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Comicverfuehrer

Die heimlichen Bestseller (V): Opulente Optik, turbulente Wendungen – wie „Skarbek“ geschickt über seine Schwächen hinwegunterhält

Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser
Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat am Ende mitunter fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.

Ein Schuss Erotik, zwei Schuss Exotik


„Skarbek“ wird gerade in der ersten Auflage verkauft, eigentlich passt das nicht in die Serie, aber: Nur die Gesamtausgabe erscheint gerade neu. Seit 2006 gab es den Zweiteiler einzeln, jetzt geht der Verlag (obacht, Wortspiel!) aufs Ganze. Verständlich, denn „Skarbek“ ist eine richtige Räuberpistole. Und das sogar in doppelter Hinsicht. Denn einerseits steckt in den über hundert Seiten ein opulenter Kracher, mit viel Atmosphäre und Radau, einem Schuss Erotik und zwei Schüssen Exotik. Aber andererseits vermeidet das Racheepos immer wieder die gefährlichsten Untiefen.


Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser
Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser

Im Grunde ist „Skarbek“ eine Graf-von-Monte-Christo-Erzählung. Der polnische Graf Skarbek kommt 1843 nach Paris, knüpft dort Kontakte in die Kunstszene und enthüllt: Er besitzt über 200 Bilder des toten Malers Louis Paulus. Eine Sensation, denn eigentlich ging man davon aus, alle Paulus-Bilder wären bekannt und gehörten dem Kunsthändler Northbrook. Doch um genau den geht es Skarbek.

Der Graf ist nicht der Graf ist doch der Graf?


Er könnte mit seinen Bildern den Markt überschwemmen und den Preis ins Bodenlose senken. Doch er will etwas anderes: Northbrook ruinieren. Seine Kunden sollen ihn verklagen, weil er fälschlicherweise behauptete, er hätte alle Paulusbilder. Sein Plan gelingt, und vor Gericht enthüllt Skarbek natürlich, er sei … Paulus selbst. Der nicht tot ist, sondern sich nach Amerika absetzte und dann – von Piraten entführt wurde!


Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser
Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser

Man könnte jetzt denken: „Jaaa klar, Alter, Piraten. Geht’s noch?“ Denkt man aber nicht. Das Szenario von Yves Sente blendet zu grell. Der Graf etwa muss sich überhaupt nicht einführen, weil das für uns zwei Ausstellungsbesucher aus dem Off tun, der Graf muss nur durch die großartige Hafenlandschaft, die Stadt, die Villen und Galerien stolzieren. Und weil's auch noch ein Gerichtsthriller ist, schluckt man wie ein braver Zuschauer jede Wendung und Windung. Nicht neu, viele Taschenspielertricks, aber gut vorgeführt.

Motto: Rechtzeitig den Schauplatz wechseln


Die wunderbare Kunst von Paulus – wir sehen sie nicht wirklich. Es sind recht viele nackte Frauen dabei, deutlicher wäre platt, und Sente mag die immer wieder auftauchende Erotik gerade eben nicht breitwalzen. Wie er überhaupt nirgends zuviel Zeit verbringt: Nicht im Gerichtssaal, nicht in den Palästen, den Ausstellungen. Vielleicht schätzt er auch die Fähigkeiten seines Zeichners korrekt ein.


Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser
Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser

Grzegorz Rosinski zeichnet keinen supersauberen frankobelgischen Stil, und wenn es manchmal präzise sein soll, gelingt das gar nicht so gut. Aber Hafengetümmel, vollbesetzte Gerichtssäle, Nacht- und Nebel, Schlachtgewimmel, Straßenszenen, die Karibik, da blüht er richtig auf und Sente gibt ihm dazu reichlich Gelegenheit.

Weniger Text, mehr für die Augen


Immer wieder schaltet er Panels ohne Text dazwischen, erzählt aus dem Off – beide rücken ihre Stärken geschickt in den Vordergrund. Und deshalb können sie sich viel erlauben: Der Graf ist der Maler ist...der Mörder oder nicht, wir sind in einem bizarren Piratenpalazzo in der Karibik und Fréderic Chopin und Alexandre Dumas müssen auch noch mit rein.


Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser
Illustration: Yves Sente/Grzegorz Rosinski - Schreiber & Leser

Wohlgemerkt: Man checkt sehr wohl, dass da arg dick aufgetragen wird. Aber es unterhält einen eben so gut. Weil man sich in dieser künstlichen Umgebung gern aufhält: Sie erinnert an Straßenszenen oder Landschaften in Museen – bietet aber dazu eine muntere Geschichte.



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Wie gut ist das Juniorformat der neunten Kunst ? Heute startet die gefürchtete Challenge 2023 mit der unerbittlichsten Prüferin von allen: Julia (11)


Illustration: Volker Schmitt/Màriam Ben-Arab - Kibitz Verlag

Sie erinnern sich? 2020 saß Julia mit fast neun Jahren gelangweilt im Corona-Lockdown - die ideale Zeit, um Comics zu testen. Heute ist Julia elf, nicht mehr in der Grundschule, sondern im Gymnasium. Comics liest sie immer noch, und es sind inzwischen auch ein paar Klassiker dazugekommen. Nach den Kindercomics hat sie im Rekordtempo alle Asterix-Bände weggelesen. Und ein paar Gaston-Alben, aber da hab ich nicht so viele. Was sie für die neue Runde 2023 zu einer deutlich erfahreneren Kritikerin macht...


Unter schwarzer Flagge: Zack!


Wir beginnen mit dem Band „Zack!“ von Volker Schmitt und Màriam Ben-Arab. Darin fährt die kleine Bonny mit ihrer Familie ans Meer. Dort folgt sie in der ersten Nacht einer einäugigen Katze, findet am Strand einen bewusstlosen Piraten, den sie mit einem Floß zu seinem Segelschiff zurückbringt, wo er die Kontrolle über seine meuternde Mannschaft zurückgewinnt. Dann kehrt sie zu ihrer Familie zurück.


Das ist schwungvoll gezeichnet, munter lesbar, aber mir geht alles eine Spur zu einfach. Bonny löst alle Probleme wie ein Ein-Mädchen-Tick-Trick-und-Track, es gibt keine richtigen Konflikte. Schmitt und Ben-Arab wollten eben ein Kind im (alten, nicht modernen!) Piratenumfeld, und so geschah es. Aber was mich stört, ist Julia egal. Zack wird in einem Rutsch durchgelesen. Ein bisschen irritiert Julia am Ende die Erzählzeit: Bonny war ganz schön lange weg. Als sie zurückkehrt, benehmen sich ihre Eltern, als wär’s nur über Nacht gewesen. Aber für einen Traum ist Bonny zu schmutzig, und sie schreibt Zack doch auch noch eine Flaschenpost, die der dann sogar liest, wie geht das zusammen?


Das Urteil bleibt zunächst aus, weil: Noch fehlt der Comic, mit dem Julia „Zack“ vergleichen könnte (siehe unten).


Die beste, weil lustigste Stelle: Das Boot mit dem ausgesetzten, bösen Piraten und seinem Papagei sinkt. Der Pirat jammert, dass er nicht schwimmen kann. Dem Papagei fällt ein: „Aber ich kann ja fliegen.“

Die niedlichste Stelle: Wie die einäugige Katze kotzt.



Boris, Babette und lauter Skelette


SPRACH- UND IDENTITÄTSPROBLEME Illustration: Tanja Esch - Kibitz Verlag

Dieses Haustier ist ein Traum: Babette, gelb, ein bisschen affen-und katzenhaft, schläft viel, kackt nicht, frisst wenig, kann sprechen – sowas hätte ich als Kind auch gern gehabt. Die Halterin muss aber zum Studienjahr nach England und schwatzt das Tier dem Nachbarsjungen Boris auf. Doch weil Babette die Gothic-Deathmetal-Deko der Vorbesitzerin gewöhnt ist, braucht sie jetzt auch bei Boris eine Schauder-Umgebung. Klar: Die Haustier-Problematik ist hier gar nicht so zentral. Es geht eher um Heimlichkeiten, ums Verstecken, das Reden mit den Eltern. Das allerdings in recht hübschen Varianten.


Julia liest auch „Babette“ gern durch. Aber die Bilder aus „Zack“ gefallen ihr besser. Was mich überrascht: Die Haustier-Problematik ist für sie eher zweitrangig, obwohl auch Julia gern einen Hund hätte. Entscheidend ist, ob die Geschichte lustig ist oder spannend, und ob sie und gute Wendungen hat. Dass Babette einen Sprachfehler hat und dem bösen Mitschüler Flo eine clevere Falle stellt ist also wichtiger als die Haustier-Lösung „Babette wohnt beim Opa und man kann sie immer besuchen“.


Die beste (weil lustigste) Stelle: Wie Boris mit seiner Mutter redet, die aber im Arbeitsstress ist und ihm lauter wirre Sachen sagt. Wie: „Vergiss nicht Abendbrot und komm zum Helmaufsetzen nach Hause!“

Die niedlichste Szene: Wie Babette aus Boris' Rucksack rausschaut.



Die erste Entscheidung


Nach Tag zwei stellt sich erstmals die Frage: Wenn Julia einen Comic an eine Freundin verschenken dürfte, welcher wäre es? Julia knobelt länger als erwartet und entscheidet dann:

  • 1. Zack

  • 2. Boris, Babette und lauter Skelette


P.S.

Ein kleiner Nachtrag: Tanja Eschs „Boris, Babette und lauter Skelette“ hat zur Frankfurter Buchmesse 2023 den Preis den Deutschen Jugendliteraturpreis abgeräumt. Kann man trotz dem Abschlussplatz 7 bei Julia absolut vertreten.


... wird natürlich fortgesetzt



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