- 2. Aug. 2025
Unverschämt trifft unbedarft: Was klingt wie ein Manga-Klischee wird in den Händen von Mariko Tamaki zum einfühlsamen Coming-of-age-Knüller

Ist das jetzt noch LGBTQIA-Zeug, frage ich mich. Und dass ich mich das frage, finde schon mal sehr gut. Ich bin erneut auf den Spuren des Vorwerks von Mariko Tamaki, diesmal lese ich „Laura Dean und wie sie immer wieder mit mir Schluss macht“, gerate aber anfangs ins Stolpern.
Kein Junge namens Freddy
Ein Junge namens Freddy schreibt aus dem Off an eine Ratgebertante, dass er in ein Mädchen namens Laura Dean verliebt ist, was offenbar sehr schwer ist. Laura Dean ist so eine junge Brünette, und Freddy ist so ein kurzhaariger Blonder, der sich ein bisschen arschmäßig benimmt, warum beklagt er sich denn dann? Und ziemlich schnell wird klar, dass ich da was nicht gecheckt habe: Freddy ist gar nicht der Junge, sondern die Brünette. Und der blonde Arschmäßige ist ebenfalls ein Mädchen, eben jene Laura Dean.

Mein erster Gedanke, logisch, ist: „Warum sagt einem das denn keiner?“ Einfache Antwort: Weil hier jemand einfach mal mit der Lesberei nicht hausieren geht. Wozu auch: Freddys beste Freundin Doodle ist selbst lesbisch, und Heteros reden ja auch nicht dauernd darüber, dass sie hetero sind: Sie wissen's ja.
Ein ziemlicher Arsch

Sofort begreift man hingegen auch dank des Titels, dass Laura Dean ein ziemlicher Arsch ist. Sie benutzt Freddy nach Strich und Faden, lässt sie bei Langeweile als Pausenkasper antanzen und und bei jeder besseren oder mittelmäßigen Gelegenheit sitzen. Und ansonsten sieht sie zu, dass sie dank ihres Schulstar-Faktors möglichst bessere Gesellschaft findet oder mehr Bewunderer um sich schart, oder, oder, oder.
Wo reicht's?
Elegant gewählt ist, dass diese toxische Liebe keiner 30-Jährigen zustößt, sondern einem Mädchen, bei dem noch einige Stofftiere im Zimmer herumkugeln. Dem diese ganze Erotik-Sex-Liebes-Sache neu ist und das richtige Verhalten komplett rätselhaft. Das erst lernen muss: Was muss man eigentlich hinnehmen? Und wo darf’s einem dann auch mal reichen?
Flirtkampf: David gegen Goliath
Vieles an dieser Coming-of-age-Novel ist nicht neu, aber trotzdem rührend und vor allem spannend. Denn Laura Dean ist zwar nicht viel älter, dennoch so haushoch überlegen, dass man sich einfach auf Freddys Seite schlagen muss. Erfreulich ist auch, wie wurscht das Lesbenthema ist, obwohl es doch ständig präsent bleibt.

Liebe ist Liebe ist Liebe, aus, fertig. Mit einer drolligen Ausnahme: Obwohl Freddy und ihre Freundinnen sich schon sehr progressiv fühlen, halten sie zugleich stur daran fest, dass je zwei Leute sehr exklusiv zusammengehören, nicht etwa drei oder acht. Was da wohl die Polyamourösen dazu sagen?
Mariko Tamaki (Text), Rosemary Valero-O’Connell (Zeichnungen), Annette von der Weppen (Üs.), Laura Dean, und wie sie immer wieder mit mir Schluss macht, Carlsen, vergriffen, aber gebraucht günstig verfügbar, etwa hier.
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- 14. Feb. 2018
Zum Valentinstag: US-Star Terry Moore setzt den RomantiComic „Strangers in Paradise“ fort. Sechs Bände gibt’s bislang – einer lustiger, trauriger, bittersüßer als der andere

Ich sitze im Regionalzug und heule Rotz und Wasser, und das nicht zum ersten Mal bei diesem Comic. Angefangen habe ich nur anstandshalber, weil man sich ja für alles interessieren sollte, auch für Sachen, die einem eher nicht liegen, wie eben Romantik-Schmonzetten. Also wirft man pflichtbewusst einen Blick in diese Serie da, „Strangers in Paradise“, wenn’s einem nicht gefällt, kann man sie ja wieder weglegen. Und dann stellt man fest: Das Zeug ist gut. Und nicht nur das: Es ist umwerfend – obwohl die Zutaten denkbar wenige sind.
Drei, um genau zu sein.
Da wäre: Eine üppige, hübsche Frau, die stets an sich zweifelt und eher konservative Träume hat – Francine. Da wäre: Eine kleine, zähe, gutaussehende Blondine, die zu 90 Prozent lesbisch ist – Katchoo. Und da wäre dann ein niedlicher, sehr verständnisvoller Junge – David. David liebt Katchoo, Katchoo liebt Francine, Francine will aber einen Kerl – so geht das Ganze los.
Fast immer sehr erotisch, selten wirklich nackt
Klar kommen noch diverse Irrungen und Wirrungen dazu, aber mit einem Grundgerüst aus drei Leuten kann man doch eigentlich nicht viel zaubern, oder? Kann man wohl - wenn Terry Moore der Magier mit diesen Zutaten ist. 14 Jahre lang hat der Texaner die Serie gezeichnet, stets schwarz-weiß, realistisch, das Vorbild sind klassische US-Zeitungsstrips, die – anders als die Vier-Panels-mit-Pointe-Peanuts – über Wochen und Monate eine fortlaufende Geschichte erzählen. Die Bilder sind dabei schon mal der erste Blickfang: Moore zeichnet seine Frauen ausgesprochen liebevoll und ansehnlich.
Fast immer sehr erotisch, aber selten nackt. Nachdenklich, wütend, listig, hinterlistig, verliebt, besoffen, verschämt, Moore zeichnet die ganze Gefühlspalette – und er weiß, wie man diese Gefühle inszeniert. Es gibt für jede Regung einen Grund, jede Aktion ist eigentlich eine Reaktion, und weil Frauen oft gesprächiger sind als Männer, gibt es auch jede Menge Dialoge, gute Dialoge, schnelle Dialoge, lange Dialoge, witzig, gemein, voller Hass, voller Kummer, voller Zärtlichkeit, oft wendungsreich, aber zuverlässig zuspitzend. Moore schreibt Dialoge so gut, wie er Frauen zeichnet. Und das ist nur der Anfang.
Slapstick, Sehnsucht, Sitcom - Moore kriegt jede Kurve
Was er immer wieder gerne dazwischen streut, sind Slapstickmomente, völlig überdrehte Situationskomik, und dabei entgleist ihm dann sein Zeichenstift gerne gleich mit. Dann rutschen die Gesichter in Richtung Karikatur, er überzeichnet Action, Bewegungen und Reaktionen cartoonartig, was eigentlich die Ernsthaftigkeit der Figuren dauerhaft beeinträchtigen müsste, und dann passiert das nächste Wunder: Wie Moore den Übergang aus der Comedy zurück in die Geschichte moderiert.
Da genügt oft ein Blick in die Augen seiner Protagonisten, und dann ist unfassbar schnell wieder Schluss mit lustig. In seiner später erschienenen Horror-Serie „Rachel Rising“ sieht man, wie grandios das in die Hose gehen kann, wie er ein ums andere Mal den Grusel mit Kaspereien ruiniert – in „Strangers in Paradise“ meistert er sämtliche Situationen so bravourös, dass man mit offenem Mund weiterblättert.
Natürlich gibt's ein dunkles Geheimnis
Es hilft natürlich, dass Moore rasch die Zutatenliste erweitert. Er erfindet das Genre auch keineswegs neu: Erst bekommt Katchoo ein dunkles Geheimnis, dann bekommt David eines, genau genommen sind das alles bekannte Klötzchen aus dem Skriptbaukasten. Aber parallel dazu erweitert er auch seine Erzählmethoden. Er wechselt ständig die Perspektive, erzählt in der ersten Person, beobachtet in der dritten Person, er schreibt ganze Seiten wie einen Roman mit Bildern, er streut Songtexte ein, er zeichnet Seitenweise Bilderfolgen ohne jede Sprechblase, lässt den Dialog senkrecht zwischen zwei extrem hohen Porträts ablaufen, er mischt Bild und Text grade wie er’s braucht und mit einer Sicherheit, der man sich als Leser gerne anvertraut.

Und wenn ihm all das nicht mehr reicht, dann macht er eine kleine Rückblende, fünf Jahre in die Vergangenheit. Oder er springt zehn Jahre in die Zukunft, und Francine, die sich doch soeben noch für Katchoo entscheiden wollte, hat plötzlich eine Tochter und keinen Mann mehr dazu und fragt sich, wie es je soweit hatte kommen können? Es ist schlichtweg nicht zu fassen, was Moore der Leserschaft zumutet und was der Leser (ja, explizit sogar auch der Leser) gerne mit sich machen lässt: Es gibt eine geheimnisvolle Verschwörerverbrecherbande, es tauchen Halbschwestern auf, brutale Morde, hartnäckige Polizisten, richtig heftige Gewalt, aber stets so geschickt eingesetzt, dass die Dreierlovestory immer die Hauptsache bleibt.
Und grade, wenn man sich fragt, ob dieser Terry Moore denn wirklich alles, alles, alles kann, dann betrachtet man seine oft verheerend falsch gezeichneten Autos. Möglicherweise macht er das aber extra, damit er nicht völlig unglaubwürdig wird.
Sechs Bände „Strangers in Paradise“ gibt es, für jeden von ihnen ist es empfehlenswert, ein Extrapäckchen Taschentücher bereitzuhalten. 2018, so hat Terry Moore versprochen, will er „Strangers in Paradise“ fortsetzen. Die Nachricht ist zum Heulen schön.
Einen frohen Valentinstag!
Dieser Text erschien erstmals bei SPIEGEL Online.
