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Comicverfuehrer

  • vor 8 Stunden

Qualität setzt sich manchmal tatsächlich durch: Zwei große Auftritte für zwei Frauen, die sich was trauen

»Na, meine süßen rosa Freunde! Auf Euch freue ich mich wieder im Februar!« Ill.: H. Baumeister - Der Spiegel
»Na, meine süßen rosa Freunde! Auf Euch freue ich mich wieder im Februar!« Ill.: H. Baumeister - Der Spiegel

Da liest man irgendwelche Blogs, und was hat man davon? Letztlich gibt ja doch nur wieder irgendwer seinen unmaßgeblichen Senf zu irgendwas, oder? Möglich, aber: nicht hier. Not here. Pas ici, cömmle Frongsäh sö sägen. Denn was findet sich da auf dem letzten SZ-Magazin?

Illustration: Tara Booth - SZ-Magazin
Illustration: Tara Booth - SZ-Magazin

Das verdächtig vertraute knallbunte Bild einer mental sehr ausgelasteten Frau. Und tatsächlich: Es ist von Tara Booth, die ich Ihnen hier ans Herz gelegt habe. Ist ungefähr ein Jahr her. Darf die doch tatsächlich die Cover-Story des SZ-Magazins vom 22. Mai illustrieren. Tusch!


Hochriskant, querverbeult


Wo wir grad dabei sind: Erinnern Sie sich noch an die großartige Helena Baumeister? Ihr Debüt ist knapp drei Jahre her, hier wurde es gelobt und beim Münchner Comic-Festival bekam sie dann dafür auch gleich noch einen Peng-Preis. Und jetzt? Seit noch gar nicht so langem zeichnet sie ihre hochriskanten, querverbeulten Cartoons regelmäßig für den „Spiegel“.

Naja, ich dachte nur, ich sag's Ihnen. Nicht dass Sie denken, dass Sie hier nur Ihre Zeit verplempern...

»Aachtung! Einwurf Feedback! Marsch! Abtreten!« Illustration: Helena Baumeister - Der Spiegel
»Aachtung! Einwurf Feedback! Marsch! Abtreten!« Illustration: Helena Baumeister - Der Spiegel



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Die heimlichen Bestseller (IV): Jiro Taniguchis Krimi „Die Stadt und das Mädchen“ zeigt düstere Einblicke in Japans Teenie-Prostitution

Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser
Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.


Alle Taniguchis in einem Topf


Jiro Taniguchis „Die Stadt und das Mädchen“ ist eine gute Gelegenheit. Nicht zuletzt für mich selber. Weil Taniguchi (1947-2017) zwar einer der ganz großen Namen ist, die sich weit über den Mangabereich hinausgezeichnet haben. Aber ich hab mit ihm noch nie viel anfangen können und stattdessen alle Taniguchis in einen Topf geschmissen. Ein Fehler, wie die „Die Stadt und das Mädchen“ zeigt, von der inzwischen die vierte Auflage verkauft wird.

Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser
Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser

Im Grunde handelt es sich hier um einen Krimi. Kein Thriller, aber ein guter, geduldiger Krimi. Der Bergsteiger Shiga muss nach Tokio, weil dort seine Nichte verschwunden ist. Ihr Vater war Shigas Bergsteigerkumpel, und Shiga hat ihm vor dessen Tod versprochen, sich um Frau und Kind zu kümmern. Taniguchi macht jetzt eines gut und etwas anderes richtig

Betatschen gegen Geld

Gut macht er, wie fast immer, die Szenerie. Superrealistisch zeichnet er den Megamoloch Tokio, in dessen Straßen sich Shiga auf die Suche macht. Und richtig ist, dass sich Taniguchi dafür ungewöhnlich viel Zeit nimmt. Rund 50 Seiten lang lässt er Shiga vergeblich suchen, die Einkaufsstraßen abklappern, die Jugendszene, die Clubs. Er beleuchtet die Gegenden, wo die 14-Jährigen abhängen, die sich schon sehr erwachsen fühlen und gern älter wären.

Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser
Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser

Es wird schnell klar, dass es hier eine Schmuddelszene gibt, wo Mädchen Geld verdienen können, wenn sie sich betatschen lassen oder auch mehr. Aber das macht die Nichte nur noch schwerer auffindbar, weil keine(r) dem Onkel was sagen mag. Dass Shiga so lesbar, spürbar, fühlbar lange nicht vorankommt, macht die Geschichte authentisch. Erst jetzt baut Taniguchi einige hilfreiche Elemente ein, damit’s weitergeht.


Widerlich, abstoßend, also bester Reportagenstoff


Und erst jetzt kommen so ein paar Sachen dazu, die ein wenig gewollt wirken. Denn warum muss Shiga ein Bergsteiger sein? Weil Taniguchi an Bergsteigergeschichten einen Narren gefressen hat. Was selbstverständlich bedeutet, dass der Bergsteiger irgendwann in der Story auch bergsteigen muss. Aber Bergsteigen in der HiTech-Stadt, das hat schon wieder was.

Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser
Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser

Dass sowas sich gut verkauft, kann ich verstehen. Trotz der Manga-Leserichtung ist dieser Taniguchi sehr gut verträglich. Ganz konservative Panels, supersauber gezeichneter Buck-Danny-Realismus, das fühlt sich schnell vertraut an. Die Handlung ist zügig, aber nicht hektisch, die Gesichter nur leicht mangaesk. Und diese Jungmädchenszene ist zugleich widerlich abstoßend, leicht verrucht, leicht naiv, das ist also genau das Material, bei dem man auch in seriösen Doku-Reportagen hängenbleibt. Einige alte Taniguchi-Vorbehalte bestätigen sich für mich allerdings auch hier.


Schwächen, die vielleicht keine sind


Die beschränkte Mimik muss man mögen. Es gibt nur einen Gesichtsausdruck für „besorgt“, einen für „wütend“, das hat für mich immer wieder was Fabrikartiges, Vorgefertigtes. Um so mehr, als Taniguchi kein einfallsreicher Dialogregisseur ist. Was zu Punkt drei führt: Taniguchis Personen haben oft etwas Statisches. In Dialogen sowieso, aber auch bei Actionsequenzen wirken die Bilder oft eingefroren. Während viele Zeichner geradezu eine Kunst daraus machen, in Bilder Bewegungen hineinzuschummeln, die eigentlich nicht da sind, kleben bei Taniguchi Kletterer an den Wänden wie Actionfiguren im Kinderzimmer: Sie halten die Pose, mehr nicht.


Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser
Illustration: Jiro Taniguchi - Schreiber & Leser

Aber Taniguchi-Fans ist das nicht fremd: Wahrscheinlich mögen sie es sogar genauso, wie es ist. Und das sind, wie erwähnt, nicht nur ein paar Nerds, von denen gibt es wirklich viele weltweit, es ist also gut möglich, dass Sie damit sehr gut klarkommen. Und auch für mich bleibt hier eine Geschichte, deren Stärke die anderen Schwächen mehr als wettmacht.



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Was ist das für ein Land, das die USA und Israel gerade (nicht)bombardieren? Wie lebt sich's da? Zwei Comics beleuchten die Diktatur am Golf


Es ist zum Irrewerden: Die US-Kriegsführung ist so grauenhaft doppel- und dreifachdoof, dass man immer wieder aus dem Blick verliert, was für mörderische Typen da eigentlich im Iran seit 40 Jahren mit aller Gewalt an der Macht sind. Dass da nicht Böse über Gut herfällt oder Übel gegen Mittel kämpft, sondern Arsch gegen Arsch. Und der Iran selbst? Was ist das eigentlich für ein Land? Wie lebt sich's da? Zwei Comics helfen bei der Einordnung.

Mit dem Vater auf Wurzelsuche


Der ungewöhnlichere ist „Wind in meinem Kopftuch“ von Roya Soraya. Weil Soraya einen sehr persönlichen Blickwinkel einnimmt: Sie erinnert sich an eine Iran-Reise von 2019, mit ihrem Vater. Er ist Perser, seine Familie floh nach der 79er Revolution und Tochter Roya denkt von klein auf, sie müsste da mal hin. Mit Anfang 20 ist es soweit, Papa fährt mit, weil er die Sprache kennt. Es ist sofort klar, dass dies kein Standard-Vater-Tochter-Urlaub wird.

Illustration: Roya Soraya - Carlsen
Illustration: Roya Soraya - Carlsen

Roya besorgt sich ein neues, leeres Handy, damit keine verräterischen Bilder oder Messages auffindbar sind – Roya ist lesbisch (aber im Iran empfiehlt sich ein leeres Handy auch für Nichtlesben). Sie muss vom Flughafen an das Kopftuch tragen. Und dann… wirkt alles einerseits erträglich. Andererseits ist überall dieser Überwachungsdruck. Im Bus sitzen die Männer käfigartig getrennt von den sackartig verhüllten Frauen. Ein Eis leckt Roya besser nur innen, es könnte ja wer die Zunge sehen. Und nicht mal zum Scherz kann man im Lift zur Fahrstuhlmusik tanzen – wer weiß, ob da Kameras sind? Und wer will schon mit den Revolutionswächtern über Witze streiten?


Geliebte Steinzeit-Heimat


Das Paradoxe ist: Roya mag den Iran. Es fühlt sich für sie tatsächlich besonders an, heimatlich. Es gibt schöne, Jahrhunderte, Jahrtausende alte Stätten, sie liebt das Essen. Sie genießt die Verbundenheit, die Nähe zu ihrem Vater, auch ohne zu ahnen, dass diese Reise die letzte mit ihm sein wird: Er stirbt kurz darauf, sie zeichnet den Comic beim Auflösen seiner Wohnung. Und so transportiert der Comic zugleich die Wehmut des Abschieds, die Erfüllung eines Traums und das bedrückende Leben im Iran. Nicht nur für Frauen.

Illustration: Roya Soraya - Carlsen
Illustration: Roya Soraya - Carlsen

Denn auch Royas Vater ist es extrem unangenehm, wenn er seine Tochter durch eine Heimat führen muss, die in geistiger Steinzeit festgehalten wird. Sorayas berührende Beobachtungen treffen emotional und politisch: Weil auch klar wird, dass die Trump-Kamarilla gerade diese Terrorregierung dieses Landes so richtig im Sattel festschweißt. Übrigens exakt dieselbe Kamarilla, die keinen Finger rührte, als die iranische Bevölkerung im Winter aufbegehrte.


Die deformierte Glaubensgemeinschaft

Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne
Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne

Wer wissen will, wohin eine Gesellschaft driftet, die dauerhaft so regiert wird, dem kann man Maya Neyestanis acht Jahre alten Comic „Die Spinne von Maschhad“ empfehlen.

Maschhad ist die zweitgrößte Stadt des Iran, sie ist religiös extrem bedeutend, weil man dort den Schrein des Imam Reza um alles bitten kann, was die Leute sich hierzulande von Altötting erhoffen. Zugleich liegt die Stadt aber auch nahe am Drogenexportland Afghanistan.


Für Drogen auf den Strich


Natürlich sind Drogen auch im Iran attraktiv, vielleicht sogar besonders: In einem öden Verbotsparadies geht man nicht aus, da bleibt man daheim und knallt sich weg. Und weil der Glaubensknast als wirtschaftliches Fiasko kaum gute Jobs bietet, finanzieren nicht wenige Männer im Iran ihre Drogen, indem sie die eigene Frau zum Anschaffen schicken. Was in einem Gottesstaat nicht nur doppelt verwerflich ist, sondern auch doppelt gefährlich.

Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne
Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne

Neyestani erzählt nun die Geschichte des unscheinbaren Maurers Said Hanai, der 16 dieser drogenabhängigen Prostituierten vom Straßenstrich mit nach Hause nahm und dort erwürgte. Die Begründung: das sei Gottes Wille. Nach zwölf Monaten wird Hanai erwischt und zum Tode verurteilt. Begründung: Über Gottes Willen entscheiden Mullahs, nicht Maurer. Gegen das Urteil protestierten zahlreiche Iraner, weil nach (damals zwei, heute fast fünf) Jahrzehnten der Mullah-Herrschaft dort eine Menge Männer wie Hanai weder mit Frauen sprechen noch ihnen irgendeine Form von Freiheit zugestehen.


Frauensolidarität als Mangelware


Offenbar sind aber auch viele Frauen (wie Hanais lieblos hinvermittelte Gattin) der Ansicht, als Frau verdiene man bei Ungehörigkeit den Tod. Ob sie stille Komplizin war, weiß man nicht – aber um 16 Morde im eigenen Haus zu übersehen, müsste ein Amateurkiller schon sehr professionell arbeiten.

Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne
Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne

Neyestani erfindet all das nicht, er adaptiert einen Dokumentarfilm über den Fall inklusive eines Interviews mit dem Mörder. Dabei ergänzt er das Material fantasievoll, etwa mit einem Staatsanwalt, der zuhause die Risse im Putz hinter Koran-Kalligraphien versteckt. Hier weiß man gar nicht, worüber man am meisten staunt.


Nachahmungstäter aus Amerika


Darüber, dass eine Diktatur, die einem alles nimmt, die alles kontrolliert, ausgerechnet bei Drogen versagt? Oder über die Parallelen zu den USA, die nicht nur sehr ähnliche Drogenprobleme haben, sondern gleichfalls auf dem Weg in einen faschistoiden Gottesstaat sind. Der Frauen für ein zweitklassiges Übel hält, die man leider auch einladen muss, wenn sie blöderweise Olympia gewinnen. Weil sie eigentlich in die hintere Hälfte des Busses gehören. Genau wie im Iran.





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