gar nicht immer, sondern nur an guten Tagen? Und an schlechten heult sie oder vergisst, was sie sagen wollte? Hab ich mir dann statt eines Vorurteils eine Tatsache abgewöhnt?

Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag
Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag

Ich kann kaum entscheiden, was hier richtig ist. Aber ich kann feststellen: Beides zusammen verträgt sich nicht. Und es wird sogar richtig problematisch, wenn man daraus Forderungen ableitet. Was Lang letztendlich dann doch tut: Arbeitsabläufe sollte man so gestalten, dass sie zum Leben „mit Zyklus, Schwangerschaft und Wechseljahren“ passen. Wie das gehen soll, sagt sie nicht. Und damit macht sie es sich ein wenig zu leicht.


Soll ich mich raushalten und einmischen?


Ich will ja jederzeit hilfreich und kooperativ sein. Ich wüsste aber gern, wie: Soll ich mich beim Zyklus von Freundinnen oder Kolleginnen gefälligst raushalten oder gefälligst einmischen? Soll ich vorsichtshalber mit ihnen umgehen, als hätten sie ihre Tage, und gleichzeitig aber auch, als hätten sie diese Tage nicht? Werden von mir Vorschläge erwartet zu einem Thema, von dem ich gar nicht zu glauben brauche, dass jemand auf meine Vorschläge wartet? Soll ich Frauen der 80er anders behandeln als welche der 2000er Jahre?

Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag
Illustration: Rinah Lang - Carlsen Verlag

Hier liegt der blinde Fleck von Langs Comic. Und dennoch: Lang setzt mir freundlicherweise nicht die Pistole auf die Brust, sie formuliert angenehm sachlich, drum kann ich mit dem blinden Fleck ganz gut leben. Als Mann ist das sowieso einfacher. Vermutlich.







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Die Outtakes (39): Diesmal mit 1 Comic-Legende, 1 gezeichneten Zwölftonmusik und 1 kinderfreundlichen Wuchtbrumme


Illustration: Moebius - avant-verlag
Illustration: Moebius - avant-verlag

Nerdiger Garagenfund


Moebius und ich finden wohl nicht mehr so recht zusammen. Das ist auch bei „Die hermetische Garage - Jäger und Gejagter“ nicht anders, einer deutschen Erstveröffentlichung. Optisch klappt das alles noch gut, den skurrilen Landschaften und Personen der Comic-Legende folgt man gern. Aber die Handlung… das ist schon nerdy im Quadrat. Hauptfigur Major Gruber muss sich einer mentalen „Nachsteuerung“ unterziehen, die dafür zuständige „Steuerfrau“ nimmt „eine Osmoplastase paradoxaler Sequenz vor“, und so geht das weiter. Moebius kippt eimerweise erfundenes Fachchinesisch über den Lesern aus, es erinnert an die Geheimsprachen von Teenagern: Wer sie nicht kennt, kann halt nicht lachen, Pech für alle, die den Begriff der „hermetischen Garage“ nicht für einen unglaublichen Brüller halten. Es hilft auch nicht gerade, dass Moebius soviele Künstler beeinflusst hat, die einem ständig einfallen – und die mehr aus seiner Kunst gemacht haben. Geof Darrow hat die absurden Bildwelten auf die Spitze getrieben und mit schwarzhumoriger Gewalt geschickt unterfüttert. Charles Burns hat das unheimlich-beklommene perfektioniert, Enki Bilal und Star Wars haben den Stil gewieft kommerzialisiert, Gerhard Seyfried anarchisch humorisiert. Für Moebius selbst bleiben da nur die Verdienste des sehenswerten Pioniers.



Wo sich der Kult vom Weizen trennt

Illustration: Anke Feuchtenberger - Reprodukt
Illustration: Anke Feuchtenberger - Reprodukt

Feuchtenberger spaltet diesmal gleich doppelt, wegen dem Titel: „Der Spalt“. Gesammelte Kurzgeschichten im Großformat sind drin, Feuchtenberger assoziiert recht frei zu Aufenthalten in Paris, Rom, ihrem Hund. Es ist wieder sehr viel Kunst und Kunstwille im gar nicht mal so bunten Kessel, aber das gehört hier halt zum Konzept: dass das Publikum nicht immer die erste Priorität hat. Gibt’s ja öfter, bei Film, Malerei, Theater, Pop. Ist ein bisschen wie bei der Zwölftonmusik. Aber da trennt sich halt auch der Kult vom Weizen: Entweder man ist Fan. Oder man reibt sich das Kinn und sagt: „Hmm, interessant.“ Oder man tut nicht mal das. Weil es so viele Comics gibt, die unterhaltsamer sind und trotzdem nicht komplett kunstfrei.


Gas geben statt Nachdenken

ZURÜCK ZUR NATUR MIT 18.000 PS          Illustration: Jakob Martin Strid - Antje Kunstmann Verlag
ZURÜCK ZUR NATUR MIT 18.000 PS Illustration: Jakob Martin Strid - Antje Kunstmann Verlag

Ein Phänomen: Dieser Band ist so schön wie verheerend, kein richtiger Comic, aber geht in die Richtung und, vor allem, verkauft er sich trotz Hochpreis (68 Euro) wie geschnitten Brot. Es könnte also was für Sie sein! Weil: Die Optik ist beeindruckend, Robert Crumb meets Janosch meets Ali Mitgutsch. Der Däne Jakob Martin Strid nimmt uns in „Der fantastische Bus“ mit in eine Stadt der Zukunft, die aussieht wie eine der Gegenwart, böse Unternehmer reißen die Häuser der Guten einfach ab, die daraufhin mit einem Superbus wegfahren, um nebenbei eine Wunderblume zu finden, mit der alle Menschen gesund werden. An vielem dabei kann man sich kaum sattsehen, im Gigaformat werden Häuser und vor allem der Bus ausgebreitet, zerlegt, mit so vielen Details, wie man es sich als jetziges und einstiges Kind nur wünscht. Zugleich ist der Band ein derartiger Batz von Wohlfühlquatsch und Realitätsverweigerung, dass einem die Augen tränen. Und das nicht nur, weil er in einer Welt spielt, die problemlos einen Atomkrieg überlebt hat. Er beklagt die Umweltverschmutzung der Städte und findet die Lösung in einem Bus mit gigantischen Diesel- und Benzinmotoren, die auch eine Klimaanlage befeuern. Mit dem Mega-Treibhaustriebwerk fahren wir alle aufs Land in die herrliche Natur, dort rauchen wir einen Joint und alles ist gut, weil… ??? Wieso fahren eigentlich nicht längst alle in die herrliche Natur? Und warum liegt nach dem Ende der Welt die ganze Natur noch so herrlich herum? Man darf angesichts der überwältigenden Ausführung vor allem eins nicht: nachdenken. Weil einem dann der Mund offen stehen bleibt, wie Strid hier ohne Not lauter Probleme halbgar bis scheinbar anspricht und dann mit 18.000 PS überrollt. Aber Nachdenken ist ja kein Muss. Wer mag, gibt einfach Gas.






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Die heimlichen Bestseller (II): „Das Geheimnis der Quantenwelt“ macht die Teilchenphysik erstaunlich nachvollziehbar

Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag
Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.


Sechs Auflagen in zehn Jahren


Bei bestimmten Sachcomics bin ich skeptisch: Nämlich bei jenen, die versprechen, irgendwas Kompliziertes gut zu erklären. Nicht, dass das nicht möglich wäre, aaaber: Wenn’s so einfach geht – warum hat’s dann nicht schon jemand gemacht? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass jemand einfach noch einen weiteren Titel zum Zeitparadoxon raushaut, weil der Bedarf immer noch so groß ist? Es spricht also viel gegen „Das Geheimnis der Quantenwelt“ – mit einer Ausnahme: der Auflage. 2017 hat der Knesebeck-Verlag den Titel von Thibault Damour und Mathieu Burniat erstmals übersetzt, inzwischen haben die Münchner sechs weitere Auflagen nachgedruckt. Der Titel behauptet sich also nachhaltig am Markt. Wieso?


Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag
Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag

Der Start ist nicht so verheißungsvoll: Wir haben eine Art „Tim und Struppi“-Paarung, Bob und Rick, Helden einer fiktiven Comicserie – bis Rick bei einem Unglück stirbt. Der ausgestopfte Hundekumpel endet beim trauernden Bob auf dem Kaminsims (was mir schon besser gefällt) und treibt ihn posthum zur Quantenermittlung. Die führt durch eine Fantasywelt, bei der Bob lauter prominente Physiker trifft. Erzählerisch ist das recht konventionell, entscheidend ist jetzt: Bringen uns die Dialoge weiter?


Die Wasserwelle als Eiswürfelstrahl

Mal sehen: Von Max Planck lernen wir, dass Energie in Teilchen vorkommt. Sie fließt nicht stufenlos wie Wasser aus dem Hahn, sondern abgepackt, wie genormte Eiswürfel. Von Einstein kommt der Input, dass dies beim Licht nicht anders ist. Licht benimmt sich aber nicht nur wie ein Eiswürfelstrahl, sondern zugleich wie eine Flüssigwasserwelle.

Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag
Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag

Spannend wird’s, wenn man sich das im Labor ansieht: Wer einen Stein ins Wasser wirft, sieht, dass sich Wellen kreisförmig ausbreiten. Wer aber ein Teilchen beschießt, das von eiem Kreis von Detektoren umzingelt ist, merkt, dass nicht alle Detektoren auf die Welle reagieren, sondern immer nur einer. Und nicht mal immer derselbe, sondern immer ein anderer. Wie kann das sein?


Das Roulette der Realität

Eine Menge kluger Köpfe haben dafür eine gewitzte Erklärung gefunden: Sie sagen, dass alle Detektoren reagieren – aber wir kriegen’s immer nur von einem mit. Weil jede Veränderung dafür sorgt, dass das gesamte System anders schwingt. Es ist ein bisschen wie beim Roulette: Sie wählen unter den 36 Nummern die „15“, und es entstehen 37 (Zero nicht vergessen!) Welten. In einer davon haben Sie gewonnen, in 36 nicht.

Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag
Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag

Der verführerische Vorteil der Erklärung: Es gibt keinen Zufall mehr, kein Glück, kein Pech. Und Gott spielt auch nicht mehr mit. Alles, was passieren kann, passiert. Die Frage lautet nicht mehr: Wie wahrscheinlich ist ein Sechser im Lotto? Sondern: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in derjenigen Welt sind, in der Ihre Zahlen stimmen? Denn rund 14 Millionen Varianten von Ihnen gewinnen nicht.


Geduldige Zusammenfasser

Nicht immer versteht man alles, aber meistens doch recht viel. Was auch daran liegt, dass das Team aus Quantenphysiker (Damour) und Zeichner (Burniat) geduldig bleibt. Beide greifen nicht nur zuverlässig den Faden wieder auf, sondern fassen dabei öfter auch nochmal das bisher Erklärte in anderen Worten zusammen. Der Tonfall ist plaudernd, mild dozierend, ein Hauch Ironie ist dabei, ich bin sehr angenehm überrascht und hinterher kann ich Ihnen was drüber erzählen, das vielleicht sogar stimmt. Das Geheimnis eines dauerhaft erfolgreichen Buchs ist nicht zuletzt, dass die Kundschaft zufrieden ist. Das kann ich hier sehr gut nachvollziehen.



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