Walverwandtschaften
Die heimlichen Bestseller (VII): Nichts geht besser als „Moby Dick“. Bei Splitter ist die Story gleich dreimal am Start

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Der Dauerbrenner
Herman Melvilles „Moby Dick“ ist ein unerschütterlicher Klassiker. Die skurrile Walfangwelt, der besessene Kapitän Ahab und der gigantische Pottwal über der endlos abgründigen See wurde bereits ein gutes Dutzend Mal verfilmt – und der Splitter-Verlag hat jetzt gleich drei Varianten im Programm. Eine davon ist sogar ein richtiger Dauerbrenner.

2014 wurde der Band von Olivier Jouvray und Pierre Alary auf Deutsch veröffentlicht, und von Anfang an besticht er durch eine anspruchsvolle Niedrigschwelligkeit. Wenn der einsam überlebende Ismael bewusstlos über das geradezu sandgelbe Meer treibt, schaut man gerne über die Doppelseiten. Die Charaktere sind sofort disneytauglich-gefällig, die Erzählung steuert auf den ersten Prüfstein zu: die unfreiwillige Übernachtung Ismaels mit dem furchteinflößenden Harpunier Queequeg.
Wofür gab's nochmal das Goldstück am Mast?
Jouvray/Alary wählen einen halbkomödiantischen Tonfall. Hm. Die Dialoge sind modern, und dann nagelt Ahab die Golddublone an den Mast, die es für das Erlegen des Weißen Wals gibt, weil – hä? Gab’s die Dublone nicht immer für das Erspähen des Wals?

Nein, hier nicht. Und nicht nur wegen solcher Details entpuppt sich diese Variante als Leichtgewicht, dessen größte Herausforderung in der Länge besteht. Die 120 Seiten ziehen sich, auch weil es den Autoren nicht gelingt, das Faszinosum Ahab herauszuarbeiten. Der Mann wird hier so ausdauernd bezweifelt, dass man sich fragt, warum ihm eigentlich alle in den Untergang folgen. Weil’s sonst grad nichts zu tun ist?
Solider Fernsehstandard
Ähnlich oberflächlich sind die Bilder: Meer, Sturm, Wal, all das kommt den Standardbildern einer Fernsehverfilmung nahe, obwohl man genau weiß, dass da mehr Potential drinsteckt. Woran liegt’s? Die Lösung verrät der nächste Band – auf gut 70 Seiten weniger und 25 Jahre früher.
Die raffinierte Sparversion

Der eigenwillige Collagekünstler Bill Sienkiewicz kam 1990 mit einer Albumlänge aus. Und er zeigt eine Menge von dem, was Jouvray/Alary weggelassen und umgemodelt haben. Die Übernachtung mit Queequeg gibt’s nicht über acht Seiten, sondern in einer Handvoll düsteren Panels, der Schock kommt in den Voice-Over-Text. Und siehe da: Wo bei Jouvray noch am anderen Morgen Ismael zerrüttet zum Frühstück tappt, lesen wir hier: „Nie im Leben habe ich besser geschlafen“.
Das Original bestätigt: Sinkiewicz
Wer hat nun recht? Wer ins Original sieht, stellt fest: Sienkiewicz. Der zudem jedesmal die bessere Lösung findet: Viel vom Original packt er ins Voice-Over, seine faszinierend düster-apokalyptischen Bilder liefern dazu jede Menge Spielraum fürs Auge.

Damit ist er nicht nur authentischer, er gewinnt Platz für Details, die man nicht so kennt: Die Stelle, als Ahab die „Pequod“ mit zwei Walköpfen ausbalanciert, einem Pottwal, einem Glattwal. Dass die Wale als unterschiedlich wertvoll gelten. Eine Art Info-Grafik, welcher Wal wieviel Öl enthält. Überhaupt die Technik des Wal-Zerlegens.
Atmo und Motive statt „Leute in Booten“
Sienkiewicz findet auf 50 Seiten Raum für Text, der nicht nur authentisch ist, sondern spannend, lohnend und auch noch unerwartet. Dass die „Pequod“ deutscher Walfangkonkurrenz begegnet, die vor allem durch Ahnungslosigkeit besticht, ist mir trotz einiger Filmversionen neu. So transportiert Sienkiewicz aber Atmosphäre und Motive. Jouvray/Alary zeigen hingegen dauernd nur Leute in Booten.

Die Lebensbilanz von Ahab kannte ich nicht, Sienkiewicz lässt ihn ganzseitig über einem düsteren Portrait sinnieren: „Ich fühle mich waidwund, gebeugt und bucklig, als wäre ich Adam, der unter der Last der Jahrhunderte seit dem Paradies ins Stolpern gerät.“ Es muss nicht erwähnt werden: originalgetreu. Und trotz dieser enormen Fülle kriegt (anders als bei Jouvray/Alray) der auftauchende, das Boot zerschmetternde Wal eine ganze Doppelseite, dass man sich beim Lesen die Gischt von der Brille wischen will. Wie gut Szienkiewicz aber wirklich ist, erfährt man aber erst beim Vergleich mit der neuesten Walverwandtschaft.
Der Plemperer

Splitters „Moby-Dick“-Offensive komplettieren die 250 nagelneuen Seiten von Chabouté. Dem bin ich schon mehrfach begegnet, weil er auf Anhieb immer wieder attraktiv wirkt und durchaus meeresaffin ist. Das Cover ist ausgezeichnet: Der Blick von unten hinauf in den Mast, wo der Posten einen Wal erspäht. Man sieht: Chabouté kann Segelschiffe und Takelage. Und: Es soll episch werden. Das sieht man an der Wiese.
Bedeutungsvolle Grünanlage
Auf den ersten vier Seiten sehen wir erst die Wiese, über die Ismael nach Nantucket wandert. Dann drei Panels mit der Wiese und Ismael, kleiner werdend. Dann nochmal acht Panels mit derselben Wiese. Manchmal mit Möwen dazu. Ist das nun bedeutungsvoll? Oder nur zwölfmal dieselbe Wiese?

Die Ankunft in Nantucket im Schneegestöber. Ismael kommt ins Gasthaus und spricht mit dem Wirt. Ismaels schmolliges Gesicht erinnert ein wenig an den Muppet Beaker. Was eigentlich gar nicht so gut passt zu jemandem, der sich durchaus aufs Walfangabenteuer freut. Das klärt sich aber in der Kirchenszene auf: Die Kirche ist voller Beakers.
Schlechtgelaunter Strumpf
Kann es sein, dass Chabouté nicht nur Wiesen mehrfach zeigt, sondern auch Gesichter? Tatsächlich sind die Beakers überall, bei Chabouté haben eine Menge Leute dieses seltsame Mienenspiel von einem schlechtgelaunten Strumpf. Wer kein Beaker ist, hat dafür die Augen weit offen wie staunende Vierjährige. Was zu einem lauen Frühlingspicknick ja passt, auf hoher See bei Sturmböen aber eher nicht. Hm. Und je mehr man mäkelt, desto mehr fällt einem auf.

Die Gesichter wiederholen sich, die Bilder noch mehr. Wenn sie den einbeinigen Kapitän in den Mast hieven, damit er selber Ausschau halten kann, ist das zwar optisch stark. Aber Chabouté zeigt es uns neunmal, aus demselben Winkel. Das ist nicht opulent, das ist das Fehlen von Bildregie. Was man auch an den fehlenden Splashes sieht.

Das Splash, ein über die ganze Seite oder gar Doppelseite gezogenes Panel, ist immer eine Entscheidung für ein Bild – und gegen viele andere. Splashes brauchen Mut, weil man damit auch daneben liegen kann. Chabouté liefert 250 Seiten lang so gut wie keines. Und das in einem Comic, der von großer Landschaft und gigantischen Tieren nur so wimmelt. Ich meine, wir sprechen hier von fucking Moby Dick! Aber gut, was kriegt man denn dann auf den 250 Seiten, was man woanders nicht kriegt?

Den halbmunteren Schrumpfkopf-Dialog zu Beginn, den andere weglassen. Naja. Die Erklärung, wie Ahab eigentlich im riesigen Pazifik den einen Wal finden will – und findet. Okay, das war mir nicht so klar. Aber das war’s denn auch schon, und das ist dann, ehrlich gesagt, ziemlich ärgerlich: Weil Chaboutés Variante mit Abstand den meisten Platz hat und am meisten kostet.
Chabouté (Zeichnungen, Adaption), Herman Melville (Vorlage), Ulrich Pröfrock (Üs.), Moby Dick, Splitter Verlag, 39,80 Euro

