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Comicverfuehrer

Die Outtakes (41): Mit 1 erfrierungsfreien Antarktis-Urlaub, 1 vorgetäuschten Schwangerschaft und 1 Abflug ohne Starterlaubnis

Illustration: Emmanuel Lepage - Splitter-Verlag
Illustration: Emmanuel Lepage - Splitter-Verlag

Oberflächennah tiefgeschürft


Mit Emmanuel Lepage ist es immer so eine Sache, und daran, dass „Mit dem Wind tanzen“ zu den Outtakes kommt, kann man ahnen, dass er wieder zuviel von dem gemacht hat, was nicht seine Stärke ist. Lepage, der einen Narren an der antarktischen Welt gefressen hat, ist grandios im Erfassen und Wiedergeben von Landschaften, von Meer und den zugehörigen Viechern. Diesmal begleitet er ein Kamerateam auf das von ihm geliebte, sehr spannend-abgeschiedene Kerguelen-Archipel. Und jedes Mal, wenn er Gegend, Mensch, Tier und Technik inszeniert, begeistert er zuverlässig. Felsen, Schiff und Vögel, Pinguinkolonien, Raketenreste an menschenleeren Felsstränden, da macht es dann auch nichts aus, wenn er anfängt, dazu eher oberflächennah tiefzuschürfen. Doch wenn er sich mit den Menschen befasst, lässt er sie labern und porträtiert sich wund. Klar: Dieser Südpol-Zirkel, den muss man schon pflegen, damit man nächstes Mal wieder dabei sein darf. Aber das so unterzubringen, dass auch der Leser was davon hat, dazu fehlen Lepage erzählerische und journalistische Mittel. Die Gegend und Stimmung bringt er einem jedoch nahe wie kein zweiter: Mindestens der halbe Band entführt grandios und erfrierungsfrei an die kälteste Region der Welt, und dafür sehe ich ihm vieles nach.


Die Leichenfleddererin

Illustration: Elizabeth Pich - Edition Moderne
Illustration: Elizabeth Pich - Edition Moderne

Fungirl ist zurück, sogar im Dickformat: „Fungirl Forever“ enthält 320 Seiten mit der wandelnden Katastrophenkreation von Elizabeth Pich. Doch obwohl launig tote Tiere und menschliche Leichen gefleddert werden, hebt der Band für mich nur in ein, zwei Momenten richtig ab: Etwa als wir Fungirls Drecks-Auto kennenlernen oder in der sehr schön schlecht vorgetäuschten Schwangerschaft. Was daran liegt, dass ich die Stärke von „Fungirl“ nie im Verursachen von Slapstick-Chaos sah, sondern im Alltag: Denn im Chaos sind alle gleich hilflos, aber im Alltag bringt Fungirls Perspektiv- und Rücksichtslosigkeit nur die normalen Menschen an ihre Grenzen – nämlich uns Leser. Ist aber, wie gesagt, nur meine Interpretation. Wer sich hingegen über die lustvoll-abgedrehten Tabubrüche freut, wird hier – gar keine Frage! – erstklassig beliefert. Übrigens: Der erste Band erscheint jetzt in der dritten Auflage: Das ist ja dann fast schon einer der deutschen „heimlichen Bestseller“! International hingegen kriegen Pich und „Fungirl“ bereits Ausstellungen.


Der die Fliege macht

Illustration: Madita Schwenke - Reprodukt
Illustration: Madita Schwenke - Reprodukt

Schnell, flott, aber auch ein bisschen dünn: Madita Schwenkes „Drifting“ hat alles, was man braucht ­– spart aber an einem entscheidenden Punkt. Die Studentin Annie zieht in eine Wohngemeinschaft: Blitzschnell skizziert Schwenke das WG-Gefühl, baut drei Charaktere mit ihren Eigenheiten auf, das konsumiert sich wunderbar weg. Dank leichter Manga-Optik, mit Blau aufgefrischter Schwarz-Weiß-Panels und des rätselhaften vierten Mitbewohners: Nie da, schneit nur immer kurz durchs Fenster – er kann nämlich fliegen. Da könnte man vieles machen, ich hab angesichts der Leichtigkeit auf was Gruseliges oder Verstörendes gehofft. Aber Schwenke nimmt das ständige (Weg-)Fliegen nur als Parabel für Konfliktunfähigkeit, für allerlei Ausweichstrategien. Wie man eben auch in Videowelten flieht, oder in Social Media, Drogen. Und dann…? Reden wir darüber, und alles ist halbwegs gelöst. Das geht zu einfach, ist zu durchschaubar und vor allem schade: Weil deutlich mehr drin gewesen wäre. Vielleicht ja beim nächsten Mal: Denn wiedersehen möchte ich Schwenkes leichten Stil auf jeden Fall.



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Die Outtakes (33): Mit 4 ganz legalen Flüchtlingen, 1 zu kurzen Erklärung und 1 Beatle, der starb, bevor alles richtig losging

Illustration: Arne Bellstorf - Reprodukt
Illustration: Arne Bellstorf - Reprodukt

Gestorbener Beatle


Eigentlich ein vielversprechender Ansatz: Arne Bellstorfs „Baby’s in Black“ erzählt die Hamburger Frühgeschichte der Beatles und will der chronologischen Abklapperei durch einen Kniff entgehen. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte zweier Nebenfiguren, des frühen Bassisten Stuart Sutcliffe und der Hamburger Fotografin Astrid Kirchherr, der die Beatles (und ihre Fans) nicht nur die ersten professionellen Bandfotos verdanken, sondern auch die Pilzkopf-Frisur. Erzählt wird alles geschmackssicher in existenzialistischem schwarz-weiß, was nebenbei auch illustriert, wie die Band damals ins graue Nachkriegs-Hamburg hineingeknallt sein muss. Die Rechnung ging wohl auch bereits einmal auf: Die Veröffentlichung als Taschenbuch deutet an, dass der Band bei Premiere 2010 ordentlich abschnitt. Dennoch überzeugt er nicht recht. Weil Bellstorf dem eigenen Konzept nicht traut. Statt die tragische Beziehung Kirchherr/Sutcliffe radikal verzaubert ins Zentrum zu stellen, nutzt er sie eher unentschlossen als roten Faden, um dann letztlich doch die ganzen Beatles-Fakten (Ausbeutung, Drogen etc.) abzuklappern. Was man als Nicht-Fan spürt und als Fan noch mehr.



Genehmigte Republikflucht

Illustration: Nils Knoblich - Edition Moderne
Illustration: Nils Knoblich - Edition Moderne

Ein ordentliches Stück Unerträglichkeit, das Nils Knoblich da 2017 auspackte: In „Fortmachen“ erzählt er, wie seine Familie die DDR hinter sich ließ. Das Besondere ist dabei, dass es keine abenteuerliche Fluchtgeschichte gibt: Man konnte die Ausreise beantragen und kriegte sie dann mit etwas Geschick und Geduld auch bewilligt. Wie einen der alles durchdringende Staat bis dahin piesackte, schurigelte, belehrte, bevormundete – und dann auch noch zurückbleibende Familienmitglieder ins Visier nahm, ist schöner Anschauungsunterricht für alle, die meinen, die DDR wäre letztlich irgendwie nichts anderes gewesen als die heutige Bürokratie. Diese Unerträglichkeit im Kleinen ist die eigentliche Neuentdeckung des Bandes und illustriert den Zusammenbruch des Ladens vielleicht besser als manche Klage über einen staatlichen Mauerknast. Allerdings wird sie recht formelhaft serviert, Prinzip: Zeichner zeichnet, wie er seine Eltern befragt – zweifellos sachdienlich, aber nicht sonderlich leseerfreulich.

 

Gestoppte Erklärung

Illustration: Robert Shore/Eva Rossetti - C. H. Beck
Illustration: Robert Shore/Eva Rossetti - C. H. Beck

Nach zwei Kapiteln war ich total angefixt: „Blow Up“ von Robert Shore und Eva Rossetti verspricht eine Geschichte der Modernen Kunst, und tatsächlich hatte ich nach zwei Kapiteln einige Zusammenhänge verstanden und wollte mehr. Warum ist Kunst irgendwann neu, warum wirkt sie zu einem bestimmten Zeitpunkt revolutionär? Aber Pustekuchen: Ab hier erschöpft sich das Duo im Namedropping, im Abhandeln von Ausstellungen, wer bei wem vorbeigeschaut hat, wer wen kennt. Grob gesagt hilft Krethi der Plethine, alle bestätigen sich gegenseitig ihre Wichtigkeit, und der Reiz des Anfangs, der doch im Erklären des jeweils noch nicht Dagewesenen lag, tritt erschütternd schnell in den Hintergrund. Und weil‘s dann auch noch eher lustlos inszeniert und hastig runtergezeichnet wirkt, fängt man an zu blättern, zu überspringen…

 



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Die Outtakes (32): Mit einem schaufelnden Superhelden, klatschnassen Regenwäldlern und einer nahöstlichen Momentaufnahme

Illustration: Meghan Fitzmartin/Karl Mostert - Panini Comics
Illustration: Meghan Fitzmartin/Karl Mostert - Panini Comics

Fledermaus im Untergrund


Wunder gibt es immer wieder, aber nicht dauernd: Die häufig großartige Mariko Tamaki hat sich 2021-2022 federführend meines alten Lieblings Batman angenommen, aber auch sie hat aus dem dunklen Ritter nichts Besonders und, leiderleider, noch viel weniger was Zeitgemäßes hervorgezaubert. Batman ist offenbar grad nicht mehr so reich (was okay ist), aber dass er sich selbst im Alleingang mit der Spitzhacke seine Bathöhlen in die Kanalisation maulwurft, ist schon mal herzlich blöd. Der Rest ist Business als usual, Batman befasst sich mit allem, was kein richtiges Problem ist. Denn, nur fürs Protokoll, 2021 haben wir gerade vier Jahre Trump hinter uns und eine reale Pandemie. Und Batman jagt Mutanten, den bemonokelten Pinguin und erzählerische Notlösungen wie Lady Clayface? Wen soll das interessieren?


Kinderlos im Regenwald

Illustration: Bastien Vivès - Schreiber & Leser
Illustration: Bastien Vivès - Schreiber & Leser

Einerseits mag ich Bastien Vivès’ Serie „Honeymoon“, weil sie so unbekümmert ist. Wegen des dezidiert dämlichen Kniffs, dem Helden-Ehepaar Sophie und Quentin zwei Kinder anzudichten, die a) nie auftauchen, weil sie b) praktischerweise bei der Oma sind oder sonstwo – denn sonst könnte man das Paar ja nicht wieder in ein haarsträubendes Abenteuer stürzen. Diesmal im Regenwald, mit geheimnisvollen Tempeln, Rebellen, Schlangen, was sich eben so seit 60 Jahren Kino/Comic in der Klischeekiste angesammelt hat (aber ehrlicherweise seit Indiana Jones eh nur noch persifliert verwendet wird). Allerdings rumpeln die Beiden schon ein wenig arg mechanisch von einer Gefahr in die nächste, und zwar so lange, bis das Album voll ist. Das könnte auch noch 20 Seiten so weitergehen oder zehn Seiten eher enden. Man gönnt Vivès den Spaß, den er erkennbar beim Draufloszeichnen hat. Und ich muss zugeben: Schon lang hab ich mich nicht mehr allein vom Lesen so triefend durchgeregnet gefühlt.



Einblicke ins Irrenhaus

Illustration: Barbara Yelin - avant-verlag
Illustration: Barbara Yelin - avant-verlag

Eine großartige Initiative, erfreulich unvoreingenommen umgesetzt: „Wie geht es dir“ begann im Netz als Comic-Interviewserie. Auf je einer Seite illustrieren namhafte Comic-Autoren ihre Gespräche mit Betroffenen nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023. Juden, Moslems, Palästinenser, Israelis in/aus Nahost und Deutschland. Auf beiden Seiten gibt es Verzweifelte, Leute ohne Dachschaden. Comictechnisch ist all das nach wie vor aktuell und bereichernd, von vielen Künstlern lernt man unbekanntere Seiten kennen. Und doch stellt sich mit jedem neuen Interview nach zwei Jahren die bittere Frage, ob inzwischen nicht schon wieder eine „Nachgehakt“-Ausgabe angebracht wäre. Die sich erkundigt, wie einverstanden die Befragten aller Seiten mit dem verheerenden Stand der Dinge sind (wovon die in Echtzeit arbeitenden Autoren nicht ausgehen konnten). Es hätte allerdings nicht geschadet, auch extremere Vertreter nach ihrer Motivation zu befragen. Schon um zu zeigen, mit welchen Hürden die Leute kämpfen, die bei Verstand geblieben sind. Warum bei den Outtakes? Weil das Projekt hier schonmal vorgestellt wurde, als es noch lediglich online stattfand.





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