top of page

Comicverfuehrer

Die Outtakes (46): Mit 1 Sommer in Paris, 1 Meta-Manga und 1 schreckhaften Wohngemeinschaft

Illustration: JD Morvan/Madeleine Riffaud/Dominique Bertail - avant-verlag
Illustration: JD Morvan/Madeleine Riffaud/Dominique Bertail - avant-verlag

Sommer in Blau

Optisch bleibt alles bestechend im vierten Teil der Erinnerungen der Résistance-Kämpferin Madeleine Riffaud. Dominique Bertail erweitert seine grandiosen, in Blau getönten Pariser Ansichten um zahlreiche Sommernoten, vermutlich geprägt von der Einsicht, dass es in Paris unmöglich immer nur geregnet haben kann (auch wenn dann das Kopfsteinpflaster schöner glänzt). Szenarist JD Morvan lauschte der inzwischen verstorbenen Zeitzeugin routiniert erzählenswerte Episoden ab (wie die bitterlaunige von der Nichtaufnahme ins Militär, weil Madeleine nach Jahren des Untergrundkampfs noch immer zu jung war). Aber: Der Krieg ist weitgehend vorbei, man hat einen Eindruck von „Outtakes“, auch weil die zeitspringenden Episoden vermitteln, jetzt würde eben das verwertet, was zuvor für die Gesamtgeschichte nicht nutzbar war. Das ist nicht schlecht, ganz und gar nicht, und noch immer ist die Figur der kriegsgehärteten Madeleine ziemlich einzigartig. Das Problem ist: Die drei Bände davor waren wie aus einem Guss. JD Morvan (Szenario), Madeleine Riffaud (Text), Dominique Bertail (Zeichnungen), Madeleine, die Widerständige – 4. Der Engel des Todes, avant-verlag, 29 Euro

Bedächtiger Stift

Illustration: Minetaro Mochizuki - Reprodukt
Illustration: Minetaro Mochizuki - Reprodukt

Mancher mag’s ja nachdenklicher. Oder manche. Für dendie könnten dann Minetaro Mochizukis Grübeleien was sein. Mochizuki zeichnet in „No Comic No Life“ über die Gedanken, die er sich so beim Mangazeichnen macht. Sozusagen: Der Stift ist bedächtiger als das Schwert. Oder davor. Oder danach. Ob er Glück hat. Oder Pech. Und was seine Frau dazusagt. Mochizuki reflektiert „humorvoll“, sagt der Verlag, aber ich muss schon sagen, dass er den Humor allenfalls homöopathisch einspeist. Obwohl: Vielleicht hab ich alter Schenkelklopfer auch nichts geschnallt, weil’s zu dezent war. Wem weiland das geradezu groteske Depri-Elend von Yoshiharu Tsuges „Nutzlosem Mann“ gefiel, der könnte also hier richtig sein, aber obacht: Es ist schon noch zwei Grad introvertierter.



Fabelhafte Drehtür

Illustration: Émile Bravo - Reprodukt
Illustration: Émile Bravo - Reprodukt

Émile Bravos handliche Zwergbären-Häppchen gehen in Runde vier, und ich fürchte, die Geschichten um die pelzige Wohngemeinschaft zeigen Ermüdungserscheinungen. Munter geben sich auch im neuen Band die Märchenfiguren die Klinke in die Hand, Schneewittchen begegnet dem bösen Wolf und der französischstämmigen Eselshaut. Die Bremer Stadtmusikanten schauen auch noch vorbei, die reinste Drehtür der Märchenstars. Aber das Durchmischen der Figuren allein ist noch nicht witzig, und die Schreckhaftigkeit der Zwergbären nutzt sich leider recht schnell ab. Wie die Serie „Fables“ zeigt, steckt in der Methode viel mehr drin, aber man kriegt den Eindruck, dass Émile Bravo häufig in den falschen Ecken stöbert.





Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:







Sie illustriert, karikiert, remixt: Catherine Meurisses furioses Debüt „Delacroix“ erweckt Alexandre Dumas' Nachruf auf seinen Freund zu neuem Leben


„Delacroix“ ist ja mal was ganz anderes. Eine Deutschlandpremiere. Ein Welt-Autor schreibt über einen Weltmaler. Und das Ganze illustriert eine Comic-Granate. Dreimal Champions League. Klingt übertrieben? Ist es aber nicht. Lesen Sie selbst!

War das nicht der mit der Fahnentante?


Der Text ist von Alexandre Dumas. Kennen Sie sicher: Der mit den Drei Musketieren. Dem Grafen von Monte Christo. Kein Langweiler und trotzdem eine Hausnummer, oder? Der schrieb 1864 einen langen, schmunzelnden Nachruf auf seinen Freund Eugène Delacroix. Und den kennen Sie auch, hundertpro! Googeln Sie mal „Die Freiheit führt das Volk“. Und?

Illustration: Catherine Meurisse - Carlsen
Illustration: Catherine Meurisse - Carlsen

Ja, genau, der mit der Fahnentante. So, und für diesen Text von Dumas über den Maler Delacroix hat sich jetzt die Französin Catherine Meurisse eine Form überlegt. Die ist selbst auch alles andere als eine Trantüte: Sie hat für Charlie Hebdo gearbeitet, das Pariser Satireblatt, das niemals bremst. Spannend. Was macht also Meurisse?

Den Nachruf illustrieren, nicht kannibalisieren

Zum einen wählt sie die Karikatur. Darin ist sie schon mal prima. Ihr Stil ist ein bisschen Sempé, ein bisschen F.K. Waechter, ein bisschen Jean-Marc Reiser, schwungvoll hingerotzt und trotzdem treffend, boshaft und liebevoll zugleich. Sie garniert den Text mit Cartoons, und das so auszuwählen, dass Text und Pointen sich nicht kannibalisieren, das ist schon eine Kunst für sich. Aber Meurisse kann auch anders.

Illustration: Eugène Delacroix/Catherine Meurisse - Carlsen
Illustration: Eugène Delacroix/Catherine Meurisse - Carlsen

Sie skizziert Straßenszenen, Innenräume, sie ist eine versierte Illustratorin, erweckt das versunkene Paris und seine Gesellschaft wieder zum Leben. Und dann packt sie richtig aus. Denn statt die Gemälde von Delacroix einfach abzubilden, interpretiert sie sie neu. Und was sie da macht, ist einfach atemberaubend.


Delacroix remixt


Schon Delacroix war, wie man dem Text entnimmt, kein Trödler. Aber was Meurisse hinzaubert, ist pure Energie. Sie erfasst die Grundzüge jedes Bildes, reduziert es auf die Farben, die Helligkeit, die Form. Ihre Variante von Delacroix' Druck „Kopf eines Löwen“ sieht aus, als hätte sie dazu nur einen Besen ein paarmal in Farbe getaucht, schwarz, weiß grau, dreimal übers Papier geschrubbt – und alles ist da.


Illustration: Catherine Meurisse - Carlsen
Illustration: Catherine Meurisse - Carlsen

Meurisses Bilder mit Delacroix’ Originalen zu vergleichen, ist eine einzige Freude, die dazu führt, dass ich mich ganz nebenbei durchs Lebenswerk eines Malers klicke, den ich vorher kaum kannte. Und wenn einem das nicht reicht, gibt’s dazu noch eine Extrawurst. Ich hab Ihnen ja eine Deutschlandpremiere versprochen, oder?


Zuckerl aus der Übersetzerstube


Die ist das Zuckerl auf einem erstaunlichen Werk. Denn der Band ist nicht neu, sondern wurde wiederentdeckt. Es war Meurisses erste Veröffentlichung 2005, da war sie grade mal 25 Jahre alt. 2019 hat ihn Dargaud ausgebuddelt, auch Carlsen hat zum Finden etwas länger gebraucht. Und dazu passt eben das Zuckerl: Den Text von Dumas gab’s vorher nicht auf Deutsch.

Illustration: Catherine Meurisse - Carlsen
Illustration: Catherine Meurisse - Carlsen

Diese kleine Pionierleistung von Übersetzerin Lilian Pithan kriegen Sie dazu, einfach so. Und in der Erstauflage auch einen Kunstdruck von Meurisses Besen-Löwen. Was für ein Gesamtpaket! Catherine Meurisse (Zeichnungen), Alexandre Dumas (Text), Lilian Pithan (Üs.), Alexandre Dumas erzählt die Geschichte von Delacroix, Carlsen, 32 Euro


Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:






Knallbunt, düster, kindlich naiv: Bea Lemas „Der Leib Christi“ verbreitet gottesfürchtigen Horror mit Stift, Nadel und Faden


Ui, das ist clever. Und kommt zugleich so altbacken daher, dass man’s fast übersieht: Das Cover von „Der Leib Christi“ ist leicht angeraut und sieht aus wie eine furchtbar betuliche Stickarbeit. Hellgrauer Basisstoff, dann die dünn verdrahteten Stickfäden, wie bei Omma auf der Anrichte. Aber genau das wird Autorin Bea Lema tun: Sie wird uns einen Comic sticken. Und zwar einen sagenhaft guten Comic, der viel aufregender aussieht, als das Cover ahnen lässt.


Tablette statt Hostie


Illustration: Bea Lema - Reprodukt
Illustration: Bea Lema - Reprodukt

Dass die optische Tantigkeit doppelbödig ist, merkt man am Titelbild: Eine Betende mit Heiligenschein, die aber keine Hostie in den Mund geschoben kriegt, sondern eine Tablette. Und genauso doppelbödig geht’s los: Mit der Rückseite der Coverstickerei: Die jetzt aussieht wie ein Horrorzerrbild. Was genau aufs Thema verweist: die religiöse Paranoia einer Mutter.


Bunter Suizidversuch


Deren Selbstmordversuch den Anfang macht: Bunte Felsen an der spanischen Küste, mit gesticktem Meer drumherum, und die ratlose Tochter schaut zu. Und dann der Doppelwechsel: zum nüchternen Arztbericht. Und zum Farbstift. Weil Lema auch sehenswert layoutet, arrangiert, zeichnet.


Illustration: Bea Lema - Reprodukt
Illustration: Bea Lema - Reprodukt

Ihre erste Kindheitserinnerung: Mama bringt Vera (4) zu einer Einöd-Hexe im Wald. Das ist a) gruslig und b) optisch eine Augenweide. Drollige Figuren, ganz viel Weiß mit herbstbunten Farbtupfern, und das Haus der Hexe zeigt Lema zweidimensional, das sieht fast mittelalterlich aus. Die aufgeräumte geflieste Küche, die Regale mit der Wurstwerbung. Die Hexe hat einen Lebensmittelladen, weshalb im Austreibungskeller unter den Heiligenbildern auch die Bierkästen stehen.


Hexerei neben Einmachgläsern

Die Teufelsaustreibung neben den Einmachgläsern macht nichts besser, was vor allem daran liegt: Tochter Vera hat keinen Dämon, sondern TBC. Aber die Gottesmacke ist da bereits in der Mutter und wächst sich aus zur veritablen Teufelsmeise. Mutter wird depressiv, mag nicht mehr aus dem Bett, man darf nicht mehr laut sprechen, weil der Teufel überall ist und alles hört.


Illustration: Bea Lema - Reprodukt
Illustration: Bea Lema - Reprodukt

Den und die Teufel zeigt Lema kindgerecht, in ungemein attraktiv angelegten Seiten, umrankt von bunten Ornamenten. Selten war Horror so heimelig. Was auch deshalb funktioniert, weil die Folgen für die Familie ständig präsent sind. Für Vera, aber auch ihren Bruder, den die Mutter ständig der Drogensucht verdächtigt. Den Ehemann und Vater, der doch ganz bestimmt fremdgeht! Doch tatsächlich kommt er immer später heim, weil er den Irrsinn zuhause nicht mehr erträgt.


Was ist das Elend ansehnlich!


Tatsächlich versucht die Familie, Mutti ärztlich behandeln zu lassen, aber hier zeigt sich auch der echte Teufelskreis: Misstrauen gegen die Ärzte, gegen die Medikamente, die dann entweder gar nicht genommen werden oder plötzlich wieder völlig überhöht. Das Erstaunliche bei diesem Depri-Elend ist, wie gern man es als Leser trotzdem ansieht.


Illustration: Bea Lema - Reprodukt
Illustration: Bea Lema - Reprodukt

Bea Lemas Geschichte hat nämlich nicht nur einen ganz eigenen Sog, sie hat auch immer wieder neue Gestaltungsideen, bei denen man ihr schon fast so gerne zusieht wie bei Brecht Evens. Zeichnerisch, wenn sie ihre buntreduzierten Figuren zum Ein-Personen-Ballett auftanzen lässt. Und immer wieder auch in ihren Stickereien, die sie mal farbig mit Stoffen ergänzt, mal schwarz-weiß fertigt.

Der Stoff, aus dem die Bilder sind

Manchmal sind sie sauber vernäht, manchmal aber lässt sie darin Fäden stehen, die alles miteinander verheddern. Der Stoff, aus dem die Bilder sind, kommt aus der eigenen Biografie: Denn Nähen, Sticken ist Teil der Familienhistorie. Mama Lema war von klein auf Schneiderin, mit diesen Kenntnissen wanderte sie in die Schweiz aus, um dort zu jobben und ihren alkoholkranken Vater loszuwerden (dessen Sucht sich alsbald auch bei ihr selbst wieder einfindet).


Illustration: Bea Lema - Reprodukt
Illustration: Bea Lema - Reprodukt

Man mag kaum glauben, wie hell, wie farbenfroh und vielfältig sich eine derart finstere Geschichte erzählen lässt. Wie gern man diesen Comic in der Hand hat. Und wie gern ich ihn Ihnen in die Hand drücken würde. Weil's nicht nur gut ist, sondern auch wieder mal was richtig Neues.






Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:






Suchwortvorschläge
Kategorien

Keinen Beitrag mehr verpassen!

Gute Entscheidung! Du wirst keinen Beitrag mehr verpassen.

News-Alarm
Schlagwörter
Suchwortvorschläge
Kategorie
bottom of page