Knallbunt, düster, kindlich naiv: Bea Lemas „Der Leib Christi“ verbreitet gottesfürchtigen Horror mit Stift, Nadel und Faden

Ui, das ist clever. Und kommt zugleich so altbacken daher, dass man’s fast übersieht: Das Cover von „Der Leib Christi“ ist leicht angeraut und sieht aus wie eine furchtbar betuliche Stickarbeit. Hellgrauer Basisstoff, dann die dünn verdrahteten Stickfäden, wie bei Omma auf der Anrichte. Aber genau das wird Autorin Bea Lema tun: Sie wird uns einen Comic sticken. Und zwar einen sagenhaft guten Comic, der viel aufregender aussieht, als das Cover ahnen lässt.
Tablette statt Hostie

Dass die optische Tantigkeit doppelbödig ist, merkt man am Titelbild: Eine Betende mit Heiligenschein, die aber keine Hostie in den Mund geschoben kriegt, sondern eine Tablette. Und genauso doppelbödig geht’s los: Mit der Rückseite der Coverstickerei: Die jetzt aussieht wie ein Horrorzerrbild. Was genau aufs Thema verweist: die religiöse Paranoia einer Mutter.
Bunter Suizidversuch
Deren Selbstmordversuch den Anfang macht: Bunte Felsen an der spanischen Küste, mit gesticktem Meer drumherum, und die ratlose Tochter schaut zu. Und dann der Doppelwechsel: zum nüchternen Arztbericht. Und zum Farbstift. Weil Lema auch sehenswert layoutet, arrangiert, zeichnet.

Ihre erste Kindheitserinnerung: Mama bringt Vera (4) zu einer Einöd-Hexe im Wald. Das ist a) gruslig und b) optisch eine Augenweide. Drollige Figuren, ganz viel Weiß mit herbstbunten Farbtupfern, und das Haus der Hexe zeigt Lema zweidimensional, das sieht fast mittelalterlich aus. Die aufgeräumte geflieste Küche, die Regale mit der Wurstwerbung. Die Hexe hat einen Lebensmittelladen, weshalb im Austreibungskeller unter den Heiligenbildern auch die Bierkästen stehen.
Hexerei neben Einmachgläsern
Die Teufelsaustreibung neben den Einmachgläsern macht nichts besser, was vor allem daran liegt: Tochter Vera hat keinen Dämon, sondern TBC. Aber die Gottesmacke ist da bereits in der Mutter und wächst sich aus zur veritablen Teufelsmeise. Mutter wird depressiv, mag nicht mehr aus dem Bett, man darf nicht mehr laut sprechen, weil der Teufel überall ist und alles hört.

Den und die Teufel zeigt Lema kindgerecht, in ungemein attraktiv angelegten Seiten, umrankt von bunten Ornamenten. Selten war Horror so heimelig. Was auch deshalb funktioniert, weil die Folgen für die Familie ständig präsent sind. Für Vera, aber auch ihren Bruder, den die Mutter ständig der Drogensucht verdächtigt. Den Ehemann und Vater, der doch ganz bestimmt fremdgeht! Doch tatsächlich kommt er immer später heim, weil er den Irrsinn zuhause nicht mehr erträgt.
Was ist das Elend ansehnlich!
Tatsächlich versucht die Familie, Mutti ärztlich behandeln zu lassen, aber hier zeigt sich auch der echte Teufelskreis: Misstrauen gegen die Ärzte, gegen die Medikamente, die dann entweder gar nicht genommen werden oder plötzlich wieder völlig überhöht. Das Erstaunliche bei diesem Depri-Elend ist, wie gern man es als Leser trotzdem ansieht.

Bea Lemas Geschichte hat nämlich nicht nur einen ganz eigenen Sog, sie hat auch immer wieder neue Gestaltungsideen, bei denen man ihr schon fast so gerne zusieht wie bei Brecht Evens. Zeichnerisch, wenn sie ihre buntreduzierten Figuren zum Ein-Personen-Ballett auftanzen lässt. Und immer wieder auch in ihren Stickereien, die sie mal farbig mit Stoffen ergänzt, mal schwarz-weiß fertigt.
Der Stoff, aus dem die Bilder sind
Manchmal sind sie sauber vernäht, manchmal aber lässt sie darin Fäden stehen, die alles miteinander verheddern. Der Stoff, aus dem die Bilder sind, kommt aus der eigenen Biografie: Denn Nähen, Sticken ist Teil der Familienhistorie. Mama Lema war von klein auf Schneiderin, mit diesen Kenntnissen wanderte sie in die Schweiz aus, um dort zu jobben und ihren alkoholkranken Vater loszuwerden (dessen Sucht sich alsbald auch bei ihr selbst wieder einfindet).

Man mag kaum glauben, wie hell, wie farbenfroh und vielfältig sich eine derart finstere Geschichte erzählen lässt. Wie gern man diesen Comic in der Hand hat. Und wie gern ich ihn Ihnen in die Hand drücken würde. Weil's nicht nur gut ist, sondern auch wieder mal was richtig Neues.
