Dauerfeuernde Räuberpistole
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Die heimlichen Bestseller (V): Opulente Optik, turbulente Wendungen – wie „Skarbek“ geschickt über seine Schwächen hinwegunterhält

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.
Ein Schuss Erotik, zwei Schuss Exotik
„Skarbek“ wird gerade in der ersten Auflage verkauft, eigentlich passt das nicht in die Serie, aber: Nur die Gesamtausgabe erscheint gerade neu. Seit 2006 gab es den Zweiteiler einzeln, jetzt geht der Verlag (obacht, Wortspiel!) aufs Ganze. Verständlich, denn „Skarbek“ ist eine richtige Räuberpistole. Und das sogar in doppelter Hinsicht. Denn einerseits steckt in den über hundert Seiten ein opulenter Kracher, mit viel Atmosphäre und Radau, einem Schuss Erotik und zwei Schüssen Exotik. Aber andererseits vermeidet das Racheepos immer wieder die gefährlichsten Untiefen.

Im Grunde ist „Skarbek“ eine Graf-von-Monte-Christo-Erzählung. Der polnische Graf Skarbek kommt 1843 nach Paris, knüpft dort Kontakte in die Kunstszene und enthüllt: Er besitzt über 200 Bilder des toten Malers Louis Paulus. Eine Sensation, denn eigentlich ging man davon aus, alle Paulus-Bilder wären bekannt und gehörten dem Kunsthändler Northbrook. Doch um genau den geht es Skarbek.
Der Graf ist nicht der Graf ist doch der Graf?
Er könnte mit seinen Bildern den Markt überschwemmen und den Preis ins Bodenlose senken. Doch er will etwas anderes: Northbrook ruinieren. Seine Kunden sollen ihn verklagen, weil er fälschlicherweise behauptete, er hätte alle Paulusbilder. Sein Plan gelingt, und vor Gericht enthüllt Skarbek natürlich, er sei … Paulus selbst. Der nicht tot ist, sondern sich nach Amerika absetzte und dann – von Piraten entführt wurde!

Man könnte jetzt denken: „Jaaa klar, Alter, Piraten. Geht’s noch?“ Denkt man aber nicht. Das Szenario von Yves Sente blendet zu grell. Der Graf etwa muss sich überhaupt nicht einführen, weil das für uns zwei Ausstellungsbesucher aus dem Off tun, der Graf muss nur durch die großartige Hafenlandschaft, die Stadt, die Villen und Galerien stolzieren. Und weil's auch noch ein Gerichtsthriller ist, schluckt man wie ein braver Zuschauer jede Wendung und Windung. Nicht neu, viele Taschenspielertricks, aber gut vorgeführt.
Motto: Rechtzeitig den Schauplatz wechseln
Die wunderbare Kunst von Paulus – wir sehen sie nicht wirklich. Es sind recht viele nackte Frauen dabei, deutlicher wäre platt, und Sente mag die immer wieder auftauchende Erotik gerade eben nicht breitwalzen. Wie er überhaupt nirgends zuviel Zeit verbringt: Nicht im Gerichtssaal, nicht in den Palästen, den Ausstellungen. Vielleicht schätzt er auch die Fähigkeiten seines Zeichners korrekt ein.

Grzegorz Rosinski zeichnet keinen supersauberen frankobelgischen Stil, und wenn es manchmal präzise sein soll, gelingt das gar nicht so gut. Aber Hafengetümmel, vollbesetzte Gerichtssäle, Nacht- und Nebel, Schlachtgewimmel, Straßenszenen, die Karibik, da blüht er richtig auf und Sente gibt ihm dazu reichlich Gelegenheit.
Weniger Text, mehr für die Augen
Immer wieder schaltet er Panels ohne Text dazwischen, erzählt aus dem Off – beide rücken ihre Stärken geschickt in den Vordergrund. Und deshalb können sie sich viel erlauben: Der Graf ist der Maler ist...der Mörder oder nicht, wir sind in einem bizarren Piratenpalazzo in der Karibik und Fréderic Chopin und Alexandre Dumas müssen auch noch mit rein.

Wohlgemerkt: Man checkt sehr wohl, dass da arg dick aufgetragen wird. Aber es unterhält einen eben so gut. Weil man sich in dieser künstlichen Umgebung gern aufhält: Sie erinnert an Straßenszenen oder Landschaften in Museen – bietet aber dazu eine muntere Geschichte.
